Killt der eCommerce unsere Traditionsgeschäfte?

Vor ein paar Wochen ist in Basel wieder ein sogenanntes Traditionsgeschäft zugegangen. Ich habe grosse Sympathien für langjährige Firmengeschichten und die Traditionen, die damit verbunden sind. Geht so ein Geschäft ein, ist das bedauerlich, zumal immer Arbeitsplätze verloren gehen. Zum anderen aber auch weil wir Menschen solche Geschichten einfach lieben: Eine Firma, die 150 Jahre alt ist! Wow!

Schnell sind jeweils auch die Nachrufer zur Stelle und machen ihrem Frust über das verlorene Geschäft Luft. Vom bösen Internet, dem bösen eCommerce, den verlorenen Werten, der unglaublich hart gewordenen Wirtschaft, dem Einkaufstourismus ist da die Rede und manch einer lässt sich gerade dazu hinreissen, unsere Gesellschaft als verloren und auf Abwegen zu bezeichnen.

Es ist die Pflicht eines jeden Unternehmens, sich kontinuierlich am Kunden neu auszurichten.

Ganz ehrlich, ich mag das Gejammer nicht mehr hören. Denn es zeugt von einem komplett falschen Verständnis von langfristiger unternehmerischer Tätigkeit und der Unfähigkeit mit Veränderungen umzugehen. Im oben erwähnten Fall finde ich es besonders schlimm: Das Führungsduo lässt sich noch dazu hinreissen, in der Lokalzeitung ein Interview mit allerlei fadenscheiniger Entschuldigungen zu geben. Die Argumentationen könnten verkehrter nicht sein. Mein Lieblingsargument:

Die Kunden kaufen zunehmend im Internet
Das Standardargument der Old Economy zu erklären, warum ihre Umsätze stagnieren oder zurückgehen. Und ja, natürlich kaufen immer mehr Kunden im Internet. Dies weil es einfacher ist, weil es schneller ist, weil es bequemer ist, weil es eine viel grössere Produktauswahl hat und ja weil es teilweise auch günstiger ist. Was aber hier als unausweichliche Bedrohung dargestellt wird, ist (oder war) de fakto einer der grössten Chancen der letzten Jahren. Bereits etablierte Unternehmen hatten doch die beste Ausgangslage, zur rechten Zeit in den eCommerce einzusteigen. Da man sich jedoch eben nicht am Kunden ausrichtet, hat man auch nicht gemerkt, dass die Kunden langsam aber kontinuierlich ein anderes Einkaufsverhalten an den Tag legen. Und so zielt das unveränderte Angebot systematisch an der veränderten Nachfrage vorbei.

Jetzt so zu tun, als könne man dafür nichts, ist schlicht und einfach lachhaft. Jedes Kind versteht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Und es ist mit ein Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen Konzepts.

Vielmehr hätten die Leute einfach hinstehen und offen und ehrlich sagen sollen: Wir haben es nicht geschafft. Wir haben der Marktentwicklung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und unser Angebot nicht entsprechend angepasst. Darum kaufen die Kunden nicht mehr im selben Mass, darum stimmen unsere Finanzen nicht mehr. Und wir haben weder Lust noch Skills, die Firma umzubauen.

Zwei Kriege und die Revolution des Einzelhandels durch Duttweiler überlebt
Das Unternehmen hat zwei Kriege, die Einführung des Stroms, des Verkehrs, wie wir ihn kennen und die Revolution des Detailhandels durch Dutti überlebt, aber die digitale Revolution soll es nicht meistern können? Ich verstehe es nicht. Umso mehr nicht, als dass wir heute viel mehr Daten zu Märkten und Kunden haben.

Eine Erklärung habe ich doch: Vielleicht ist es einfach so, dass die Führung der Old Economy viel zu goldige Zeiten erlebt hatte. Nach dem Krieg herrschten 60 Jahre praktisch ungebremste Nachfrage und man musste sich nicht sonderlich stark anpassen in gewissen Bereichen. Es lief einfach. Wer in dieser Zeit sozialisiert wurde, und das verstehe ich, wird heute tatsächlich von Veränderungen überrascht.

Dass der Wandel Chancen bietet, zeigen andere
So gesehen stimmt deren Sicht für sie sogar. Dass es jedoch auch ganz anders gehen kann, zeigen eindrucksvolle Beispiele in meinem nahen Umfeld. Zum Beispiel der Eisenwarenladen, der über die Jahre zum Haushaltswarenladen und dann mehr zum Heimaccessoire Laden mit eingebettetem Gastro-Teil mutierte. Ganz ohne Online und nicht an der Bahnhofstrasse.

Oder der Musikladen, der als Startup anfing und ganz einfach die verkrusteten und ineffizienten, bestehenden Handelswege nicht akzeptiert und daher parallel importiert hat und so zum Marktführer in der Schweiz avancierte. Online aber auch mit ganz realen grossen Läden.

Ihnen gemein ist, dass sie sich nicht auf dem Erfolg ausruhen und verstanden haben, dass Kunde und Märkte in Bewegung sind und daher auch die Anbieter es sein müssen. So einfach ist es eigentlich.

Auf der Kost Sport Seite findet sich in der Geschichte folgender Satz: „Leonhard Kost, der Gründer des Geschäftes, war offensichtlich ständig auf der Suche nach neuen Marktnischen.“ Hätte das Unternehmen diesen Geist bewahren können, wäre es wohl noch immer ein starkes, profitables Unternehmen. Ob noch immer im Sportartikel-Handel tätig, ist eine andere Frage, aber auch eine nicht so wichtige.

 

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