Das ERP braucht einen Fix. Es ist kaputt.

Ich bin mir ganz sicher, Sie kennen das: Ihr CEO will, dass jetzt endlich Kundenprozess XY digitalisiert wird, eine Agentur wurde eingeflogen und hat eine großartige App konzipiert und alle sind guten Mutes, dass man schnell und agil vorwärts gehen kann. Bis jemand die Frage stellt, wie man denn gedenke, den Prozess im ERP weiter zu gestalten. Plötzlich werden die Dinge unglaublich kompliziert. Was toll und mit Schwung begonnen hat, ist bald ein weiteres farbloses Projekt, das ewig zu gehen scheint. Gute Ideen sterben heute in großen Unternehmen – nicht immer aber erstaunlich oft – den „ERP-Tod“. Eine Aufarbeitung warum ERP neu gedacht und gebaut werden muss und warum das für uns alle wichtig ist.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Tod durch ERP

Diesen Effekt habe ich in den letzten 10 Jahren sicher an die 40-mal erlebt. Was groß gedacht und eigentlich recht simpel umsetzbar wäre, wird durch ein monolithisches unternehmenskritisches System unbeabsichtigt behindert, verlangsamt oder ganz verhindert. Und hinterlässt frustrierte Mitarbeiter, Mitarbeiter die eigentlich das Unternehmen weiterbringen möchten.

Das Ganze treibt mitunter komische Blüten, da die Leute kreativ werden; anstatt eine ERP-Integration zu machen werden Insel- und/oder Parallellösungen aufgesetzt. Paradoxerweise sind viele dieser Konstrukte zudem viel günstiger als eine Lösung über die ERP-Integration.

Was also eigentlich dazu da wäre, den Unternehmen Wettbewerbsvorteile zu bescheren wird mehr und mehr zu einem Bremsklotz in der Digitalisierung. Betrachtet man die Situation ein wenig aus der Ferne ist das logisch: Die Zeit, in der das ERP als Konzept aufgestellt wurde, war eine komplett andere. Das Konzept der eindimensionalen „Enterprise Ressource Planning“ – es passt je länger je weniger in eine Zeit in dem Unternehmen vor allem schnell und daher agil sein müssen.

ERP ist kaputt

Und darum ist ERP als Instrument heute halt einfach ein wenig „kaputt“. Sie können jeden CIO fragen, ich habe noch keinen gefunden der ERP Systeme nicht schlicht für überteuert und zu starr hält. Natürlich ist das nix, was auf den Konferenzbühnen oder im Interview-Panel groß verlautbart würde – denn niemand verliert seinen Job, wenn er IBM, Oracle oder SAP auswählt. Fällt der Vorhang jedoch, wird ganz offen über die Dramen, die sich im Zusammenhang mit ERP-Migrationen und ähnlichem abspielen, berichtet.

Ein weiteres fundamentales Problem ist, dass Prozesse oft losgelöst von der operativen Steuerung von Menschen und Maschinen erarbeitet werden. Dabei entstehen Wissens-Transfer und Korrekturkosten in schwindelerregender Höhe, was zudem eine ganze Armada von Mittel-Management-Menschen künstlich „busy“ hält. Wir haben diese Zeitverschwendung allgemein als natürliche Arbeit akzeptiert. Und als wäre das nicht schon absonderlich genug, optimieren wir diese Arbeit auch noch laufend. Es gibt nix übleres als Dinge zu optimieren, die eigentlich gar nicht hier sein sollten. Diese alte Engineering-Binsenwahrheit scheint im Management-Kontext von Großunternehmen gänzlich unbewusst zu sein.

Zeit für ein neues System

Ich denke es ist Zeit, dass wir uns an ein neues System zur Unternehmenssteuerung machen. Denken wir nochmals von vorne: Es geht darum, mit möglichst geringen Ressourcen, einen möglichst großen Output zu generieren.

Dabei gibt es Ressourcen, die schlussendlich direkt in den Output einzahlen und solche welche eingebracht werden müssen um die anderen Ressourcen zeitlich, räumlich und in der Intensität korrekt zu allokieren. Diese Overhead-Ressourcen gilt es so stark wie möglich zu reduzieren. Dies können wir tun, in dem wir ein holistisches System zur selbständigen Allokation dieser Ressourcen schaffen.

Ein erster zentraler Punkt ist, dass Prozessdesign zum einen direkt mit der Umsetzung verknüpft wird. Ein gezeichneter Prozess sollte direkt in ausführbaren Code münden. „No-Code“ lässt grüßen.

Ein zweiter zentraler Punkt ist, dass Prozesse sich selbstlernend verändern und verbessern sollten. Die leidige endlose Arbeit der Prozessoptimierung ist komplex, meist zu komplex für Menschen. Ich habe so oft Verschlimmbesserungen in dem Bereich erlebt – heimtückische, schwierige Sachverhalte, die erst dann ersichtlich wurden, wann der Schaden längst eingetreten ist. Vorgängig erzielte Effizienzgewinne werden so nicht selten „zunichte optimiert“.

Die Zukunft Gegenwart bestimmt ein Mensch-Maschine-Komplex

Was oft unterschlagen wird ist, dass wir bereits seit langem Hand in Hand mit Maschinen arbeiten. Im Businessbereich wird bisweilen zu manisch nach Vollautomatisierung gestrebt und aus technischer Sicht ist das meist hochspannend, die Realität ist aber in fast allen Fällen, dass Mensch-Maschinen Systeme reinen Maschinensystemen überlegen sind.

Das ist darin begründet, dass die Maschinen noch viele Disziplinen einer Arbeit nicht gleich gut wie der Mensch beherrscht. Wir befinden uns aber auf der Reise hin zum Übergang in eine Situation wo viele der heute als Arbeit bekannte Aufgaben von den Maschinen besser werden erledigt werden können. Auf dieser Reise schafft der Mensch-Maschine-Kombination die wirtschaftlich besten Resultate. Alles manuell zu machen ist genau so irrig wie alles automatisieren zu wollen. Zumindest so lange wie die Technologie nicht mit dem Menschen mitziehen kann.

Zwei Dinge daraus sind schlussfolgernd relevant: Die schlanke Allokation der Aufgaben zwischen Menschen und Maschinen ist überaus wichtig um das Verbrauchen von „Overhead-Ressourcen/Kosten“ zu reduzieren. Der zweite wichtige Punkt ist, dass der Übergang von menschlicher Arbeit hin zu maschineller Arbeit möglichst dauernd und mit möglichst wenigen Umbrüchen erfolgen kann um das Verbrauchen von „Transformations-Ressourcen/Kosten“ auch laufend zu reduzieren.

„Ein ERP der Zukunft muss ein System sein, dass Unternehmen in Ihrem Bestreben sich rasch und kostengünstig neuen Realitäten anzupassen, fundamental unterstützt.“

Konkret jetzt?

Konkret muss das ein System sein, dass maschinelle und menschliche Units (lassen Sie sich nicht irritieren von der erstmal ein wenig befremdlichen Bezeichnung) gleichbehandelt. Jede dieser Units hat ein entsprechendes Skill-Profil, eine Art Repository an bewiesenen Fähigkeiten.

Prozesse werden im System, ausgehend vom gewünschten Endresultat gedanklich in einzelne „Zwischen-Deliverables“ dekompiliert und die Verbindung dieser Zwischenschritte bilden das was wir heute als Prozesse verstehen. Das System gleicht nun die Skill-Anforderungen mit den verschiedenen Skill-Profilen ab und teilt einzelne Tasks den Units zu. Diese Allokation von Aufgaben zu Units muss dabei selbstlernend und autonom erfolgen. Die Allokation sollte zudem versuchen, möglichst viele Aufgaben welche nur „pseudoseriell“ erfolgen, tatsächlich zu parallelisieren. „Pseudoseriell“ (müssen Sie nicht googlen ist frei erfunden) ist ein Schritt dann, wenn in der ganzen Prozesskette alle Schritte seriell erfolgen, obwohl nur ein paar wenige tatsächlich Serialität physisch verlangen. In Produktionssysteme ist das erstaunlich oft der Fall, ganz einfach, weil heute die Bewältigung der Allokationskomplexität teurer ist, als die Serialisierung des Produktionsprozesses. Ein mit künstlicher Intelligenz unterstütztes System kann diese Komplexität auflösen.

Dabei sollte es auch unerheblich sein, wo sich eine Unit räumlich oder in Bezug auf seine Domäne befindet. Über eine API können verschiedene Units einfach eingebunden und bei Bedarf dazu oder weggeschaltet werden. Für die Units, auch die humanen resultiert eine simple Liste mit Aufgaben die zu erledigen ist, ohne sich darum kümmern zu müssen was jetzt wo und wie Priorität hat.

Mensch-Maschine-Interface

Eine Schlüsselkomponente ist meiner Meinung nach ein User Interface, dass die menschlichen Interaktionen in eine standardisierte API fassen kann. Man stelle sich das in etwa so vor, wie eine einzige API für alle Applikationen, die es auf dem Planeten gibt. Ich bin mir schon bewusst, dass das wahnsinnig ist. Die Vereinfachung eines Übergangs von menschlicher Arbeit hin zu maschineller führt über eine standardisierte Schnittstelle zurück in den Core des ERP. So wird es einfach zu wechseln. Die Transformationskosten werden nahezu eliminiert.

Streben nach radikaler Verbesserung

Das tönt jetzt erstmal alles ziemlich verrückt. Gerade im Vergleich zu Ihrem ERP Projekt, das sie vielleicht gerade haben, wo es vielleicht darum geht irgendeinen neuen Zahlschein einzuführen und dafür eine halbe Fußballmannschaft 3 Monate beschäftigt wird. Aber lassen Sie mich ganz klar sein, wir müssen auch im Bereich der Business-Software radikale Verbesserungen anstreben. Je höher man zielt desto höher trifft man dann auch. Was wir haben zu verbessern bringt vergleichsweise wenig – wir müssen neue Ansätze schaffen.

Produzierende Arbeit vs. Kreative Arbeit

Sie werden jetzt denken, das ist eine düstere Welt, wir Menschen werden als Units bezeichnet und zu Robotern degradiert, denen genau vorgesetzt wird was zu tun ist.

In dieser Welt leben wir bereits, Sie werden wohl sprichwörtlich einen Vorgesetzten haben. Sie tun das alles nur unglaublich ineffizient und Sie werden sich immer mal wieder frustriert von Ihrem Tagwerk abwenden.

Wichtig ist, und ich glaube da machen viele Menschen einen Denkfehler, produzierende Arbeit nicht mit kreativer Arbeit zu verwechseln. Produzierende Arbeit kann immer nur strukturiert und optimiert ablaufen, alles andere erhöht die Kosten des „Produkt“ unnötig. Kreative Arbeit hingegen kann in Kosten meist schlecht oder gar nicht aufgewiegelt werden. Das Ergebnis der kreativen Arbeit muss immer ein Erkenntnisgewinn sein (das ist übrigens auch im Kunstbereich im weitesten Sinne so). Methoden, die in der produzierenden Arbeit erfolgreich sind, können diese per Definition in der kreativen Arbeit nicht sein.

Nur weil wir eine Arbeit unstrukturiert, unkoordiniert oder in einzelnen nicht industrialisierten Schritten vornehmen ist sie noch lange keine kreative Arbeit. Sondern sie ist einfach schlecht organisierte produzierende Arbeit.

Die Zukunft der menschlichen Arbeit liegt in der Kreativen Arbeit und ich glaube in dem wir die produzierende Arbeit immer weiter maschinell erledigen lassen, desto mehr sind wir in der Lage die wirklich großen kreativen Herausforderungen in Zukunft anzugehen. Wird das Potential frei, wird das Potential erst richtig erkannt sozusagen. Diese kreative Arbeit ist meiner Erfahrung nach das, was den Menschen geistig erfüllt – das können sie schon bei Ihren Kindern sehen. Mit kreativer Arbeit gehen sie auf – mit produzierenden Tätigkeiten ist die Aufmerksamkeitsspanne in der Regel kurz.

Zukunft

Die Frage ist, wie schnell wir damit vorwärts kommen. Die Frage ist meiner Meinung übergeordnet wichtig. Die halbe Welt läuft auf ERP-Systemen welche uns verlangsamen. Ein ERP der Zukunft muss uns beschleunigen, über Grenzen, über Einheiten und Kulturen hinaus. Es muss uns viel besser zusammenarbeiten lassen.

 

 

 

(Triggered? DM me.)

Artikel auf Social Media teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte mache folgende Angaben: Dein Name, Deine E-Mail Adresse und Dein Kommentar.