Wie wir es nachhaltig versauen: Mit Bildung von gestern für die Welt von morgen.

Dadurch, dass ich eine Familie habe, kam ich in den letzten 3 Jahren mit zwei Gebieten recht intensiv in Kontakt. Zum einen mit dem Spitalbetrieb und mit dem Bildungsbereich. Ich halte beide Bereiche für verblüffend ineffizient und sehe sie aus unternehmerischer Sicht als lukrative Märkte. Während im Spitalbereich extreme Kosteneinsparungen bei gleichzeitiger Verbesserung des Produkts möglich sind, ist der «Modus Operandi» im Bildungsbereich einfach nur schädlich für unsere Gesellschaft. Wie verquert diese ganze Diskussion mittlerweile ist, zeigt die Debatte um den «Digitalpakt» von Bildungsministerin Wanka.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Plötzlich gibt es Geld, aber man will es nicht

Was da alles im Detail vorgefallen und gesagt wurde, können Sie gerne hier nachlesen. Im Kurzabriss geht der Plot so, dass Bildungsministerin Wanka eine Initiative gestartet hatte, welche vorsieht gesamthaft 5 Mrd. EUR in die IT-Ausstattung aller 40’000 Schulen in Deutschland zu investieren. Der Politikbetrieb fand das grundsätzlich erstmals gut. Ausgerechnet aus der Ecke der Lehrer und der Gewerkschaften kam jedoch starker Widerstand.

So lässt sich Josef Kraus, seines Zeichens Präsident des Deutschen Lehrerverbands, mit den Sätzen zitieren, dass er keine „Laptopklassen“ möchte und dass die Schulen doch schon digital unterwegs seien und es «nicht mehr brauche». Und, dass es besser wäre, das Geld in die Schulbibliotheken zu investieren und dass sozial schwache Schüler viel lesen müssten. Explizit das „gedruckte Wort“. Also Druckerschwärze und Papier. Nicht nur der Digitalisierung wohlgesinnte Leute rieben sich ab so viel Rückwärtsgewandtheit die Augen.

Nun, diese Leute bereiten unsere Kinder auf die Zukunft vor. Lesen Sie den Satz nochmals. Wenn Sie Kinder haben, wird es Ihnen wohl auch kalt den Rücken herunterlaufen.

Schleusen auf oder Verweigerung?

Wenn Sie jetzt denken, ich sei so ein Vater, der den Kindern alles erlaube und ihnen schon alle möglichen Gadgets gekauft hätte, dann irren Sie sich. Ich bin wohl technologiebegeistert und optimistisch, aber ich bin kein Dummkopf. Es gibt genug Daten die zeigen, dass man Kindern bis 12 Jahre wohl besser keinen ungeingeschränkten Zugang zu Smartphone, iPad, etc. gibt. Ich bin keiner dieser „Schleusen-auf“ Elternteile, die ihren Kindern einfach alles geben. Und, das ist meist der härtere Weg, weil Kinder sich dann draußen mit ganz grundsätzlichen Dingen beschäftigen müssen. Z. Bsp., dass man sich Zähne ausschlagen kann, wenn man es übertreibt oder man nicht einfach alle Pilze im Garten essen sollte. Das ist als Eltern viel aufwändiger, als den Kindern einfach ein Tablet zu schenken. (Insofern ergibt sich hier auch wieder der indirekte Link zum Spitalwesen.)

Auf der anderen Seite sollen sie auch lernen, dass es diese elektronischen Dinge gibt und dass diese Dinge interessant und nützlich sind. Erinnere mich gerade daran, wie ich «No-Man-Sky» angespielt habe und mein zweitältester Sohn (5 Jahre) über 1.5 Stunden aufmerksam mit mir nach neuen Ressourcen suchte.

Ich denke, es ist wie mit vielem: Das eine tun, das andere nicht lassen. Mass halten. Genau darauf, auf eine Weiterentwicklung der Bildung mit Augenmaß, läuft es aber leider nicht hinaus, sondern einmal mehr auf Frontenbildung.

Im Digitalen Wandel ist immer auch Kulturwandel – gerade auch im Bildungswesen

Dabei zielt die aktuelle Diskussion komplett an den wirklich wichtigen Fragestellungen vorbei. Weil im Grunde genommen ist es im Moment völlig egal, ob da mehr Breitbandzugänge, Tablets oder was auch immer stehen. Es hilft alles nichts, wenn noch nach alten Paradigmen unterrichtet wird.

Die quälende und vor allem Entscheidende Frage ist doch nicht, ob jetzt Tablets angeschafft werden sollen, sondern was Bildung im Zeitalter des stets verfügbaren Wissens überhaupt sein soll.

Früher ging man in die Schule um Wissen aufzuladen

Denn ging man früher in die Schule um Wissen aufzuladen, in sich hinein zu pumpen, ist dies heute schon fast irrelevant geworden. Dabei spreche ich nicht davon, dass das Verstehen von Grundlagen und zugrundeliegenden Konzepten nicht mehr notwendig wäre, sondern das unendliche auswendig lernen. Ich musste zum Beispiel alle Namen aller Vögel und aller Pflanzen bei uns in der Umgebung auswendig lernen. Das machte damals vor 30 Jahren durchaus einen gewissen Sinn, der sich mir, wie könnte es anders sein, damals natürlich nicht erschloss. Es war aber damals schlicht die beste Möglichkeit dieses Wissen schnell verfügbar zu halten. Heute würde ich mir die Vögel im Wald wohl „shazamen“ oder so. Wenn ich denn in den Wald gehen würde.

Was müssen Kinder heute lernen, um morgen erfolgreich zu sein?

Heute, und da muss ich nichts weiter ausführen, sieht die Welt komplett anders aus. Und sie wird morgen nochmals stark anders aussehen. Anstatt Wissen zu vermitteln, muss Bildung in Zukunft einen anderen Zweck erfüllen. Der Anteil Grundwissen für den täglichen Bedarf wird sicher noch bleiben: Kopfrechnen, Rechtschreibung, Geographie und so weiter.

Darüber hinaus aber muss ein Umdenken, eine Neu-Definition von Bildung geschehen. Ein paar Dinge die mir offensichtlich erscheinen:

Programmieren lernen

Ziemlich offensichtlich, gehört für mich das Programmieren vom ersten Schuljahr mit dazu. Dabei geht es nicht von Anfang an darum Code zu schreiben, sondern darum, grundlegende Konzepte und Denkmuster zu erlernen. Das kann man von mir aus, wenn es Herr Kraus lieber ist, auch gerne mit Bleistift und Papier machen. Günstiger wäre es allemal.

Geschichte

Geschichte ist unglaublich wichtig. Nicht Jahreszahlen und Namen, sondern die Auseinandersetzung mit den Learnings der Geschichte. Es ist erstaunlich, wie schnell die Menschheit ihre eigenen „Fails“ vergisst und sie darum auch wiederholt. Es ist viel zu wenig Bewusstsein für Geschichte beim durchschnittlichen Bürger vorhanden. Das muss ganz dringend geändert werden.

Wissenschaft

Es sollte einen Fachbereich geben welcher wissenschaftliche Ansätze per se unterrichtet. Jedes Kind sollte am Schluss der Grundbildung verstehen, wie neue Technologie und wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden und wie sie über die Zeit Einfluss auf unser aller Leben nehmen.

Toleranz & Disziplin

Ja sie lesen richtig. Diese beiden Dinge gehören zusammen. Und ich denke, es fehlt vielen Kindern an beidem. Ich sehe diese beiden Dinge auch nicht primär als Werte, sondern als Skills. Etwas, das man fürs Leben lernen muss. Bitte beides nicht zu arg verbissen. Viele Eltern heute verstehen nicht, dass Ihre Kinder ohne Toleranz und Disziplin im Leben einfach permanent schlechter gestellt sind. Toleranz und Disziplin sind die Basis, auf der eine gemeinschaftliche Gesellschaft aufbauen. Und das scheint mir, in Zeiten von immer mehr gespaltenen Gesellschaften, erstrebenswert. Man kann sich auf Gemeinsamkeiten oder auf Unterschiede konzentrieren. Weil es uns allen heute so dermaßen toll geht materiell, konzentrieren wir uns leider heute auf die Unterschiede.

5 Mrd. sprechen ist doch einfach

Der „Digitalpakt“, Kriegsrethorik werden wir anscheinend nie los, ist sicher ganz gut gemeint. Aber, und man muss das auch sagen, er ist der Weg des geringsten Widerstandes. Ungleich aufwändiger ist es, eine inhaltliche Bildungsreform auf den Weg zu bringen. Um bei der Kriegsrethorik zu bleiben: Ein wahres Minenfeld für eine Bildungsministerin. Schon verständlich will man lieber Tablets ordern.

Eine neue Generation Lehrer

Auch wenn sich viele Lehrer nun auf den Schlips getreten fühlen, glaube ich, dass wir eine Armada von neuen Lehrern brauchen. Wir müssen den Lehrerberuf wieder zu einem Spitzenberuf machen. Das war er einmal. Und hoch angesehen. Nach den Aussagen von Kraus bezweifle ich, dass das Einschlagen eines neuen Wegs mit einem Großteil dieser Truppe möglich ist. Man kann die Leute, gerade auch Lehrer, nicht einfach ändern. Und ja, es gibt auch ganz tolle Lehrer. Ich hatte sogar einige in meiner Schulkarriere.

Einmal mehr: Die USA

Wir Europäer belächeln das Bildungssystem der USA ja immer ein wenig. Da sind diese Multiple-Choice – Tests, die enge Verbandelung mit der Privatwirtschaft und die unglaublichen Studentenkredite. Aber was Digitalisierung im Bildungsbereich angeht, glaube ich sind sie schon weiter. Es gibt einfach weniger Berührungsängste.

Wir laufen also Gefahr, dass während in den USA Kinder bereits coden, wir hier in Europa noch darüber diskutieren, ob wir nun auf Papier oder Screen lesen sollen.

So haben schon unzählige Schulen und Universitäten in den USA Apples «Everyone can code» Programm aufgenommen. In Deutschland ist meines Wissens, und ich lasse mich sehr gerne korrigieren, nur die TU München mit dabei.

Gesellschaft, nicht Wirtschaft

Dass wir damit wirtschaftlich verlieren, naja, so ist es halt. Ich denke, wir nehmen unsere momentane geo- und nationalpolitisch orientierte Wirtschaftsleistung viel zu ernst (ja ja ja, schreib ich auch mal was darüber). Was ich wirklich schlimm finde, ist, dass wir uns mit einem solchen, rückwärtsgewandtem Bildungskultur Gefahr laufen als Gesellschaft, als Community zu verlieren. Und damit verlieren wir über kurz oder lang alles.

Denn eine zwar wirtschaftlich unterlegene Gesellschaft mit guter, zukunftsfähiger Bildung kann mit Fleiß und Einsatz auch Ihre Wirtschaft wieder zu Gange bringen. Eine bildungstechnisch abgehängte Gesellschaft kann und wird nur noch verlieren. Und damit meine ich explizit auch intellektuell verlieren.

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5 Kommentare zu Wie wir es nachhaltig versauen: Mit Bildung von gestern für die Welt von morgen.
  1. Andrea Antworten

    Aus meiner Sicht ist das Problem, dass die IT Budgets in Hardware gesteckt werden, aber nicht ins zugehörige KnowHow und Personal. 2000€ Laptops sind schnell angeschafft, dazu gibt es aber weder einen SysAdmin noch sinnvolle multimediale Integration, vorgefertigte Konzepte oder gar passende Software für den Unterricht. Außer auf Eigeninitiative von vereinzelten Lehrern, doch auf deren Rücken werden schon viel zu viele tolle Initiativen ohne Budget ausgetragen.

  2. […] Dadurch, dass ich eine Familie habe, kam ich in den letzten 3 Jahren mit zwei Gebieten recht intensi... scoop.it/t/bildungsreflexion/p/4072434415/2016/12/05/wie-wir-es-nachhaltig-versauen-mit-bildung-von-gestern-fur-die-welt-von-morgen
  3. Jörg Weisser Antworten

    Das Problem in unserem Bildungssystem in Europa ist, dass ausschließlich nach dem didaktischen Prinzip (nach der Wissenschaft des Lehrens) und überhaupt nicht nach dem mathetischen Prinzip (Wissenschaft des Lernens) Wissen und Kompetenz vermittelt wird. In der Didaktik wird unterrichtet, in der Mathetik aufgerichtet. In der Didaktik wird drüber gefahren mit dem Lehrstoff über eine Menge von Menschen, in der Mathetik werden die Menschen dort abgeholt wo sie stehen und damit gearbeitet. Das Endergebnis: Mathetiker gehen beseelter und sinnstiftender durchs Leben und verändern die Welt nachhaltig.

    Und es gäbe in unseren Breitengraden sogar Experten wie beispielsweise den Horst Dorner dazu, da bräuchten wir nicht einmal neidisch in die USA zu blicken.

  4. Roman Antworten

    hervorragende Analyse: Blueprint-Charakter!
    Was man noch ergänzen oder verstärken könnte:
    Mehr Skills vermitteln, die im Berufsleben helfen werden:
    -Grundwerte (Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Stärke….)
    -Soft-Facts: Glücks-/ Stress-Management, Debattieren/Konfliktmanagement
    -Kreativitäts- (Lars Tvede) und Learn-Fail-Management
    -Selbstkompetenz, um selbst etwas zu lernen (Projektarbeit)
    -Treibermodell, warum Bildung (Fundament für Arbeitswelt), ökonomische Zusammenhänge der Arbeitswelt (und Industrie4.0 & Co)
    -„was will ich, was kann ich, was macht mir Spass“ (und warum?)
    Gleichzeitig aber kompromisslose Konsequenzen für nicht-integrierwillige Eltern und Kinder (Verletzung der Grundwerte, fängt bei deutschen Sprache an und kulturelle Wolfsrudel)

    Ich staune als Beobachter in ähnlicher Situation: welche Kompetenzen heutige Unterstufen ca 5-12 Jahre früher (!) als uns vermittelt werden (Mindmaps, Projektarbeit, multimediale Präsentationen, 360Grad Feedback, Klassenrat, wertschätzendes Feedback).

    Aber andererseits negativ, dass vieles von intrinsisch motivierten Lehrpersonen und Schulleitern (die üblicherweise nach 1-3 Jahren wieder künden!!) abhängig ist. Noch schöner: Topshots in der Schulbehörde, die ihre Kinder in Privatschulen schicken…

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