Zwangsdigitalisierung: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Als Kind war ich lebhaft und bewegungsfreudig und unbeirrbar darin, die Gesetze der Physik mit meinem Körper auszuloten. Ich glaubte niemandem, was möglich oder eben nicht möglich war. Irgendwann gab meine Mutter ihre mahnenden Worte auf und kommentierte jeweils trocken: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Und, was habe ich gefühlt. Die Schrammen und Schürfungen sind selbst heute, Jahrzehnte später, in recht präsenter Erinnerung. Und ich habe, zwar auf die Harte Tour, aber ich habe daraus gelernt.

(Lesedauer 5 Minuten)

Zwangsdigitalisierung

Als ich am Dienstag mit einem alten Veteranen der Digitalisierung im Call war, staunten wir gemeinsam nicht schlecht, wie nun überall eine nie dagewesene Einsicht zu Notwendigkeit der Digitalisierung vorhanden ist. Nie im Leben hätten wir uns gedacht, dass es ein Virus sein wird, dass der flächendeckenden Digitalisierung indirekt zum endgültigen Durchbruch verhelfen würde. Und die Anzeichen, dass das tatsächlich geschieht, sind gerade überall ersichtlich.

Survival of the fittest

Dass grundsätzlich immer die Stärksten überleben, ist ein Gesetz, dass wir als Menschen zwar immer versuchen auszuhebeln, aber logischerweise nicht gelingen wird. Ich denke es ist unsere humane Pflicht uns um die schwächsten zu kümmern – ich denke aber auch, dass es naiv ist zu denken, wir könnten diesen Effekt aushebeln. Man darf nicht vergessen, dass der immense Erfolg unserer Spezies, wie bei allen anderen Lebewesen, auch zu einem wesentlichen Teil auf dieser natürlichen Auslese basiert.

In der derzeitigen Krise bekommen wir es auf die größtmöglich brutale Art und Weise präsentiert: Das Virus trifft die Schwächsten am härtesten. Bei den Menschen sind die jene die krank und/oder schon im fortgeschrittenen Alter sind.

The fittest = digitalisiert

Bei den Unternehmen, so sollte man meinen, wären das jene die betriebswirtschaftlich schlecht dastehen. Und ja, es ist immer ungut, wirtschaftlich in einer schlechten Verfassung zu sein, wenig Cash vorzuhalten, wenig Marge zu haben etc. Betriebswirtschaftliche Fitness ist aktuell nicht DER unterscheidende Faktor, sondern vielmehr ganz generell die Basis, von der jedes Unternehmen agieren sollte.

In dieser Krise bedeutet fit sein jedoch primär digitalisiert sein. Digitale Prozesse implementiert zu haben und sein Geschäft auch digital betreiben zu können. Es rächt sich nun, gerade eben auch für die vielen kleineren Geschäfte, dass man Digitale- und Distanzabsatzkanäle ignoriert, ja zum Teil verteufelt hat. Wer da im Moment nur schon minimal aufgestellt ist, kann immerhin ein Stück weit weiterfunktionieren.

In zweiter Linie bedeutet in dieser Krise fit sein, möglichst agil zu sein. Schnell sein zu können bezahlt sich gerade maximal aus. Ich habe meine helle Freude ab der vielen kleinen Geschäfte in meiner Wohnregion die plötzlich nach Hause liefern, neue Bestellmöglichkeiten auftun. Das ist wirklich grossartig und verdient grosses Lob. Einziger Wermutstropfen; nicht selten geschieht das im Angesicht einer existentiellen Notlage.

Oft gehört – nie gefühlt

Ich habe einen guten Teil meines Lebens damit verbracht, Unternehmenslenker davon zu überzeugen, in Digitalisierung zu investieren. Das war in den Anfangsjahren ziemlich deprimierend, weil, nun ja, niemand hören wollte. Irgendwann dachte ich mir – ganz ähnlich wie meine Mutter – wer nicht hören will, muss fühlen. Und viele dieser Unternehmen, gerade im Retail haben in den vergangenen Jahren ihre bitteren Erfahrungen machen müssen.

Wer nun denkt, dass ich und andere die sich für die Digitalisierung einsetzten, die aktuelle Entwicklung mit einer Art Genugtuung verfolgen würden, irrt sich komplett. Ich leide mit den Leuten, denn die Schäden, die dieser Lockdown an der Gesellschaft verursacht, sind immens. Ich glaube wir verstehen noch gar nicht, welche Last wir da schultern.

Und ganz ehrlich, von harten wirtschaftlichen Bedingungen haben wir in der Digitalbranche eh keine Ahnung. Milch und Honig fließt hier seit eh und je. Ein Ende? Nicht in Sicht. Dazu später mehr.

Wissenschaft und Gesundheitswesen

Was diese Krise auch eindrücklich aufzeigt ist, wie veraltet und aus der Zeit unser wissenschaftliches System von Studien und Publikationen ist. Wenn Christian Drosten in seinem Podcast von Studienentwürfen auf Pre-Press-Servern spricht die er auch ein wenig mit einbezieht, die aber wissenschaftlich wenig bis keine Akzeptanz fänden, weil ja alle Review/Publikations-Prozesse Wochen dauern, dann zeigt das eindrücklich, wie krass wir Opfer eines Systems sind, dass aus einer alten Zeit kommt.

Wer in den vergangenen Wochen neuste Studien und Informationen zusammenzog und versucht hat, mit der Pace der Entwicklung mitzuhalten, dem scheinen einige Entscheidungen in der Schweiz und Deutschland eher von der irrationalen Sorte. Man sollte sich aber hüten, irgendjemandem Vorwürfen zu machen, denn die politischen Vertreter stützen sich auf die Wissenschaftler und jene stützen sich auf ihr vermeintlich bewährtes System.

Das führt dazu, dass alle ihr Bestes geben, aber am Ende unter dem Strich wohl eben nicht das Beste für die Gesellschaft herauskommt, weil das wissenschaftliche System das Tempo nicht mithalten kann. Das muss uns in der Wissenschaft eine Lehre sein. Auch hier benötigen wir viel mehr Digitalisierung und einen Willen und Konsens zu mehr Agilität. Die Taktzahl muss, auch um der Kostensenkung willen, fundamental erhöht werden.

Chance für die Digitalwirtschaft

Ich habe die letzten beiden Wochen relativ viel Zeit mit Lageeinschätzungen für unsere Unternehmen verbracht und wurde oft gefragt, wie das für uns in den digitalen Firmen ist. Ich war jeweils ein wenig verlegen zu erklären, dass sich bei uns eigentlich nicht viel ändert. Ja, der Home-Office-Anteil ist nun 100%. Während draußen der Sturm tobt, geht vieles im Grossen und Ganzen weiter wie bisher. Kurzfristig stellen wir uns auf gewissen Einbußen ein.

Mittel- und langfristig, denke ich, wird diese Krise der Digitalisierung einen enormen Schub geben. Die Digitalwirtschaft wird, wie bereits nach der Finanzkrise 2009, gehörig davon profitieren.

Schrammen und Schürfungen

Bleibt zu hoffen, dass der Gesellschaft eine langandauernde Erinnerung an die jetzt zugefügten Schrammen und Schürfungen erspart bleibt: Dass wir das später als Chance verstehen, die Dinge zu verbessern und trotz allem einen positiven Bezug dazu entwickeln können. Es sei uns gegönnt, denn hingefallen sind wir hier unverschuldet.

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