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Eine Vision für die Schweiz im Jahr 2050

Warum wir in der Schweiz ein Ziel brauchen, für das sich die Extrameile lohnt

Die Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte:  In den letzten siebzig Jahren ist aus einem kleinen Land von armen Auswanderern ohne Rohstoffe und Seezugang einer der wohlhabendsten, stabilsten und innovativsten Staaten der Welt geworden.

Unsere Bahn fährt pünktlich, unsere Hochschulen spielen in der Weltliga, unsere Unternehmen liefern Präzision bis in den letzten Winkel des Planeten. Wir leben direkte Demokratie, wo andere das Volk nur selten zu Wort kommen lassen. Das ist alles nicht selbstverständlich.

Und trotzdem liegt etwas in der Luft. Man spürt es in Gesprächen mit Unternehmern, mit Studenten, mit Handwerkern und mit Eltern: Die Schweiz ist noch gut, aber sie wird langsamer. Der Drive lässt nach.

Das Momentum, das uns über Jahrzehnte getragen hat, scheint Stück für Stück zu verpuffen. Wir verwalten unseren Wohlstand, statt ihn neu zu erarbeiten. Und während wir uns in der Komfortzone immer gemütlicher einrichten, wird das Fundament unseres wirtschaftlichen wie auch sozialen Wohlstandes immer dünner. Es geht dabei um alles, was uns als Bürgerinnen und Bürgern wichtig ist: Sicherheit, Freiheit, Bildung, Lebensqualität, eine intakte Natur und das Gefühl, dass wir eine grossartige Zukunft haben.

Was uns fehlt, ist eine Vision.

Fragen Sie einmal herum, wo die Schweiz im Jahr 2050 stehen soll. Sie werden viele Antworten auf Detailfragen hören: zu irgendwelchen aktuellen Debatten, zum nächsten Abstimmungssonntag, zur nächsten Verordnung. Was Sie selten hören werden, ist ein Zielbild der Zukunft der Schweiz. Ein Ziel, auf das sich ein ganzes Land ausrichten könnte.

Dieses Fehlen einer solchen Vision hat Folgen, und sie sind immer stärker sichtbar. Junge Unternehmen werden bei uns gegründet, weil die Hochschulen exzellent sind und die Talente hier gerne leben. Doch kaum wird ein Unternehmen etwas grösser, wird es oft nicht in der Schweiz skaliert, sondern ins Ausland verkauft. Meistens fehlt das Skalierungskapital, manchmal fehlt der Mut, oder schlicht die Lust, Risiken einzugehen. Die Innovations-Idee entsteht hier, die Wertschöpfung dann anderswo.

Gleichzeitig werden die Grundbedingungen für Unternehmertum Stück für Stück zurückgedreht. Noch mehr Auflagen, noch mehr Formulare, noch mehr Absicherung, weniger Raum für das Wagnis, für Kreation. Da hilft auch der Verweis darauf, dass es in Nachbarstaaten noch viel schlimmer sei, wenig. Keine dieser Massnahmen ist für sich allein gravierend. Zusammen aber schaffen sie ein Klima, in dem das Bewahren wichtiger wird als das Bauen.

Waren wir Schweizer schon einmal Macher?

In der Tat war das schon anders und ja, ich bin mir bewusst, dass man die Vergangenheit, gerade wenn man nicht persönlich Teil davon war, immer ein wenig überhöht. Trotzdem, im 19. Jahrhundert verfolgte z. Bsp. Alfred Escher eine Vision, die vielen damals verwegen vorkommen musste. Er trieb den Bau der Eisenbahn voran, setzte sich für die Gründung der ETH ein, gründete mit der Schweizerischen Kreditanstalt eine Bank, die das Kapital für diese Projekte bereitstellen sollte, und kämpfte für die Gotthardbahn, die die Schweiz mitten ins Herz Europas rückte.

Ich vermute, Escher dachte wohl nicht in Legislaturperioden, sondern in Generationen. Er verband Bildung, Infrastruktur und Kapital zu einem Ganzen, und genau dieses Zusammenspiel ermöglichte die heutige, moderne Schweiz. Wir zehren noch immer davon.

Oder Duttweiler: 1925 schickte Gottlieb Duttweiler in Zürich die ersten Verkaufswagen los, um Lebensmittel günstiger zu den Menschen zu bringen. Die etablierten Player bekämpften ihn, doch er blieb dabei. Aus dieser Idee wurde die Migros, eine schweizerische Institution, die Wohlstand, Kultur und Bildung in die Breite getragen hat. Duttweiler zeigte, dass Unternehmertum und Gemeinsinn keine Gegensätze sind. Er ist für mich bis heute ein unternehmerisches Vorbild.

Selbst die stolzesten Institutionen sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Firmen haben Halbwertszeiten. Was nicht permanent erneuert, geführt und mit einem klaren Kompass ausgerichtet wird, verliert irgendwann seine Existenz. Es müssen also neue grosse Unternehmen entstehen, welche die Fackel für die Schweiz weitertragen können. Ich sehe sie leider im Moment nicht.

Eine Vision, die vereint statt spaltet

Was hier also jetzt folgt, ist nicht etwa ein Parteiprogramm. Es ist kein Katalog von Forderungen, den man links oder rechts abhaken kann oder soll. Es ist eine Vision davon, wo die Schweiz im Jahr 2050 stehen könnte, wenn wir uns wieder trauen, gross zu denken und unser Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Es soll Zuversicht geben und Hoffnung, und vor allem ein Ziel, für das es sich lohnt, als Volk, als Gemeinschaft, die Extrameile zu gehen.

Ich wünsche mir in einem Land zu leben, in dem sich politische und wirtschaftliche Kräfte nicht gegenseitig und übers Kreuz blockieren, sondern mehrheitlich in dieselbe Richtung ziehen. Die folgenden Punkte erscheinen mir dabei wichtig:

1. Eine eigenständige Schweiz: klein, agil, schlagfertig

Ein kleines Land kann schneller entscheiden, schneller korrigieren und schneller handeln als ein grosser Verbund mit Dutzenden Interessen. Es ist einfacher zu überschauen, einfacher zu verwalten. Die Schweiz im Jahr 2050 nutzt diesen Vorteil konsequent. Sie ist nicht Teil grosser Bündnisse ein, die ihren Handlungsspielraum wie auch immer geartet gross einschränken.

Eigenständigkeit heisst dabei nicht Abschottung. Im Gegenteil: Die Schweiz im Jahr 2050 ist mit der ganzen Welt vernetzt, handelt mit allen, forscht mit allen und verhandelt auf Augenhöhe.

Aber sie entscheidet selbst. Sie kann so Chancen ergreifen, wenn andere noch abwägen und koordinieren. Sie ist sozusagen das wendige Schnellboot zwischen schwerfälligen Tankern und nutzt jede Strömung, bevor die anderen den Kurs geändert haben. Diese Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung für Erfolg in einem Zeitalter, in dem sich alles nur beschleunigt.

2. Kultur und Identität: modern im Auftritt, ursprünglich im Kern

Bei aller Modernisierung bleibt die Schweiz im 2050 die Schweiz. Sie ist offen für Neues, technologisch an der Spitze und vernetzt mit der Welt, aber im Kern ursprünglich. Die Kultur, die uns ausmachen, bleiben unverwässert: Ländlicher Kern, Föderalismus, direkte Demokratie, Mehrsprachigkeit, Eigenverantwortung, Verlässlichkeit, Bodenständigkeit und das Milizprinzip, bei dem Bürgerinnen und Bürger selbst Verantwortung für ihr Gemeinwesen übernehmen (müssen). Wir lösen unsere «Issues» mit Augenmass und Pragmatismus, treten der stetigen Verrechtlichung des Alltags entgegen.

Diese Identität ist das Fundament, auf dem Innovation erst möglich wird. Wer weiss, woher er kommt, kann mutiger nach vorne gehen.

Zum Kern dieser Identität gehört auch der Schutz unserer Natur. Die Alpen, die Seen, die Wälder und die Kulturlandschaften sind nicht nur schön, sie sind Teil dessen, wer wir sind. Umweltschutz darf in der Schweiz 2050 deshalb kein politisches Kampfthema mehr sein, sondern ist ein unpolitisches Kernanliegen, das alle teilen.

3. Soziale Gerechtigkeit: Chancengleichheit und Leistungsprinzip

Die Schweiz im Jahr 2050 verspricht nicht, dass alle gleich sind oder am Ende gleich viel haben. Sie verspricht etwas Besseres: dass alle die gleichen Startchancen haben. Und sie setzt alles daran, diese Startchancen zu maximieren. Gleichzeitig gilt ein klares Leistungsprinzip. Beides gehört für mich untrennbar zusammen, Chancengleichheit ohne Leistungsprinzip ist wie ein Startschuss ohne Ziellinie. Leistungsprinzip ohne Chancengleichheit ein Rennen, bei dem manche hundert Meter Vorsprung haben.

Der wichtigste Hebel für gleiche Startchancen ist Bildung. Die Schweiz 2050 investiert massiv, so viel wie kein anderes Land, in Volksschulen mit den besten Lehrpersonen, modernster Ausstattung und Klassen, in eine duale Berufsbildung, die den Weg vom Lehrling zum Unternehmer genauso selbstverständlich macht wie den Weg über das Gymnasium. Und natürlich in Hochschulen, die weiterhin offen sind für jedes Talent, unabhängig vom Portemonnaie der Eltern.

So hat ein Kind aus einem Bergdorf dieselben Möglichkeiten wie eines aus der Zürcher Goldküste. Wer eine Idee hat, findet Zugang zu Wissen, zu Mentoren und zu Kapital. Wer mit fünfzig noch einmal neu anfangen will, findet Weiterbildung, die ihn wirklich weiterbringt. In einem Land, in dem jede Generation kleiner ist als die vorherige, ist das keine Wohltat, sondern pure Vernunft: Jedes entfaltete Talent zählt doppelt.

So wird die Schweiz zum Land des Aufbruchs. Nicht zu einem Land, in dem alles schon verteilt ist, sondern zu einem, in dem jede Generation neu loslegen kann. Für mich ist das die grundlegendste Form von Gerechtigkeit: nicht das Ergebnis vorzuschreiben, sondern den Weg für alle zu öffnen.

Und wer diesen Weg geht, der soll belohnt werden. In der Schweiz 2050 profitiert maximal, wer viel leistet, wer Verantwortung übernimmt und wer Unternehmertum betreibt. Wer ein Risiko eingeht, Wertschöpfung für die Allgemeinheit schafft und Neues baut, wird dafür nicht bestraft, sondern massiv belohnt.

Die Investitionen in Schulen, Lehre, Hochschulen und Weiterbildung sollen dabei nicht nur ein Versprechen an die Schwächeren, sondern auch eine Herausforderung an die Starken sein. Wer Begabung und Ehrgeiz mitbringt, wird gefördert und gefordert, bis an die Grenze des Möglichen. Leistung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht dort, wo Menschen das Rüstzeug bekommen, über sich hinauszuwachsen, und wo sich dieses Wachstum anschliessend auch auszahlt.

Wer sich hingegen selbstverschuldet in eine schlechtere Lage bringt, kann nicht erwarten, dass die Gemeinschaft dies über ein absolutes Minimum hinaus ausgleicht. Wer aber unverschuldet in Not gerät, etwa durch Krankheit, Unfall, Schicksalsschläge oder wirtschaftliche Umbrüche, wird verlässlich unterstützt. Diese Unterstützung hat das klare Ziel, dass die Person rasch auf die Beine kommt und wieder ein beitragendes Mitglied der Gesellschaft wird.

4. Schlanker Staat: das Backoffice des Volkes

In der Schweiz 2050 versteht sich der Staat als Backoffice des Volkes. Er ist nicht der Chef, sondern der Dienstleister. Er sorgt dafür, dass alles Grundlegende funktioniert, und tritt ansonsten so wenig wie möglich in Erscheinung.

Dafür wurde konsequent bis 20250 abgebaut und automatisiert. Behördengänge erledigen sich digital in Minuten. Was eine Maschine besser und günstiger erledigt, erledigt eine Maschine. Die Menschen in der Verwaltung kümmern sich um das, was wirklich menschliches Urteil braucht.

Das Ergebnis ist eine Steuerlast auf dem absoluten Minimum. Bürgerinnen und Bürger behalten mehr von dem, was sie verdienen, und Unternehmen finden die mitunter besten Bedingungen der Welt.

Ein schlanker Staat ist dabei ein starker Staat, weil er sich auf das Wesentliche konzentriert und dieses Wesentliche dadurch hervorragend macht.

5. Energieland

Wer im 21. Jahrhundert über Wohlstand redet, muss über Energie reden. Rechenzentren, künstliche Intelligenz, Elektromobilität, Wärmepumpen, moderne Industrie: Alles hängt am Strom. Die Schweiz 2050 hat das früh verstanden und sich zum Energieland gemacht.

Sie denkt technologieoffen und ohne ideologische Scheuklappen. Das Ziel: maximale Stromproduktion bei konsequenter Wahrung des Umweltschutzes. Ansonsten geschieht dies völlig technologieoffen.

Das Ergebnis: Die Schweiz ist energietechnisch autark und unabhängig. Niemand kann ihr den Strom abdrehen, niemand kann sie mit Energiepreisen unter Druck setzen

6. Wirtschaftsmacht: Platz eins in der Welt

Die Schweiz 2050 gibt sich nicht mit dem Mittelfeld zufrieden. Sie will Platz eins weltweit sein: für Informatik, für künstliche Intelligenz, für Forschung und Entwicklung, für Pharma und Life Sciences. Die Grundlagen dafür haben wir heute schon, mit der ETH, der EPFL, starken Universitäten und Weltkonzernen in der Pharmaindustrie. Was fehlt, ist daraus eine Gesamtstrategie zu machen.

Dazu gehört ein starker Finanzplatz, der nicht nur Vermögen verwaltet, sondern als Investitionsgrundlage für die Zukunft dient. Das Kapital, das in der Schweiz liegt, muss primär Schweizer Ideen fliessen und Wertschöpfung hier generieren.

Die Schweiz 2050 setzt weiter ihr eigenes, sinnvolles Recht. Sie reguliert mit Augenmass: genug, um Missbrauch zu verhindern und Vertrauen zu schaffen, aber nie so viel, dass Innovation erstickt. Während andere neue Technologien vor allem verwalten, ermöglicht die Schweiz sie rasch und verantwortungsvoll.

7. Wehrhaftigkeit: stark, damit niemand angreift

Die Welt ist wohl tatsächlich gerade unsicherer geworden, und niemand weiss, wie sie im Jahr 2050 aussehen wird. Die Schweiz meiner Vision 2050 ist darauf vorbereitet: Sie ist wehrhaft, aber auf eine kluge Art.

Statt riesige Budgets in Legacy-Gerät zu stecken, das für die Kriege von gestern gebaut wurde, setzt sie auf modernste Technologie mit minimalen Mitteln: Cyberabwehr, Drohnen, Sensorik, Luftverteidigung, resiliente Infrastruktur. Hier hilft die Stärke als Technologiestandort direkt mit. Was in Schweizer Labors und Firmen entwickelt wird, schützt auch das Land, und eine Armee, die auf Technologie statt auf Masse setzt, braucht weniger Köpfe und mehr Können.

Die wichtigste Verteidigung aber ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit selbst. Ein Land, das international unverzichtbar ist, das Technologien, Medikamente, Energie und Kapital bereitstellt, will wohl niemand angreifen. Die Schweiz 2050 ist also so stark und vernetzt, dass die Chance auf gewalthafte Konflikte stark minimiert ist. Wehrhaftigkeit heisst: den Frieden so wertvoll machen, dass ihn niemand riskiert.

Eine Zukunft der Schweiz, für die es sich lohnt Opfer zu bringen.

Vielleicht sind Sie nicht mit jedem dieser Punkte einverstanden. Das ist in Ordnung, und es ist gut so. Über den besten Weg zu einer grossartigen Zukunft dürfen und sollen wir streiten, so wie wir das in der Schweiz immer getan haben. Allein, aktuell streiten wir uns vorallem über Details. Über das grosse Ganze, über das diskutieren wir fast nicht.

Ich lade Sie daher ein es mir gleich zu tun, über die Zukunft der Schweiz nachzudenken. Wir können eine so viel bessere Version unser selbst werden.

Wir brauchen vor allem eine Richtung, eine Vorstellung was wir in Zukunft sein könnten. Ohne diese Richtung verwalten wir weiter den restlichen  Wohlstand der Vergangenheit, bis er dann aufgebraucht ist. Escher hatte eine solche Richtung. Duttweiler hatte sie. Jetzt ist unsere Generation an der Reihe.

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