Wo bleibt die Innovation im CMS Markt?

Das hier hätte ein Post über die Innovation in Web Content Management Systemen werden sollen. Hätte. Sollen. Je mehr ich mich hineingearbeitet habe und je mehr Systeme ich mir wieder verglichen habe, muss ich leider sagen, viel ist da nicht.

Ausser vielleicht Sie halten die Bedienbarkeit eines CMS über ein mobiles Gerät für Innovation. Oder das standardmässige Ausliefern eines Responsive Web Kits für das Frontend. Oder Personalisierung. Oder generell gute Usability im Backend. Die Liste liesse sich beliebig erweitern, es ist ja nicht so, dass an den Produkten nicht gearbeitet würde.

Aus vielen Gesprächen mit Website-Betreibern weiss ich, dass heutige Web CMS, vor allem im Enterprise Bereich, als Bremsklötze wahrgenommen werden. Die Website-Betreiber möchten viel flexibler, schneller und einfacher umfangreiche Änderungen an ihrer Web-Plattform vornehmen. Zu Beginn der WCMS Ära waren die Firmen begeistert, wenn man ihnen ein CMS zeigte. So einfach war es nun möglich, neuen Inhalt aufs Web zu bringen. Das war damals ein echter Game-Changer.

Das Web von damals hat mit dem Web von heute nicht mehr so viel gemein. Die CMS aber sind, mehr oder minder, immer noch darauf ausgelegt, primär Inhalte ins Web zu bringen. Die Anforderungen an Web-Plattformen, getrieben durch den User, haben sich jedoch grundlegend verändert. Ein paar CMS haben darauf vage Antworten, die bahnbrechende Erleichterung beziehungsweise ein Game-Changer, kann aber keines bringen.

Das ist umso erstaunlicher, als dass WCMS ein riesiger Markt ist. Es gibt durchaus gewisse Parallelen zum E-Commerce kurz bevor Magento lanciert wurde. Die Merchants waren unzufrieden, konnten ihr Business nicht richtig vorantreiben, weil sie von der Software behindert wurden. Magento war dann konzeptionell ein Befreiungsschlag: Seht her, jeder kann eCommerce machen, wie wir es eigentlich schon lange wollten. Dass dieses unerhörte Versprechen dann nie ganz eingelöst wurde, spielt überhaupt keine Rolle. Das Momentum, das Magento für den ganzen Bereich brachte, ist bis heute zu spüren.

Warum passiert ein so grundlegender Wandel nicht im CMS Markt? Die Gründe dafür sind vielfältig. 3 aus meiner Sicht wichtige:

Die meisten CMS sind Developer-Driven
Ein CMS ist eine vergleichsweise einfache Software. Während man für die Umsetzung eines sagen wir zum Beispiel Buchhaltungsprogrammes viel fachliches Know-How mitbringen muss, ist für ein CMS Basiswissen über das Web ausreichend. Die Einstiegshürde ist daher ziemlich tief und so fast jeder Developer hat schon damit geliebäugelt, ein CMS zu bauen. All die neueren CMS sind wohl aus Entwicklersicht spannend, was für grundlegend andere Funktionalität als die Big4 (WordPress, Drupal, TYPO3 und Joomla) bieten diese Systeme? Leider keine. Was wir bräuchten, wären fachliche Spezialisten, welche die Top Probleme in der Bewirtschaftung von Corporate Websites adressieren und mit Entwicklern umsetzen. Leider sind diese Spezialisten sehr rar und zur Zeit gesuchte Kaderleute.

Die Mehrheit der Website-Betreiber ist unterqualifiziert
Der digitale Wandel schreitet rasch voran und viele Unternehmen können nur schlecht mithalten. Erfahrenes und gut qualifiziertes, digitales Personal ist rar und vielerorts werden daher unterqualifizierte Mitarbeiter eingestellt. Diese sind nicht in der Lage Anforderungen aus Ihrem täglichen Geschäftsleben zu erkennen und genug klar und mit entsprechender Vehemenz und Konsequenz bei den Herstellern einzufordern. Den Herstellern geht damit ein wichtiger Bezug zu den Endusern verloren und sie wähnen sich in der trügerischen Sicherheit, dass sie die Erfordernisse des Marktes ja abdecken würden. Dem ist aber bei weitem nicht so. Der Enduser sieht das ganz anders.

Das Geschäftspotential CMS wird nicht erkannt
Viele Investoren denken, der CMS Markt sei gemacht und nur wenige Player könnten sich durchsetzen. Zudem habe der Siegeszug der Open Source Software in diesem Bereich die Revenue-Streams zunichte gemacht. Denkt man in klassischen Produkten, ist das sogar nicht mal falsch (sic!). Dass aber die Ecosysteme, die rund um diese Produkte entstanden sind, enorme Wertschöpfungen generieren, bleibt den meisten verborgen. Nur wenige Investoren erkennen langsam, wie man einen Teil dieser Wertschöpfung wieder zurück zu den Initianden bringen kann und tun dies auch.

Die Zeichen stehen jedoch gut, dass sich das ändern könnte. Die Gerüchte halten sich hartnäckig, dass die grossen traditionellen Herstellen in den CMS Markt vordringen. Im Falle von Google hat sich das bereits bestätigt. Weitere werden folgen. Das wird Druck reinbringen. Gut so.

Es wäre aber auch Raum für einen kompletten Newcomer – direkt am Markt konzipiert und entwickelt auf weit verbreiteten, akzeptierten Technologien und Frameworks. Wenn dann noch als Open Source vermarktet, könnten wir tatsächlich ein Überflieger und Innovationstreiber im CMS-Bereich sehen. Und das wäre wohl ähnlich wohltuend für den gesamten Markt, wie Magento es für den eCommerce war.

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4 Kommentare zu Wo bleibt die Innovation im CMS Markt?
  1. Boris Kraft Antworten

    CMS ist hart. Die Anforderungen ein ein Digital Business Plattform sind immens. Der Markt ändert sich ständig, die Kunden sind überfordert, und die Hersteller kämpfen an allen Fronten gleichzeitig.

    Auf Google etc. zu hoffen ist aussichtslos. Die haben weder das Knowhow noch ist der Markt interessant für sie.

    Gut kann man nur da sein, wo man Leidenschaft mitbringt. Ich persönlich finde Ansätze wie sie Rasmus mit Neos vorgestellt hat fantastisch. Auch Contentful ist grundsätzlich interessant, allerdings gebe ich Alain recht – man kann nichts damit machen, was man mit anderen Systemen wie Magnolia, welche ein API mitbringen, nicht auch machen könnte; dafür sind aber alle Probleme die ein CMS sonst noch so lösen soll in Contentful noch nicht angegangen – ich denke da mal an Mehrsprachigkeit etc.

    Oder schaut man mal auf TheGrid. Auch ein spannender, neuer, innovativer Ansatz.

    Ich persönlich finde, dass der CMS Markt extrem Innovativ ist. Was es nicht gibt bisher ist aber ein Disruptives Element – und ich glaube das ist das, was du, Alain, hier eigentlich vermisst. Ein komplett neuer Ansatz: man definiert nur noch, wie viel Umsatz (oder welcher KPI auch immer) man haben will, und das System generiert alles von alleine. ;-)

    Zum Thema habe ich auch mal was gebloggt, der Vollständigkeit halber hier der Link: http://www.betterfasterbigger.com/2014/05/the-curious-case-of-missing-management.html

  2. Alain Veuve Antworten

    Hallo Herr Butschinek

    danke für Ihren Kommentar. Mit Contentful kam ich schon in verschiedenen Situationen in Kontakt und die sind schon auf unserer Landkarte. Und ich halte auch einiges davon.

    Trotzdem, und das ist jetzt durchaus mit einem Schuss Provokation gemeint; was kann Contentful im Grundlegenden was wir in grossen Enterprise Installationen mit z. Bsp. TYPO3 nicht schon vor 7 Jahren gemacht hätten? Ich erinnere mich z. Bsp. an ein Projekt wo Anfangs nur eine Website gebaut wurde, nach und nach aber vom Programmheft über X-Anzeigetafeln am Veranstaltungsort, Anzeigen in den öffentlichen Bussen in der Umgebung, Teletext und vieles mehr alles aus einer TYPO3 Instanz gefeedet wurde.

    Natürlich macht Contentful das viel besser und auch einiges „sexier“ (ich muss es mir mal wieder ansehen). Ein grundlegend neues Konzept kann ich darin nicht erkennen – bei aller Sympathie für Contentful.

    Ich denke es gibt für richtige Innovation – sprich grundlegend neue Konzepte – keine Abkürzungen aus der Beraterecke (so gerne ich das auch hätte). Sie können wohl nur mit einer grossen Gruppe von verschiedenen Endkunden erarbeitet werden.

    Liebe Grüsse
    Alain Veuve

    • Udo Butschinek Antworten

      Hallo Herr Veuve,

      wir müssen grundsätzlich einen Unterschied machen zwischen Innovationen und „grundsätzlichen Neuerungen“.

      Innovationen zeichnen sich durch graduelle Veränderungen aus, die etwas Bestehendes besser machen.

      „Grundsätzliche Neuerungen“ sind eher Erfindungen. Also etwas, was so noch nicht da gewesen ist.

      Insofern handelt es sich bei Contentful um eine Innovation. Was daran innovativ ist, ist eben die Tatsache, dass von eine konkreten Publikationsplattform von vorneherein abstrahiert wird.

      Wohingegen TYPO3 ein Web-Publishing-Tool ist und für diesen Zweck ursprünglich gedacht war. Natürlich war zu diesem Zeitpunkt die Vielfalt der Ausgabemedien und -geräte noch nicht absehbar (oder vielleicht doch?).

      Klar kann man TYPO3 in jede beliebige Richtung erweitern, was meines Erachtens den großen Erfolg von TYPO3 im deutschsprachigen Raum erklärt.

      Die Innovation liegt zudem im Konzeptionellen. Nämlich darin, dass man – am Ende der Zeiten – unternehmensweiten Content modelliert und medienneutral an einem zentralen Ort verwaltet und durch eine definierte API beliebig verfügbar macht.

      Viele liebe Grüße,

      Udo Butschinek

  3. Udo Butschinek Antworten

    Hallo Herr Veuve,

    Sie stellen eine gute Frage. Wenn man den Blickwinkel auf WCMS eingeschränkt hat stimme ich Ihren Betrachtungen voll zu.
    Wenn Sie allerdings selbst innovativ und „out of the box“ denken würden, wäre Ihnen vielleicht schon Die Innovation begegnet. Ich helfe mal nach: contentful.com

    Viele liebe Grüße,

    Udo Butschinek

    P.S.: ich verwende das gleiche WP-Theme

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