Buzzword-Bingo 4.0 in Zeiten, die nach Paradigmenwechsel schreien.

Der Grund für diesen Artikel ist ein Buch aus der digitalen Ecke. Seit Wochen amüsiert, ärgert, nervt mich, dass es heute offensichtlich dazugehört, alles mit Anhängsel „4.0“ zu versehen. Der Gipfel dieser Entwicklung ist dieses Buch. Es heißt „Deutschland 4.0“. Die Byline: „Wie die Digitale Transformation gelingt“. Wenn Sie hier regelmäßig lesen, wissen Sie: Viel schlimmer geht es nimmer. Ein Artikel über Paradigmenwechsel vs. Symptombehandlung.

(Lesedauer: 6 Minuten)

Buzzword-Bingo: Niemand ist davor gefeit.

Bedenklich finde ich, dass auch gestandene und (auch von mir) respektierte Protagonisten der Digitalszene offenbar nicht vor Bullshit-Bingo gefeit sind. Oder aber: Vielleicht gab es vorher einen anderen, weniger „trashigen“ Buchtitel, der dann aber eines morgens im Springer-Office vom Verleger-Assistenten mit dem Satz „Das muss einfach sexier sein“ gekillt wurde. Gut möglich. „4.0“ sells schließlich heutzutage.

Wegweiser INDUSTRIE 4.0 MADE IN GERMANY

Mittelmäßiges aber korrektes, naja, Geschwurbel

Liest man das Buch, was ich mir heute Morgen angetan habe, merkt man, dass der Titel wohl doch nicht ganz so verkehrt ist. Es enthält denn auch viel Interessantes und Wissenswertes.Kkommt aber irgendwie nicht auf den Punkt. Es folgt dem typischen Muster „->Studie zitieren ->Micro-Erkenntnisse herausschälen -> Kommentieren ->Gut ist“. Ein bisschen so wie Mittagessen mit Leuten, bei welchen man nicht fühlen kann, wofür sie stehen und was sie treibt und man am Schluss mit dem unheimlichen Gedanken auseinandergeht: Ist da eventuell gar nicht mehr?

Alle paar Absätze wird im Buch ein sogenanntes „DIGITALPARADIGMA“ eingefügt. Das liest sich so:

Die Lehren aus der ersten Phase der Digitalisierung führen uns zum zweiten DIGITALPARADIGMA der Wirtschaft: Mit der Defensive wird das Spiel nicht gewonnen. Wir brauchen mehr wagemutige Unternehmer wie Oliver Samwer, die bereit sind, Risiken einzugehen und groß zu denken. Die Häme, mit der Fehlschläge hierzulande begleitet werden, ist das falsche Signal.

Das Problem mit diesen „Digitalparadigmen“ ist, dass sie nicht falsch, aber größtenteils nur Binsenwahrheiten sind. Und ob wir mehr Oliver Samwer brauchen, darüber kann man sich nun wirklich vortrefflich kopieren streiten. Wenn ich denn frei wählen dürfte, hätte ich lieber mehr risikofreudige, sozial eingestellte mittelständige Unternehmer, die mit neuer Technologie neue Produkte auf den Markt bringen.

Digitale Transformation 4.0

Dass ich das Konzept „4.0“ ordentlich daneben finde, und bis jetzt auch niemand argumentativ etwas entgegen zu stellen hatte, und dass ich den Begriff Digitale Transformation für die Wirtschaftsleute für überaus irreführend halte, ist hinlänglich bekannt. Also verschone ich Sie hier damit. Erwähnt sei es trotzdem. Sie können sich ja mal durchlesen.

4.0 Metapher

Diese ganze Versionsnummer-Metapher kommt ja ursprünglich aus der Software-Entwicklung. Es werden auf diese Art Versionen bezeichnet. Und da fängt der Irrweg an: Ein 1.0, 2.0, 3.0 und 4.0 impliziert, dass wir nur unseren „gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Code“ erweitern müssten, ein paar neue Funktionen hinzu, ein paar neue Icons und gut ist.

„Was wir brauchen, ist keine weitere Version, sondern ein Refactoring Deutschlands.“

Genau das aber wird uns nirgendwo hinführen. Unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Code, wenn Sie so wollen, hat einen erheblichen Anteil „Digitale Schuld“.

First–Principle des technologisch getriebenen Wandels

Das Aufkommen der Digitalen Technologie und den dazu komplementären Technologien ist ein fundamentaler Paradigmenwechsel. Um dem als Gesellschaft und Wirtschaft beizukommen, bedarf es auch eines fundamentalen Paradigmenwechsels. Wir müssen bitte nicht alles über Bord werfen. Aber wir müssen verstehen lernen, dass wir technologische Entwicklungen möglichst früh antizipieren sollten. Und, dass das gleichzeitig eine längerfristige Sache ist.

Denn entfalten sich die Entwicklungen erstmal in der Breite, ist es für einen Teil der Gesellschaft und der Wirtschaft zu spät, um mithalten zu können.

Kurzfristige Aktionen – langfristige Voraussicht

Ein zentrales Problem der Orientierung in diesem Prozess ist die Kombination von längerfristig angelegten Erkenntnissträngen, oder First-Principles wenn Sie so wollen, und kurzfristigen notwendigen Maßnahmen. Das Dilemma diesbezüglich ist, dass wir den technologischen Fortschritt falsch einschätzen: Wir überschätzen systematisch seine kurzfristigen Auswirkungen und unterschätzen seinen mittel/langfristigen Impact. Das ist das unterliegende Problem bei allen Fragestellungen im Themenkreis „Digitale Transformation“.

Das Herausfordernde daran: Man sollte weder das eine noch das andere tun. Ein Beispiel: Jeder einigermaßen wache Industrieführer weiß, dass Produktion von materiellen Gütern in den nächsten 50 Jahren komplett anders aussehen wird. Wenn ich in einer produzierenden Branche bin, was mache ich mit dieser Information? Kurzfristig? Was muss ich tun? Was ist clever? Was ist verantwortlich? Das ist echt schwierig. Und kann nirgends gelernt werden. Auch nicht in einem Ratgeber-Buch. Darum ist das „Nicht-viel-Tun“ diese weit verbreitete Disziplin der „Digitalen Symptombekämpfung“ eine so attraktive „Handlungsoption“.

Was wir wirklich brauchen!

Damit wir hier aber nicht in der ähnlich diffusen Sphäre, wie jene. die ich den Machern des Buches vorhalte, verbleiben: Hier ein paar konkrete Paradigmenwechsel, die für Deutschland, gilt stellvertretend für alle westlichen Länder, auf eine großartige Zukunft einzahlen.

Die Zeit der Verwaltung ist zu Ende: Rückkehr zum Unternehmergeist

Ein Großteil der Probleme, welche durch den Effekt der Digitalen Transformation auftauchen, liegen eigentlich in der verquerten Betrachtung der heutigen Wirtschaftsakteure. Mit der Ablösung der Gründerväter durch die Generation der Manager wurde die Idee der Verwaltung des Geschäfts aufgebaut. Ein Geschäft, so die Idee, könne man über Jahrzehnte betreiben.

Das hat die letzten 80 Jahre funktioniert, ist aber historisch gesehen außerordentlich. Diese Annahme ist besonders verheerend: Wir stehen nun hier mit einer versammelten Führungs-Mannschaft, die zwar alle KPIs und gelehrten Modell perfekt beherrscht, aber keinen wirklichen Plan hat, wie sie auf Veränderungen reagieren sollen. Und viel Schlimmer: Die die neuen Geschäftsmöglichkeiten gar nicht sieht. Sie hat viel mehr Angst davor, etwas zu verlieren, als dass sie Lust hätte, etwas zu gewinnen.

Was wir brauchen, sind echte Unternehmer. Solche, die groß denken, bereit sind Risiken einzugehen und neue Dinge anzupacken. Das ist schon fast ein Anti-Konzept zum heutigen Betriebswirtschafter. Bessere und neue Produkte und Dienstleistungen zu etablieren. Wir hatten diese um 1900 rum. Dieser Geist muss wiedererwachen.

Industrieller Paradigmenwechsel: Das Ende der produzierenden Industrienation

Die westlichen Industrienationen müssen sich von der Produktion verabschieden (20-30 Jahre Horizont). Ich weiß, jetzt kriegen Sie von links bis rechts Schnappatmung. Unvorstellbar, dass die Produktion von anspruchsvollen Gütern nicht mehr unsere Kernkompetenz sein sollte. Aber es wird so kommen. Denn Fertigungstechnologie für heute bekannte Güter wird derart effizient werden, dass nur noch ein Bruchteil der Leute dafür benötigt wird. Zudem wird die Produktion individualisiert und dezentralisiert. Die Produktionsinfrastruktur wie wir sie kennen, wird viel weniger wichtig.

Das wird also ein „Rat-Race“ auf der Spirale der Kostensenkungen. Nach unten wohlgemerkt. Etwas, dass sich ein Land auf die Fahne schreiben sollte? Wohl eher nicht. Mit dem Thema kann sollte man sich heute schon auseinandersetzen.

Förderung von Start-Ups

Ganz konkret vermisse ich in Deutschland und in der Schweiz die Förderung von Start-Ups. Wenn wir an Förderung denken, dann stellen wir uns heute so Hilfsprogramme, Unternehmerpreise und Standortförderung vor. Das sind alles wohl hehre Bemühungen. Allein, es ist viel zu wenig.

Alle Start-Ups gehören massiv gefördert, nicht nur Tech- und Softwarestartups. Ich verstehe bis heute nicht, warum man das in der Politik nicht erkennt. In der Schweiz wurden 2015 die Landwirtschaft durch 2.9 Mrd Franken an Direktzahlungen subventioniert. Das fast so viel Geld, wie der Bund für den Straßenunterhält ausgibt.

Für Start-Ups hingegen gibt es praktisch keine Subventionen. Wir geben also lieber massiv volkswirtschaftliche Ressourcen in unsere sterbende Vergangenheit als in unsere Zukunft. Das muss aufhören, hüben wie drüben.

Gemeinschaftliche Politik

Je besser es den Kindern geht, desto mehr Unsinn treiben sie. Das ist in der Politik nicht anders. Wir brauchen dringend Leute, welche wieder gesamtheitlich agieren. Wann hat sich der Gedanke durchgesetzt, dass man in einem Land durch ein Gegeneinander weiter kommt?

Wir müssen uns wieder darauf zurückbesinnen, dass wir nur gemeinsam stark sind. Dieses unsägliche Links-Rechts-Ding muss ein Ende haben. 80% aller Anstrengungen in der Politik gehen für dieses Hick-Hack drauf. Drüben wohl noch ein wenig mehr als hüben.

Wir müssen lernen, dass in einer Demokratie alle, wirklich alle, dazu gehören. Der Wutbürger, die Nationalisten, die Gutmenschen, die Ökos, die Lügenpresse, die Aluthüte, die Normalos, die Intellektuellen, die Rückständigen, die Ewig-morgigen. Einfach alle. Jeder hat dasselbe Recht und dieselben Pflichten. Wir müssen lernen, nach bald 100 Jahren Frieden in Kern-Europa mit Frieden umzugehen. In schlimmen Zeiten zusammenhalten ist einfach. Und wir müssen lernen, politische Contenance zu behalten. Das hat enorme Auswirkungen auf den Fortschritt und unsere (technologische) Zukunft, weil nur eine gemeinschaftliche Politik mit Augenmaß verhindert, dass die technologischen Paradigmenwechsel starke soziale Schmerzen verursachen.

Und ja, wir brauchen zu Guttenberg als Kanzler, schon nur weil er einer der wenigen ist, die in Berlin Instagram von Snapchat unterscheiden können. Ernsthaft: Wir brauchen Politiker mit digitalen Skills. Basics wohlgemerkt reichen erstmal völlig.

Put in the work!

Und last but not least: Wir müssen Arbeit wieder zu einer Tugend machen. Wir brauchen eine Re-Definition von Arbeit, im Sinne von etwas tun. Nicht von etwas tun müssen.

Wir leben in einer Welt, in der Menschen mehr Möglichkeiten denn je haben, zu entscheiden, mit was sie ihre Zeit verbringen möchten. Nein, nicht jeder, und nicht jeder immer und überall. Aber unter dem Strich. Immerhin.

Aber wir müssen uns kollektiv vom Sofa erheben. Und zurück ins Leben gehen. Neues gestalten, Dinge tun. Nicht nur wenn wir dafür finanziell entschädigt werden. Ohne Arbeit wird es nicht gehen. Alle großartigen Dinge, ob klein oder groß, entstehen, weil wir etwas tun. Nicht weil wir darauf warten.

Ihr könnt das besser

Sie werden sich fragen, warum denn der Artikel hier so angriffig ist. Der Grund ist simpel: Mich stört enorm, dass Thought-Leader wie Tobias Kollmann und Holger Schmidt es besser könnten. Konkreter werden könnten, ehrlicher. Wer, wenn nicht wir, die wir uns intensivst mit der Digitalisierung beschäftigen, soll den Wirtschaftsleuten echte, und eben auch unbequeme, Einsichten vermitteln?

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3 Kommentare zu Buzzword-Bingo 4.0 in Zeiten, die nach Paradigmenwechsel schreien.

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