Die traurige Debatte um das Schweizer Energiegesetz.

Eigentlich habe ich es mir zur Regel gemacht, im Vorfeld von Abstimmungen nicht über die entsprechenden Themen zu schreiben. Diesmal mache ich eine Ausnahme, denn die Debatte über ein neues Energiegesetz, welches der Schweiz eine Roadmap zu Einsparungen und den Einsatz von regenerativen Energien verpassen soll, könnten enttäuschender nicht sein. Sie zeigt ein Land, dem anscheinend der Wille zur Erneuerung und Aufbruch abhanden gekommen ist. Denn ein solches Gesetz sollte gar nicht notwendig sein.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Wie kann es sein, dass der Elefant im Porzellanladen nicht erwähnt wird?

Ich habe die Debatte in den letzten Wochen sehr aufmerksam verfolgt und mir die verschiedenen Argumente angehört. Was mir dabei auffiel und ich vollkommen unverständlich finde, ist der Umstand, dass zwar alle Beteiligten irgendwelche „Zahlen“ und „Fakten“ ins Feld führen, wir aber den offensichtlichsten Weg, eine grundlegende Transformation der Energiewirtschaft hin zu Dezentralisierung der Produktion und Speicherung von Energie, nicht einmal ansatzweise in Betracht ziehen. Man fragt sich, ob das bewusst erfolgt oder ob die Protagonisten tatsächlich so wenig über neue, bereits bestehende Technologie und die Entwicklung wissen. Beides, nota bene, ist fatal.

Der Weg zu dieser Transformation führt über den Heimspeicher. Dieser besteht im Moment (noch) aus Lithium-Ion Akkus, welche preislich sozusagen im freien Fall sind.

Es gibt durchaus einen, zugegeben abenteuerlichen aber ökologisch und ökonomisch sinnvollen, Pfad, den größten Teil der Energie durch Photovoltaik abzudecken, wenn diese lokal gespeichert wird. Was wir dazu weiter benötigen, ist ein intelligentes Stromnetz, dass die Verbraucher (wo möglich) steuern kann. Denn im Moment ist es noch umgekehrt: Der Verbrauch steuert die Produktion.

Milchmädchenrechnung

Wenn die Schweiz die Heizung und den Verkehr auf Elektro umstellt, verbraucht sie wohl rund 88 TWh pro Jahr. Praktisch genau gleich viel Strom könnten Solarzellen in der Schweiz erzeugen, wenn alle Dächer damit eingedeckt wären.

Mit dem Aufkommen von neuen Solardächern, welche nicht mehr kosten als ein konventionelles Ziegeldach, wird zudem die Anschaffung der Solarzellen über kurz oder lang zum kalkulatorischen Nullsummenspiel, da ein Haus das Dach ja so oder so benötigt. In 50 Jahren, der empfohlenen Lebensdauer für Dächer, wohl eher früher, hätten wir so auf der ganzen landesweiten Dachfläche Photovoltaik. Ohne irgendwo zusätzlich ein Windrad oder eine Photovoltaik-Plant auf der freien Wiese zu bauen.

Wenn wir nun auf diese 50 Jahre mit einem durchschnittlichen Speicherpreis von CHF 60 pro kWh rechnen, was enorm hoch ist (heutige Preise liegen bei rund CHF 190 und für 2020 bei CHF 111 pro kWh), und eine Nutzungs-Verschiebung von 25% einkalkulieren (ohne Pumpspeicherkraftwerke notabene) kommen wir auf Kosten von CHF 0.069 pro kWh.

Wir dürfen aber getrost davon ausgehen, dass die Preise über die nächsten Dekaden noch stark fallen werden. Erlebt der Speicherpreis den selben Zerfall wie bis anhin (wir können davon ausgehen, dass er noch stärker fällt), sollte spätestens in 20 Jahren der Strom praktisch kostenlos sein. Es müssen nur noch die supergünstigen Speicher, Netz und Software unterhalten werden. Ein intelligentes Netz kann zudem viel kleiner dimensioniert werden, weil es eben intelligent ausgelastet wird. Wir tun daher gut daran, in Zukunft nicht mit denselben, hohen Kosten und Erträgen für Netze und Strom zu kalkulieren wie bis anhin. Was die Erträge angeht, ist das der heutigen Energiewirtschaft zum Verhängnis geworden.

Die größte wirtschaftliche Chance seit langem für die Schweiz

Ich denke, es sind diese physikalischen Gegebenheiten die diesen Entwicklungspfad ökonomisch interessant machen. Und in welche technologische Richtung wir auch gehen, es ist klar, dass saubere Energie schlicht DAS Wachstumsfeld der nächsten Jahre ist.

Die Schweiz wäre heute in vielerlei Hinsicht gut aufgestellt, um hier Pionierarbeit zu leisten und Technologie, Software und Konzepte zu entwickeln, welche dann in die ganze Welt exportiert werden können. Wir könnten in dem Bereich, mit unserem Know-How und der idealen Größe zum Vorreiter werden. Es braucht aber ein Mindestmaß an Mut und der scheint uns abhanden gekommen zu sein.

Dabei ist es gar nicht relevant, ob Sie nun für oder gegen das Energiegesetzt 2050 sind. Man kann die vorgeschlagenen Gesetzestext durchaus schlecht finden. Aber die Kultur wie wir in diesem Land mit neuen Herausforderungen und Chancen umgehen – das zeigt die Debatte – ist schlicht eine peinliche Katastrophe. Und sie ist unserer Geschichte unwürdig.

Wo sind nur die Träumer und Visionäre in diesem Land?

Denn Chancen, so scheint es mir, interessieren hierzulande niemand mehr wirklich. Vielmehr haben alle Angst, es könnte dann doch viel kosten. Sie könnten etwas verlieren. Wo wären wir hingekommen, wenn in der Vergangenheit nicht Leute mit Mut und großen Visionen vorangegangen wären. Z. Bsp. beim Bau des Bahnnetzes. Wo bleiben die Duttweilers und Eschers unserer Zeit?

Der ganz legale Lobbyismus

Statt von solchen Visionären werden wir von Leuten wie Albert Rösti geprägt. Als Cheflobbyist der Öl- und Atombranche ist er so „befangen“, dass er gar nicht anders kann, als für den Status Quo zu werben. Er tut dabei seiner Partei, der SVP, keinen Dienst. Das von ihnen aufgebaute Argumentarium basiert auf Überspitzungen, bewussten Auslassungen und einer Angstmacher-Rhetorik, welche die SVP eigentlich gar nicht nötig hat.

Wer wenn nicht die SVP, sollte daran interessiert sein, dass weniger Mittel in den Nahen Osten fließen? Wer wenn nicht die SVP, sollte daran interessiert sein, dass in diesem Land mehr Arbeitsplätze entstehen? Da geht es nicht mehr um die Vertretung der Wähler, sondern nur noch um Partikularinteressen.

Das ist, sozusagen auf der Gegenseite, bei den Linken, Netten und Grünen genau dasselbe Spiel. Anstatt das Wohl des Volkes im Auge zu haben und Kompromisse zu schmieden, wird gegeneinander gekämpft. Ich beobachte daher mit einer gewissen Erleichterung neue politische Bewegungen wie die Operation Libero, welche ein Land der Chancen propagiert. Man kann nur hoffen, dass dieses klassische Links/Rechts und der damit verbundene Lobbyismus bald immer mehr an Bedeutung verliert. Und irgendwann ganz verschwindet und Sachfragen und Pragmatismus in den Vordergrund rücken. Hoffen kann man immer.

Subventionen machen alles nur schlimmer

Und Subventionen sind meiner Meinung nach in jedem Land und in jeglicher Ausgestaltung fehl am Platz. Sie schaffen zwangsläufig immer falsche Anreize und sie geben technologische Wege vor, wo eben keine Vorgaben sein sollten.

Was viel cleverer wäre, wäre, wenn die externen Kosten einer Technologie, sobald diese bekannt werden, durch den Staat konsequent internalisiert würden. So würde sich die jeweils ökonomisch UND ökologisch sinnvollste Variante durchsetzen. Beispiele:

Wir wissen, dass eine Ölheizung Umweltschäden verursacht. Wir können diese ökonomisch mittlerweile gut quantifizieren. Diese Kosten sollten den Betreibern von Ölheizungen entsprechend belastet werden.

Oder Kernkraftwerke: Wir wissen mittlerweile sehr gut, was ein Atomumfall kosten würde. Ergo gehört dieses Risiko versichert und findet so den Weg in die Kalkulation.

Damit sieht PV und Batterietechnik im Moment gut aus. Wenn eine neue Technologie aufkommt, welche diese Herausforderung besser löst, ist sie automatisch günstiger. Es würde sich von Anfang an lohnen zu investieren. Nicht um irgendwelche Subventionen und Stützen zu kassieren, sondern weil es eben Sinn macht. Ökologisch wie auch ökonomisch.

Das würde das dogmatische Festhalten an bestimmten Technologien relativieren und hoffentlich beerdigen. Und damit meine ich alle Technologien. Denn am Schluss ist es ganz einfach: Eine Technologie soll möglichst günstig sein und möglichst wenig Schaden anrichten. Dann ist sie erstmal gut. Bis man deren Nachteile rausfindet.

Energiegesetz, so what…

Ob das Energiegesetz angenommen wird oder nicht, spielt letztlich gar nicht so eine große Rolle. Denn Rösti und Co. können neue Technologien wohl verzögern, verhindern können sie diese nicht. Bessere Technologien und ökonomischere Lösungen werden sich über kurz oder lang so oder so durchsetzen.

Was in dieser Debatte schmerzlich klar wurde: Die Schweiz hat den Verve Neues zu gestalten und voran zu gehen, definitiv verloren. Es wird Zeit, dass die Bewahrer, die Alternativlosen, die Angstmacher abgelöst werden. Dass eine Kompromisskultur entsteht. Dann wird es vielleicht wieder etwas mit dem Land der Chancen. Bis dahin werden, wie in anderen Bereichen auch, halt andere Länder und Regionen von den Möglichkeiten profitieren.

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3 Kommentare zu Die traurige Debatte um das Schweizer Energiegesetz.

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