Lieber Herr Hensch, darum sollten Sie auf Tesla etwas halten!

Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel von dieser Woche gelesen. Ihre Kernaussage ist, dass man neue, vermeintlich umweltfreundliche Technologien in den Himmel lobt und gar nicht so genau hinsieht ob diese Umweltfreundlichkeit wirklich gegeben ist. Und dass jegliche Kritik an solchen Konzepten blindlings totgeschlagen wird. Sie haben Tesla mit den Plastiksäckli (Schweizerdeutsch für Abreiss-Plastiktüten im Supermarkt) verglichen. Das war witzig aber auch irgendwie fies. Denn ich behaupte, diese starken Reaktionen auf Tesla-Kritik haben mit Umweltschutz nur entfernt zu tun.

(Lesedauer 4 Minuten)

Um es gleich vorweg zu nehmen. Ich schreibe das hier nicht, weil ich mir anmasse, Sie belehren zu wollen. Das steht mir weder zu, noch könnte ich es. Dennoch möchte ich ein paar Punkte rund um den Tesla-Hype aufgreifen und beleuchten, von denen ich denke, sie sind in Ihrem Kommentar ein bisschen untergegangen. Denn wie argumentiert, wird ist meist nicht dasselbe, wie warum überhaupt argumentiert wird.

Und auf die Gefahr hin, dass Sie mich jetzt gleich in die Tesla-Fanboy-Ecke stellen: Ja, auch ich finde Tesla toll und so werde ich wohl nächstes Jahr einen in meiner Garage stehen haben. Als langjähriger, ausschließlicher BMW Fahrer macht man sowas weder emotionslos noch leichtfertig. Aber es gibt Gründe:

Umweltfreundlichkeit

Ehrlich gesagt, Umweltfreundlichkeit nehme ich gerne, wenn sie gegeben ist. Aber wenn nicht, was solls. Ich bin völlig bei Ihnen, wenn Sie sagen, dass Tesla unter dem Strich nicht umweltfreundlicher als Benziner sind. Ich weiss um die wertvolle Arbeit Ihrer Organisation und vertraue da ganz auf Ihre Expertise.

Mit den doch recht vielen Tesla-Fahrern, mit den ich bis jetzt sprechen konnte, war kein einziger dabei, für den die Umweltfreundlichkeit das Top-Kriterium ist. Leute, die das mit der täglichen Umweltfreundlichkeit über die eigene Komfortzone hinaus ernst meinen, fahren mit dem Zug. Gehen zu Fuss. Kaufen mit dem Anhänger lokales Bier im Käseladen ums Eck. Auch wenn es regnet oder schneit.

Das ist nicht meine Welt. Ich, und ich behaupte das Gros der Tesla-Fahrer, sind eher so vom Typus «Bio-Gemüse im Supermarkt kaufen». Wenn es «umweltfreundlich» im Sortiment hat, warum nicht, ansonsten halt nicht.

Dieses Auto

Das Auto ist einfach Klasse. Man muss es leider sagen. Die von Ihnen angesprochene Beschleunigung ist dabei eben gerade nicht unbedingt das Kern-Feature. Das kriege ich auch mit einem Porsche.

Was dieses Auto anders macht, ist, dass es grundsätzlich ein softwarebasiertes Konzept mit sich bringt. Während alle bisherigen Autos eher so wie die alten Nokias oder Blackberrys waren, ist der Tesla in der Automobilbranche das Äquivalent zum Smartphone. Modular, konfigurier- und erweiterbar.

Ich denke das, kombiniert mit einem Design, das sehr sicher diese Balance zwischen Extravaganz und Alltagstauglichkeit findet, und den klassischen Dingen wie Fahrleistungen machen die unmittelbare Faszination dieses Autos aus. Würde BMW denselben Wagen, wenn auch nur als Benziner, rausbringen, er wäre ein Riesenerfolg.

Mut zum Aufbruch in eine komplett andere Welt

Und genau da sind wir beim eigentlichen Kernthema: Ich habe das Gefühl, die meisten «Tesla-Jünger» (es überschneiden sich unsere Wahrnehmungen) kaufen das Produkt eben zu einem wesentlichen Teil, weil sie die «Old-Economy» satt haben. Dieses Verwechseln von kleinen Verbesserungen einer bestehenden Technologie mit Innovation, was doch ein echter Paradigmenwechsel sein sollte.

Denn was ist denn bitte die Alternative? Kein Auto mehr fahren, auf der Benzin-Schiene bleiben? Es ist leicht etwas zu kritisieren, ohne mit stichhaltigen Gegenvorschlägen zu kommen.

«Mob der mit dem Status-Quo zufriedenen»

Und mit der Realität hat doch Innovation nicht so viel zu tun. Die Welt lebt davon, dass jemand hin steht und etwas aufzieht, dass alle anderen für nicht realistisch halten. Ich habe täglich mit Grosskonzernen zu tun und Sie glauben nicht, wie viele tolle Ideen im Keim erstickt werden, weil der «Mob der mit dem Status-Quo zufriedenen» sich im Kollektiv auf die Klassifizierung «nicht realistisch» einigen. Aus diesem Grund, gepaart mit dem süssen Gift von sprudelnden Revenue-Streams, schafft die Automobilwirtschaft es nicht, ein grundlegend anderes sprich besseres Produkt zu erschaffen.

Wir können von Glück reden, gibt es ab und an Leute, die es mit mehr Glück als Verstand zu ein bisschen finanzieller Unabhängigkeit schaffen und diese dann eben nicht auf einer Insel mit «Dolce Vita» verpulvern, sondern alles auf eine Karte setzen, um der Welt zu zeigen, dass es eben doch möglich ist, das «Nicht-Realistische» umzusetzen. Elon Musk ist so ein Mensch.

Er ist, wie vor ihm z. Bsp. Howard Hughes, ein Wegbereiter für die Adaption von Technologie in der Gesellschaft. Die wahre Disruption ist eben nicht nur durch Technologie getrieben, sondern in gleichem Masse auch von Leuten, die ein «nicht möglich» nur als freundlichen Hinweis verstehen. Und sich darüber hinweg setzen (können) und neue Technologie anwenden und weitertreiben. Das ist Faszination und Mythos «Tesla». SpaceX, die andere Musk Firma, folgt da demselben Muster.

Diese Haltung bringt dann Features wie dieses im Video hier hervor. Und wir müssen uns als Konsumenten fragen, warum denn bitte die alteingesessene Autoindustrie nicht darauf gekommen ist? Können die etwa keine Falcon-Wing-Doors bauen? Wohl kaum. Aber sie haben die Kultur im Unternehmen nicht, welche solches zulässt.

Je radikaler ein Produkt, desto radikaler seine Jünger

Sie können sich vorstellen, dass genau dieser Umstand ein erklärtes «Kind der Technologie» wie mich mehr als alles andere davon überzeugt, einen Tesla zu kaufen. Aus Gesprächen weiß ich, dass es vielen Tesla-Fahrern ganz ähnlich geht.

Radikale Produkte bringen in der Regel radikale Anhänger hervor. Da ist es mit Tesla nicht anders. Und ich finde dieses Missionarische schlicht und einfach auch zu viel des Guten. Die Reaktionen auf den Artikel sind aber völlig logisch. Sobald etwas dogmatisiert wird, ist ein sachlicher, differenzierter Diskurs nicht mehr möglich.

Lange Rede kurzer Sinn: Danke für Ihren Artikel. Ich denke es ist wichtig, dass wir uns differenziert über neue Technologien und Produkte unterhalten und eben auch Kritik entsprechend würdigen und ernst nehmen. Gerade die ungelösten Probleme in Bezug auf Batterien muss man ernst nehmen. Und Lösungen finden. Auch wenn diese vielleicht Brennstoffzelle heißen und nicht von Tesla kommen.

Mit besten Grüssen
Alain Veuve

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