Machen Sie sich glücklicher: Vergessen Sie Ihr „Privatleben“!

Die fixe Trennung von Privat- und Arbeitsleben wird mehr und mehr aufgemischt. In einer Welt voller Freiräume, Optionen und Möglichkeiten gerät das Konzept zunehmend unter Druck. Weil es ein Konzept ist, das Resultate produziert, die man mit dem fixen Privatleben gerade verhindern möchte.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Thank god it’s friday!

Auch wenn es gefühlt besser wird, es gibt unglaublich viele Leute, welche mit ihrem Job nicht zufrieden sind. Sich zwar nicht dermaßen abgestraft damit fühlen, dass sie tatsächlich etwas ändern würden, aber eben auch nicht so zufrieden sind, dass sie ihn gerne machen würden.

Und so bereits in jungen Jahren damit beginnen, diese Unzufriedenheit zu zelebrieren. In dem man z. Bsp. am Freitag auf allen Kanälen TGIF ausruft und das Wochenende als 2-tägige Mini-Pensionierung feiert. Als wären der Samstagseinkauf, der Auto-Putz oder Germanys next Superstar das pralle Leben.

Nun finde ich das auch nicht per se falsch: Jeder und jede darf so leben, wie er oder sie es gerne möchte und ich wäre wohl der Letzte der etwas sagen würde, wäre da nicht folgendes: Werden diese Leute älter, habe ich oft beobachtet, dass sie ernsthaft unglücklich werden. Es ist irgendwann nichts mehr wirklich gut genug. Weder der Job, der schon gar nicht, aber auch das kategorisch erzwungene und strukturierte Privatleben fällt ab.

Zwar ist dieses „Privatleben“ heilig und muss in festen Bahnen stattfinden, z. Bsp. von 17:00 Uhr an, aber es hat sich im Laufe der Jahre mit routinemäßigen Tätigkeiten gefüllt, die nicht befriedigend sind. Was folgt ist Enttäuschung, das Gefühl ausgeliefert zu sein, ein willenloses Rädchen im System zu sein. Und dass das Leben im Schnellzugstempo vorbeigeht. Ich finde das traurig und unwürdig.

Für die Abschaffung des Privatlebens und die Schaffung eines «Lebens»

Die Gründe für diese Zustände, denen wir zum Glück langsam aber sicher wieder entschwinden, liegen meiner Meinung nach in der zu starren Definition von Arbeits- und Privatleben.

Denn erst durch die strikte Teilung des Arbeits- und Privatlebens entstehen diese zwei Welten, welche sich gegenseitig konkurrieren und abstrahieren. Und das immer mehr tun werden, weil sich die Welt halt verändert.

Ich finde, wir sollten damit aufhören. Ich finde, wir sollten das starre Privatleben abschaffen und damit auch das fixe Arbeitsleben. Und einfach das Leben leben. Möglichst das tun, was uns Erfüllung bringt und Spaß macht. Egal ob jetzt gerade offiziell Freizeit, Feierabend oder Arbeitszeit verordnet ist.

Einfach mal frei machen können

Wenn ich junge Angestellte danach frage, warum sie sich selbständig machen wollen, kommt immer ganz weit vorne die Aussage, dass man dann «einfach mal an einem Nachmittag» freimachen könne. Was für ein Klischee. Dafür sollte man sich doch wirklich nicht selbständig machen müssen.

Der Wunsch nach Freiraum, nach selbständiger Einteilung von Arbeitszeiten ist lauter denn je. Überraschenderweise wird dem in der Mehrheit der Firmen nicht entsprochen. Das muss nicht sein und ich denke, viele Firmen haben nicht begriffen, dass sie ihre Attraktivität als Arbeitgeber erheblich steigern könnten, wenn sie ihren Mitarbeiter mehr Freiraum einräumen würden.

„Bitte verwechseln Sie jetzt mein Votum nicht mit der irrigen Vorstellung, man müsse einfach immer und überall arbeiten und verfügbar sein. Das sehe ich überhaupt nicht so. Es geht natürlich überhaupt nicht darum, arbeitsfreie Zeit abzuschaffen, sondern die Arbeitszeit frei einteilen und mit Freizeit durchmischen zu können.“

Dieser Freiraum ist aber unbestritten ein großes Bedürfnis. Warum das so ist, hat viele Gründe: Man versucht Beruf und Familie, Broterwerb und Selbstverwirklichung und vieles mehr gleichzeitig zu machen. Ich denke, es ist eine Errungenschaft dieser Zeit, dass das, wenn auch mit erheblichen Anstrengungen, durchaus möglich ist.

Nur eben die Strukturen dafür fehlen. Vielerorts wird Arbeitszeit noch immer strikt reglementiert und das Ganze gehandhabt, als wären wir in den 50igern.

Abends E-Mail abschalten

Ich, zum Beispiel, bin ein ausgesprochener Morgenmensch. Ich bin meist früh morgens extrem produktiv. Und ich kenne viele Leute, die erst nach 20:00 Uhr abends so richtig aufdrehen können. Wie soll denn das bitte zusammengehen? Ein fixer Arbeitstag von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr ist für beide dieser Extreme ein fauler Kompromiss. Das ist nur ein Beispiel von vielen.

Entsprechend irregeleitet finde ich auch die in der Sache hehren Versuche, die Mitarbeiter vor der «Always-On-Welt» zu beschützen, in dem man als Konzern die E-Mail-Kommunikation nach Feierabend abschaltet. Wie gesagt die Absicht ist wohl gut gemeint, aber die Maßnahme ist aus vielerlei Hinsicht einfach falsch.

Denn so behandelt man Kinder. Man verbietet ja den Kindern den selbständigen Umgang mit z. Bsp. Fernsehschauen oder Schokolade essen, weil sie damit eben nicht umgehen können. Man behandelt also die eigenen Mitarbeiter wie Kinder. Ich denke, das ist keine gute Idee.

Viel besser wäre, Strukturen zu schaffen, die ein flexibles Arbeiten ermöglichen und das fängt bei der Kultur an. Bei dem Bewusstsein mit den eigenen persönlichen Ressourcen sorgfältig umzugehen, sich Freiräume zu schaffen und gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen. Dieses Bewusstsein im Unternehmen zu erlangen, ist viel Arbeit und sollte vorgelebt werden vom Management. Meist ist oder gibt sich das Management jedoch permanent auf Arbeit.

Die Schaffung dieses Bewusstseins ist der härtere Weg. Viel härter als einfach über Nacht den Mailgateway zu pausieren. Aber auch ein Weg, der mittelfristig zu motivierteren Mitarbeitern und damit zu mehr Produktivität führt. Sehen Sie es als betriebswirtschaftliche Maßnahme.

Wie angehen?

Ich denke, auch hier ist das Agile Unternehmen wieder führend. Wenn sich die Mitarbeiter in kleinen Teams selbst organisieren, ist diese freie Einteilung und Organisation von Privat- und Arbeitszeit ohne großen Overhead zu machen. Die Mitarbeiter organisieren sich selber.

In agilen Unternehmen muss die Eigenverantwortung des Mitarbeiters so oder so extrem hoch sein. Dienst nach Vorschrift ist nicht. Und das ist ja auch gut so.

Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser

Ohne Vertrauen geht es nicht. Das ist für viele Führungskräfte tricky. Ich habe die letzten Jahre gelernt, dass man im Dienstleistungsbereich mit Kontrolle nicht weit kommt. Anstatt Sicherheit zu erlangen, passiert oft das Gegenteil. Man schafft ein Klima, in welchem nach Vorgaben gearbeitet wird. Und setzt man nicht alle Vorgaben umfassend und strukturiert auf, was bei komplexen Arbeiten quasi unmöglich ist, kann es gut sein, dass die Mitarbeiter zwar nach Vorgaben alles richtig machen, aber die Arbeit eben doch nicht den Ansprüchen des Kunden oder des Projekts genügt.

Viel bessere Erfahrungen habe ich damit gemacht, den Mitarbeitern die Problemstellung zu geben, verschiedene Sichtweisen zu liefern und sie dann machen zu lassen. An dem Punkt muss das Vertrauen einsetzen. Das funktioniert dann besonders gut und fällt leicht, wenn man als Unternehmer oder Führungskraft fachlich nicht so bewandert ist wie seine Mitarbeiter. Und ganz ehrlich, so sollte es großmehrheitlich auch sein, sonst haben Sie wahrscheinlich ganz einfach nicht die richtigen Mitarbeiter. Zumindest nicht in grösseren Unternehmen.

Mit guten Beispiel vorangehen

Wichtig finde ich, als Führungskraft mit gutem Beispiel voran zu gehen. Das heißt hauptsächlich mit Erwartungen bewusst umzugehen. So habe ich zum Beispiel lange Zeit E-Mails am Wochenende an Mitarbeiter geschrieben und im Footer einen Hinweis platziert, dass ich nicht erwarte, dass auch eine Antwort am Weekend erfolgen müssen. Das tönt erstmal paradox. Aber bei vielen Mitarbeitern erzeugt das Erhalten von E-Mails von ihren Vorgesetzten zu Unzeiten, den Druck zu Unzeiten auch zurückschreiben zu müssen. Das darf natürlich nicht sein.

Bei uns in der AOE leben wir das Agile Unternehmen auch diesbezüglich. Zwar schreibe und erhalte ich viele E-Mails abends, am Wochenende oder auch nachts, was als international aufgestelltes Unternehmen unvermeidbar ist. Aber niemand erwartet, dass zu Unzeiten gearbeitet wird. Was Unzeit ist oder nicht, definiere ich eigenverantwortlich und situativ. Das heißt, wenn ich an einem Sonntag Lust habe mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, arbeite ich daran und schreibe auch zurück. Wenn nicht dann nicht.

Ein abwechslungsreicheres, farbigeres Leben

Dass die Arbeit gemacht und auch pünktlich gemacht werden muss, ist dabei selbstredend. Und so entstehen natürlich auch Engpässe, Situationen wo man eigentlich lieber was Anderes täte. Aber eben z. Bsp. Angebot Nr. XY halt einfach COB raus muss. Das lässt sich nicht vermeiden. Ist ja schließlich immer noch Arbeit bzw. Business und nicht ein Tag am Strand. Und das ist auch gut so, weil es einem regelmäßig den wirtschaftlichen Ernst des Lebens vermittelt. Wenn alles zur Disposition stünde, würde alles beliebig und unverbindlich.

Aber jene Zeit, in der es nicht so klare Zwänge gibt, lässt sich effektiver nutzen. Was daraus entsteht ist ein abwechslungsreicheres, farbigeres Leben. Eines das Familie und/oder Selbstverwirklichung und Beruf (lesen Sie hier ruhig Karriere, wenn Sie davon was halten) besser vereinbar macht. Nicht perfekt aber besser. Und interessanter.

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