Software der Zukunft ist kein Werkzeug für die Arbeit – sie ist die Arbeit selbst!

Vor ein paar Jahren hatte ich die Aufgabe, eine Evaluation verschiedener ERP-Systeme mit Fokus auf den Finanzbereich durchzuführen. Ich machte das nicht zum ersten Mal. Zügig hatte ich eine gute Requirements-Auflistung zusammengestellt, mich mit verschiedenen Leuten, die im Thema viel tiefer drin waren als ich, ausgetauscht, und Angebote, Informationen und Demos von Anbietern organisiert. Ich war guten Mutes, dass ich eine fundierte und gute Entscheidung würde fällen können.

Was kostet Software?

Schnell waren auch die Kosten der unterschiedlichen Anbieter zusammengetragen. Ich verbrachte ein wenig Zeit damit, verschiedene Prozesse in den jeweiligen Anwendungen durchzuspielen. Es verblüffte mich, wie unterschiedlich aufwendig es in verschiedenen Produkten war, ein und denselben Geschäftsprozess mit der bereitgestellten Funktionalität zu bedienen. Was bei der einen Applikation schnell erledigt war, benötigte in der anderen erheblich mehr Bedienungszeit. Das hat mich stutzig gemacht.

Am Ende des Tages interessiert mich als Unternehmer ja primär, was ein bestimmter Prozess in der Gesamtheit kostet. Wenn meine Mitarbeitenden viel Zeit mit der Bedienung von Software verbringen müssen, wird auch der Prozess viel teurer.

Also bin ich hingegangen und habe die verschiedenen Produkte gegen das Requirement «Zeitverbrauch in Schlüsselprozessen» «benchmarked» und dabei erstaunt feststellen müssen, dass sich das Bild der verschiedenen Anbieter komplett verändert hat. Der in Lizenz- und Maintenance-Kosten günstigste Anbieter lag plötzlich – nach Betrachtung der Gesamtkosten – recht abgeschlagen im hinteren Drittel.

Die Zeitunterschiede waren teilweise wirklich enorm. Da gab es Unterschiede von gut und gerne 800% – für ein und dieselbe Aufgabenstellung notabene.

Usability

Bedienerfreundlichkeit, die sich in einer signifikanten Reduktion der «Bedienungszeit» der Software niederschlägt, ist also eines der Killerkriterien schlechthin. Trotzdem wird es noch immer stiefmütterlich behandelt (eine kurze Recherche ergab, dass die wenigsten Leute bei der Evaluation die Bedienzeit miteinbeziehen). Faktisch ist die Zeit, die Mitarbeitende mit einer Software verbringen, in den meisten Fällen der größte Kostenanteil.

Dies hat bei mir die Erkenntnis reifen lassen, dass Usability am Ende des Tages in Kosten gemessen werden sollte. Die Formel dafür ist simpel:

Da werden nun einige Usability-Experten anmerken, dass das eine profane Reduktion des ganzen Usability-Themas auf die Kosten sei. Dass Usability so viel mehr sei. Das ist einerseits wohl wahr – auf der anderen Seite wird gerade den Kollegen im Usability-Bereich oft vorgeworfen, dass sie sich in einem eher undefinierten und schwer messbaren Bereich bewegen. Ich denke, wir haben mit dieser Definition von Usability eine handfeste und für Business-Software relevante Metrik geschaffen, mit der verschiedene Lösungen verglichen werden können.

Künstliche Intelligenz

Eine der zentralen Herausforderungen der Software-Produktgestaltung ist also die Reduktion der Bedien- resp. der Interaktionszeit. Das kann einerseits mit einer radikalen Fokussierung auf ein einzelnes Segment und/oder einen einzelnen Use-Case erreicht werden (Features wegschneiden). Zum anderen kann das durch die Reduktion der Interaktionskomplexität des Menschen mit der Software mittels künstlicher Intelligenz erfolgen. Meine simple Überlegung dazu war damals, dass man ja einfach das System lernen lassen kann, wie es von den Menschen bedient wird, damit es die Bedienung über die Zeit selbst übernehmen kann.

Seit dieser Erkenntnis lässt mich dieses Narrativ nicht mehr los. Denn wenn ein System sich über Zeit selbst bedienen kann, heisst das auch, dass es die eigentliche Arbeit des Menschen auch gerade selbst übernehmen kann.

Und es heisst auch, dass wir einen für Menschen intuitiven und natürlichen Konversionspfad von Software – so wie wir ihn heute kennen – in eine autonom agierende, intelligente Software umbauen können. Meine beiden Start-Ups Parashift und Accounto sind unter anderem ein Produkt dieser Überlegung und Überzeugung.

KI: gehyped und unterschätzt gleichermassen

Künstliche Intelligenz wird heute gehyped. Gerade von sogenannten Tech-Influencern werden über die sozialen Medien in hoher Kadenz richtiggehende Urban Legends verbreitet. Oft erinnern sie mich an Skateboard-Videos, in denen ein wagemutiger Fahrer ein super kompliziertes Kunststück über eine riesige Treppe macht. Was man dabei nicht sieht ist, dass es sprichwörtlich 250 Versuche gebraucht hat, um diesen einen Trick einmal hinzubekommen. Bei den Robotern, die Pakete umherhieven oder durch unwegsames Gelände joggen, ist es dasselbe. Was wir nicht sehen, sind die tausenden von Fehlschlägen.

Was aber unterschätzt wird, ist der Paradigmenwechsel, den künstliche Intelligenz in der Softwareindustrie herbeiführen wird. Erstaunlich finde ich, dass gerade die Softwareindustrie, die ja in ganz weiten Teilen noch immer komplett auf Handarbeit vertraut, sich solchen bevorstehenden Veränderungen in nur geringstem Masse bewusst ist.

Vom Werkzeug zum digitalen Leistungserbringer

Am Ende wandelt sich Software durch diese Veränderung vom Werkzeug, das es heute ist, um Arbeit zu erleichtern, zu einem Leistungserbringer, der Arbeit autonom erledigen kann. Sie können das jetzt Roboter nennen oder was auch immer Ihnen beliebt. Ich glaube, und daran arbeiten wir in unseren Teams, dass über kurz oder lang Software fast unbemerkt zum Leistungserbringer wird.

Die Economics über die tieferen Personalkosten in der Bedienung bereiten den Weg. Am Ende, wenn Sie so wollen, schafft künstliche Intelligenz eine Usability, die schlicht unschlagbar ist, bevor es gar keine Interaktion mit autonomer Software mehr braucht.

Dieser Artikel erschien ursprüngliche auf dem Blog von PEAX

 

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