Faraday Future – die verpasste Chance.

Als gestern die ersten durchgesickerten Bilder des Faraday Future (FF) Modells die Runde machten, zweifelte ich, ob es sich wirklich lohnt, heute Morgen früh die Präsentation an der CES anzusehen. Und um es gleich vorweg zu nehmen, die Zweifel wurden nicht weggewischt. Aber der Reihe nach.

(Lesedauer: 5 Minuten)

20 Minuten Bla-Bla

Die ersten 20 Minuten der Präsentation bestanden aus sehr viel Noise und relativ wenig Signal.

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Offensichtlich bemüht, sich von den anderen Herstellern zu differenzieren, war das erstmal das große Thema. FF nennen dazu vier Unterscheidungsmerkmale:

“Amazing Team”

Das mittlerweile 750 Personen starke Team sei ein Haufen “brilliant, like-minded individuals, thinking big – acting fast“. Von überall kommen sie her: Von BMW, Mercedes Benz, GM, Ford und Tesla, immer wieder Tesla. Viel mehr gab es dazu leider nicht zu erfahren. „Amazing Teams“. Zumindest in meiner Vorstellung definieren sich über 2 Merkmale: Sie schaffen großartiges und haben einen großartigen Team-Spirit. Von beidem war heute leider nicht so viel zu sehen.

„Transformative Vision“

Das wahrscheinlich interessanteste Thema wurde praktisch nicht behandelt. Zwar wurde zu Recht darauf verwiesen, wie altbacken und langsam die bestehende Autoindustrie doch ist und dass Mobilität neue definiert werden muss. Darüber hinaus aber gab es nichts. Außer vielleicht den Hinweis am Schluss, dass das iPhone vor genau 9 Jahren (auf den Monat) vorgestellt wurde und damals auch alle noch alte „stumpfe“ Mobiltelefone hatten. Der Vergleich der Autoindustrie zur Mobiltelefonindustrie wurde denn auch ein paar Mal gemacht. Die Autoindustrie „ is improving the landlines when they should be creating the new generation of smartphones”. Wohl wahr. Aber schon hundertfach runtergebetet.

Was fehlt ist eine handfeste Vision. Wohin das gehen könnte, sehen wir leider auch wieder nur ansatzweise hier:

Faraday Future: What if? So much of the future depends on how we get there. Come with us.

Posted by Faraday Future on Tuesday, December 22, 2015

 

„Incredible Alliances“

Das dritte Unterscheidungsmerkmal seien die „Incredible Alliances“. Angeführt wurden der Staat von Nevada, welcher die Fabrik im Norden von Las Vegas möglich macht und LETV. LETV, was als Netflix von China angeführt wird, soll helfen Content ins Auto zu bringen. Da keine konkreten Aussagen dazu gemacht wurden, bleibt es auch hier vage. Und „Incredible“ wirkt reichlich übertrieben.

We are moving very fast

Das letzte Abstrahierungsmerkmal ist die Geschwindigkeit. Faraday Future haben in 18 Monaten 750 Mitarbeiter aufgebaut. In ein paar Wochen ist die Grundsteinlegung der Fabrik. Der erste „production car“ komme in nur ein paar Jahren (wörtlich). Und dann wieder der Vergleich zu Tesla, welche 9 Jahre gebraucht hätten, um das erste massentaugliche Auto auf den Markt zu bringen. Der Vergleich hinkt natürlich gewaltig, das weiß Nick Sampson, der selber bei Tesla war ganz genau. Was Tesla, neben Finanzierungsprobleme zu lösen, tat, war sozusagen Grundlagenforschung. Und auf diesen Grundlagen baut Faraday Future ja unter anderem nun auf. Bei all der Geschwindigkeit soll aber die Qualität nicht zu kurz kommen: „Wir werden erst liefern, wenn wir wissen, dass das (Massen-)Produkt (dem Markt) überlegen ist“. Ob es mit dieser Einstellung im selben Tempo weitergeht, werden wir sehen.

Ding Lei

Das „Highlight“ dieser ersten 20 Minuten war aber Ding Lei von LETV. Lei, zweifellos eine Kapazität in der Automobilbranche, wirkte wie eine Slapstick Einlage. Denn er konnte schlicht zu wenig gut Englisch und sein kindliches Winken beim Betreten der Bühne wirkte clownesk. Das tut ihm wahrscheinlich unrecht. Bei einem Event, in dem es ausschließlich um Glaubwürdigkeit geht, hätte einfach jemand von FF den Mut aufbringen und sagen müssen, das geht so nicht. Und ihn ersatzlos aus dem Programm streichen müssen. Sein Beitrag war der unbestrittene Tiefpunkt der Präsentation.

Variable Plattform Architecture (VPA)

Was dann allerdings kam scheint brillant. Nick Sampson, Senior VP R&D und Engineering, stellte die Variable Plattform Architecture vor.

FF has created the Variable Platform Architecture, which provides us with many powerful possibilities. Learn more.

Posted by Faraday Future on Monday, January 4, 2016

So bestehen die FF Fahrzeuge aus einem modularen Chassis, das unterschiedliche Radabstände, Batteriekombinationen und Motorbestückungen (1-4) ermöglichen. Das hieße, dass man auf der Basis dieser Plattform sprichwörtlich jede Art von Auto bauen könne. Vom 8-Plätzer SUV bis zum kleinen Stadtflitzer. Das war ein Aha-Moment, eine Vorahnung, dass FF wohl nicht ein Auto lancieren wird, sondern mehrere Modelle gleichzeitig. Und es ließ den Concept – Car in einem anderen, besseren Licht erscheinen.

ConCept-Car FFZERO01

Und genau so hat ihn Richard Kim, Head of Design, auch angekündigt. Man könne mit der VPA jede Art von Auto bauen, auch etwas, das so extravagant sei wie der FFZERO01.

FFZERO01

Nun, das Auto sieht aus wie eine Art modernes Batmobil. Darüber hinaus integriert es das Smartphone als Teil des Bedienkonzepts, ist ausgestattet mit allem, was es für zukünftiges autonomes Fahren benötigt, kombiniert Augmented Reality mit Bedien- und Navigationselementen und sei generell „ein extremes Tablet auf Rädern“.

Leider wird das nur vage in einem Video angedeutet. Eine konkrete Produktdemo, die so viel gebracht hätte, bleibt FF schuldig.

Naja

Streckenweise kam ich mir bei der Präsentation vor wie früher bei Vooza, diesem Fake-Startup das über längere Zeit Videos postete, bei denen man anfangs nicht so richtig wusste, ob das nun ein Spoof ist oder nicht. Das lag an zwei Dingen: Es fehlt eine Leaderfigur. Nick Sampson ist offensichtlich so etwas wie der Leader bei FF. Aber er hat (noch) zu wenig Schnitt. FF hat sich fast schon unablässig mit Tesla und Apple verglichen. Heute aber präsentierten sie weder den charismatischen Leader noch die bahnbrechenden Produkte von Tesla. Und es fehlt an Resultaten: Der Event war aufgemacht wie ein Produkt-Launch, war aber eigentlich nicht viel mehr als ein Status-Update.

Die verpasste Chance

Und so sind viele Leute eher enttäuscht. Die Glaubwürdigkeit ist weiter gesunken und die Erwartungshaltung weiter gestiegen. Das macht es viel schwieriger mit den tatsächlichen Produkten zu überzeugen. Insofern ist dies die verpasste Chance, dem (unglaublich) interessierten Publikum wirklich neue Konzepte und Features im Detail vorzustellen. Jedermann/frau hätte es akzeptiert, dass vieles noch im Beta-Stadium ist. Was als „Glimpse into the future“ angekündigt war, verkam zur recht profanen Launch-Show. Einfach ohne Produkt.

Das ist schade, denn was FF macht, ist keineswegs schlecht. Die Welt braucht neue Player, welche Technologie radikal anders einsetzen und das gerade in bestehenden Bereichen wie der Automobilbranche. Es bleibt zu hoffen, dass FF ihre Kommunikation verändert, ein bisschen mehr Understatement, ein bisschen mehr liefern. Heute hätten es ein paar, betont normale, Prototypen und viel weniger Bla-Bla getan. Das ganz große Tennis, Even-technisch gesehen, können sie immer noch auspacken, wenn Nick Sampson den Saal in einem fertigen, fahrenden Auto verlässt. Mit seinen Händen im Schoss.

 

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