Umweltschutz, die moralische Sättigungsbeilage des Elektroautos.

In der Dämmerung des Elektromobilen Zeitalters verlagert sich die Diskussion über Elektroautos so langsam aber sicher in die breitere Öffentlichkeit. Gleichzeitig erhitzt sich die Diskussion. Die Debatte ist getrieben von Interessen, falschen Vorstellungen und Annahmen. Was viele nicht wissen: Diese Debatte ist völlig normal. Technologische Paradigmenwechsel brachten schon immer „Stormings“ mit sich.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Auf der Suche nach der perfekten Lösung vs. Chemotherapie

Offensichtlich ist für viele Leute der Umweltschutz DAS Argument schlechthin, um ein Elektroauto anzuschaffen. Vor allem für Leute, welche kein Elektroauto fahren.

Vermeintliche Erkenntnisse wie jene der „Schwedischen Studie“ schaffen im Moment gerade ein Klima, das auf die Umweltverträglichkeit von Elektroautos abzielt. Die „Schwedische Studie“ suggeriert, es wäre hinsichtlich des CO2 besser Verbrenner zu fahren. Medien nehmen das bereitwillig auf und geben es in Bruchstücken wieder.

Ein Vergleich des totalen CO2-Austosses von Verbrenner und Elektroauto über die gesamte Lebensdauer eines Autos ist eine viel kompliziertere Sache, als man allgemein meint. Und etwas das von Region zu Region und von Hersteller zu Hersteller, auf Seiten Verbrenner wie auch auf Seiten Elektroautohersteller, enorm variiert.

Der beste und seriöseste Vergleich, weil überhaupt detailliert überprüfbar, für den DACH–Raum den ich kenne, stammt von Martin Rotta. Sie können ihn hier einsehen. Fazit: Ein Tesla Model S hat in der Regel immer weniger totalen CO2 Ausstoß als ein vergleichbarer Verbrenner. Wie viel besser, kommt aber ganz stark darauf an, wie der Strom produziert wird.

Das macht das Elektroauto nicht zum Heilsbringer. Nicht zur perfekten Lösung. Sobald ein Lebewesen auf dem Planeten etwas verändert, hinterlässt es einen ökologischen Fußabdruck. Es gibt keine Bewegung ohne dass wir Emissionen, in welcher Art auch immer, freisetzen würden.

Während es diese perfekte Lösung nicht geben wird, ist die Größe dieses „Fußabdruckes“ doch sehr relevant. Je kleiner dieser unter dem Strich wird, desto besser. Manchmal muss man auch erstmal die Möglichkeit schaffen, diesen „Fußabdruck“ verkleinern zu können.

Es gibt jedoch eine ziemlich große Fraktion von Leuten, welche Elektroautos mit dem Hinweis ablehnen, sie seien auch nicht „das Gelbe vom Ei“. Das ist völlig korrekt. Nur weil etwas nicht perfekt ist, heißt das jedoch noch lange nicht, dass es nicht viel besser als der Status Quo ist. Und man sollte sich aus dem Grund auch nicht verwehren.

Denn das ist in etwa so wie wenn man z. Bsp. Krebs hat und eine Chemotherapie ablehnt, nur weil sie eben nicht die perfekte Lösung ist.

Unverständnis bezüglich technologischer Entwicklung

Das offenbart auch, dass viele nicht verstehen, wie der Mensch Technologie entwickelt. Es ist eben nicht so, dass der Mensch in der Lage wäre, alle Fakten zu kennen und dann eine perfekte Technologie zu entwickeln und einzuführen. Nein. Wir erarbeiten uns auf dem jeweiligen Kenntnisstand eine Technologie welche graduell besser ist und führen diese ein, wenn es wirtschaftlich möglich ist. Die Nachteile welche diese Technologie hat, sind wir uns am Anfang meist nicht bewusst.

Als die Verbrenner flächendeckend eingeführt wurden, hatte niemand das Abgasproblem im Auge. Nicht weil man sich nicht vorstellen konnte, dass das eventuell einmal ein Problem werden könnte, sondern darum, weil die letzte Technologie, das flächendeckend eingesetzte Pferd mit Spannwagen, enorme Probleme verursachte. Pferde waren sehr teuer im Unterhalt. Und es gab eine Unmenge an Dreck. Dreck, welcher in den Städten von schlechter Hygiene, Staub bis zu Gestank enorme Probleme bereitete. Dagegen war das Verbrenner-Auto eine richtige Offenbarung.

Heute ist es nicht anders. Elektroautos sind nicht die perfekte Lösung. Sie sind einfach unter dem Strich die erheblich bessere Lösung als Verbrenner. Und auch hier sind, wie bei Verbrennern auch, die Unterschiede gewaltig. Während Tesla als reiner Elektroauto-Hersteller von Anfang an auf möglichst umweltfreundliche Technologie setzt (keine seltenen Erden, Strom aus Erneuerbaren, Recycling-Konzepte, etc.), machen es andere Hersteller halt weniger gut.

Elektromobilität wird sich nicht wegen des Umweltschutzes durchsetzen

Der andere Irrglaube, welcher weit verbreitet ist, ist jener, dass sich Elektroautos wegen dem Umweltschutz durchsetzen werden. Das ist, mit Verlaub, ziemlicher Quatsch. Die Umwelt ist uns Menschen im Durchschnitt nicht genug wichtig als, dass wir derart große Umwälzungen nur deswegen proaktiv vornehmen würden.

Bei dem Wort „proaktiv“ wird so manchem Klimaforscher der Atem stocken. Natürlich sind wir aus wissenschaftlicher Sicht was das Erdklima anbelangt längst ins Hintertreffen geraten. Aus der Sicht der Mainstream-Bürger aber, hat sich eigentlich nichts geändert und das wird auch so bleiben, bis die klimatischen Veränderungen einen eminenten Einschnitt für unser aller Leben bedeuten.

In einem frühen Interview von mit Forbes wurde Tesla CEO Elon Musk auf den Umweltschutz angesprochen. Ob es nicht paradox sei, auf der einen Seite diese umweltfreundlichen Autos zu bauen und auf der anderen Seite Raketen mit SpaceX ins All zu schießen. Seine Antwort ist aufschlussreich:

“I am not really super-hardcore about being ultra-environmental and all things because I think you don’t want to make life miserable. We want to create a better future, but a better future is not one, where we are constantly depriving ourselves of things we love.

Ich denke, das sieht die Mehrheit der Bevölkerung ganz ähnlich. Sonst würden alle ihren Kasten Bier samstags mit dem Fahrradanhänger holen gehen. Zugleich zeigt es auf, wo Umweltschutz in der breiten Masse Unterstützung finden wird: In der Komfortzone des Durchschnitts.

Musk weiter:

“The reason why we wanted to create the roadster, is to show that you can have an electric car that is better than a gasoline car.“

Elektroautos werden sich durchsetzen, weil sie die physikalisch bessere Option für die private Mobilität darstellen. In restlos allen Kategorien ist das Elektroauto dem Verbrenner bereits überlegen, nur in zwei noch nicht: Der Reichweite und der Kosten. Diese Limitierung durch die Akkutechnologie löst sich im Moment gerade auf. Und sie löst sich viel schneller als erwartet auf.

Allen voran ist, man muss es sagen, Tesla. Kein anderer Hersteller hat verstanden, diese Komfortzone zu schaffen. Mit Autos welche von der Leistung und vom Design her seinesgleichen suchen. Mit einem Kundenservice der, wenn auch mit Höhen und Tiefen, mit nichts vergleichbar ist, was es in der Automobilindustrie gibt und mit einem Ladenetz, das einen ohne Nachladestress durch Europa fahren lässt.

Wirtschaftlichkeit

Ich glaube, dass solche Teil-Energiewenden, was die Umstellung auf Elektromobilität schlussendlich auch ist, immer zwei Dimensionen haben: Sie lösen nicht zwingend und schon gar nicht umfassend Probleme und sie entwickeln sich selten so, wie man sich das vorstellte.

Dachten wir nicht alle einmal, dass uns irgendwann das Öl ausgehen wird und wir dann richtig in Zugzwang kommen würden? Verwaiste Tankstellen, liegengebliebene Autos?

Was in der Mobilität zum Ende des Öls führen wird, sind seine Kosten. Denn das bessere physikalische Design ist, wenn Skalierungseffekte einmal einsetzen, auch das günstigere Design.

Kuckt man sich die Bruttomargen von Tesla, Mercedes und BMW im Highend-Segment an, kann man da schon einen Vorgeschmack bekommen. Diese Bruttomargen sind für Tesla erstaunlich hoch.

Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass eine Technologie, welche über Jahrzehnte entwickelt, perfektioniert und weltweit skaliert wurde, sich nach ein paar Jahren Tesla und Panasonic in der Kostenrechnung schon fast geschlagen geben muss? Wie werden diese Kostenvergleiche aussehen, wenn Elektroautos erstmal weiterentwickelt und zu Millionen gebaut werden?

Meine Schätzung geht dahin, dass man in 20 Jahren ein Elektroauto mit jeweils signifikant besserer Leistung in allen relevanten Punkten zu einem Drittel des heutigen Preises eines Verbrenners wird kaufen können. Ob man das dann überhaupt noch will, wenn man sich das selbstfahrende Auto einfach für den nächsten „Ride“ ausleihen kann, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.

Den Durchbruch werden Elektroautos wegen der viel besseren Wirtschaftlichkeit schaffen. Umweltschutz wird, auch wenn das vielen von uns, die wir uns um die Umwelt sorgen, nicht gefällt, keine große Rolle einnehmen. Er wird, um bei der Titelanalogie zu bleiben, die Pommes, das Gratin, die Ofenkartoffel bleiben. Niemand wählt wegen der Beilage ein entsprechendes Menu. Otto-Normal-Verbraucher wird immer fragen „Where’s the beef?“. Und „Beef“ ist, ob es uns gefällt oder nicht, in dieser Sache das liebe Geld.

 

Ingenieurversteher Blogparade 2017 

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogparade 2017 mit dem Themenschwerpunkt Elektromobilität des Ingenieurversteher-Blogs.

 

 

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4 Kommentare zu Umweltschutz, die moralische Sättigungsbeilage des Elektroautos.

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