Von wegen post-faktisch: Das Zeitalter der 1000 nicht-vertrauenswürdigen Quellen!

Wenn ich vor zehn Jahren nach Hause zu meinen Eltern ging, und wir über irgendein Thema, wie zum Beispiel eine Abstimmung oder ähnliches diskutierten, gab es oft ein Punkt in der Diskussion, an dem uns ein Stück relevante Information fehlte. Wir spekulierten jeweils noch einen Moment ob es vielleicht so oder so sei und wechselten das Thema. Heute ist dies anders.

(Lesedauer 8 Minuten)

Internet, immer und überall mit dabei

Heute sieht die Welt anders aus in solchen Diskussionen. Wenn uns heute ein Stück relevante Information fehlt, spekulieren wir nicht, sondern einer der Diskussionsteilnehmer googled die Information. Und wir führen die Diskussion fort. Auf einem anderen Informationslevel.

Zeitalter der 1000 vertrauensunwürdigen Quellen

Das ist erstmal ein Segen. Die Gespräche werden dadurch intensiver, interessanter und länger. Es ist aber auch Fluch; denn wo man früher eine hitzige Diskussion im Kompromiss, nämlich jenem, dass man nun nicht weiterwisse, friedlich beenden konnte, geht heute das Gefecht mit jedem Fetzen verfügbarer Information bis zum bitteren Ende weiter. Und so mancher und manche, kann das diskussionstechnische Schlachtfeld nicht verlassen ohne das Gesicht zu verlieren. Das verstärkt die Verbissenheit einiger Diskussionsteilnehmer nur zusätzlich.

Wahr, unwahr, manipuliert, falsch

Das schwierige an dieser schnellen Informationsbeschaffung ist, dass das Stück Information, das gegoogled wird wahr, unwahr, manipuliert oder schlicht falsch sein kann. Um es noch komplizierter zu machen, es kann von allem ein wenig sein.

Nicht weiter verwunderlich

Es ist unglaublich schwierig, heute den Wahrheitsgehalt von Informationen zu prüfen. Und vor allem ist es aufwändig. Viele Leute machen den (logischen) Fehler und sprechen der heutigen westlichen Gesellschaft zunehmend den Willen ab, sich faktenorientiert zu verhalten. Ich behaupte, dem ist nicht grundsätzlich so.

Steigende Menge an Quellen

Ich glaube es hat vielmehr mit der Menge der verfügbaren Information zu tun. Der große Unterschied zu, sagen wir einmal den 80er Jahren ist, dass mehr als das tausendfache an Information praktisch zu jedem Thema für den Bürger zur Verfügung steht. Damit steigt der Aufwand um sich in einem Thema ordentlich zu informieren exorbitant.

Nehmen Sie als Beispiel irgendein Thema Ihrer Wahl: 1980 hatte man dazu vielleicht ein Nachschlagewerk in Buchform, die Medien und eventuell eine Ausbildung in just jenem Thema. Sofort zugänglich waren im Glücksfall eine oder maximal zwei Quellen. Es waren so wenige, dass man komplexe Themen erst gar nicht zu recherchieren begann. Und das Recherchieren an sich brauchte so viel Zeit, dass man nicht einfach mal eben vom Tisch der Diskussion weglaufen konnte um dann zwei Stunden später vielleicht mit einem Ergebnis wieder zu kommen. Da war die Diskussion garantiert vorbei. Als recherchierte man gar nicht.

Heute ist die anders. Die Anzahl Quellen die Sie zum Thema Ihres Beispiels finden ist meist in den tausenden. Googlen Sie Ihr Beispiel kurz und sehen Sie selbst. Die Zeit die Sie investieren müssten um Ihre Beispiel möglichst objektiv zu durchdringen ist sogar noch um einiges höher als im Szenario der 80er Jahre. Ganz einfach weil die Anzahl zu berücksichtigenden Quellen um ein vielfaches höher ist.

Gerade weil wir so viele Quellen sofort verfügbar haben, entsteht bei uns der Eindruck, wir könnten uns auch praktisch sofort sauber informieren. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Wir bräuchten sehr viel mehr Zeit dafür.

Themen werden komplexer

Das wird nicht gerade einfacher, weil die Sachthemen resp. gerade auch die politischen Themen viel komplexer geworden sind. Um zum Beispiel über den Atomausstieg nur schon alle Fakten einigermaßen belastbar auf dem Tisch zu haben, benötigen Sie rund 2-3 volle Tage Recherche. Dabei ist vielfach eine Information nicht falsch oder richtig, sondern in einem gewissen Kontext zu sehen. Das Ergründen dieses Kontexts und das anschließende Relativieren der Information ist das, was den meisten Menschen schon rein von der intellektuellen Kapazität her nicht leichtfällt.

Zudem, wer will heute schon so viel Zeit in ein bestimmtes Thema investieren. Fast niemand. Das war aber früher, in der guten alten „faktischen“ Zeit, auch nicht anders.

Vielmehr war es so, dass die Anzahl Quellen viel kleiner war. Man las die Zeitung, und noch eine zweite und gut war. Man diskutierte mit Freunden und gut war. Man hatte eine Meinung.

Theoretisches Risiko zur Manipulation sinkt – das praktische steigt

Man hatte gar keine Möglichkeit, die Informationen welche man aus den Medien erhielt, vertieft zu prüfen. Hehre Journalisten verpflichteten sich dem objektiven Journalismus und konnten sich ihn wohl besser als heute leisten, ja. Aber heute wie damals gilt im Journalismus, wessen Brot ich ess, des Lied ich sing. Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich sehe darin keine Verschwörung oder so, sondern ich denke das ist die ganz normale Natur des Menschen. Dieser Trend, so glaube ich, wurde durch die nun schon Jahrzehnte anhaltende Krise der Medienbranche, erheblich verstärkt.

Einfache, pragmatische Rezepte

In diesem Umfeld sehnen sich die Leute nach einfachen, pragmatischen Rezepten, klaren Schuldigen und klaren Heilsbringern. Das taten sie schon immer behaupte ich. Nur war es früher möglich, durch einen gewissen Zeitaufwand zu einer vermeintlich faktenbasierten Meinung zu kommen. Mit dem selben Zeitaufwand mit dem ich früher 100% aller Quellen berücksichtigen konnte, kann ich heute als Bürger höchstens 1 bis 3 Prozent abdecken. Ich glaube daher, die Menschen haben sich eben nicht grundlegend geändert, sind nicht „post-faktisch“ geworden. Sie leben nur im Zeitalter der „1000 nicht-vertrauenswürdigen Quellen“.

Soziale Währung No. 1: Aufmerksamkeit

In einer solchen Konstellation ist Aufmerksamkeit eine der bedeutendsten sozialen Währungen. Und da wir unser Smartphone überall mit hinnehmen, an jeden Ort, in die intimste Ecke, ist es auch möglich immer und überall Aufmerksamkeit zu erlangen.

Das tue ich als Protagonist aus Politik oder als sonstige öffentliche Person oder Institution freilich nicht in dem ich möglichst ausgewogen und objektiv fachliches richtig darstelle. Nein, ich tue es indem ich möglichst laut und schrill auftrete. Und da die Kadenz der Aufmerksamkeitspunkte, also die kurze Zeitstrecke in der ich die Aufmerksamkeit der Leute habe, muss möglichst hoch sein.

The Donald – der Magic-Johnson in Sachen (Social-)Media

Donald Trump ist der wahre Großmeister und Godfather dieses Social-Media und Medien-Spiels. Er hat es, bewusst oder unbewusst, perfekt drauf. Und ja, natürlich hatte er die gesamte Debatte im Wahlkampf ad absurdum geführt. Was aber viel wichtiger war ist, dass er permanent unsere Aufmerksamkeit hatte. In Social-Media und wenn wir ihn dort überall geblockt haben, dann halt über die traditionellen Medien. Es gab für niemand ein Entkommen.

Man muss nur einmal sagen, alle Mexikaner wären Kriminelle und schon hat man 3 Tage volle Aufmerksamkeit. Und er hat dieses Spiel sehr geschickt gespielt, da er für jeden etwas parat hatte: Für die Alt-Rights eben die bösen Mexikaner, für Leute wie mich die Idee Washington vom Lobbyismus zu befreien und mit Russland lieber gute Beziehungen anstatt Sanktionen anzustreben.

Das macht mich noch lange nicht zum Trump-Fan. Aber viele welche keine Zeit investieren wollen, welche schnelle und einfache Rezepte lieben, eben schon. Und darum gab es auch so viele „Leaners“ – Leute welche sich zu einem hinüberlehnten („lean-in“) und nur hinter vorgehaltener Hand ihre Unterstützung für Trump äußerten.

Nicht Worte sondern Taten zählen, zum Glück…

Was Trump anscheinend – und beruhigenderweise – auch weiß ist, dass es zum guten Ton gehört, im Wahlkampf irgendwelche Aussagen zu machen welche mit der realen, folgenden Politik nicht mehr viel zu tun haben. Das ist beileibe, und gerade auch in der amerikanischen Politik nichts Neues. Man erinnere sich nur an das „read my lips“ Debakel von Bush Senior. Irgendwas zu versprechen und es dann anders kommen zu lassen gehört überall auf der Welt in der Politik dazu.

Aus all dem jetzt das grosse post-faktische Zeitalter zu schneidern, so finde ich, ist ein weiterer Schnellschuss, ein weiteres einfaches Rezept auf eine problematiche Sachlage. Eine Sachlage welche unglaublich komplex ist. In einer Welt in der man zunehmend nicht mehr weiß, was richtig oder falsch ist. Nicht weil wir zu wenig Information haben, sondern weil wir viel mehr Information haben. Dabei, so behaupte ich, sind nicht die Werte – der Glaube an das Faktische per se verloren gegangen.

Bildung

Dass das indes nicht doch noch geschieht, ist nicht unwahrscheinlich: Zukünftige Generationen wachsen in dieser Welt dieses „Aufmerksamkeits-Daytradings“ auf. Und finden Ignoranz vielleicht plötzlich cool. Sie sind die wahren zukünftigen Verlierer, weil sie den faktisch orientierten Mitbürgern in jeder Hinsicht unterlegen sein werden. Dies können wir verhindern, in dem wir Bildung, und damit meine ich moderne, reformierte Bildung, in der westlichen Welt zur Top-Priorität machen.

Und in dem wir z. Bsp. einen unabhängigen Informationsspider bauen, der Informationen aus tausenden Quellen in Relation zu einander setzt und versucht uns die mühsame Recherchearbeit abzunehmen. Was dann auch wieder ungeahnte neue Risiken mit sich bringt. So schnell kommen wir aus dem Dilemma nicht raus. Derweil wächst die Anzahl Quellen rapid.

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3 Kommentare zu Von wegen post-faktisch: Das Zeitalter der 1000 nicht-vertrauenswürdigen Quellen!
  1. M. Weiss Antworten

    ich finde Ihren Artikel äußerst interessant. Es ist eine sehr klare Analyse des Dilemmas, dessen sich nur wenige (glaube ich) bewusst sind. Ich kann ihn aber nicht einfach weiterleiten, weil ich aus einigen von Ihnen angeführten Gründen ein Social-Media-Verweigerer (außer WhatsApp und Threema im Freundeskreis) bin.

  2. Rita Seidel Antworten

    Der einzige Ausweg? Es gibt mindestens noch einen zweiten. Der heißt Bildung. Bildung im Sinne der Fähigkeit, Transferleistungen zu erbringen.

  3. Simon Antworten

    Der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre die Demokratie zu opfern und nicht mehr die Leute abstimmen zu lassen, sondern eine unabhängige KI, welche alle Fakten zusammenträgt und sich für die beste mögliche Vorgehensweise entscheidet. Nur wird sich das wohl nie durchsetzen. Selbst wenn die KI 1 mio. mal schlauer wäre als der intelligenteste Mensch und über sämtliche Informationen verfügen würde, wären die Menschen immer noch der Überzeugung, sie wüssten es besser. Und schlussendlich ist das auch heute das Problem. Es wählen einfach zu viele ab, die sich auf plumpe Art manipulieren liessen und dann meinen, sie wüssten was Sache ist.

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