Disruption in der Automobilbranche: Renault, der vergessene Gewinner.

Die Paris Auto Show 2016 ist in vollem Gange und man gewinnt den Eindruck, dass noch nie ein Automobilanlass derart unter dem Stern der Elektromobilität stand. Die deutsche Presse jubelte. Richtungsweisende Konzepte sahen sie von Porsche, VW und Daimler. Der wahre Gewinner in der europäischen Elektromobilität feiert sich aber nicht groß ab. Er ist schon einen Schritt weiter.

(Lesedauer: x Minuten)

Allez les Bleus!

Ich bin sozusagen mit Renault sozialisiert worden. Und ich sage Ihnen, ich mochte die Auto nie besonders. Immer wenn mal wieder ein Familien-Fahrzeugwechsel anstand, hoffte ich darauf, dass wir vielleicht einen deutschen Wagen bekommen würden. Deutsche Autos, so schien es mir, waren qualitativ in einer anderen Liga. Immer wenn mal wieder was defekt war am Renault, bestärkte sich dieses Gefühl. Später, als meinen ersten eigenen Wagen, kaufte ich mir dann darum auch einen BMW und ja, das war eine andere Welt.

Als ich meinen Vater einmal fragte, warum er denn immer Renault fahre, antwortete er: «Weil die immer Neues und Innovatives machen». Damit konnte ich damals noch nicht viel anfangen. Natürlich das Auto meldete per Frauenstimme, wenn der Ölstand zu niedrig war, man konnte mit der Fernbedienung die Fenster runterlassen und die meisten Renaults hatten allerlei Dinge, die man damals in einem Passat nicht finden konnte. Aber naja.

Renault - Elektroauto-Pionier

Preis-/Leistung

Das Preis-/Leistungsverhältnis von Renault war, gerade was Reparaturen angeht, jedoch immer ziemlich gut. Und ich hatte das damals sozusagen auch bitter nötig: Einmal, als 13-jähriger, wollte ich den Wagen, wie so oft, im Leerlauf rückwärts aus der Garage rollen, vergaß aber die Türe zuzuziehen. Ich habe heute noch das Bild meines Vaters vor Augen, wie er fluchend, mit der linken Hand die arg demolierte Türe zu-haltend, weil sie sich nicht mehr schließen ließ, in die Werkstatt fuhr. Ein paar Jahre später fuhr ich dann seinen recht neuen Renault auf eine stehende Kolonne auf. Beide Male hielten sich die Kosten in Grenzen. Das konnte ich von BMW später nicht behaupten.

Try & Error

Als Konsument kommt es mir so vor, als hätte Renault immer wieder Neues geschaffen und ausprobiert. Manches wurde ein voller Erfolg. Wie z. Bsp. der erste Privat-Van in Europa – der Renault Espace. Anderes eher nicht.

Tesla-Killer

Wir sahen auf der Autoshow die deutschen Hersteller vollmundig und großspurig neue Strategien und Konzepte ankünden. Und unterschwellig wird oft vom Tesla-Killer gesprochen. Von einem Auto, das die Tesla-Modelle übertrumpfen werde.

Kuckt man genau hin, sind die neu vorgestellten Wagen vergleichbar mit Modellen, die es so bereits bei Tesla heute zu kaufen gibt. Die deutschen Hersteller wollen können aber erst ab 2019 liefern. Das ist schon ziemlich ironisch, denn es waren Anfang Jahr Stimmen aus dem Umfeld der deutschen Automobilindustrie, welche Tesla vorwarfen, mit dem Model 3 ein Auto zu präsentieren, dass ja noch gar nicht lieferbar sei.

Der, vorerst rein virtuelle, Erfolg des Model 3 war aber ganz bestimmt einer der Haupttreiber der etablierten Hersteller. Denn die können rechnen: Wenn Tesla es schafft, im Premium-Segment relevante Marktanteile zu ergattern, dann werden sie es auch in der Mittelklasse können. Dass 400k Reservationen nur der Anfang sind, weiß man in Deutschland genau so gut wie in den USA. Es muss jetzt etwas passieren, sonst kann sich das Blatt wenden.

Vor lauter medialer Fokussierung auf Tesla wurde, und das zeigte sich schön an der Paris Auto Show 16, ganz vergessen, wo die wirklichen Konkurrenten liegen. Das ist umso bitterer, als dass es Tesla gar nie darum ging, irgendwelche Autohersteller zu schlagen.

Denn wenn es eine Konkurrenz für die deutschen Automobilhersteller gibt, dann heißt diese Renault-Nissan.

Die wirklich unbequeme Frage

Die wirklich unbequeme Frage für die Deutschen Automobilhersteller ist, warum Renault-Nissan mittlerweile Weltmarktführer bei Elektroautos werden konnte. Jedes dritte Elektroauto in Deutschland stammt von Renault. Jedes zweite Elektroauto weltweit stammt von Renault-Nissan.

Und so kommt es, dass während bei VW und Daimler die Zukunft präsentiert wird, diese Zukunft am Stand bei Renault bereits steht. Ein Auto mit realen 300km (400km NEFZ) Reichweite zu einem Preis von rund 22k EUR. Heute bestellbar und lieferbar.

Was können Renault und Nissan, was die Deutschen Hersteller offensichtlich nicht können?

Dass es ein Start-Up schafft, eine neue physikalisch überlegene Technologie mit viel Glück, Chuzpe und Leidenschaft in den Markt zu bringen ist, wenn man genau hinsieht, kein Wunder, auch wenn diese Aussage Teslas Leistung nicht schmälern soll: Die Möglichkeit auf dem weißen Blatt zu beginnen, ist der eine riesige Vorteil eines jeden Start-Ups. Da werden Dinge möglich und Kräfte freigesetzt, von welchen man in etablierten Betrieben nur träumen kann.

Genau darum ist diese Frage so unbequem: Was können Renault und Nissan, was die Deutschen Hersteller nicht können? Wäre ich Aktionär würde ich diese Frage stellen.

Unaufgeregter, abgeklärter

Als wäre das nicht schon Ironie genug, erklärt dann Renault-Nissan Chef Carlos Ghosn auch noch in seiner Präsentation, dass „Diesel noch nicht tot“ sei und Renault-Nissan sehr wohl weiter SUV Modelle mit Dieselantrieb entwickle.

Es zeigt sich, dass Renault-Nissan, und das ist wohl auch Ghosn zu verdanken, mit dem Thema Technologiewandel einiges abgeklärter und unaufgeregter zu Gange geht als die deutschen Hersteller. Renault-Nissan hat sehr früh in die neue Antriebstechnologie investiert und keine absoluten „Entweder-oder“ Strategien verfolgt. Das, und da schließt sich der Kreis wieder, geht sehr wohl zusammen mit der spielerischen Innovation, die Renault seit jeher an den Tag legt. Es scheint, als sei man für neue Technologie bei Renault-Nissan schlicht offener und hätte weniger mit „Not-Invented-Here“ Syndromen zu kämpfen.

Ein Weg, der sie im Moment zum klaren Marktführer mit enormen Wachstumsraten gemacht hat. Und es sieht für sie in Sachen Elektromobilität gerade ziemlich gut aus.

Und sie haben auch einiges richtig gemacht, was die deutschen Hersteller anscheinend bis heute nicht kapiert haben. Zum Beispiel, dass Elektroautos nicht wie Batmobils aussehen dürfen, wenn sie gekauft werden wollen. Oder dass großflächiges Neon-Blau keine Farbe ist, auch nicht in LED, die an ein Elektroauto gehört. Der Renault Zoe hingegen ist einfach ein ordentliches Auto. Leute die das Modell nicht kennen, merken gar nicht, dass es ein Elektroauto ist. Dass futuristische Designeskapaden total kontraproduktiv sind, ist völlig offensichtlich. Und trotzdem macht man bei VW, BMW und Daimler den selben Fehler immer wieder.

Learnings

Auch wenn es vielleicht so scheint, dass ich zum Autonarr wurde, ist dem überhaupt nicht so. Was mich an dem Thema fasziniert ist, dass eine komplette Branche vor unseren Augen umgekrempelt wird und es auch ziemlich absehbar war, dass dies geschehen wird. Man muss nur genau hinschauen.

Und es ist faszinierend zu sehen, wie die einzelnen Akteure Strategien entwickeln und wie aus Stärken Schwächen werden und umgekehrt.

Wenn Sie als Unternehmer oder Entscheidungsträger unterwegs sind, können Sie im Moment enorm viel von diesen Beispielen lernen und für Ihre Branche ableiten. Denn durch den Prozess durch den die Automobilbranche im Moment geht, werden in Zukunft viele weitere Branchen gehen. Die meisten früher als ihnen lieb ist.

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4 Kommentare zu Disruption in der Automobilbranche: Renault, der vergessene Gewinner.
  1. Markus Antworten

    Danke für Deinen Artikel, Alain. Ich stimme zu, das Renault einen richtig guten, unaufgeregten Job macht. Dass man beim günstigen Kaufpreis des Zoe, den Du beschreibst, noch eine monatliche Batteriemiete bezahlen muss- geschenkt. Aber auch dieses „innovative“ Auto hat Absatzprobleme und ist trotz aller Werbe- und Subventionsmassnahmen zum Start nicht bei den 50 (!) meistverkauften Autos in Deutschland (weder in 9/16 noch aufs ganze Jahr).

    Auch ist richtig, dass die deutschen Automobilhersteller riesige Fehler gemacht haben im Design der Elektroautos. Besonders gravierend finde ich den Fall des BMW i3, der sich am Design des ebenfalls gescheiterten Audi A2 orientiert. Man merkt dadurch, dass hierzulande die Ingenieurskunst noch vorherrschend ist. Auf Karbon zu setzen (einfach, weil man es kann), statt weiterhin auf die vertraute Alu-Kairoserie mit großen Kostenvorteilen zu setzen, war nur eine Extension dieser Ingenieurs-Arroganz. Aus meiner Sicht zu Recht hat dieses Auto keine Nachfrage gefunden.

    Ich bezweifle aber, dass die wirkliche Disruption im Automobilsektor rein durch die Veränderung des Antriebsstranges kommen wird- die große Veränderung wird die veränderte Mobilität sein: Autonomes Fahren (+ ggfs. on demand). Ist dies der Fall, rücken eher Uber/Google/Apple/Tesla in den Fokus als Renault/Nissan. Zudem sind die deutschen Hersteller Daimler mit myTaxi/Car2go und BMW mit DriveNow eher im Bereich der Mobilitätskonzepte platziert. Auch könnte der Kundenstamm der Premiummarken im Vergleich zu Renault eher bereit sein, den Mehrpreis der Autopilotierungsfunktion zu tragen (und es dann im zweiten Schritt massentauglich zu machen). Auch hier wird Tesla ein sehr ernstzunehmender Konkurrent werden/bleiben. Tesla hat dabei den Druck, neue Käufersegmente anzusprechen und vom Kauf zu überzeugen, um das Wachstum zu finanzieren.

  2. Mario Rossetti Antworten

    Eine neue Technik muss man sehen. Es muss polarisieren. Siehe das Erfolgsmodell Prius von Toyota. Natürlich hat es nicht so eingeschlagen wie es heute der Fall ist. Aber heute bauen sie 500.000 Pius im Jahr. Nächstes Beispiel: Edsel von Ford.

  3. Jochen Weiland Antworten

    Das Problem der deutschen Automobilindustrie ist anscheinend, dass sie lieber an Bestehendem festhalten statt den Umbruch voranzutreiben.

    So sagt Dr. Stefan Wolf, Vorsitzender des Industrieverbandes Südwestmetall doch tatsächlich:

    >>„Spätestens in drei Jahren müsste mit der Entwicklung einer elektrischen Fahrzeuggeneration begonnen werden.“ Das sei praktisch unmöglich.<<
    Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.aus-fuer-verbrennungsmotoren-verbot-von-verbrennern-bedroht-jobs-im-land.759f84a8-a4d2-478e-beaf-fd84e8464f3e.html

    Von Disruption ist da leider nicht viel zu spüren.

  4. Tina Egger Antworten

    Naja. Das mit dem Design ist heikel. Der LEAF hätte wohl mehr Erfolg, wenn er nicht so hässlich designt wäre. Da hat Nissan denselben Fehler wie BMW gemacht.

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