Was die Wirtschaft von Open Source Communities lernen kann!

Das Jahr 2015 war so eine Art Weckruf in Sachen Digitale Transformation. Auch für jene, welche üblicherweise gerne länger schlafen. Landläufig ist man der Meinung, man sei bereits mitten drin in dieser Digitalen Transformation. Ich glaube aber wir sind erst am Anfang.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Zweigeteilte Digitale Transformation

Ich denke, die Digitale Transformation, wie wir sie heute sehen, hat zwei grundsätzliche Komponenten:

Digitalisierung von Bestehendem

In diesem Teil geht es darum, ein bestehendes Modell ins Digitale zu überführen. Klassisches Beispiel: Der Retailer verkauft nun auch Online. Es ist sozusagen eine erste Annäherung an die neuen Lebensgewohnheiten der sich durch Technologie verändernden Gesellschaft. In dem Bereich sind wir in der Tat auf recht gutem Weg. Viele Unternehmen machen die notwendigen Investitionen und schaffen es durchaus eine Customer Experience zu schaffen, die den Kunden hilft. Durch diese (beinahe) 1:1 Übernahme von „bewährten“ Prozesse entstehen in der Regel aber selten wirklich neue Möglichkeiten. Es ist sozusagen die Pflichtübung, welche Unternehmen davor bewahrt im Markt zurück zu fallen.

Grundsätzliche Änderung der Modelle durch die neuen technologischen Möglichkeiten

Wirklich interessant wird es, wenn Bestehendes grundlegend neu gedacht wird. Wenn die neuen technologischen Möglichkeiten dazu genutzt werden, neue Business-Modelle zu entwickeln. Das ist dann nicht neuer Wein in alten Schläuchen, sondern eben neuer Wein in neuen Schläuchen. Wir alle kennen diese Vergleiche von z. Bsp. Airbnb und Hilton. Da werden verfügbare Zimmer und Übernachtungen verglichen und die Aussage gemacht, dass Airbnb nur ein paar Jahre gebraucht hat, um das aufzubauen und dabei noch nicht mal eine einzige Hotelimmobilie sein eigen nennt. Diese Vergleiche sind zwar witzig aber der typische Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Denn es geht um komplett verschiedene Modell, die per se nicht vergleichbar sind.

Communities im Zentrum der neuen Modelle

Ich bin seit ein paar Jahren Teil der TYPO3 Community. Sie ist eine der wenigen frei und selbst organisierten, großen Software Communities. Je länger ich mich mit neuen Geschäftsmodellen auseinandersetze, desto mehr denke ich, dass Communities der Schlüssel zu ebendiesen sind. Wie Communities aufgebaut sind, habe ich hier etwas detaillierter beschrieben. Sie finden diese Strukturen in sämtlichen „Communities of Interest“

Weg vom Produktdenken hin zu „Community of Interest“

Ich denke, das klassische „Firma X produziert und verkauft Produkt A, Kunde Y kauft und konsumiert“ ist nicht tot. Ich denke aber, Firmen sollten sich so schnell wie möglich nicht mehr als Produzenten der Produkte verstehen, sondern als Dienstleister an der Community of Interest, in der sie sich bewegen.

Das ändert eine ganze Menge. Denn es fokussiert die Firmen auf Probleme und Sorgen der Kunden. Wenn es nicht mehr primär darum geht, ein Produkt zu entwickeln und an den Mann zu bringen, sondern die Probleme der Community-Mitglieder zu lösen, entstehen neue Modelle.

Es wird vielleicht wie im Fall von Airbnb erkannt, dass es reicht, die eine Community of Interest mit einer anderen zu kombinieren. Oder einem freien Open Source Produkt zu helfen, im Markt besser adaptiert werden zu können. Das ist zugegebenermaßen nicht ganz leicht. Der Paradigmenwechsel, aber auch diese Möglichkeiten zu sehen und daraus Revenue-Streams zu entwickeln, die auch wirklich tragen.

4/6/8 P ist tot

Ich kann die Aufschreie förmlich hören. Die klassischen Marketingkonzepte fokussieren auf den Markt und das Produkt als Kerngrössen. Wirklich durchschlagende digitalisierte Geschäftsmodelle entwickeln Sie entlang ihrer Communities, indem Sie sich radikal an den Bedürfnissen der Community Mitglieder ausrichten.

Gehen Sie mit dieser Einstellung an Ihre Marketingaktivitäten, hören Sie eben auf Ihre Kunden mit Werbung zu nerven, sie zu „Impulskäufen“ zu überreden und „Ihre Marke mit Branding Kampagnen zu stärken“. Nein, Sie dienen mit Ihren Aktivitäten dem gemeinschaftlichen Ziel und damit jedem Einzelnen. Und Sie werden ganz automatisch als freundliche Unterstützung wahrgenommen.

Als Teil der Community. Sie sind plötzlich auf Augenhöhe mit Community-Mitgliedern. Das ist, warum diese neuen Player neben wirtschaftlichem Erfolg auch derart viel Sympathie abkriegen.

Einer höheren Sache dienen

Es geht in unseren Wirtschaften je länger je weniger darum, Unternehmen als Selbstzweck zu verstehen. Die wirklich interessanten Unternehmen verfolgen im Kern das Ziel gesellschaftliche Probleme zu lösen. Wir entfernen uns langsam von diesem Shareholder-Denken, weil auf breiter Front erkannt wird, dass es uns als Gesellschaft nicht weiter bringt.

Es ist bezeichnend, dass die Unternehmen und Unternehmer, die heute wirtschaftlichen erfolgreichsten sind, eben gerade keine per se wirtschaftlichen Ziele verfolgen.

Sie sind in einer wirtschaftlichen Welt, die sich auf das Maximieren von Banalem fokussierte, eben genau darum so extrem erfolgreich, weil sie es nicht tun. Die großen Unternehmer, frühere wie aktuelle, sehen Wirtschaft in der Pflicht der Gesellschaft, und nicht etwa umgekehrt.

Open Source und Communities of Interest

Und da spielt Open Source als fundamentales Prinzip zum Teilen von Informationen innerhalb der Community of Interest eine entscheidende Rolle. Denn stehen Informationen einer breiten Masse von Mitgliedern zur Verfügung, kommt die ganze Community weiter. Das Internet hat dazu in den letzten Jahren einen riesigen Beitrag geleistet.

Und denken Sie jetzt nicht an komplexe, vermeintlich hoch-wertvolle Informationen, sondern bleiben Sie bei Banalem wie Produktinformationen. Durch die Verfügbarkeit dieses Wissens trifft die Kundschaft bessere Kaufentscheidungen, was dazu führt, dass auf der einen Seite schlechte Produkte eingestellt werden und auf der anderen Seite neue Produkte geschaffen werden, welche neue Anforderungen abdecken. Ohne diesen Informationsaustausch wäre der Anreiz fundamental neue und bessere Produkte zu schaffen weit weniger groß.

Peer-Research

Alle relevanten Informationen frei zugänglich zu machen, ist entscheidend für unsere Gesellschaft. Noch passt das wirtschaftliche System nicht so recht dazu. Denn Forschung, also das Erarbeiten von relevantem Wissen, kosten viel Geld und die einzige Möglichkeit dieses Geld zu rekuperieren, ist im Moment damit ein Produkt zu bauen. Und das Wissen über Patente wirtschaftlich zu schützen.

Dieser Prozess behindert den Fortschritt jedoch erheblich. Hier gilt es in Zukunft Wege zu finden, Forschungsarbeit gemeinschaftlich vorzunehmen. Was bei der Erstellung von Software in Open Source Communities recht gut funktioniert, diese Peer-Production, kann durchaus auch auf die Forschung angewandt werden. Es verteilt die Kosten der Forschung auf so viele Parteien, bis diese Kosten tragbar werden. Der Einzelne kann die Kosten der Forschung individuell oder im Verbund durch das Verwerten der frei verfügbaren Informationen wieder einbringen.

Das ist ein Paradigmawechsel. Die Open Source Communities, die ja gerade in den letzten Jahren viel stärker kommerzialisiert wurden, machen vor, wie dies gehen kann.

„Daten/Informationen sind das neue Öl“

Ich halte diese Aussage aus den oben erläuterten Gründen für fundamental falsch. Sie rührt daher, dass die Leute diese „Unternehmen -> Kunden“ Modelle 1:1 auf das digitale Zeitalter ummünzen. Was wir aber in Tat und Wahrheit sehen ist, dass so viele Informationen wie nie zuvor frei zugänglich sind. Und dieser Trend wird anhalten, auch wenn es Gesetze und Bestimmungen gibt, die dies aus Gründen des Strukturerhalts noch behindern.

Versuchen Sie also in der Digitalen Transformationen Ihres Unternehmens möglichst herauszufinden, in welcher Community of Interest Sie sich bewegen. Und stellen Sie sich die Frage: „Was ist unser Beitrag, um dieser Community zu dienen?“. Dann ziehen Sie noch sämtliche technologischen Möglichkeiten in Betracht und sie sind schon weit. Dann müssen Sie es nur noch machen :-)

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