Warum Europa heimlich gerade gerne wie die USA wäre

Anlässlich des 250 Jahre Jubiläums der USA vom letzten Samstag hat ein Musikvideo die Runde gemacht, das in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. Zum einen ist das vom Creator/Künstler «Heavy Pulp» generierte Video fast vollständig durch KI generiert (!). Es mischt echte historische Aufnahmen, Science-Fiction Szenen und Verschwörungsszenen im Stil eine Katy Perry Videos.

Was es aber vor allem bemerkenswert macht ist der Text. Selten hat in letzter Zeit den aktuellen Zeitgeist so perfekt eingefangen. Er stellt der USA die Frage «Quo Vadis» und liefert die Antwort gleicht mit: «es liegt sprichwörtlich alles drin». Im Guten wie im Schlechten.

Sehen Sie selbst:

Ein komisches Gefühl

Mich hat dieses Video das Wochenende über beschäftigt, was irritierend war. Denn auf den ersten Blick ist es nur ein weiteres, heroisch aufgemachtes, patriotisches Video und ich bin, mild ausgedrückt, nicht gerade anfällig für US-Patriotismus, wäre da nicht dieser tiefgreifende Zweifel und die bitterbösen Spitzen gegen alles, was die USA und den Westen allgemein grossartig macht.

Der Tanz am Abgrund während des Feuerwerks

Ein Text mit unfreiwilliger Strahlkraft in alle Richtungen. Nachfolgend ein paar kommentierte Textauszüge.

„Oh sweet land, sweet land of the weary and the wild. Oh where, oh where are you, my sweet?“

Die USA und Europa sind wie noch selten auf der Suche nach ihrer Identität. Der unglaubliche Aufstieg der letzten Jahrzehnte, diese Boomjahre haben zunehmend verwischt, für was es sich lohnt zu streben,  zu kämpfen und zu sterben. In der Folge vergass man von Generation zu Generation immer mehr, wer man eigentlich ist.

„The garden’s either dying or about to come alive. The river’s either drying or it’s deep enough to dive. Can’t tell if it’s the dusk or if it’s breaking into dawn. Are we going on or are we going, going gone?“

“Stehen wir vor dem ultimativen Zusammen- oder Aufbruch?» Die aktuelle Frage schlechthin, gerade für Menschen, die in Technologie arbeiten. In perfider Weise ist wohl beides gleichzeitig wahr, wir stehen vor beidem.

Es ist absehbar, dass die Welt wie wir sie uns in den letzten 70 Jahre gebaut haben, mit politischem Systemen, umfassendem Staatswesen, Regulation und sozialer Wohlfahrt nicht in dem bekannten Masse und Ordnung wird fortgeführt werden können. Zu sagen es brauche Reformen ist eine Untertreibung, nein es braucht einen fundamentalen Umbau.

Auf der anderen Seite deutet vieles darauf hin, dass wir vor einem wirklich grossen Sprung in der technologischen Entwicklung stehen.  Das ist eine höchst kritische, explosive Situation und es ist völlig unklar, ob sie uns sozusagen im Gesicht explodieren wird oder sie das Katapult für ein nächstes Level an Wohlfahrt für die Menschheit wird. Es liegt gerade sprichtwörtlich alles drin.

„So tell me, is it going to be free energy forever, or just the same damn old grind?“

Pointierter kann man es dann auch nicht mehr auf den Punkt bringen. Während es der breiten Masse mit technologischen Veränderungen viel zu schnell geht, sehnen viele in Technologie nach dem ultimativen Durchbruch. «Free energy forever» ist dafür das ultimative Sinnbild.

„Are we one year from the grave, or is this just the beginning of my sweet child? Oh, you’re my star-spangled dream, half a savior, half a liar.“

Dann diese gnadenlose Reflexion über den eigenen Mythos gerade zum 250. Jubiläum. Das Land weiss ja längst, dass der „American Dream“ oft eine Heuchelei ist. Aber anstatt diese Erzählung, wie wir Europäer, zynisch zu dekonstruieren, glaubt man einfach noch «lauter» daran.

Und macht sie damit indirekt real möglich. Wohlgemerkt, natürlich ist so ein Weg, ein sagenhafter materieller Aufstieg, auch in Europa noch möglich.

„And nobody can promise me that we’re going to make it to the light. So is it an awakening, or is this a night in the night? So come on brother, sister, stand up tall, because guess what? Where we go one, we go all.“

Der Slogan «Where we go one, we go all» ist ein Schlachtruf der rechten Verschwörtungsbewegung «QAnon», welche damit ein Zeichen der Einigkeit in der Bewegung setzen will.

Der Autor münzt den Slogan ironischerweise auf das ganze Land, die ganze Gesellschaft um. Das ist so perfid wie brillant, und zeigt, wie zweischneidig alle Identität schlussendlich ist.

Dieser Zusammenhalt in den USA ist, bei aller politischen Spaltung, noch immer beindruckend. Und er äussert sich in Details, welche für Europäer völlig unverständlich sind:

Als ich vor ein paar Jahren an einem Morgen vor Türöffnung des Kennedy Space Center in der gleissenden Sonne stand und an einem grossen Screen wie anscheinend jeden Morgen die Landeshymne gespielt wurde, drehten sich spontan rund 200 wartende Besucher zur Flagge und sangen mit und/oder hielten Hand auf die Brust. Mir lief es kalt den Rücken runter – aus Irritation über so viel plakativen, anlasslosen Patriotismus, aber auch weil da dieses Gefühl war: Niemand bricht dieses Land.

„If you can hear this from the other side, across this great quantum divide, don’t get me wrong, now is the time to stay strong.“

Und dann diese fast schon religiöse Beschwörung der gemeinsamen Nation, der letzte, brüchige Klebstoff, der die gemeinsame Idee am Leben erhält. Der gemeinsame Nenner eines Landes muss nicht besonders gross sein, er muss wohl nur so gross sein, dass im richtigen Moment alle am selben Strick ziehen.

Wir sind in Europa weder im Erkennen des richtigen Moments noch im Ziehen am selben Strick besonders gut. Der Grund dafür ist simpel; es gibt diesen gemeinsamen Strick, so gerne die Europäischen Staatschefs gerade hätten, kulturell schlicht nicht.

“So please, just know that we can still rebuild. We can still make something… better.“

Die alles definierende Frage unserer Zeit im Westen: «Können wir noch etwas aufbauen?» beantwortet der Text zwar bejahend aber nicht ohne Zweifel.

Der Westen ist «geforked» – schon ewig

Die Zeilen haben mich irritiert und zum Nachdenken angeregt. Seit Donald Trump den Europäern in unflätiger Weise die Leviten gelesen hat, verteufeln viele Leute in Europa die USA. Und wir haben den Eindruck, dass Trump zum Bruch geführt hat.

Ich denke das ist falsch. In Tat und Wahrheit hat sich der Westen in dem Moment «geforked» als die ersten Siedler sich in den USA niedergelassen haben. Es waren sprichwörtlich die Abenteurer, eben diese «weary and wild» Europas welche den Grundstein für die USA gelegt haben. Und die Armen Europas: Es ist nur rund 120 Jahre her, als die Gemeinden in der Region, in der ich lebe den Sozialfällen das Auswandern auf Nimmerwiedersehen in die USA finanzierten. Damit man sie endlich los wurde.

Es sind diese Leute, welche die USA aufbauten, und es ist dieser Geist, der den Erfolg des Landes und der amerikanischen Idee noch immer ausmacht.

250 Jahre später fährt uns dieser verlorene Sohn links und rechts um die Ohren, nicht ohne, dass er auf der Strecke ganz Europa vor einem aus den Fugen geratenen Deutschland retten musste. Und der aktuelle Mann im Driver-Seat mit den orange-farbenene Haaren zeigt uns jedes Mal mit breitem Grinsen den Stinkefinger. Nein, schön ist das nicht.

Der Preis für die Rettung

Der Preis für diese Rettung war in erster Linie ein kultureller: Die letzten Jahrzehnte war alles, was aus den USA kam, erstmal dominierend. Musik, Filme und Wirtschaft – unsere Generation hat das mit der Muttermilch aufgesogen.

Die Amerikaner haben sich damit den perfekten Absatzmarkt geschaffen und als China als perfektes Produzentenland für die USA zu arbeiten begann, folgte eine Epoche des gnadenlosen Aufstiegs. Begleitet wurde diese Entwicklung vom Narrativ der transatlantischen Freundschaft. Dabei hat der Amerikaner der holden Europa immer ein wenig mehr Liebe vorgespielt, als tatsächlich vorhanden war. In erster Linie handelte es sich um eine Zweckehe. Vergessen Sie nicht; auch in einer Zweckehe sagt man sich nette Dinge.

Davon profitierten so lange alle, bis China selbst ein grosser Absatzmarkt wurde und Europa durch die immerfort steigende Staatsquoten ins wirtschaftliche Hintertreffen geriet. Dass diese Gleichung nicht mehr aufging, war eigentlich lange schon klar.

Trump war einfach der erste, der uns Europäern das, unnötig derbe, ins Gesicht sagte. Vielleicht musste aber auch ein Ungehobelter wie Trump aufkreuzen, damit man die Zeichen der Zeit in Europa endlich versteht. Und wir Europäer standen da wie der fünfjährige Junge der erfährt, dass es den Osterhasen gar nicht gibt.

Quo vadis?

Diese Frage nach dem «wie weiter» trifft uns in Europa in einem denkbar ungünstigen Moment. Die Mischung aus sich verselbständigenden Staaten, immensen, wachsenden Schulden, schwindender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und ermattender Leistungsbereitschaft (resp. Leistungsnotwendigkeit) wird unterlegt von einer allmählich einsetzenden Depression. Nicht wenige möchten gerne losrennen und etwas verändern, nur wohin, wenn wir die Richtung nicht kennen?

Verlockende Rezepte ins Verderben

Mit zunehmender Sorge nehme ich den immer lauter werdenden Ruf nach dem Staat, und ja, den wiederaufkeimenden Sozialismus zur Kenntnis. In fast jedem Europäischen Land gibt es Parteien, welche ganz offen den Kapitalismus «überwinden» wollen. Als hätten wir aus der Vergangenheit nichts gelernt.

Kapitalismus und Unternehmertum hat uns den Wohlstand beschert und die Basis für die Umverteilung gelegt. Ein kleiner Teil von Unternehmern bezahlt den grossen Teil aller. Fällt der kleine Teil weg, zahlen schlagartig alle mehr.

Und doch werden in Europa seit Jahren die Anreize selbst Unternehmer zu werden, Risiken einzugehen, systematisch reduziert. Anstatt wir die Bedingungen verbessern, in welchen sozusagen die Pflanzen die alle ernähren, gedeihen können, machen wir genau das Gegenteil. Und wundern uns dann wenn die Ernte von Jahr zu Jahr geringer ausfällt.

Das wird dazu führen, dass die Umverteilung nicht nur nicht weiter ausgebaut, sondern in einschneidender Weise wird zurückgebaut werden müssen. Der Sozialstaat, der ohne Zweifel eine grosse Europäische Errungenschaft darstellt, riskieren wir so zu verlieren.

Wie finden wir in eine grossartige Europäische Zukunft?

Ich glaube das ist die aktuell am meisten diskutierte Frage in Wirtschaft und Politik. Noch immer sind viele Faktoren, die wir zur Lösung dieser Herausforderung bespielen müssen, offiziell unverhandelbar. Es muss uns wohl noch viel schlechter gehen, damit wir alle Instrumente zur Verfügung haben, um eine wirklich grossartige Zukunft zu bauen.

Ganz sicher falsch wäre, versuchen die USA zu imitieren. Die meisten Leute in Europa haben im Moment so oder so keinen klaren Blick auf die USA. Trump hat mit seiner unflätigen Art vielen alles vernebelt, sie regen sich die ganze Zeit nur noch über ihn auf und verpassen damit was tatsächlich gerade passiert.

Ich vermute die Zukunft liegt in Europa in Deep-Tech. Wir waren immer schon die besseren Ingenieure, die Amerikaner die besseren Verkäufer. Vielleicht müssen wir es nur zulassen, dass brillante Ingenieure mit ihrem Wirken ein Vermögen generieren können. Vielleicht reicht maximale wirtschaftliche Freiheit bereits recht weit. Vielleicht auch nicht. Was ganz sicher die Abwärtsspirale beschleunigt ist, die Bedingungen für Unternehmertum weiter zu verschlechtern.

Ein klein wenig neidisch?

Und die Macrons, Merz’ und Co.? Ja die wünschen sich wohl insgeheim einmal so frei von der Leber weg agieren zu können wie Trump. Das würden sie sicher nie zugeben. Ich behaupte, dass wir in Europa gerne ein wenig mehr so wären wie die USA – dieses Selbstbewusstsein, die Risikobereitschaft. Das macht die Situation natürlich nur noch affiger.

Das Image der USA hat in Europa enorm gelitten. Und wir beginnen gerade auch dadurch wieder auf die eigenen Beine zu stehen. Das erste Mal seit dem zweiten Weltkrieg. Da Wunder zu erwarten wäre vermessen.

Aber, wer die Rechnung ohne Europäer macht, wird nicht reüssieren. Vielleicht geht das aktuell eine Zeit lang gut . Aber es kommt eine ganze Generation junger Leute mit anderem Ausblick, mit Hunger nach Zukunft, sozusagen ohne Frage nach der Rente, welche Europa erfolgreich prägen wird.

Denn auch für uns gilt mehr denn je: “So please, just know that we can still rebuild. We can still make something… better.“  Packen wir es an.

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