Warum die produzierende Industrie wohl umdenken wird.

Der Artikel über den notwendigen Paradigmenwechsel hatte so einiges an Echo ausgelöst und ich hatte daher in den letzten Tagen verschiedene Gespräche über die zukünftige Produktion von Industriegütern. Während offensichtliche Paradigmenwechsel wie das 3D-Drucken absehbar werden, bleiben andere eher verborgen. Ein paar Gedanken zu einer Zeit in der die Produktion von auch komplexen Gütern Commodity wird.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Digitalisierte Produktion

Es wird im Moment viel geschrieben zum Thema, das momentan unter dem Begriff Industrie 4.0 läuft. Internet of Things soll eine Rolle spielen. Roboter auch. Der Mensch soll immer weniger Arbeit haben. Das sind Szenarien, die für ein Land wie Deutschland gleichermaßen bedrohlich wie verlockend sind. Bedrohlich weil im Moment noch niemand so klar sehen kann, was die tausenden von Arbeitern dereinst wohl machen sollen. Verlockend weil man als Industrienation eine vermeintlich perfekte, sicher aber gute, Ausgangslage hat. Im Moment überwiegt die Angst. Verständlicherweise wie ich meine.

Machine

Intelligente Systeme für die Super-Automation

Ich denke, es ist absehbar, dass wir in Zukunft eine super-automatisierte Produktion (Achtung Buzzword-Bingo Alert) haben werden.

Während wir in vielen Bereichen noch immer die Vollautomatisierung, also ein Produktionsprozess der ohne menschliche Arbeit oder Intervention auskommt anstreben, denke ich, dass der nächste Schritt die Superautomatisierung ist. Superautomatisierung ist Vollautomatisierung in einer Geschwindigkeit, in welcher menschliche Interventionen den Prozess nur verlangsamen würden.

Das Konzept ist bei weitem nicht neu und es gibt in verschiedenen (simplen) Bereichen schon superautomatisierte Produktionen. Das „neue“ daran ist, dass wir das in Zukunft bei komplexen Produkten sehen werden. Bei Autos zum Beispiel.

So können Produktionsgeschwindigkeiten erreicht werden, die heute unvorstellbar sind. Und damit fallen die Produktionskosten gewaltig.

Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz spielt in dieser Entwicklung eine erhebliche Rolle. Heutige Roboter sind in der Produktion nämlich vergleichsweise starr. In der Mehrheit sind sie nicht in der Lage, selbst auf kleine Abweichungen zu reagieren. Sobald sie mit entsprechender künstlicher Intelligenz ausgestattet sind, werden sie erheblich flexibler und können für komplexe Aufgaben eingesetzt werden.

Paradigmenwechsel: Eine ganzheitlich konzipierte, softwarebasierte Fabrik

Der wirkliche Wendepunkt der produzierenden Branche liegt jedoch im Paradigmenwechsel weg vom eigentlichen Produzieren hin zum Bau, Unterhalt und permanenten Weiterentwickeln einer ganzheitlichen, softwarebasierten Produktionsmaschine. Das ist eine neue und ungewohnte Betrachtung der Produktion.

So glaube ich, dass Produktionsleute sich in Zukunft darauf konzentrieren sollten, eine ganzheitliche Maschine zu bauen, welche superautomatisiert komplexe Produkte herstellen kann.

Diese Maschine ist im Grunde genommen die gesamte Fabrik – nicht einzelne Roboter oder eine Produktionsstrasse. Eine ganze Fabrik, welche unter einem ganzheitlichen Konzept und komplett softwaregesteuert funktioniert und entsprechend dazulernt. In diesem Zusammenhang ist IoT nur eine (notwendige) Grundtechnologie.

Das Konzept, dieser Paradigmenwechsel, habe ich beileibe nicht erfunden. Es gibt schon einige Engineering-Protagonisten, die in diese Richtung gehen. Einer der in den letzten Monaten die Diskussion darüber, wohl eher aus einer gewissen Not, aufgenommen hat, ist Tesla’s CEO Elon Musk. Er sagt:

“We realized that the true problem, the true difficulty, and where the greatest potential is – is building the machine that makes the machine. In other words, it’s building the factory. I’m really thinking of the factory like a product.”

Natürlich muss sich Musk Gedanken darüber machen (und dazu äußern). Hat er doch der halben Welt versprochen, das Model 3 in kürzester Zeit auszuliefern. Ein Unterfangen, das nach konventionellem Vorgehen nicht möglich scheint. Und die Vorstände der Produktion deutscher Autohersteller werden sich ins Fäustchen gelacht haben, als Musk die geplanten Lieferdaten sogar noch verkürzte. So doof kann niemand sein. Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Konzept der „Machine-makes-the-Maschines“ aufgehen wird.

Umbruch für eine Armada von Sub-Industrien

Die Investitionen in solche neuen Produktionskonzepte sind gewaltig und risikobehaftet. So etwas macht man im großen Stil nur, weil man muss. Tesla, wohl bekannt, muss, wenn sie das nächste Jahrzehnt erleben wollen.

Durch die Integration der Produktionsprozesse ergeben sich auch große Veränderungen für die sowieso schon gebeutelten Zulieferbetriebe. Denn ein Just-in-Time Produktionskonzept mit vielen teilweise räumlich entfernten Zulieferern machte die letzten Jahre nur wirtschaftlich Sinn. Physikalisch aber ist die dezentralisierte Produktion in der Regel aufwändiger. Wenn nun supergünstig und integriert produziert werden kann, macht es schnell auch keinen Sinn mehr, Teile von extern zu beziehen.

Dies ergibt eine produktionsseitige Vertikalintegration, welche dem Hersteller enorme Vorteile bietet. Sie reduziert die Abhängigkeiten, sichert die Charakteristik-Hoheit der Produkte und ermöglicht es die Geschwindigkeit, denken Sie in Zeitspanne Rohmaterial bis Endprodukt, fundamental zu steigern.

Erschwerend kommt dazu, dass Investitionen in solch ganzheitliche Produktionsmaschinen für die oft mittelständischen Zulieferbetriebe nur schwer gestemmt werden können. Auf der anderen Seite kommt eine solche Veränderung auch nicht über Nacht. Wir haben Zeit.

Soviel Zeit bis ein Hersteller mit seinem neuen Produktionskonzept durchmarschieren kann. Ich erwarte das in den nächsten 10 Jahren. Tesla könnte dieser Hersteller sein, ich denke aber, es ist eher unwahrscheinlich, dass wir das schon bald sehen werden. Wahrscheinlicher ist bei Teslas Model 3 ein Mix aus extrem effizienter Produktion mit kürzesten Durchlaufzeiten – gepaart mit ordentlichen Lieferverzögerungen.

Was machen all die Leute dann?

Regelmäßig werde ich bei solchen Artikeln überhäuft mit Fragen wie was denn all die Arbeiter machen werden. Wie denn das sozial ausgehen werde. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung.

Und das mit gutem Grund: Niemand kann heute verlässlich abschätzen, welche komplexeren neuen Produkte wir in Zukunft haben werden. Und welche Jobs diese fordern werden.

Ich gehe jedoch davon aus, dass wir wieder Produkte haben werden, die so komplex sein werden, dass es wirtschaftlich keinen Sinn macht, diese superautomatisiert zu produzieren. Zum einen weil wir wieder mit der Technologie noch nicht soweit sein werden, wie heute bei den Autos, oder zum anderen weil die kleineren Stückzahlen die Investition in eine Superautomatisierung nicht zulassen.

Das Schwierige an diesem Gedankenexperiment ist, dass wir uns zukünftige Jobs nicht vorstellen können, weil es die Produkte, für welche sie benötigt werden, noch nicht gibt. Oder hätten Sie 1996 gedacht, dass es 2016 in Deutschland hunderte User Experience Designer geben wird?

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