Wo bleiben die digitalen Generationenprojekte?

In der jüngsten Geschichte der westlichen Gesellschaft gab es immer wieder umfangreiche Generationenprojekte. Wenn sich mehr und mehr gesellschaftliche Herausforderungen in den digitalen Bereich verschieben, ist es nur logisch, könnte man meinen, dass auch diese Generationenprojekte, digital werden. Allein, es gibt sie nicht.

(Lesedauer 7 Minuten)

Tunnel

Jedes Land hat in der Vergangenheit seine eigene Kategorie von Generationenprojekten gestemmt. In der Schweiz drehte sich, geographisch bedingt, vieles um die Eisenbahn und den Tunnelbau. Die Schweiz mit ihrer kleinen Fläche eignet sich hervorragend, ein engmaschiges Eisenbahnnetz aufzubauen. Viele meiner deutschen Kollegen witzeln nach dem ersten Besuch in der Schweiz, dass selbst Verspätungen von wenigen Minuten kommuniziert werden. Was ja auch tatsächlich so ist. Wenn jemand auf der Welt, Eisenbahn kann, dann die Schweizer.

Nur, ein derart perfektes Eisenbahnnetz ist nicht von alleine und über Nacht entstanden. Die Investitionen in diesem Bereich waren (und sind noch immer) gigantisch.

Zum Beispiel der Bau des Gotthard Eisenbahntunnels war nicht etwa rein staatlich aufgegleist und koordiniert, sondern ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Parteien. Alfred Escher, der die Schweizerische Kreditanstalt und bei der Finanzierung der Gotthardbahn eine wichtige Rolle spielte, musste mit in- und ausländischen Investoren, den Ländern und schlussendlich auch den Lieferanten verhandeln. Später schreibt er:

«Da es sich um die Beschaffung sehr beträchtlichen Privatkapitals handelte, so musste an die ausländische Finanz gelangt werden, wenn auch vorerst die Beteiligung der schweizerischen Finanz mit einer Quote des beizubringenden Privatkapitals, um dem Auslande Zutrauen einzuflößen, zu sichern war. Auch in dieser Richtung waren endlose Unterhandlungen zu pflegen. Die Anschauungen der inländischen und ausländischen Finanzmächte gingen weit auseinander und waren überdies beständigem Wechsel unterworfen. Ein Meer von Schwierigkeiten war zu überwinden, bis es gelang, eine Einigung der verschiedenartigen Elemente zu einem übereinstimmenden Programm herbeizuführen. Nachdem in solcher Weise die Wege und Mittel vorbereitet waren, sah sich der Bundesrat in die Lage gesetzt, eine internationale Konferenz derjenigen Staaten zu veranstalten, welche die Geneigtheit an den Tag gelegt hatten, die Ausführung der Gotthardbahn zu unterstützen.»(1)

Das Projekt Gotthardtunnel hatte eine heute fast unvorstellbare Dimension. Nicht im physischen Sinne, sondern in der Art und Weise wie es von ebendiesen vielen Parteien mitgetragen wurde und auf welch dünnem Fundament es gestartet wurde. Im Verlaufe des Baus bekam es denn auch bedrohlich Seitenlage und scheiterte beinahe. Die Geschichte kann hier verdichtet nachgelesen werden. Es liest sich wie ein Krimi. Hier in der Kurzfassung.

Wo bleiben die heutigen Generationenprojekte?

In der heutigen Zeit in welcher mehr und mehr Dinge des täglichen geschäftlichen und gesellschaftlichen Lebens digital unterstützt wird und umgesetzt werden, sind derartige Generationenprojekte nicht zu erkennen. Zwar gab es erste Ansätze, wie zum Beispiel die Suisse ID, eine Art elektronische Identitätskarte, welche die Identität bei elektronischen Transaktionen gewährleisten sollte, aber dieses Projekt, wie viele andere scheitern an zu kleinlichem, überorganisierten und zögerlichen Handelns.

Die grundlegende digitale Infrastruktur bauen derweil private Unternehmen auf und auch hier muss man in Europa ernüchtert feststellen, dass es vor allem private amerikanische Konzerne sind, welche die Grundlagen schaffen. Zwar werden Datenschützer und Gesetzgeber nicht müde zu kritisieren, wie heikel und potentiell gefährlich das ist, die Konsumenten aber scheint es in der Masse nicht zu kümmern.

Bedarf wäre da

Man könnte nun sagen, die Infrastruktur ist ja aufgebaut, warum benötigten wir denn jetzt noch solch große umfangreiche, digitale Projekte? Betrachtet man nur die Real-Live Infrastruktur, mag das ja fürs Erste stimmen. Nur auf der digitalen Ebene basteln wir eben an jeder Ecke halbherzig.

Gerade im Bereich Datenschutz zum Beispiel, herrscht Wildwest. Und das meine ich jetzt explizit nicht nur in Bezug auf die großen Internet-Konzerne. Nein, auch regulatorische Behörden, staatliche Exekutivstellen und Branchenvereinigungen interpretieren das Datenschutzgesetz oft nach Ihrem Gusto.

Datenschutz-Dilemma

„Im Zentrum der Datenschutzthematik geht es um die Frage, ob erhobene Daten jenem gehören der diese Daten erhebt oder demjenigen gehören, welche die Grundlage für diese Datenerhebung bildet.“

Diese Frage lässt sich zu Gunsten oder Ungunsten der einen oder anderen Partei beantworten und verargumentieren. Ein stringente, weltweit gültige und akzeptierte Best Practice gibt es nicht. Gesetze unterscheiden sich in verschiedenen Ländern in wichtigen Details teilweise doch erheblich, mit ihr die Rechtspraxis. Ein Ding der Unmöglichkeit in einer Welt welche eine globale Wirtschaft betreibt.

Dabei wäre es relativ einfach: die Daten gehören demjenigen der die Erhebung durchgeführt, schon nur darum, weil er den Aufwand der Erhebung betreibt. Das Recht einer Erhebung zuzustimmen oder diese abzulehnen verbleibt logischerweise bei jedem Bürger und Konsumenten bei dem Daten erhoben werden.

Quadratur des Datenschutzkreises

Da wir nun eine solche einheitliche und akzeptierte Infrastruktur nicht haben, versucht der Gesetzgeber auf der einen Seite die Daten zum Eigentum des zu erhebenden zu erklären. Die erhebenden, ihrerseits, versuchen, bestehende und sich neu bildende Gesetze mit immer neuen Tricks, sei es auf juristischer oder technologische Ebene, zu umgehen. Allein die Entscheidungsgeschwindigkeit und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verschafft ihn dabei stets einen gehörigen Vorsprung.

Digitale Infrastruktur

Wie mühsam und schädlich für das Geschäft und das Privatleben dieser unheilige Mechanismus ist, zeigt sich zum Beispiel aktuell bei unserem Fintech Start-Up Accounto. Europäisches und Schweizerisches Datenschutzrecht unter einen Hut zu bringen ist aufwändig und mühsam. Zusätzlich frustrierend: Viele Kunden, respektive der große Teil unserer Kunden, interessiert diese Fragen ohnehin nicht im Geringsten.

Ein digitalesGenerationenprojekt: Datenschutz-Infrastruktur

Darum denke ich wäre ein digitales Generationenprojekt unserer Zeit die Schaffung einer Infrastruktur welche die Datenerhebung und die Freigabe zur Erhebung zuverlässig löst. Die technologischen Möglichkeiten dazu existieren schon länger. Allein es fehlt die Einsicht, dass wir langfristig so etwas benötigen.

Privacy

Eine mögliche Lösung könnte so aussehen, dass wir infrastrukturtechnisch die Datenerhebung als User zuerst freigeben müssen. Das ist derselbe Mechanismus wie wir ihn vom Bestätigung der AGBs kennen nur einfacher, bequemer und technologisch garantiert. Kennen Sie jemand der diese AGBs liest?

Mit so einem Mechanismus wäre es jedem Menschen möglich, die Erhebung von Daten aufgrund seines gesellschaftlichen und technischen Bewegungsprofils zu erlauben oder abzulehnen. Damit könnten den Unternehmen große Investitionen und mühsamen Prozessen erspart werden. Der User hingegen, könnte verlässlich einzelnen Firmen oder Diensten Zugang geben oder eben diesen Zugang verhindern.

Ironischerweise wäre die Umsetzung eines solchen Projektes technisch gar nicht so aufwändig, da bestehende Teile und Mechanismen  der Netzwerkinfrastruktur dafür genutzt werden könnten.

Es passiert nicht

Eine Infrastruktur zum Datenschutz ist nur ein mögliches Großprojekt, dass man in dieser Zeit angehen könnte und sollte. Trotzdem passiert nicht viel.

Zwar gibt es in jedem Land Initiativen, neue Gruppierungen, Vereinigungen und Politiker, die mittlerweile versuchen, die Digitalisierung weiter zu bringen. Vielfach können sich die Exponenten über das Thema profilieren, obwohl sie noch vor ein paar Monaten von der Digitalisierung nicht so viel wissen wollten.

Es wird viel geredet, viel «geworkshopt», viel mit der Presse gemacht, nur wirklich getan wird wenig. Uns fehlen eben die Alfred Eschers, jene Leute die mit ihren Projekten immer wieder alles auf eine Karte setzen. Wer viel hat, hat viel Angst viel zu verlieren. Das ist wohl dieses Paradigma, dass unsere Zeit bezüglich breiter Innovation (noch) beherrscht.

Auf der anderen Seite muss man auch erkennen, dass es früher ungemein einfach war, den Wert zum Beispiel der Eisenbahn zu erkennen. Wenn man nur schlammige und gepflasterte Straßen kannte, und auf jenen großen Strecken zurücklegen musste, konnte jede Großmutter und jedes Kind erkennen, dass die Eisenbahn viele tägliche Probleme umfassend löst.

Alles virtuell?

Das ist bei digitaler Infrastruktur anders. Da die Entwicklung so schnell vorangeht, erkennt die ältere Generation den Wert der Infrastruktur gar nicht. Es löst sozusagen keines ihrer tatsächlichen Probleme.

Bei den jüngeren Generationen ist die Affinität für das Thema Datenschutz, so meine Erfahrung, meist fast nicht gegeben. Die Meinung, dass, wer nichts verbrochen hat auch nichts zu verstecken hat, ist weit verbreitet. Ich glaube das ist vor allen dem Umstand geschuldet., Dass wir mit den digitalen Technologien und den sich daraus ergeben den Möglichkeiten noch ganz am Anfang sind.

Denn die Auswirkungen, welche die Datenerhebung und Verwertung auf den Bürger in Zukunft haben werden, haben die meisten noch nicht ansatzweise erfasst. Zum einen kommen viele sehr positive Dinge auf uns zu, zum anderen bedeutet das Arbeiten mit Daten aber auch, dass stärker als noch heute einzelnen Personen und Personengruppen der Zugang zu Möglichkeiten verwehrt bleibt.

Zentraler Pfeiler unserer gesellschaftlichen Werte-Ordnung

Nun ist das nichts neues, das Leben war auf diesem Planeten noch nie fair und kann es per Definition nicht sein. Das Recht auf Selbstbestimmung ist aber ein zentraler Pfeiler der westlichen Werte-Ordnung. Darum muss es auch in Zukunft möglich sein, als Individuum selbst bestimmen zu können, welche Daten ich mit welchen Service oder welche Unternehmen teilen.

Durch das Fehlen dieses Mechanismus, und denken sie ja nicht das die Gesetzgebung und Juristerei ein solcher Mechanismus sein kann, delegieren wir unsere Selbstbestimmung peu à peu weg von uns.

Aus diesem Grund werte ich die Wichtigkeit einer solchen Datenschutz-Infrastruktur um einiges höher als den Tunnelbau. Vielleicht dauert es einfach noch einen Moment bis die nachwachsenden Generationen reif und fähig genug sind um diese Dinge anzupacken. Von der ersten Idee des Gotthardtunnels bis zum Tunneldurchstich sind schließlich auch 28 Jahre vergangen.

Vielleicht aber, und das ist die große Gefahr, interessiert diese Thematik aber auch in Zukunft zu wenig. Und die Lobbyisten aus der Rechtsprechung und des Staatsapparats behalten die Hoheit in diesen Fragen. Echte Lösung hingegen, sehen anders aus.

 

 

 

(1) („Der Aufbruch zur modernen Schweiz“, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2006)

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