Von der Webagentur zur Technologieagentur.

Es ist kein Geheimnis, dass ich von der Innovationsfreudigkeit der Digitalbranche nicht gerade begeistert bin. Das gilt insbesondere natürlich für die kleineren Agenturen, es gilt aber eben leider auch für die großen Dienstleister. Die Branche arbeitet noch immer den gewaltigen Adaptionsrückstand der Kunden ab. Und ja, ein Ende ist noch nicht in Sicht. Die Zukunft wird aber sicher nicht darin bestehen, die immer ähnlich gestrickten eCommerce, CMS oder Mobile Projekte zu machen. Ein Ausblick auf etwas, was unmittelbar in den nächsten 24 Monaten nicht relevant werden wird, man sich aber besser jetzt schon Gedanken zu macht.

(Lesedauer: 3 Minuten)

Ich denke, es gibt drei Trends, die das Geschäftsmodell der großen Softwaredienstleister in den nächsten Jahren beeinflussen werden:

Trend hin zu eigenen Teams

In den letzten Jahren konnte ich bei großen Unternehmen immer wieder feststellen, dass sie eigene, agile Teams aufbauen und diese ziemlich losgelöst vom restlichen Geschäft auf Digitalisierungsprojekte setzen. Ich habe schon ein paar Mal miterlebt, wie ein solches Unterfangen gescheitert ist. Zum Beispiel wenn ein solcher Schritt aus Kostengründen angegangen wird und Leute mit fehlender oder geringer Erfahrung versuchen, mit mittelmäßigen Entwicklern solche Teams zu formen.

In zunehmendem Masse aber funktioniert das mit den eigenen Teams recht gut. Und weil die meisten Kunden sich nun echt in Zugzwang sehen, was die Digitale Transformation angeht, investieren sie auch entsprechend. Für die Dienstleister ist das in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen fällt dadurch potentieller Umsatz weg. Zum anderen sehen wir aber auch eine Abwanderung von guten Mitarbeitern zu solchen grösseren Unternehmen. Wer als Anbieter sagt, es gebe bei ihm im eigenen Unternehmen keine solchen Fälle, hat entweder keine guten Entwickler oder aber er lügt.

Meist betrifft diese Abwanderung denn auch die erfahrenen, älteren Mitarbeiter, welche das Projektgeschäft gesehen haben und gerne für eine grössere Unternehmung in gesetzterem Rahmen arbeiten möchten. Die in der Regel recht großzügigen Salärangebote erleichtern die Entscheidungen für solche Kandidaten zusätzlich.

Unsere Reaktion bei AOE auf diesen Trend besteht darin, dass wir ihn mit dem Team & Method Ansatz ziemlich gut antizipieren. Der Aufbau eines neuen Teams ist für den Kunden ein gewaltiger, längerfristiger Akt. Da ist es nahe liegend, mit einem Team von einem erfahrenen Dienstleister zu starten und parallel dazu eigene Teams sozusagen hinzu zu züchten. Kunden, welche eine Vollkostenrechnung machen, merken in der Regel auch bald, dass die Kosten von externen und internen Teams viel näher beieinander liegen, als man denkt.

Trend hin zu Design Thinking

Ein weiterer Trend, den ich vermehrt feststelle, ist, dass Unternehmen schneller Resultate sehen wollen und zunehmend mit Design Thinking Methoden an neue Produkte und Projekte gehen. Finde ich sehr gut und das ist ein echter Paradigmenwechsel. Wer diesen Kunden als Agentur oder Softwaredienstleister mit klassischen Projekten vorbeikommt, ist von vornherein praktisch weg vom Fenster.

Die Herausforderungen diesen neuen Approach umzusetzen, ist für Digitalbranche groß. Denn es reicht nicht, wie beim «allgemeinen Wechsel» auf agile Projektmethoden einfach mal auf die Website zu kleistern. Dass man das schon lange so gemacht habe und dass man ein paar Zertifikate habe. Nein, man muss im Extremfall nach 4 Wochen einen Prototyp stehen haben, ihn testen können. Das erfordert Teams, die interdisziplinär auf solche Herausforderungen reagieren können. Nicht ganz das, was in der allgemeinen heutigen Agenturlandschaft am Start ist. Ich habe letzte Woche ausführlich darüber geschrieben.

Trend hin zu spezialisierten Dienstleistern

Ein weiterer Trend, den ich auch feststelle ist, dass die besten Leute sich selbständig machen und in kleinen Teams ganz spezifische Aufgaben lösen. Diese Leute haben keine Hemmungen sich in verschiedene Projekt- und Team-Konstellationen zu stürzen und eben interdisziplinär mit zu wirken.

Das ist für Unternehmen, die mit externen oder eigenen Teams arbeiten komfortabel. Ich glaube, es war noch nie so einfach, so zusagen on demand, wirklich großartige, in Bezug auf die Skills, Teams zusammenzustellen. Die administrativen Hürden und das Finden der Leute ist immer noch genug schwer, da hätte ich auch noch eine Geschäftsidee dazu, wenn jemand Zeit hat, aber es ist, eine entsprechende Vernetzung vorausgesetzt, doch recht leicht machbar.

Vision: Ein Unternehmen das seinen Kunden hilft neue Technologie zu adaptieren

In der Digitalen Transformation geht es darum, die Adaptionsrückstände als Firma in Bezug auf das Userverhalten zu aufzuholen. Der grösste Treiber dieses veränderten Userverhalten ist im Ursprung immer neue Technologie. Eine einfache Erklärung dazu finden Sie hier.

Ich denke die Unternehmen sind heute und noch für eine ganze Weile fundamental schlecht darin, zu unterscheiden, was neue Technologie ist und was die für sie relevante Adaption der Technologie durch Ihre Kunden für sie bedeutet. Ich denke mittlerweile haben das alle am Beispiel des Smartphones kapiert.

Paradoxerweise läuft in der Automobilbranche im Moment der exakt selbe Prozess wieder ab. Es ist neue Technologie verfügbar, welche ein verändertes oder neues Produkt ermöglicht, das die Kunden sofort annehmen, sobald die Economics stimmen. Noch sind wir nicht ganz dort. Aber die Reservationen des Tesla Model 3 geben einen ersten Vorgeschmack auf die Entwicklung, die in diesem Bereich stattfinden werden. Dabei geht es nicht primär um Umweltschutz: Leute die ich im Tesla eine Probefahrt machen lassen, realisieren in den ersten 2 Minuten, dass das ein fundamental besseres Produkt ist.

Ich denke, an dieser Schnittstelle können wir als Softwaredienstleister unseren Kunden helfen. In dem wir uns von der Web-Orientierung lösen und uns rechts und links umsehen und mit neuer Technologie experimentieren und unseren Kunden einen Headstart in der Adaption der Technologie geben können. Tönt erstmal ein wenig abwegig. Ich weiß. Aber wir haben bei AOE zum Beispiel bereits erheblich an der Entwicklung von In-Car Systemen eines großen Automobilherstellers mitgearbeitet.

Eine Handvoll grösserer Dienstleister, die eigentlich aus dem klassischen Digitalbusiness kommen, gehen in Richtung Technologieadaption. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Arbeit des finnischen Dienstleisters «Reaktor», die gerade daran sind, einen Nanosatelliten zu realisieren. Das ist durchaus etwas was ein 400 Mitarbeiter Unternehmen heute als Nebenprojekt lancieren kann. Infos dazu gibt es hier.

At the forefront of technology

Software is eating the world. Es ist nur logisch, dass wenn Unternehmen beginnen, immer mehr Prozesse und Produkte softwarebasiert zu gestalten, diese Softwareerstellung und Adaption auch als Kernkompetenz im Unternehmen gehalten werden will. Umsetzen werden die allermeisten interessanten Kunden daher auf lange Sicht selber. Die besten und wendigsten Produzenten sind ja bekanntlich jene, die die Werkzeuge, welche die Produkte machen, selber bauen.

Diese Art von kreativem Umgang mit Technologie ist entscheidend für die Zukunft von führenden Dienstleistern. Darum brauchen wir R&D Teams, die sich an Neues machen können. So verstehen wir, welche neue Technologie wir für welche Fälle einsetzen können, was in bestehenden Produkten fehlt, um sie softwarebasiert zu machen. Und das früher als unsere Kunden.

Damit positioniert man sich an einem der wichtigsten Punkte in jedem Unternehmen der Zukunft. Man kommt weg vom reinen Umsetzer hin zum strategischen Partner für erfolgskritische Pfade. Und das notabene in einem Feld, das nur breiter wird, weil immer mehr Bereiche durch digitale Technologie unterstützt werden. Die digitale Werkbank, als Teil der Dienstleistung, wird weiter Bestand haben. Aber sie wird eine Commodity mit all den Nachteilen, die das für die Anbieter mitbringt. Setzen wir in der Digitalbranche also lieber nicht darauf.

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