Megatrend Dezentralisierung: Was Sie für Ihre Branche daraus lernen können.

Trends sind immer sehr beliebt. Sie helfen Entscheidungsträgern in Ihren Entscheidungen sicherer zu werden. Und sie helfen Beratern Konsens zu schaffen und ja, sie sorgen an allerlei Apéros für Small-Talk jenseits des Wetters. Es gibt dabei unterschiedliche Trends. Solche, die offensichtlich sind („Digital wird immer wichtiger“), solche welche hauptsächlich aus werblichen Gründen kreiert werden («10 Trends die Ihrem Business in 2016 zum Durchbruch verhelfen») und es gibt die tatsächlichen Treiber.

(Lesedauer 5 Minuten)

Wie, Dezentralisierung?

Ich glaube, eine der grössten und wesentlichen Folgen der Digitalisierung ist die Möglichkeit Technologie, Gesellschaft und Wirtschaft zu dezentralisieren. Tönt abstrakt ich weiß.

Um zu verstehen, warum Dezentralisierung heute enorm wichtig ist, müssen wir verstehen, warum es in den letzten Jahrhunderten überhaupt zur Zentralisierung kam.

Der Haupttreiber der Zentralisierung ist die Bündelung von Stärken. Wenn sich 10 Menschen zusammentun, um eine Sache zu bewerkstelligen, können sie mehr erreichen, als wenn jeder alleine kämpft. So organisieren wir uns, wie erwähnt seit Jahrhunderten und haben in Politik & Wirtschaft diese riesigen Gebilde geschaffen, welche Stärken und damit Macht auf sich bündeln.

Negative Effekte der Zentralisierung

Je mehr Menschen sich zusammentun, entstehen allerdings auch eine ganze Reihe von negativen Effekten. Zum Beispiel entsteht ein enormer Koordinationsaufwand, um die Vorteile der Bündelung zu nutzen. Dieser Aufwand kann bisweilen die positiven Effekte der Zentralisierung übersteigen. Ein gutes Beispiel für solche Systeme sind sehr zentralistisch organisierte Staaten. Die Bürokratie ist gigantisch, nicht etwa weil man das primär so mag, sondern weil es mit den bestehenden Mitteln nicht anders ging. Wer schon mal in Frankreich ein Business hatte, weiß wovon ich spreche.

Ein weiterer gewaltiger Nachteil ist die Angreifbarkeit eines solchen zentralisierten Systems. An vergleichsweise wenigen Stellen laufen sämtliche Fäden zur Koordination zusammen. Fallieren diese Stellen, ist schlagartig das gesamte System beschädigt oder in existentieller Gefahr. Ein gutes Beispiel für ein solches System ist die Stromversorgung oder auch das Finanzsystem.

Auch kulturell haben zentralistische Systeme Nachteile. Denken Sie an große Konzerne, welche mit einer ultra-straffen Hierarchie geführt werden müssen und dabei mehrheitlich eine Kultur erschaffen, die dem Unternehmen überhaupt nicht mehr dienlich ist. Die Beispiele dazu kennen sie aus Ihrer eigenen Erfahrung.

Auch politisch sehen wir dieselben Effekte. Z. Bsp. bei der Parteienwirtschaft. Ursprünglich dazu gedacht, Interessen innerhalb der Demokratie zu koordinieren, sind sie mittlerweile zu regelrechten «Demokratieverhinderern» avanciert. Anstatt den demokratisch organisierten Konsens zu fördern, schaden sie dem Land durch ihre undifferenzierte Kampfkultur. Die Frage lautet schon lange nicht mehr, wie können wir die Situation in einem Land verbessern. Denn das Treiben der Parteien konzentriert sich zunehmend auf die Auseinandersetzung zwischen den Parteien. Ein Frontenkrieg anstatt intensiver Lösungsworkshops, wenn Sie so wollen.

Es ging nicht anders.

Nun ist es nicht so, dass die Nachteile der Zentralisierung den Akteuren nicht bewusst gewesen wären. Und fragt man sich, warum Zentralisierung die letzten Jahrhunderte vorangetrieben wurde, ergibt sich eine einfache Antwort: Es ging nicht anders. Sonst wären die unglaublichen Errungenschaften nicht zu erreichen gewesen. Die Vorteile haben die Nachteile überwogen. Und für eine recht lange Zeit war man sich der Nachteile zudem gar nicht bewusst.

Neue Technologien schaffen komplett neue Möglichkeiten

An diesem Punkt setzen die neuen Technologien, darunter natürlich mit großem Anteil das Digitale, ein und werden in den nächsten Jahren die Spielregeln fundamental ändern.

Denn durch den Einsatz von Technologie wird es zunehmend möglich sein, die Vorteile der Zentralisierung und Bündelung zu nutzen, ohne die Nachteile zu gewärtigen.

Und in gewissen Bereichen, ist die Bündelung der Stärken durch den Einsatz von Technologien in dem Ausmass überhaupt erst möglich.

Ein gutes Beispiel dafür, so finde ich, ist Facebook. Sie mögen davon halten, was sie wollen. Unbestreitbar ist jedoch, dass Facebook wie nichts anderes auf der Welt den Gedankenaustausch zwischen den Menschen fördert und ermöglicht. Welche Gedanken Sie dabei für relevant, segensreich oder gefährlich halten oder nicht ist zweitrangig, subjektiv und damit Ihnen überlassen.

Objektiv gesehen, ist jeder Gedanke gleich wichtig: Das lustige Katzenvideo, ein ernsthafter Wertediskurs, ein Erguss eines AfD Protagonisten oder was weiß ich. Zentral ist, dass Menschen miteinander kommunizieren. Es schafft ein Gefühl und Bewusstsein für Gemeinschaft, bitte nicht verwechseln mit Einigkeit. Das ist global und historisch gesehen ein enormer Vorteil, den wir uns im Moment gerade aufbauen. Global versteht sich.

Neue Technologien ermöglichen die Lösung bestehender Probleme

Ich kann mir denken, dass Sie das Beispiel mit Facebook für abgehoben und theoretisch finden. Fair enough.

Energiewirtschaft

Schauen wir uns also etwas Konkreteres an. Zum Beispiel die Stromversorgung. Die zentralistisch organisierte Stromversorgung hat viele Nachteile. Beispielsweise ein hoher Allokationsaufwand, einen hohen Lieferschwund und ein relativ hohes Sicherheitsrisiko. Auf ein solches Konstrukt treffen nun 3 «neue» Technologien, mit welchen die Stromversorgung komplett neu organisiert werden kann.

Es sind dies eine stark verbesserte Batterietechnologie, leistungsfähigere und viel günstigere und neuartige Photovoltaik – Elemente und Smartgrid. Damit lässt sich eine dezentrale Stromversorgung auf längere Zeit extrem kostengünstig realisieren. Ganz einfach indem jedes Haus mit Photovoltaik ausgerüstet wird, die Batterien diese Energie zwischenspeichern und dem Netz zur Verfügung stellen.

Sie müssen sich das so vorstellen, wie ein gewaltiger Schwamm, der durch ein intelligentes Netz von Milliarden von Energieerzeugern und Verbrauchern gespiesen, gezehrt und verwaltet wird. Das ist ein System, welches etwa so funktioniert wie ein verteiltes Datenspeichersystem. Die dezentrale Speicherung und Erzeugung von Energie ist der Schlüssel zu einem hoch-effizienten Energiesystem, das über lange Sicht Energie am Nullkosten-Punkt liefern wird.

Finanzwesen

In Bezug auf das Finanzsystem bedeutet eine Dezentralisierung ein Aufsplitten der Nationalwährungen in private Währungen. Der Grund warum die verschiedenen Tauschmittel auf jeweils eine Währung konsolidiert wurde, ist der, dass ein Multiwährungssystem mit der damaligen Technologie nicht handelbar war. Zu groß waren die Aufwendungen, die betrieben werden mussten, um z. Bsp. die verschiedenen Tauschraten auszuhandeln.

Da Geld zu großen Teilen auch einen Informationszweck verfolgt, nämlich die Indikation von vergleichbaren Preisen, war die Einführung von nationalen Währungen naheliegend. In der Folge wurde Geld auch ein Instrument um nationale und/oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Das System ist jedoch hochgradig anfällig, wie wir in verschiedenen Ländern sehen.

Zum einen äußert sich das dadurch, dass ganze Staaten in diesen Geldpolitik-Auseinandersetzungen fundamental verlieren können. Zum anderen werden durch die Konzentration des zentralisierten Geldsystems auf nur wenige Player, ebendiese dieser Player „systemrelevant„.

Das bedeutet etwas vereinfacht: Geht ein Glied in der Kette zu Boden, zieht es die ganze Kette runter. Ist das Geldsystem dezentralisiert, könnte das so aussehen, dass jedes Unternehmen und jeder private seine eigene «Währung» ausgeben könnte. Ein Geldstück ist ja an sich nichts anderes als eine Schuldverschreibung, welche getaucht werden kann.

Der Wert dieses Geldstück basiert darauf, dass der Gläubiger darauf vertraut, dass derjenige, der die Schuldverschreibung ausgibt, die Schuld auch bedienen kann. Je höher das Vertrauen, desto wertvoller ist die Schuldverschreibung. Gäbe es nun also tausende solcher privaten Währungen, würden Vertrauensverluste in einzelne Player durch das ganze System abgefedert.

Jedes einzelne Glied in der Kette kann untergehen, ohne das gesamte System mit zu reißen. Die Technologie, die solches ermöglicht, heißt Blockchain. Eine Blockchain-basierte Technologie ermöglicht diese virtuellen Währungen und kann dadurch das Finanzsystem, wie wir es heute kennen, komplett umkrempeln.

Dass dies langfristig tatsächlich geschehen wird, hat indes meiner Meinung nach einen ganz anderen Grund: Private Währungen durch Blockchain-Technologie werden die Transaktionskosten schlicht derart senken, dass alle bisherigen Methoden unsinnig erscheinen. Die Wertindikationsfunktion würde in einem solchen Modell einfach ein Index übernehmen. Mit ihm könnten wir Waren und Dienstleistungen bepreisen. Eine fairere und stabilere Methode kenne ich nicht.

Politik

Derselbe Effekt gilt auch für politische Prozesse. Wenn wir die Infrastruktur schaffen, mit der Wähler ihre Meinung zu immer detaillierteren Fragen abgeben können, in der Schweiz nennt man dies abstimmen, wird die Demokratie direkter, schneller, transparenter und weniger anfällig für Fremdsteuerung und Missbrauch. Parteien werden in diesem Zusammenhang zunehmend obsolet. Ich habe hier schon ausführlich darüber geschrieben.

Was heißt das für Ihr Business?

Ich glaube, es gibt in jeder Branchen Möglichkeiten solche Dezentralisierungstrends auszumachen und für sich zu nutzen. Etwas, das fast jede Firma machen kann, ist, sich selber zu „dezentralisieren“, in dem man die Firmenorganisation auf ein selbstverwaltetes Modell umstellt. Anstatt die Firma zentralistisch, sprich Top-Down zu organisieren, sollten kleine Teams, innerhalb für die gesamte Firma verbindlichen Leitplanken, selber Entscheidungen fällen und sich organisieren können. Ich habe hier schon ausführlich darüber geschrieben. Und: Ja, es funktioniert auch mit mehr als 250 Mitarbeitern.

Weg vom Buchnabel-der-Welt-denken

In Bezug auf neue Businessmodelle fordert das Erkennen derer schon ein wenig mehr. Ich erlebe oft, dass es Unternehmen schwer fällt, sich von der Vorstellung zu lösen, dass sie das Zentrum des Businessmodells sind. Vielmehr geht es bei dezentralisierten Ecosystemen und Modellen darum, an einem gewissen Punkt eine das Ecosystem fördernde Rolle einzunehmen.

Ein wenig einfacher ist es eventuell, zu analysieren welche zentralistischen Modelle mit neuer Technologie eher dezentral gelöst werden können und in diesem Bereich entsprechende Tools anzubieten. Viele Startups gehen genau in diese Richtung. Ohne dabei ganz konkret ein Ziel vor Augen zu haben.

Ich denke, die nächsten Jahre werden zeigen, dass die neue Technologie dezentralere Lösungen ermöglichen werden. Dezentralismus heißt dabei auch die volle Ausnutzung von Netzwerkeffekten. Und darauf baut schlussendlich jegliche Dezentralisierung.

Artikel auf Social Media teilen:

Ein Kommentar zu Megatrend Dezentralisierung: Was Sie für Ihre Branche daraus lernen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte mache folgende Angaben: Dein Name, Deine E-Mail Adresse und Dein Kommentar.