Warum der technologische Fortschritt mehr Arbeit schafft!

In einem Kommentar zu meinem t3n-Artikel «Jobvernichtung durch Digitalisierung: Das Geschäft mit der Panikmache! » wird angemerkt ich würde rein historisch argumentieren, dass der technologische Fortschritt mehr Arbeit schaffe. Es war mir bis dato gar nicht so richtig bewusst, dass die Mehrheit der Leute gar nicht weiss warum das so ist. Dabei ist es ganz einfach. Ein Erklärungsversuch.

(Lesedauer: 6 Minuten)

«Danke für den Artikel, aber deine Argumentationsweise ist von Grund auf falsch. Der Argumentation, man hat in der Vergangenheit schon immer Angst gehabt und es ist doch noch nie was passiert ist schlichtweg eine naive Art zu argumentieren. Das Denkmuster eines Schweins im Stall „Oh, der Mensch kommt heute wieder und bringt mir etwas zu fressen. Vor dem brauche ich keine Angst haben, die letzten 150 Male waren ja auch positiv.“ ist auch nur so lange richtig, bis Schlachttag ist.»   

Thomas, am 27.01.2016

Nur weil es schon immer so war

Thomas hat natürlich vollkommen recht; es ist sinnfrei so zu argumentieren. Warum ich das trotzdem ins Feld führte war, da ich unterstreichen wollte, dass es diesen Effekt nicht nur in Theorie gibt. Sondern, dass wir ihn schon etliche Male beobachten konnten.

In der Tat denke ich grundsätzlich, dass die Vergangenheit ein relativ schlechter Ratgeber ist, wenn es darum geht, die Zukunft abzuleiten. Die Dinge ändern sich. Schneller als je.

Automatisierung vs. Manuelle Arbeit

Aber warum ergibt sich dieser Effekt, dass wir über die Zeit mit steigendem technologischem Fortschritt auch mehr Arbeit haben? Die folgende Grafik zeigt, vereinfacht, die grundlegende «Mechanik» hinter der dem Verhältnis von menschlicher und maschineller Arbeit.

Maschine und Arbeit

In diesem Modell gehen wir mal davon aus, dass am Anfang (1) eine Arbeit 100% menschlich erbracht wird. Der Einfachheit halber gehen wir auch davon aus, dass die Wertschöpfung der Kombination von menschlicher und maschineller Arbeit nur sprunghaft ansteigt (nächste Grafik dann). In der Realität ist das natürlich ein fließender Begriff.

Wir sehen in diesem Modell, dass die Arbeit über die Zeit immer mehr von der Maschine übernommen wird bis zu jenem Moment in dem diesen anteiligen Gleichstand haben (2). Bis zu jenem Punkt wird die maschinelle Arbeit als Erleichterung (4) wahrgenommen. Typischerweise, werden monotone, repetitive und gefährliche Arbeiten zuerst zu Maschinen verlagert.

Ist dieser Punkt erreicht, wird nach und nach sämtliche Arbeit durch die Maschinen übernommen (3). Diese Phase erzeugt in der Regel Angst obsolet zu werden.

Spielen wir das mal kurz anhand von persönlichen Kurzstrecken-Transporten durch: Am Anfang dieses Prozesses gab es die Sänfte (welche sich nur wenige leisten konnten). 4 Leute trugen jemanden von einem Platz an den anderen. Der Einsatz von Technologie (z. Bsp. das Rad) ermöglichte es dasselbe mit einem Menschen zu machen. Der Einsatz des Pferdes brachte weitere Produktivitätsgewinne und Erleichterungen mit sich. Durch den Einsatz von Automobilen wurde dieses Verhältnis weiter optimiert was zusammen mit anderen Faktoren auch dazu führte, dass sich viel mehr Leute diese Dienstleistung leisten können. Heute kennen wir diese Dienstleistung als Taxi. Gehen wir in der (recht vorhersehbaren) Entwicklung weiter, kommen vermehrt selbstfahrende Fahrzeuge zum Tragen. Es ist sehr absehbar, dass diese Dienstleistung komplett maschinell erbracht werden kann.

Am Ende dieser Entwicklung erwarte ich, dass diese Dienstleistungen unsichtbar für den Menschen werden. Unsichtbar in dem Sinne, dass sie einfach da und nutzbar sind, sich die Menschen aber gar keinen Kopf mehr darüber machen, ob es im Prozess menschliche Arbeit benötigt(e). Neue Generationen nehmen sie als eine Art Allgemeingut wahr.

Limitierter Wahrnehmungshorizont

Nun ist der Mensch komplett ersetzt. Fertig lustig. Und wir haben alle Freizeit. Woher soll denn da noch ein Auskommen kommen?

Das ist die Denke der breiten Öffentlichkeit in diesem Thema. Die Leute denken nicht über diesen einen Entwicklungsschritt hinweg. Was jedoch in der Tat passiert ist folgendes:

Mensch und Arbeit

Punkt 1 und 2 sind nochmals abgebildet aus der obenstehenden Grafik. An dem Punkt wo wir einen Prozess vollkommen automatisiert haben, erhöhen wir die Ansprüche. Wir fragen uns ganz konkret, jetzt wo wir das erarbeitet haben, wie können wir es einsetzen um unsere Situation weiter zu verbessern. Diese Art von Verbesserungswille liegt uns in den Genen.

Was wir Menschen dann wiederum machen ist, dass wir die noch fehlenden technologischen Errungenschaften kurzerhand mit menschlicher Arbeit ausgleichen (Punkt 3). Und dieselbe Optimierung/Automatisierung erfolgt dann nach gleichem Muster wieder.

Damit wäre abgeleitet warum wir grundsätzlich immer gleichviel Arbeit haben. Wir reiten sozusagen auf der technologischen Entwicklung. Nun ist es ja aber so, dass die Arbeit zunimmt.

Rasante Vermehrung der Möglichkeiten

Das kommt daher, da ein maschinell optimierter/gelöster Prozess in der Regel eben nicht einfach einen Folgeprozess mit sich zieht, sondern ein Vielfaches an neuen Möglichkeiten hervorbringt.

«Der zentrale Punkt des technologischen Fortschritts ist, dass er ein Vielfaches (der zuvor automatisierten Prozesse) an neuen Möglichkeiten schafft.»

Nehmen wir also die oben aufgeführten Grafiken und richten unsere Sicht von oben auf diese herab ergibt sich symbolhaft folgendes Bild:

Christmastrees of opportunities

Was also als ein einziger Prozess begann (1), ermöglich eine Vielzahl von neuen Prozessen die sich beliebig kombinieren. Und wie bereits erwähnt, wird jeder am Anfang wieder mit menschlicher Arbeit ausgeglichen. Darum gibt es mehr Arbeit.

Wann gäbe es tatsächlich nicht mehr Arbeit?

Es ist ziemlich offensichtlich, dass es dann keine weitere Arbeit gibt, wenn wir uns mit etwas begnügen. Z. Bsp. mit dem Status-Quo – uns mit allem Abfinden. Und es annehmen. Es zeichnet den Menschen aber doch eben aus, dass er das nicht tut. Im Gegenteil, wir sind geradezu fanatisch daran unsere Situation permanent zu verbessern. Das gilt für das Individuum (zwar mit unterschiedlichen Ausprägungen und vereinzelten Ausnahmen) gleichermaßen wir für unsere Spezies.

Arbeit ist nicht gleich Job

Nun verwechseln viele Leute Jobs mit Arbeit. Arbeit sind die menschlichen Anstrengungen um etwas zu bewerkstelligen. Jobs oder Stellen sind die von unserem jetzigen System definierten Entitäten um Arbeit wirtschaftlich zu fassen. Nur weil es mehr Arbeit gibt, muss es nicht zwingend auch mehr Jobs nach heutigem Muster geben.

Herausforderung: Neudefinition von Arbeit und Berufen

Die Herausforderung kann also nur darin bestehen für die Arbeit von morgen entsprechende Gefäße zu finden. Und vor allem, Übergänge von einem System in ein nächstes möglichst gut zu gestalten. Mit gut meine ich, mit möglichst wenig menschlichem Leid. Da sind wir alle gefragt.

Beginnen können wir damit, dass wir nicht kollektiv an unserer Vorstellung von Jobs oder gar an einzelnen Jobs festhalten. Ich bin daher ein vehementer Gegner von Subventionen zur Strukturerhaltung. Sie sind regelrecht Öl ins Feuer des Wandels. Sie begünstigen harte und krasse wirtschaftliche Änderungen bei denen immer die Menschen auf der Strecke bleiben.

Darum denke ich tun wir gut daran, Veränderungen aktiv zu forcieren und Stellen eben abzubauen, wenn klar wird, dass sich ein Bereich in den kommenden Jahren fundamental verändern wird.

Um auf das Taxigewerbe zurückzukommen würde das heißen, dass jetzt aktiv begonnen wird, Einsteiger daran zu hindern in der Branche tätig zu werden und echte Alternativen zu schaffen. Denn nur so steht dann nicht eine Armee von Fahrern innerhalb von einem Jahr auf der Strasse, wenn die ersten selbstfahrenden Taxis lanciert werden.

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3 Kommentare zu Warum der technologische Fortschritt mehr Arbeit schafft!
  1. Klaus Burmeister Antworten

    Eine rein historische Betrachtung (Analogiebildung) wird der Komplexität der Veränderung von Arbeit nicht gerecht. Diese Arithmetik simplifiziert leider soweit, dass sie in die Irre führt: Es regelt sich schon alles, näheres s. Schema.
    Was wir benötigen ist, sicher kein Alarmismus, aber eine Debatte auf der Augenhöhe von Wissenschaft und Technik sowie gesellschaftlicher Diskurse. Richtig ist, wir müssen Arbeit neu und weiterdenken, nur heisst das auch, darüber muss man sich im Klaren sein, die Arbeits-Gesellschaften ansich neu zu denken. Was schon eine beachtlich Aufgabe darstellt.
    Deshalb brauchen wird eben auch eine Vision von dem was „WIR“ (welches wir gemeint ist, darüber wäre auch noch zu reden) wollen. Bereits diese Diskussion findet, wenn überhaupt nur in Ansätzen statt. Fazit: Vereinfachung und Alarmismus führen nicht weiter. Das Thema so ernst, dass wir es umfassend, kreativ und gerne auch disruptiv angehen sollten.

  2. Daniel Antworten

    Sollten sich Denk und Logikfehler eingeschlichen haben, bitte ich um Aufklärung.
    liebe Grüße
    Daniel

  3. Daniel Antworten

    Ich hätte mir gewünscht die Erklärung „Arbeit ist nicht gleich Job“ würde an einer der ersten Stellen stehen, damit man den ganzen Text und die Diagramme besser verstehen kann.

    Es wird von menschlichem Leid mindern gesprochen, aber dennoch wird der Mensch meines Erachtens als kalkulatorische Resource gesehen mit nur einem Faktor.

    Natürlich wird der Mensch sich immer eine andere Beschäftigung/Arbeit suchen, wenn eine aktuelle zu Ende geht, das ist auch meine Überzeugung. Wenn das aber die Intention des Textes ist, dann ist sie vollkommen am Ziel vorbeigeschossen und projiziert eher das Gegenteil.

    Hier geht es ja schliesslich wie schon gesagt um die Erwerbsarbeit (Jobs) und den Menschen bzw. das System der/das von dieser abhängig ist.

    Und nicht um die Definition von Arbeit die in obigem Absatz klar gestellt wird.

    Hinzu kommt m.E. der Denkfehler wie schon zu beginn zugegeben dass es schon immer so in der Entwicklung war dass dann der Mensch sich angepasst hat und seinen Standard erhöht hat.
    Da fehlt die Weitsicht wenn man das auf die Zukunft projiziert.
    Klar kann man sagen, wir wissen nicht was in der Zukunft kommt.
    Aber gehen wir einfach davon aus dass diese Stellen wegfallen und wir von unserer gegenseitigen Fremdversorgung durch Menschen nun auch in eine Fremdversorgung der Maschinen kommen.

    Das bedeutet zwangsläufig die Jobs (Das Erwerbseinkommen) in der Wirtschaft für handwerkliche und dienstleisterische Gruppen wie Taxifahrer wird nahe Null gehen. Und das schafft Leid, die Menschen die in diesen Jobs sind, sind nunmal in diesen Jobs und so wie das momentane System aufgebaut ist (sprich von der Erwerbsarbeit abhängig) werden sie Erwerbslos=Mittellos.
    Das aktuelle System macht es den Menschen schwer sich neu zu orientieren bei Verlust des Erwerbseinkommens.
    Übrig für diese Gruppen werden nur soziale und ähnliche Erwerbsarbeit bleiben in denen körperliche Nähe gefragt ist. Aber nicht jeder Mensch ist dafür geschaffen soziale oder körperliche Dienstleistungsberufe auszuüben und keiner sollte dazu gezwungen sein, denn das ist auch eines des schlimmsten Leids was dort erfahren wird. Die Fremdbestimmung und Fremdkontrolle bis hin zur Verzweiflung.

    Die Auswahl/Das Spektrum der Erwerbsarbeit wird immer kleiner besonders in den unteren Ausbildungs und Einkommensbereichen.
    Selbst ohne Maschinen passiert das und es werden Berufsfelder zusammen gelegt.

    Somit ist es existentiell für alle Bürger eines Staates über kurz oder lang, eine Grundsicherung für diese bereit zu stellen die nicht an die Erwerbsarbeit gebunden ist. Und dies unter anderem durch die Maschinen finanzieren zu lassen. Je früher desto besser, denn die Situation des Leides haben wir schon und es wird sich noch drastisch verschlimmern.

    Natürlich es wird sicher auch Erwerbsarbeit im digitalen und anderen Bereichen geschaffen. Aber wie schon gesagt, welcher Taxifahrer oder Bauarbeiter hat die Kompetenzen dazu.
    Klar ist, dass kommende Generationen darauf vorbereitet werden müssen auf die neuen Bereiche. Aber auch klar ist doch, dass die aktuellen Menschen mit ihren Leben immer mehr die Leidtragenden sind, sollte sich nichts dahingehend ändern.

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