Der Milliarden Dollar Bluff: Warum der KI-Hype sterben muss, damit die echte KI-Revolution beginnen kann.
Es gäbe wohl keinen besseren Moment wieder mit dem Schreiben von Blogpost über Technologie, Strategie und Gesellschaft anzufangen als jetzt. Die technologische Welt steht am Wendepunkt, was jetzt kommt wird entweder ernsthaft «semi-lustig» oder für die Weltwirtschaft eine Vollkatastrophe. Der Grund ist simpel: KI ist bei weitem nicht das, für was es in den letzten 24 Monaten gehalten wurde.
Um es gleich vorwegzuschicken – für jene welche mich noch nicht kennen – ich bin durch und durch pro Technologie. Ich habe mein berufliches Leben die letzten 10 Jahre vor allem mit KI verbracht, also schon viel länger als KI landläufig als «cool» und als die «nächste große Sache der Menschheit» galt.
Das qualifiziert mich zwar nicht es per se besser zu wissen, was ich aber in dieser Zeit gelernt habe ist das hier: Eine Technologie zu bauen, die theoretisch viel kann ist das eine, in der breiten Masse diese Technologie in die Adaption und Anwendung zu bringen ist etwas ganz anderes.
Nein. Doch. Oh
Wenn neuartige Technologien plötzlich von einer breiten Schicht wahrgenommen werden, passiert immer dasselbe:
- Zuerst wird die Technologie kurzfristig grandios überschätzt,
- dann sind alle maßlos enttäuscht
- nur um sie in der Folge in selbem Masse zu unterschätzen
- und später dann total überrascht zu sein, dass sie eben doch alles verändert
Beim aktuellen KI-Hype ist es nicht anders. Der Funke der alles entzündete war die Kombination von Sprachmodellen mit dem Chatfenster. Zwar waren Sprachmodelle bei weitem nichts neues aber die Kombination, diese Interaktion mit Computer war etwas Bahnbrechendes.
Das erste Mal konnte sich die breite Masse mit Computern einfach austauschen. Man konnte – sozusagen wie im Raumschiff Enterprise – eine Frage stellen und bekam tatsächlich auch Antwort. Diese Antwort war und ist zwar oft inhaltlich nicht zwingend korrekt und/oder präzise, aber es tönte so gut und rund, dass es selbst kognitiv gehärtete Zeitgenossen für «total großartig» hielten. Die Experience war bahnbrechend, der Inhalt „subpar“.
Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich sahen und sehen wir einen Sprung in den Fähigkeiten von KI-Modellen, aber so überraschend war das nicht.
Autonomie vs. Automatisierung
Was neu war, war die Aufmerksamkeit, die es produzierte. Meine Mutter kam plötzlich ums Eck und erzählte von der neuen KI. Für Menschen, die mit diesen Technologien zu tun hatten, entstand ein Gefühl von «nun ist alles möglich, nun ändert sich alles». Das war – und ist bis dato – das allgemeine Narrativ.
Und die KI-Anbieter haben dieses Narrativ dankbar aufgenommen und es mit wirtschaftlichen Fantasien unterlegt. Allen voran jene Fantasie, dass man damit menschliche Arbeit vollständig ersetzen könne. Ich gehe in dem Punkt mit (und schon sehr lange), ja es wird früher oder später so weit kommen, dass man das, was wir im Jahr 2026 als Arbeit definieren wird komplett von autonomen Softwaresystemen erledigen lassen können.
Aber nicht morgen und schon gar nicht heute. Das wissen alle, die sich professionell mit dieser Technologie beschäftigen. Die Hürden und Herausforderungen sind mannigfaltig, ich denke ich werde in zukünftigen Artikeln darauf detailliert eingehen.
Was versprochen wurde ist Autonomie was wir bekommen haben und weiter bekommen werden ist eine viel radikalere Automatisierung. Autonomie und Automatisierung sind grundverschieden, sowohl im Bereitstellen als auch in den Vorteilen der Nutznießung. Autonomie ändert die komplette Gleichung, Automatisierung optimiert die bestehende.
Die Anbieter von KI und die Gruppe der «Schaufelverkäufer», welche von diesem Hype profitieren, wurden lange nicht müde zu betonen, dass KI weiß ich nicht wie viele Jobs kosten werde. Das hat Geldgeber angezogen wie Kuhfladen die Fliegen. Das ganze Versprechen wurde aufgeladen, als gäbe es kein Morgen. Viele Leute mit wenig Ahnung von technologischer Adaption und viel Geld rannten blind los. Mittlerweile schätzt man, dass die Hälfte des US-Wirtschaftswachstums 2025 direkt oder indirekt auf KI beruht.
Papiertigerwerte
Dabei handelt es sich groß mehrheitlich nicht um echte Cashflows und schon gar nicht um echte Wertschöpfung, sondern um Bewertungssteigerungen und „Allocation-Commits“ für Chips und Datacenters. Um das Ganze noch viel übler zu machen haben alle großen IT-Player in ihre Kunden investiert.
Wie das funktioniert, ist simpel: Cloud oder Hardwareanbieter investieren in die KI-Firmen, welche dann in großem Masse Bestellungen an diese Investoren absetzen. Davon haben so lange alle etwas davon – weil die Bewertungen steigen und die Quartalsabschlüsse super aussehen, wenn die Auftragsbücher voll sind. Das geht so lange gut, bis niemand mehr dran glaubt, weil die notwendige, rauschende reale Nachfrage ausbleibt.
Where is the beef?
Zu sagen, dass es keine Nachfrage nach KI geben würde, ist natürlich grundfalsch. Die gibt es und sie ist hoch. Aber sie ist in keiner Weise so hoch wie die geschaffenen und eingepreisten Erwartungen, welche sich in den Bewertungen der KI-Anbieter widerspiegeln.
Sobald, die Investoren in der Breite realisieren – und das beginnt gerade – dass die investierten Mittel (bei astronomischen Bewertungen) niemals den Return bringen werden, erodiert das Vertrauen. Und so blind wie viele im «FOMO-Rausch» eingestiegen sind, versuchen sie sich dann in sozusagen «instantaner Schadensbegrenzung». Das Perfekt Rezept für Drama.
Zusätzliche Gewitterwolken ziehen auf, weil der IPO von SpaceX, Anthropic und OpenAI gleichzeitig im Gespräch ist. Geschätzt 150-200Mrd USD an Liquidität müssten da reinfliessen, damit es für die Unternehmen ein Erfolg würde. Liquidität, die natürlich nicht unter dem Kopfkissen der Fonds rumliegt, sondern aus anderen Assets abgezogen werden muss. Ob das in dem notwendigen Masse passieren wird, ist äußerst fraglich. Da wird sich jeder nochmals gut überlegen, wie nachhaltig so ein Investment sein kann.
Unit Economics, who cares
Es gibt noch ein anderes, doch recht unerkanntes Problem. Die Nachfrage bildet sich aktuell nicht zu den reellen wirtschaftlichen Gegebenheiten ab. Es wäre spannend zu sehen, wie viele Unternehmen KI in dem Masse nutzen würden, wenn schon nur die tatsächlichen Vollkosten in die Preise gebunden wären. Das ist eine Fahrt in der Nacht ohne die Lichter an in der Hoffnung es wird bald Tag.
Grande Finale?
Ich denke was jetzt kommt ist nicht das Finale, nein es ist der Beginn. Zuerst muss, sozusagen, Rom abbrennen, damit es richtig aufsteigen kann. Oft beginnt erst in zweiter Linie die reale Adaption, beginnen die Unternehmen im großen Stil von der Technologie zu profitieren. Das dies mit der aktuellen Architektur (meine ich auch bewusst technisch) und vor allem mit den aktuellen Unit Economics nicht funktionieren kann ist bereits heute sonnenklar.
Die Veränderungen sind in vollem Gange und sie werden kommen. Und wir werden ein Jahrzehnt von realer KI sehen. Reale Effizienzsteigerungen durchs Band, reale Cashflows, reale Gewinne. Reale gesellschaftliche Veränderungen. Nüchtern.
The writings on the wall
Achten Sie sich auf die Statements, welche die diversen Protagonisten nun verkünden werden, sie werden sich fundamental ändern. Und das Narrativ wird sich schnell ändern, Kritiker werden prominenter. Zusätzlich, kommt gerade eine neue «Maschinenstürmerei» hoch, was sicher auch wird politisch genutzt werden. Es ist also angerichtet!
Fürs Erste können Sie sich zurücklehnen, gerade wenn Sie nicht stark in den KI-Hype investiert sind, und das Schauspiel «erleben». Unterhaltung garantiert! Wie sagte Elon Musk «The most entertaining outcome is the most likely» Gut möglich, dass er auch hier wird recht behalten.
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