Peer-to-Peer: Beratung der Zukunft? Ein Interview mit Pionier Janus Boye.

Während die Beratungsbranche seit Jahren über ihr zukünftiges Setup diskutiert, haben verschiedene Exponenten neue Modelle entwickelt. Einer dieser Exponenten im Digitalbereich ist der Däne Janus Boye. Er hat in den letzten 13 Jahren eine Community an Digital-Experten aufgebaut, die sich in konkreten Fragestellungen weiterhilft. Ich habe ihn vor ein paar Tagen in Zürich getroffen. Ein Gespräch mit einem Pionier, der im Zeitalter der Netzwerke mit seinem Konzept den Nerv eben dieser Zeit trifft.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Hi Janus. Du hast in den letzten Jahren sehr erfolgreich ein «strukturiertes Knowledge-Sharing-Ecosystem» aufgebaut. Was ist das genau und wie funktioniert es?

Wir beschreiben uns als Netzwerk-Unternehmen mit dem Ziel, den Wissensaustausch zwischen digitalen Experten zu ermöglichen. Für alle geht es darum, die besten digitalen Lösungen zu erreichen. Das gelingt, wenn man von- und miteinander lernt. Dazu organisieren wir strukturierte und moderierte Gruppentreffen, Masterclasses und jährliche Konferenzen, bei denen digitale Experten ihre Erfahrungen mit Gleichgesinnten aus aller Welt austauschen.

jboye

Auf Eurer Website schreibt Ihr «…we insist that knowledge is to be shared…” was mir aus der Seele spricht. Was ist Euer Verhältnis zur klassischen Beratung?

Klassische Beratung hat immer noch ihren Sinn und Zweck. Unsere Idee zielt aber darauf, wie man sich wirklich als digitaler Leiter und Experte weiterentwickelt. Dies entspricht der Lernpyramide, dass Gruppendiskussionen, ‘Learning by doing’ und anderen etwas beizubringen, die effektivsten Lernmethoden sind. Wir wollen nicht die Lösung liefern, sondern den Raum bieten, sich weiterzuentwickeln und von- und miteinander zu lernen. Hinsichtlich der Kosten ist das auch sehr interessant, denn eine Jahres-Mitgliedschaft bei uns entspricht ungefähr dem, was ein Berater kostet, um sich kennenzulernen und ihm die Herausforderungen zu erklären.

Lernpyramide

Wie muss ich mir so ein Meeting bzw. einen Workshop in der Gruppe vorstellen?

Das läuft so ab, dass sich ein bis zwei Dutzend Digital Professionals lokal treffen und ein offener Austausch stattfindet. Meist werden konkrete, echte Fragestellungen diskutiert und Lösungsansätze dafür entwickelt. Dabei gibt es oft auch Einblicke die Vertraulichkeit erfordern, was die Gruppe verbindlicher macht. Wir kennen keine PowerPoint-Marathons und es gibt auch kein Frontalunterricht. Vielmehr muss man sich das so vorstellen, als wenn eine Gruppe von Sparring-Partnern sich gegenseitig hilft. Das ermöglicht Impulse und den vielzitierten Blick über den Tellerrand.

Wie hast Du Dein Modell monetarisiert?

Ganz einfach über eine Mitgliedschaft. Diese Mitglieder treffen sich in lokalen Gruppen. Zusätzlich veranstalten wir zwei jährliche Konferenzen und sogenannte Masterclasses. Das sind Anlässe in denen sich Mitglieder gruppenübergreifend treffen.

Wie hast Du mit Deiner Organisation den Schritt hin zum breiten Thema Digitale Transformation vollzogen?

Als wir angefangen haben, war der Begriff Digitale Transformation noch völlig unbekannt, das kennst Du ja. Daher waren unsere Themen und Inhalte sehr IT-geprägt. Nach und nach sind dann die Kommunikations- und Marketingleute dazu gekommen, weil dieser Bereich sehr früh von der Digitalisierung berührt wurde. Heute sehen wir, dass immer mehr Leute aus verschiedenen Unternehmensbereichen bei uns mitreden. Das ist auch logisch denn es gibt ja mittlerweile kein Unternehmen und kein Unternehmensbereich mehr der von der Digitalisierung nicht tangiert wird.

Ihr habt über 60 Group-Meetings in Europa und Amerika. Wie organisiert Ihr Euch?

Grundsätzlich stehen das fachliche Interesse und die Leidenschaft für diese Themen im Vordergrund. Der offene Austausch im J.Boye-Team und mit unseren Mitgliedern ist extrem wichtig. Daneben, und das wird oft unterschätzt, beschäftigen wir uns viel mit der Organisation der Events, der Zusammenstellung der Gruppen und Moderation. Wichtig ist auch, dass wir den Leuten an den Events Möglichkeit zum Netzwerken geben. Denn die Meetings sind das eine, über die Zeit finden wir es aber viel wichtiger diese Community zu formen. Darum ist Kontinuität wichtiger, als einzelne gute Treffen.

Welche Gruppen gibt es in Deutschland und wie oft gibt es Treffen?

Jede Gruppe trifft sich 3- bis 4-mal im Jahr. Aktuelle Schwerpunkte der einzelnen Gruppen sind „Digital Management“, Intranet und und interne Kommunikation. In Deutschland gibt es momentan 10 verschiedene Gruppen.

Du hast einen der wohl repräsentativsten Einblicke in das, was Digital Professionals heute bewegt. Was fällt Dir auf?

Ja, wir tauschen uns dazu im Moderatorenteam regelmäßig aus. Im Moment sehen wir 5 Themenbereiche welche die Leute bewegen: Die für 2018 vorgesehene europäische Datenschutzregelung GDPR, den Einsatz von künstlicher Intelligenz, Start-Up Kultur, Cloud und die bessere analytische Nutzung von Daten. Ich habe kürzlich was dazu geschrieben. (Finden Sie hier)

Wo siehst Du Unterschiede der USA zu Europa?

Ich denke das Marketing bestimmt in den USA viel stärker das Geschehen als in Europa wo die traditionellen Kommunikationsabteilungen stärker sind. In Sachen Mobile sind uns die Amerikaner weit voraus. Was den Datenschutz oder auch die „Daten-Ethik“ angeht sind wir in Europa viel stärker.

Diversity ist für mich eines der Megathemen der Digitalbranche. Wie hoch ist der Frauenanteil in Euren Gruppen? Gibt es einen Trend zu mehr Frauen in Digitalen Berufen?

Der Anteil der Geschlechter ist in unseren Gruppen gut gemischt. Zu den Konferenzen kommen zunehmend Frauen – wohl auch weil wir zunehmend in Richtung Kommunikation und Marketing bewegen. Es enttäuscht mich, wie viele andere Konferenzen fast nur aus Männern bestehen und wie sehr im Bereich IT und bei Expert-Panels der Männeranteil überwiegt. Ich denke hier müssen die Veranstalter ein besseres Gespür für dieses Thema entwickeln.

Du machst J. Boye nun schon 13 Jahre. Was hast Du in dieser Zeit gelernt, das Du jungen Firmengründern mitgeben kannst?

4 Dinge: Harte Arbeit zahlt sich aus. Man muss Geduld haben, besonders beim Wachstum der Firma. Die internationale Expansion wird meist unterschätzt; sie ist zwar „cool“ und ein Muss, sollte aber von Beginn an mitgedacht werden. Und man muss Fehler machen. Man macht nicht alles von Anfang an richtig, in diesem Zusammenhang ist „fail cheap“ wichtig.

Janus, herzlichen Dank fürs Gespräch.

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