SaaS ist tot - lang lebe SaaS.

SaaS ist tot – lang lebe Software.

In den letzten Monaten macht ein eingängiges Narrativ die Runde: SaaS sei tot. Weil das Schreiben von Code durch KI so trivial geworden ist, baue sich jedes Unternehmen seine Software demnach demnächst einfach selbst. Warum also noch teure Abos bezahlen?

Das ist ein fundamentaler Irrglaube. Und es zeigt vor allem, wie wenig Verständnis in davon vorhanden ist, was ein kommerzielles Software-Produkt eigentlich ausmacht.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Nicht SaaS sondern Software-Produkt

SaaS ist Mysterium. Es ist nichts weiter als ein Software-Produkt in einer Verabreichungsform, die dem Cloud-Zeitalter entspricht. Ein gutes Software-Produkt löst in der Regel eine oder mehrere spezifische Problemstellungen dediziert für den Anwender. Meistens geht es dabei um Effizienz.

Problemverständnis. Code. Distribution

Dazu braucht es drei Dinge: Erstens ein tiefes, oft schmerzhaftes Verständnis des Problems. Zweitens Code. Und drittens Distribution.

Gerade der erste Punkt, ein tiefergehendes Verständnis des zu lösenden Problems, wird schon fast systematisch unterschätzt. Denn erfolgreiche Standardsoftware, die seit Jahren am Markt ist, „transportiert“ nicht nur Code, sondern ist sozusagen das Destillat jahrzehntelanger «Best Practice». Wer als Kunde Software einkauft, kauft sich immer auch in ein Produkt gegossenes Domänen-Wissen. Dass man sich damit erstmal keinen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft, sondern lediglich auf den Branchenstandard gleichzieht, versteht sich von selbst. Für die meisten Unternehmen ist das allerdings schon sehr viel.

Code war nie «the hard part»

Ja, der KI-Boom vereinfacht das Schreiben von Code dramatisch. Jede Person ohne Programmiererfahrung kann sich heute Software-Komponenten «zusammenprompten». Das ist grossartig, aber der daraus abgeleitete Schluss, dass Unternehmen nun flächendeckend ihre eigene Software bauen, ist abwegig. Die Gründe dafür sind betriebswirtschaftlicher Natur.

Erstens: Software-Erstellung war schon immer einfach, zumindest für diejenigen, die es beherrschten. In all den Jahren, in denen ich Software mit meinen Teams baue, war der Code nie wirklich der entscheidende Faktor dafür, ob ein Unternehmen funktioniert oder scheitert. Wenn KI etwas verändert, dann in erster Linie ein Effizienzgewinn bei der Erstellung von Software.

Zweitens: Kosten. Wer bei einer Make-or-Buy-Entscheidung nur auf die initialen Entwicklungskosten schaut, begeht einen Rechenfehler. Denn wenn KI den Code heute auch in wenigen Stunden fast selbständig erstellt: Das reine Schreiben der Software macht über den gesamten Lebenszyklus einer Software in der Regel höchstens 20 Prozent der Gesamtkosten aus.

Die restlichen 80 Prozent entfallen auf Betrieb, Wartung, Bugfixing, das Anpassen an neue Betriebssysteme, Security-Updates und Skalierung. Ein SaaS-Anbieter verteilt diese massiven Fixkosten im besten Fall auf Tausende von Kunden. Ein Unternehmen mit einer Eigenbau-Lösung trägt dieses Risiko zu 100 Prozent allein.

Drittens: Software «rostet». Code ist kein statisches Gebilde. Externe APIs verändern sich permanent, neue Sicherheitslücken tauchen auf, Datenstrukturen wachsen. Kunden, interne und externe, lassen Anforderungen sprichwörtlich auf einen „niederregnen“. Wer pflegt die KI-generierte Inhouse-Software in zwei Jahren, wenn der hochmotivierte Mitarbeiter, der sich die Lösung mit KI gebaut hat, das Unternehmen verlässt? Man baut sich eine gefährliche Legacy-Blackbox.

Fokus auf Stärken im Unternehmen

Ein Logistikunternehmen muss exzellent darin sein, Güter zu transportieren. Eine Agentur muss kreative Kampagnen entwerfen. Es ist unsinnig, wertvolle Ressourcen zu binden, um ein CRM- oder Rechnungstool nachzubauen, das es am Markt für wenige Euro im Abo gibt. Eigenbau ergibt nur dort Sinn, wo er das absolute Kerngeschäft abbildet und einen echten, einzigartigen Wettbewerbsvorteil generiert und wo auch die Inhouse-Ressourcen vorhanden sind solche Software auch langfristig zu betreiben und zu erhalten.

Vom Werkzeug zum digitalen Mitarbeiter

Heisst das jetzt, etablierte SaaS-Anbieter können sich jetzt entspannt zurücklehnen? Das glaube ich gar nicht. Im Gegenteil, ich denke viele von ihnen sind akut gefährdet.

Wir erleben gerade einen brutalen Paradigmenwechsel: Software wandelt sich vom passiven Werkzeug zum aktiven Mitarbeiter. Ich habe vor ein paar Jahren hier darüber geschrieben.

Bisher war Software ein Tool. Der Mensch sass vor dem Bildschirm, gab Daten in Masken ein und bediente Funktionen und Menüs. Mit KI ändert sich dieses Rollenmodell fundamental: Die Software von morgen speichert Daten nicht mehr nur ab, sie führt Arbeitsschritte proaktiv aus, analysiert, kommuniziert und löst Probleme immer autonomer. Wer Software kauft, mietet de facto in Zukunft im weitesten Sinne digitale Arbeitskraft. Davon sind wir aktuell noch meilenweit entfernt, aber die Zukunft liegt darin.

Software definiert sich neu

Hier liegt die tatsächliche Sprengkraft des KI-Booms für Software-Anbieter. Für neue Player im Markt wird es massiv einfacher, in etablierte Märkte einzudringen und Systeme zu bauen, die den Legacy Anbietern um Längen überlegen sind.

Denn diese neuen Player starten auf der sprichwörtlich grünen Wiese. Sie können ihre Software von Tag eins an „KI-nativ“ denken und aufbauen. Die grossen, etablierten Softwarehäuser hingegen sitzen auf einem gigantischen Berg von technischer Schuld, veralteten Datenbankstrukturen und starren Benutzeroberflächen. Und Kunden.

Sie versuchen gerade , KI-Features an ihre Systeme „dranzuflanschen“. Ein Startup, das den Prozess kompromisslos von Grund auf um eine KI herum designt, wird zwangsläufig das bessere, schnellere Produkt liefern. Auf der anderen Seite muss sich ein neuer Anbieter aber auch erstmal die Kundschaft erwerben. Das geht mit einem guten Produkt schnell vorwärts, aber nicht über Nacht.

Die Karten werden neu gemischt!

SaaS ist nicht tot, nein. Aber SaaS verändert sich fundamental. Software verändert sich fundamental. Sie können es gerne SaaS oder Agents oder was auch immer nennen. Am Ende ist und bleibt es Software.

Aufbruch!

Für uns Softwareunternehmer bedeutet das nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Ära. Monopole und unantastbar geglaubte Marktanteile der grossen Anbieter stehen plötzlich wieder zur Disposition. Die Karten werden gerade komplett neu gemischt.

Wer jetzt versteht, dass Software nicht mehr nur Prozesse abbildet, sondern echte Arbeit abnimmt, für den ist dies keine Bedrohung. Sondern eine unfassbare neue Chance. Ich denke daher es ist der spannendste Moment in dieser Industrie seit der flächendeckenden Verbreitung des Breitbandinternets. Nutzen Sie ihn!

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