Verlieren Sie bitte den Bezug zur «Realität»!

Letzte Woche wurde mir in einem Post über meinen Artikel zum Tesla Model 3 der «Verlust des Realitätsbezugs» vorgeworfen. Ich wurde auch als «zynischer Hipster» bezeichnet. Während mich das zweite belustigte, hat mich ersteres an ein Thema erinnert, das ich schon lange mal in einen Artikel gießen wollte: Der Umgang mit der Realität. Und so tue ich das jetzt. For real!

(Lesedauer: 4 Minuten)

Achtung «Realität»

Wenn Sie in einer grösseren Unternehmung arbeiten, werden Sie das wohl kennen: Jemand hat eine etwas verrückte Idee. Eine Idee die gleichermaßen verführerisch und gewagt ist. Er fängt Feuer und entwickelt sie weiter und kommt an den Punkt, an dem er sie seinem Team oder Vorgesetzten vorstellt. Er bekommt also einen Zeit Slot und führt die Überlegungen aus und stellt die Idee vor.

Zuerst Schweigen im Raum. Dann Lob für die Arbeit. Und Lob für die Initiative. Nach einer gewissen Zeit meldet sich einer der älteren Semester zu Wort und erklärt, warum die Idee in der Realität nicht funktionieren würde.

Die Realität sei nun mal so und so. Das könne man nicht einfach übergehen.

Changing reality

Der Rest der Gruppe pflichtet bei und es fallen Sätze wie: «Das ist eine tolle Idee, aber leider in der Realität nicht durchführbar».

Und wenn das Meeting beendet ist, ist auch die Initiative begraben. Die tolle Idee wird nicht mal im Ansatz geprüft.

Ja, aber

Sie werden jetzt sicher sagen, ja es gibt ganz konkrete Dinge, die lassen sich einfach nicht umsetzen. Da muss man nicht lange reden. Und ja, natürlich gibt es unsinnige Ideen. Z. Bsp. die gewerbsmäßige Verwandlung von Stein zu Gold durch den Einsatz von weißer Magie.

„Ein fehlender Realitätsbezug ist gewissermaßen eine der Grundvoraussetzungen zur Entwicklung von disruptiven Geschäftsmodellen.“

Solchen Ideen, wie der mit der weißen Magie bin ich bis jetzt nicht begegnet. Vielmehr handelt es sich bei diesen neuen Ideen jeweils um Konzepte, welche Bestehendes in Frage stellen. Welche aus der Komfortzone führen, welche ein großes Potential haben und daher auch viel Risiko mitbringen. Und da fangen die Probleme an.

Seniorigkeit

Oft erlebe ich dabei ältere Führungskräfte, welche besonders forsch und schnell in der Beurteilung solcher neuer Vorstösse sind. Meist merken sie an, dass sie schließlich wüssten wie das Geschäft laufe. Um dabei zu verkennen, dass sich das Geschäft laufend verändert und in Zukunft viel schneller verändern wird. Die einzige Erfahrung von wirklichem Bestand ist jene über den Umgang mit Wandel.

Fehlende Prüfung

Was mich an diesen Vorkommnissen am meisten stört, ist, dass diese Ideen gar nicht weiter geprüft werden. Meist sind die Herausforderungen, die es bei der Umsetzung einer solchen Idee zu meistern gilt auf den ersten Blick riesig. Nimmt man sich dem Thema aber im Detail an, merkt man meist, dass es durchaus eine Chance auf Realisierung gibt.

Nur findet diese vertiefte Prüfung eben in den meisten Fällen gar nicht statt. Und das ist ein kulturelles Problem. Die „Realität“ muss da für vieles hinhalten:

Kulturelle Barrieren & Effekte

Besitzstandwahrung

Ein gravierendes Problem heutiger Führungskräfte. Neue Ideen, welche die eigene Position in Frage stellen oder verändern, das Unternehmen aber weiterbringen, würden, werden als nicht machbar deklariert. Richtig wäre „ICH will das nicht“.

Weltmeister Deutschland & Schweiz

Gerade die Schweizer und die Deutschen sind Weltmeister darin, bei neuen Ideen die Fehler finden zu wollen. Da wird manchmal schier unglaubliche Energie frei. Ich pitche laufend allen möglichen Leute Konzepte und Ideen und es ist auffällig: Während Amerikaner, Holländer und auch Franzosen viel über die Möglichkeiten sprechen, bekomme ich meist von den Deutschen und Schweizern eine akkurate Liste von Dingen präsentiert, warum Konzept XY in der Realität nicht erfolgreich sein kann. Nun ist jedes Feedback wertvoll. Aber würde ich nur darauf hören, ich hätte nie irgendwas angefangen, nie etwas tatsächlich umgesetzt.

Rückzugsspirale

Ein Effekt, der aus diesem Verhalten im Unternehmen resultiert ist, dass jene Leute, welche mit solchen Ideen vorgestoßen sind und dann abgeschmettert wurden, sich das nächste Mal sehr gut überlegen, ob sie es nochmals tun wollen. Das ist fatal, da so der Innovationstrieb fundamental unterbunden wird.

Verlieren Sie bitte den Bezug zur Realität

Ich bitte Sie daher: Vergessen Sie diese «Realität»! Es gibt sie schlicht nicht. Alles, was wir uns vorstellen können, können wir auch Wirklichkeit werden lassen.

Das heißt nicht, dass wir es sofort und gewinnbringend und in der jetzigen Zeit machen können. Aber wir werden es definitiv können. Es gilt also herauszufinden, wo das «Minimal Viable Business Model» liegt, das im Kern der ursprünglichen Idee treu bleibt.

Wenn Sie also das nächste Mal eine Idee oder ein Konzept präsentiert bekommen, das Ihnen auf den ersten Blick als nicht machbar erscheint, investieren Sie Zeit, um es tiefer zu prüfen. Versuchen Sie sich von Ihrer festgefahrenen Denke, die wir alle irgendwie haben, zu lösen.

Denn nichts, wirklich nichts muss so sein, wie es heute ist. Alles können wir besser machen. Neu lösen. Der Startpunkt von disruptiven Unternehmen ist immer, dass die Unternehmer die Kundenprobleme auf bessere und günstigere Art und Weise lösen können. Das hat mit Bestehendem und der vermeintlichen «Realität» erstmal nichts zu tun. Im Gegenteil. Es schafft erst diese neuen «Realitäten».

Darum tun sie gut daran, gerade wenn Sie durchschlagende Geschäft Modelle entwickeln wollen, den Bezug zur «Realität» zu verlieren und den Dingen auf den Grund zu gehen. Und dann zu bewerten, wie viel Risiko Sie eingehen wollen. Denn darum geht es.

Artikel auf Social Media teilen:

Ein Kommentar zu Verlieren Sie bitte den Bezug zur «Realität»!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte mache folgende Angaben: Dein Name, Deine E-Mail Adresse und Dein Kommentar.