Internet-Agenturen: Produktänderung, was tun?

Die Gestaltung des Produktportfolios einer Agentur ist nur ganz selten ein bewusster Prozess. Viele Agenturen haben ihre Expertise für ein Produkt eher zufällig aufgebaut. Treiber einer solchen Auswahl waren und sind meist die Präferenzen der Developer der Agentur, das Fundament der Auswahl sind aber immer die Nachfrage im Markt nach einem Produkt. Machen wir uns daher nichts vor. Agenturen liefern über lang oder kurz Lösungen in dem System, in dem für sie die meisten Anfragen kommen. Was also nun tun, wenn sich bei diesen Systemen Veränderungen ergeben?

(Lesedauer 4 Minuten)

Produktwechsel, einfach mal so?

Für Agenturen sind solche Veränderungen grundsätzlich mal emotional schwierig. Die meisten Agentur-Unternehmer sind sich der Wichtigkeit der eingesetzten Frameworks sehr wohl bewusst. Bricht die Nachfrage z. Bsp. eben durch eine Veränderung im Produkt ein, spüren sie das ganz direkt. Zudem ist es, wenn ich eines in 10 Jahren Agentur-Management gelernt habe, ein ziemlich schwieriges Unterfangen eine Agentur von einem Schlüsselprodukt auf ein anderes umzubauen. Das kostet immer Zeit und Geld. Beides hat man im Projektgeschäft bekanntlich nicht gerade in Massen.

Die Ankündigung von Neos und TYPO3 sich in zwei verschiedene Projekte aufzuspalten, ist gerade mal 1 Woche alt. In den vergangenen 5 Tagen habe ich mit verschiedenen TYPO3/Neos Agentur-Inhabern und Führungsleuten sprechen können und von vielen weiteren gehört. Für alle ist das natürlich ein Thema und viele machen sich Gedanken, wie es weiter gehen soll. Glücklicherweise habe ich nur ganz wenig Aktionismus gesehen. Im Gegenteil. Die meisten Agenturen bekräftigen Ihr Engagement in beide Produkte, weil sie sehen, dass durch diesen Split beide Produkte stärker werden.

OpenSource als Vorteil – einmal mehr

Einmal mehr sind Agenturen und Kunden durch die Verwendung von OpenSource Software im Vorteil. Denn egal welche Ankündigung auch kommt, Agenturen und Kunden können die Software erstmal weiterverwenden. Im proprietären Bereich haben wir in den letzten 10 Jahren jedoch zahlreiche Konsolidierungen gesehen und in der Tat sind diese meistens nicht unbedingt zum Vorteil der Kunden verlaufen. Nicht zuletzt darum thematisieren kleine CMS Consultancies wie Digital Clarity Group oder J.Boye das Thema gebetsmühlenartig (man kann in der Beratung damit Geld verdienen).

Opportunisten

Nicht so einen großen Gefallen hat die Agentur numero2 sich und Contao mit ihrem Blogpost getan:

2015-05-24 08_45_37-Torsten Materna (@agentur) _ Twitter

Das kann ich nur als eine Art gutgemeinten Opportunismus werten, die Gunst der Stunde zu nutzen und Unsicherheiten bei TYPO3 und Neos Kunden zu wecken. Doch genau diese Frage stellt sich überhaupt nicht, denn es gibt null Handlungsbedarf: Beide Systeme sind stärker denn je.

Im Fall von TYPO3, und das ist der Agentur numero2 wohl ebenso sehr entgangen, wie mir entgangen ist, dass sich Contao ganz cool entwickelt hat, ist es eher so, dass wir gerade so etwas wie einen zweiten Frühling erleben und man sehr viel erwarten kann in Zukunft. Und das beileibe nicht nur im Enterprise Segment. Bei Neos ist die Version 2.0 in den Startlöchern und wir haben diese Woche bereits sehen können, dass eine neue Aufbruchstimmung da ist. In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und das setzt ungeahnte Energie frei.

Die Antwort auf die Frage der Agentur numero2 kann also nur lauten: TYPO3 UND Neos, jetzt erst recht. Das ist auch der Tenor, den ich aus der Agenturbasis höre.

Wann ist ein Produktportfoliowechsel angesagt?

Ich bin der Meinung, dass das Produktportfolio einer Agentur laufend überprüft werden muss. Würde man es strategisch korrekt machen wollen, müsste man die Bedürfnisse der Kunden auf einer längeren Zeitachse beobachten und daraus abgeleitet Systeme evaluieren, die diese Bedürfnisse am besten abdecken. Würde, wäre, hätte…

Die Realität in den meisten Agenturen sieht anders aus: Kommen drei Nachfragen für System XY, das man nicht anbietet, kurz aufeinanderfolgend rein oder noch schlimmer, werden bei einer Projektabsage als System der Wahl kommuniziert, geht meist die Panik um.

Die unglücklichsten Agenturinhaber oder -Manager verfallen dann in einen Aktionismus und bieten einfach mal bei einem nächsten Projekt auch System XY an. Im dümmsten Fall gewinnen sie das Projekt auch noch und fahren dann einen Verlust ein. Was ja weiter nicht erstaunlich ist. Denn wer kann schon mit einem neuen System ohne Vorbereitung wirtschaftliche Projekte machen? Niemand.

Ein grösserer Teil der Agenturen verhält sich aber „mittelfristig strategisch“. Damit meine ich, dass man sich an folgenden Kriterien orientiert:

  1. Nachfrage im Markt
    Man beobachtet die Nachfrage am Markt und nimmt sie als wichtigen Gradmesser. Dabei ist die Nachfrage am Markt keine statistische Größe, sondern ein subjektives Erleben.
  2. Technologische Präferenzen
    Es ist sehr schwer z. Bsp. von PHP auf Java umzusatteln. Nicht unbedingt als Developer vielleicht, sondern als Firma. Das ist ein vielschichtiger, komplexer Prozess, der sehr oft auch kulturelle Veränderungen mit sich bringt. Dem sind sich sehr viele Mitarbeiter unterschwellig bewusst. Darum bleiben die meisten Firmen, die Produktwechsel vornehmen, in einem ähnlichen technologischen Umfeld (gilt übrigens für alle IT-Firmen).
  3. Befindlichkeit der Mitarbeiter
    Produktportfolioveränderungen bedeuten Umschulungen und, viel wichtiger, auch das Einleben in neue Communities. Meist wollen Developer schlicht keine andere Technologie einsetzen. Dem will man als Agenturleiter grundsätzlich nicht entgegenwirken, ausser es geht wirklich nicht mehr anders.
  4. Positionierung der Agentur
    Sehr viele Agenturen haben vom Erfolg von Produkten enorm profitiert. So gibt es z. Bsp. Firma XY, die als Drupal Agentur oder Firma XX, die als Magnolia Agentur gilt. Da in Bezug auf Marketing und Kommunikation zu ändern, ist viel Arbeit. Zudem verunsichert man bestehende Kunden  (die ja das „alte“ Produkt gekauft haben), die meist als Basis für eine Grundauslastung sorgen.

Wechsel nur wenn es unbedingt notwendig ist

Aus oben genannten Gründen ist ein abrupter Wechsel eigentlich nur angesagt, wenn es auch abrupte Wechsel im Produkt gibt. Z. Bsp. das angekündigte Einstellen eines (proprietären) Produkts oder massive Sicherheitsmängel im Produkt. Wann immer möglich, sollten Produktportfolioumstellungen langsam erfolgen. Am besten tut man dies, indem man ein neues Produkt hinzunimmt und dediziert ein Team dafür aufbaut und einfachere Projekte damit macht. So können zum einen Know-How und Skills im Team für das neue Produkt aufgebaut werden und zum anderen aber auch die notwendigen Marketing und Community/Hersteller Maßnahmen vorgenommen werden.

 

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4 Kommentare zu Internet-Agenturen: Produktänderung, was tun?

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