Gedanken zum Tag der Arbeit: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

Die Art und Weise der Arbeit hat sich seit dem die Menschheit anfing Werkzeuge einzusetzen, stetig verändert. Diese Werkzeuge führten dazu, dass für den einzelnen Menschen zwar immer weniger Arbeit anfiel und, dem Strich jedoch trotzdem immer mehr erledigt werden konnte. Im Laufe der Zeit entwickelten wir ein wirtschaftliches System, das darauf abzielt, Arbeit in Bezug auf deren Menge und Qualität zu entlohnen. Wie gehen wir damit um, wenn es in Zukunft immer weniger Arbeit wie wir sie kennen geben wird? Eine Einschätzung fernab jeglicher Politik über die Zukunft der Arbeit, rechtzeitig zum Tag der Arbeit 2015.

(Lesedauer 5 Minuten)

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Das unterliegende Problem

Das Problem mit der wirtschaftlichen Beschäftigung der Menschen ist durch 2 Faktoren getrieben; Zum einen sorgt ein exponentiell wachsender technologischer Fortschritt für rasche Produktivitätszugewinne. Das heisst, viel Arbeit die bis dahin manuell von Menschen gemacht wurde, kann durch technologische Hilfsmittel effizienter ausgeführt werden.

„Es gibt also, ganz einfach gesagt, immer weniger manuelle Arbeit für immer mehr Leute.“

Gehen Sie in der Zeit zurück, werden Sie sehen, dass wir seit jeher eine Verlagerung der Arbeit des primären Sektors hin zum tertiären Sektor sehen. In zunehmendem Masse ist für die Wirtschaft nur noch der Intellekt eines Menschen interessant.

Der zweite Faktor ist das exponentielle Wachstum der Bevölkerung (das notabene auch erst durch die technologischen Fortschritte möglich wurde).

Das bisherige Rezept

Diesem Effekt wurde bis jetzt entgegnet, indem man die durchschnittliche Arbeitszeit einfach senkte. Wir arbeiten je nach Berufsgruppe und Land noch die Hälfte des Pensums von vor 200 Jahren. (z. Bsp. in Deutschland von 3.920 h pro Jahr auf 1.645 h 2014)

Diese Rechnung ist bisher im volkswirtschaftlichen Kontext darum aufgegangen, weil das wirtschaftliche System trotz höherer Einkommen aus den technologischen Produktivitätsgewinnen ein Systemwachstum generieren konnte (Nein, das steht so nicht in den VWL Büchern, ist aber trotzdem so). Und weil die Wirtschaft noch immer schädliche Nebeneffekte nicht genügend internalisiert hat. Sprich: Die Wirtschaft wächst auch immer noch auf Kosten der Umwelt (wir benötigen heute 90 Millionen Barrel Öl, pro Tag!)

Auf ewig so weiter?

Unser wirtschaftliches System ist darauf ausgelegt, Produktivitätsgewinne zu monetarisieren und gleichzeitig Arbeit zu entlöhnen. Von erstgenanntem wird es in Zukunft viel mehr geben – von zweitem wohl immer weniger. Die Entlöhnung von Arbeit ist jedoch Grundlage der Einkommen, und diese wiederum die Basis jeglichen Konsums. Verändert man also die Parameter, kann das auf Dauer nicht gut kommen. Das System funktioniert nicht mehr. An der Schwelle zu diesem Umbruch stehen wir gerade. Bitte verstehen sie mich nicht falsch, ich erwarte weder den Weltuntergang noch den totalen Kollaps unseres Wirtschaftssystems. Aber es wird nicht ohne Anpassungen weiter so funktionieren. Darum gibt es die öffentliche Debatte über längere Lebensarbeitszeiten, tiefere Renten etc.

Der Begriff der Arbeit

Es hilft, sich das Wesen der Arbeit im historischen Kontext anzusehen. Die Arbeit wie wir sie kennen, also mit der harten Trennung in Freizeit und Arbeitszeit, gibt es erst seit der Lohnarbeit der industriellen Revolution. Die Erwerbsarbeit war die letzten 80 Jahre ein fix definierter Teil des Alltags. Und zunehmend geriet die Arbeit bei einem Teil der Arbeitnehmern in Verruf, da sie die Tätigkeit zwar nicht gerne aber trotzdem ausübten, weil es für sie ökonomisch am sinnvollsten erschien.

Wege aus dem Dilemma: 5 Punkte

  1. Lösen wir uns von unserer Vorstellung von Arbeit.
    Vergessen wir doch einfach dieses „Privat“ und „Geschäftlich“ Ding. Wir verlieren damit vielleicht gedanklich einen Rückzugsort (das Private, in dem wir in vordefinierten Slots überhaupt nicht verfügbar sind/sein müssen), erhalten dafür die Freiheit den ganzen Tag entscheiden zu können was wir machen. Spreche ich mit Leuten die den Schritt in die Selbständigkeit machen wollen, höre ich als Motivation oft „Der eigene Chef sein“. Frage ich „Was meinst Du damit?“ ist die Antwort nicht selten „einfach mal einen Nachmittag frei machen können wenn mir danach ist“. Diese Art von Freiheit und Lebensqualität ist doch mehr wert als z. Bsp. Abends immer „Freizeit machen zu müssen“. Das sollte auch als Angestellte möglich sein.
  2. Jene Arbeit machen die Spass macht, nicht jene welche am meisten bringt.
    Stichwort Lust: Was wir arbeiten sollte wieder vermehrt auf die persönliche Begabung und die Lust Bezug nehmen. Ich kenne so viele Eltern die für ihre Sprösslinge bereits einen Karriere-Weg vorgespurt haben und sämtliche Entscheidungen an materiellen Parametern festmachen. Dies produziert Leute die zwar auf dem Papier gut ausgebildet sind, wohl auch leicht überdurchschnittlich verdienen aber eigentlich Lust auf ganz andere Tätigkeiten hätten. Das ist falsch, aus einer persönlichen wie auch einer volkswirtschaftlichen Sicht; Denn Mitarbeiter sind dann am besten, wenn sie das tun können was ihnen Spaß macht. Und der Mensch ist dann erfüllt, wenn sein Tagwerk ihm nicht nur Lohn und Brot, sondern auch Befriedigung bringt. Supereasy eigentlich, oder?
  3. Beginnende Systemänderung
    Wir müssen in einem 1. Schritt einen Weg finden um die Entlohnung der Mitarbeiter davon abhängig zu machen, was sie dem Unternehmen bringen. Das ist nicht unfairer oder fairer als eine Abrechnung der Zeit. Natürlich, ein enormer Paradigmenwechsel – aber wenn sie das Gedankenexperiment durchspielen, stellen sie fest, dass es den Mitarbeitern sehr viel mehr Freiraum lässt. Zeit zu leben. Was bleibt ist, dass man sich als Mitarbeiter anstrengen muss seine Arbeit gut zu machen und besser zu werden. Aber das muss man sowieso. Für die Unternehmen wäre ein solcher Wechsel auch einfacher; anstatt sich mit Über- und Unterzeit und einem Haufen Administration und Kontrolle zu beschäftigen, sollte man die Mitarbeiter nach deren Leistung beurteilen. Stellen Sie sich vor Sie würden in einer Firma arbeiten wo jeder das macht, was er kann und mag, und sich jeder richtig Mühe gibt. Wäre die Menge an Zeit die man mit Arbeit verbringt, nicht komplett irrelevant? Und wäre das nicht fairer? Wohl schon, und wir könnten so mehr Leute an den Produktivitätssteigerungen teilhaben lassen, weil die Leute insgesamt produktiver und wandlungsfähiger wären.
  4. Das Gegeneinander muss aufhören
    Wenn ich mir die Streiks der Transportindustrie ansehe (und immer mal wieder zu spüren bekomme) kann ich nur den Kopf schütteln. Diese Grabenkämpfe (wie übrigens auch jene in der Politik) sind völlig unnötig. Wann lernen diese „Verhandlungsparteien“, dass es nur gemeinsam geht und dass (auch nicht physikalische) Gewalt (immer, absolut immer) Gegengewalt erzeugt. In einer Sozialpartnerschaft darf es keinen Stärkeren geben. Wer das nicht erkennt, hat nicht begriffen, dass die Arbeitnehmer die Arbeitgeber so dringend brauchen wie umgekehrt. Miteinander oder gar nicht. Anstatt nun lange dafür zu verhandeln um das Beste für eigene Partei rauszuholen wäre es doch viel effektiver, das gesamte System zu betrachten und gemeinsam Änderungen vorzunehmen die alle weiterbringen.
  5. Schluss mit dem abrupten Ende der Lebensarbeit
    Arbeit sollte kein Ende kennen. Das „in Rente gehen“ ab einem fixen Zeitpunkt im Leben ist eine Erscheinung der letzten 70 Jahre und unnatürlich. Verstehen Sie mich um Gottes Willen nicht falsch: Keinesfalls finde ich, dass ältere Menschen einer Arbeit nachgehen müssen um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Gegenteil, es sollte Senioren freigestellt sein ob sie arbeiten wollen oder nicht. Aber viele Leute die in Rente sind möchten überhaupt nicht ohne Arbeit sein. Den Pensionierung ist auch immer eine soziale Zäsur. Senioren möchten vielleicht einfach weniger machen, andere Arbeiten verrichten, es ruhiger angehen lassen. Und ein Generationenvertrag sollte sicherstellen, dass dies auch möglich ist. Mit der fixen Pensionierung ziehen wir aber alle über eine Leiste und sie wissen so gut wie ich, dass kein Mensch gleich wie der andere ist.

Strukturwandel

Die oben erwähnten Punkte sind Ansätze die uns in Richtung Arbeit der Zukunft bringen. Das Schlüsselproblem indes, dass die Produktivitätsgewinne immer mehr Arbeit überflüssig machen, lösen wir damit nicht.  In einem 2. Schritt wird man wohl den Begriff des Einkommens anders definieren müssen. In der Schweiz gab es vor zwei Jahren eine Volksinitiative welche ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ forderte. Idee der Initiative war, dass man sämtlichen Einwohnern ein Existenzminimum ohne Gegenleistung bezahlt und dafür auf sämtliche Sozialwerke verzichtet. So sehr mir so etwas gegen den Strich geht als Unternehmer, muss ich doch zugeben die Idee hat was. Denn:

„Leistung muss sich lohnen, Existenz jedoch ist ein Grundrecht in der Sozialen Marktwirtschaft!“

Darum denke ich wäre ein möglicher Ansatz, zum einen einen Grundbetrag zu bezahlen, welcher eine minimale Existenz für die Bevölkerung sichert. Zusätzlich würde jeder Arbeitnehmer basierend auf seinem Beitrag zur Produktivität (egal ob durch Quantität oder Qualität erbracht) eine Vergütung erhalten. Die Produktivitätszugewinne könnten so volkswirtschaftlich genutzt werden um immer mehr Leuten einen immer günstiger werdenden Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Diskussion mutet momentan noch reichlich hypothetisch und theoretisch an. Aber machen wir uns nichts vor, das Rentensystem, dieser Generationenvertrag, hält nicht einfach so weitere 80 Jahre. Wir würden gut daran tun, möglichst frühzeitig über Änderungen offen zu diskutieren auch wenn diese für alle heikel sind. In dem wir das tun verhindern wir, dass Leute ihre Lebenspläne auf Annahmen basieren, die so nicht Wirklichkeit werden.

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6 Kommentare zu Gedanken zum Tag der Arbeit: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?
  1. Andi P. Antworten

    Danke, der Artikel bringt die Problematik sehr gut auf den Punkt. Ich bin sicher, dass das ‚bedingungslose Grundeinkommen‘ kommen wird. Ein Frage drängt sich bei mir dann sofort auf: Wer wird die ungeliebten Tätigkeiten (Müllabfuhr, Kanalräumung, Arbeiten in Staub, starker Hitze und Kälte,..) dann noch machen? Lässt sich das dann über die Bezahlung regeln?

  2. […] Dank an den Internet-Unternehmer und Advisor Alain Veuve, dessen bereits 2015 erschienener Blog... inspectandadapt.de/weil-sich-arbeit-veraendert
  3. […] meinem Artikel zum Tag der Arbeit habe ich geschrieben, dass wir in der Wirtschaft ein Modell finde... t3n.de/news/controlling-internet-agenturen-692507

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