Wie technologische Glaubenskriege den technologischen Fortschritt hemmen.

Immer wieder kann beobachtet werden, wie sich rund um neue Technologie und deren Einsatz in Produkten und Services regelrechte Glaubenskriege ausbrechen. Das ist gleichwohl mühsam wie bedauerlich, aber leider unvermeidlich.

(Lesedauer 5 Minuten)

Logisch.

Eigentlich, so könnte man meinen, wäre es ja sehr einfach. Die Menschen nutzen jeweils immer diejenige Technologie, welche mittelfristig günstiger, besser und einfacher zu nutzen ist. Egal woher diese Technologie kommt, egal wer sie erfunden hat. Alle sollten an Verbesserungen, die möglichst schnell auf unser Leben einwirken, interessiert sein. Und; sie stellen kategorisch großartige Möglichkeiten dar, neues Business zu machen.

Glaubenskrieg

Wer sich in der Welt umsieht, wird aber schnell bemerken, dass dem überhaupt nicht so ist. Vielmehr wird neue Technologie bekämpft. Es bilden sich eigentlich immer mindestens zwei Lager: Jenes der Bewahrer, die an den alten Technologien festhalten möchten und ein Lager der Erneuerer, welche neue Technologie so schnell wie möglich eingesetzt sehen wollen.

In beiden Lagern verlaufen die Diskussionen in der Regel weitgehend abseits der Faktenlage. Besonders schön sieht man das am Beispiel der Nukleartechnologie. Auf der einen Seite sehen Nuklearbefürworter diese Energiegewinnung zu Unrecht angeprangert und sind der Meinung die Fragen der zukünftigen Energiegewinnung seien damit geklärt. Auf der anderen Seite stehen die Nukleargegner, mittlerweile (vor allem nach Fukushima) das führende Lager, mit der Überzeugung die Nukleartechnologie sollte grundsätzlich nie mehr angewendet werden.

In solchen Diskussionen werfen sich die beiden Lager dann jeweils genüsslich allerlei Statistiken, Fakten und ja, Halbwahrheiten an den Kopf. Es ist ein großer hoffnungsloser Versuch das andere Lager zu überzeugen. Was natürlich nie gelingt.

Glauben

Denn in den allermeisten Fällen handelt sich um einen Glauben an eine Technologie. Dieser Glaube kann durch viele Faktoren entstanden sein. Erlebnisse, Fakten, Sozialisierung, Tradition – es sind im Grunde genommen dieselben Elemente wie bei jedem anderen, religiösen Glauben auch.

„Der Glauben ist der Versuch, das Fehlende oder nicht durch Wissen Erklärbare in Bezug zur eigenen Wahrnehmung zu setzen“

Der Mensch braucht den Glauben um mit Wissenslücken mental fertig zu werden. Wir alle glauben an etwas und sei es nur daran, dass wir an nix glauben. Es sind diese Gedankenkomplexe, auf denen wir unsere Handlungsdirektiven aufbauen.

Ich denke, ein dem Fortschritt und der Weiterentwicklung der Menschheit förderlicher Glaube ist jener an das „Wissen und das Wissen um Nicht-Wissen“.  Um zum Beispiel Nukleartechnologie zurück zu kommen; fatalerweise tut weder das eine Lager noch das andere dem Einsatz dieser Technologie einen Gefallen.

Atomkraftwerke sind sehr sicher. Und sie sind gemessen am Produktionsoutput ziemlich sauber. Das Problem der heutigen Atomkraftwerke sind die Kosten. Denn wenn ein gravierender Unfall passiert – und ja er kann immer und überall passieren – sind die Schäden und die damit verbundenen Kosten immens. Eine der Errungenschaften in der Umweltpolitik ist, dass man vor 40 Jahren generell begann, externen Kosten zu internalisieren. Bei Atomkraftwerken sind diese Kosten zum einen der Teil für Rückbau am Ende der Lebensdauer des Werks und, da sind wir noch nicht so weit, bei der Versicherung des Schadensfalls. Würden alle Kosten korrekt berücksichtigt, wäre Atomstrom heute bereits unbezahlbar.

Auf der anderen Seite ist man durch die Unfälle viel zu schnell zur Überzeugung gelangt, dass Nukleartechnologie auf alle Zeit zu verbieten sei. Dadurch werden die Investitionen in diesen Bereich maximal beschnitten. Das ist fatal, denn vieles an der Nukleartechnologie ist vielversprechend. Sie hat großes technologisches Potential. Anstatt Atomkraftwerke einfach so zu schließen und öffentlich zu verteufeln, hätte man lieber dazu aufgerufen die Investitionen in diese Technologie zu intensivieren. Der offensichtlichste und einfachste Weg wäre die Miniaturisierung der Reaktoren, damit lassen sich die Wahrscheinlichkeiten eines Super-GAUs und damit die Kosten erheblich senken. In einer dezentral organisierten Stromversorgung in welche die Erzeugung, Speicherung und der Verbrauch größtenteils lokal geschieht, können kleine Kommunal-Reaktoren eine wichtige Rolle spielen.

Wenn man also nun versucht einen logischen Schluss zu ziehen, dann jenen, dass man Atomkraftwerke nach heutigem Muster nicht weiter forcieren, jedoch in die Technologie massiv investieren sollte. Es ist eine differenzierte Betrachtung, diese fällt offenbar vielen Leuten heute schwer.

Alle Variablen der Gleichung kennen

Warum das so ist, ist einfach zu erklären; die Bereiche sind detailreich und schwer zu Durchdringen. Es ist zum Beispiel sehr schwierig zwei Menschen einen Apfel vorzusetzen und sie unterschiedlicher Meinung über die Ausgestaltung des Gegenstands sein zu lassen. Das ist darum so, weil der Apfel, seine Attribute, blitzschnell und einfach zu greifen sind. Man kann darüber nicht streiten.

Je weniger klar diese Attribute sind oder, je mehr Zeit aufgewendet werden muss um sämtliche Attribute zu erfassen, desto mehr ist der Mensch geneigt, die fehlenden Erkenntnisse mit „Glauben“ zu überbrücken. Darum glauben Leute an Technologie. In Tat und Wahrheit geht das aber auf keinen Fall, man kann höchstens die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Technologie in unserer Welt durchsetzt, als höher als bei anderen Technologien einschätzen.

Basierend auf diesem Glauben und der Wirtschaftlichkeit fällen wir in der Gesellschaft technologische Entscheidungen. Am Ende siegt immer die „zeitlich nächstbeste Wirtschaftlichkeit“ – der Glaube spielt keine Rolle mehr. Und in der Regel ist es so, dass über Zeit die physikalisch besten Lösungen auch die wirtschaftlichsten sind.

Sowohl als auch

Wenn wir uns über Technologie und die daraus entstehenden Veränderungen also weniger dogmatisch und ideologisch getrieben unterhalten würden, wenn wir mehr „sowohl als auch“ als „the winner takes it all“ pflegen würden, wir kämen schneller, effektiver und mit weniger Stress zu besseren Lösungen. Die Diskussionen bringen so leider nichts, außer der Erkenntnis, dass es eben keine „winner takes it all“ Szenarien gibt. Alle großen technologisch getriebenen Umwälzungen waren immer ein Zusammenspiel von verschiedenen Technologien. Und das wird weiter so bleiben.

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Ein Kommentar zu Wie technologische Glaubenskriege den technologischen Fortschritt hemmen.
  1. Wolf Schumacher Antworten

    Kann i h nur bestätigen, Weitere typische Beispiele in meinem Umfeld sind: (1)’Cloud Anwendungen. Wir haben fast zwei Jahre gebraucht, bis dassj unsere Cloud Business Anwendungen für Handel und Produktion nicht mehr grundsätzlich bekämpft wurden. (2) Elektromobilität. Von Beginn an erzählten uns Leute, dass unser HEV umweltschädlicher sei als ein Diesel. Hat sich seit der Dieselaffäre etwas gemildert. Beide Fälle fühlten sich tatsächlich manchmal wie ein Glaubenskrieg an.

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