Wie die Zeit uns in Bezug auf Technologie narrt.

Muskatnuss ist wahrscheinlich eines der blödesten Produkte, das man handeln kann. Das wurde mir bewusst, als ich letzten Samstag in der Lieferung von LeShop ein neues Gläschen davon entdeckte. Meine Frau hatte nachbestellt, weil das alte praktisch alle war. Das ist in Bezug auf Haushalts- oder Nahrungsmittel erstmal nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist jedoch wie lange man in der Regel braucht um, bei normalem „Verzehr“, so eine Packung zu verbrauchen. In meinem Fall waren es 10 Jahre. Über die Wahrnehmung von Zeit in Bezug auf Technologie.

(Lesedauer: 6 Minuten)

10 vergangene Jahre ist eine kurze Zeit

Das Ablaufdatum der alten Muskatnuss ist 10.2006. Ich oder meine Frau müssen ihn also irgendwann im 2004 oder 2005 gekauft haben. Seit dann ist in meinem Leben viel passsiert. Mein Vater ist gestorben, wir haben ein Haus gekauft, drei Söhne auf die Welt gestellt, Firmen gegründet, aufgebaut, verkauft, verlassen und verloren. Freunde kamen und andere gingen. Die Muskatnüsse waren immer mit von der Partie. Ich merke sogar, dass wir sie von einem Haus ins andere zügelten – nein, dass wir diese Muskatnüsse schon hatten, bevor wir ins erste Haus einzogen. Ich glaube nichts im Haushalt hat die Muskatnüsse überdauert. Außer ich und meine Frau.

Alte Nüssse

Frage ich aber in meinem Bekanntenkreis ob 10 Jahre eine lange Zeit seien, höre ich oft, „nein, verging ja wie im Flug“. Oder „Kuck Dir die Kinder an, eben waren sie noch so klein“. Immer wenn wir zurück blicken hat der Mensch das Gefühl, die Zeit ging schnell vorüber – und kommt dann so zum Schluss 10 Jahren seien eine relativ kurze Zeit.

Routine

Man muss fairerweise dazu sagen, dass Leute welche in den 10 Jahren immer mehrheitlich denselben Tagesablauf, dieselbe Routine hatten, logischerweise nun das Gefühl haben, dass die Zeit schnell verging. Das hat damit zu tun, so glaube ich, dass sie die einzelnen „Tagerlebnisse“ in der Erinnerung nicht mehr differenzieren können – da ja der eine Tag dem anderen stark gleicht.

Leute mit einer sehr geringen Tag-Routine, und ich zähle mich dazu, haben tendenziell das Gefühl, dass eben z. Bsp. diese 10 Jahre eine lange Zeit waren.

10 zukünftige Jahre ist eine lange Zeit

Interessanterweise ist die Wahrnehmung von zukünftigen Zeitabschnitten genau umgekehrt. Fragen Sie jemand was er in 10 Jahren machen wird, fallen meist Sätze wie, „das kann ich Dir nicht sagen, das ist noch so lange hin“.

Das ist bei genauerer Betrachtung auch nicht unlogisch: Weil wir uns für die Zukunft so vieles vorstellen können, wächst in der Wahrnehmung auch der Zeitraum. Wir sind bekanntlich immer in gewisser Weise Opfer unserer eigenen Wahrnehmung.

Auswirkung auf den Umgang mit dem technologischen Fortschritt

Was daraus auf den Umgang mit dem technologischen Fortschritt resultiert, ist, dass wir die kurzfristige Entwicklung überschätzen und die langfristige Entwicklung unterschätzen.

Gehen wir diese 10 Jahre zurück und vergleichen die technologische „Großwetterlage“ mit der heutigen, merken wir, dass viel auf technologischer Ebene geschehen ist. Fortschritte in der Medizin, im Digitalen Bereich aber auch in banaleren Dingen wie z. Bsp. Staubsaugern und ähnlichem: Die Entwicklung ist gewaltig. Und doch ist es gefühlt zu wenig.

Wir wollten doch die fliegenden Autos!

Es ist darum zu wenig, weil unsere Erwartungen sich nach genau diesen 10 zukünftigen Jahren richten von denen wir denken es ist eine sehr lange Zeit und es wäre unglaublich viel grundlegend Umbrechendes zu erreichen. Es ist sozusagen die Schlussfolgerung aus der invertierten Wahrnehmung der Vergangenheit (sorry ich weiß, dass das abgefahren kompliziert tönt) die wir auf die Zukunft projizieren.

Ganz ruhig, wir haben Zeit #not

Und genau darin liegt die Krux, wenn es darum geht, zukünftige technologische Entwicklungen abzuschätzen. Wir wünschen uns zwar alle (oder zumindest viele) dass Bahnbrechendes erreicht wird in naher Zukunft, aber durch unsere Wahrnehmung der Vergangenheit schätzen wir das ganz anders ein. Wir relativieren. Sagen Sätze wie „realistischerweise wird das erst in 15 Jahren kommen“.

Wir haben das Gefühl, dass die Entwicklung viel langsamer voranschreitet. Das tut sie relativ ja auch – sie ist langsamer als wir uns das wünschen würden. Aber eben doch schneller als in der Vergangenheit, weil die technologische Entwicklung exponentiell verläuft.

Und damit verpassen viele Unternehmen den Puls der Entwicklung und geraten ins Hintertreffen. Andere welche sich auf die Frage des Timings nicht so sehr konzentrieren sind dann meist viel weiter oder aber tot – weil man eben auch viel zu früh sein kann mit einer technologischen Entwicklung.

Die neuen Nüsse

Die neuen Nüsse werden eine spannende Zeit miterleben. Wenn die Packung aufgebraucht sein wird, werden auch meine Söhne älter sein. 17, 16 und 13. Wir werden vielleicht – oder eher wahrscheinlich, wieder umgezogen sein. Und mein Auto wird selber fahren können, die Kosten für Energie werden noch die Hälfte sein etc. Es ist einfach die ziemlich offensichtlichen Dinge abzuschätzen. Die Entwicklung aber in der Breite zu erfassen und vorauszusagen ist fast ein Dinge der Unmöglichkeit.

Neue Nüsse

Aber es werden Technologien und vor allem Paradigmenwechsel kommen, die unser Leben und unser Geschäft wieder stark verändern werden. Und die Chance ist hoch, dass es die nächsten 10 Jahre mehrere solche Entwicklungen sein werden. Das sollten wir nicht verschlafen, nur, weil wir als Menschen das Gefühl haben 10 Jahre in der Zukunft würden länger dauern als 10 Jahre in der Vergangenheit. Denn die Wahrheit ist, die technologische Entwicklung beschleunigt sich und kommt schneller als wir uns das vorstellen. Und das ist auch gut so – auf das wir die fliegenden Autos dann irgendwann doch mal noch bekommen. Wir sind vielleicht weniger Muskatnuss-Packungen davon entfernt, als wir uns das vorstellen.

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3 Kommentare zu Wie die Zeit uns in Bezug auf Technologie narrt.
  1. Werner Antworten

    Das Ablaufdatum der alten Muskatnuss war wahrscheinlich 10.2016 nicht 10.2006. ;-)
    ansonsten cooler Artikel

  2. Mirco Meyer Antworten

    coole Gedanken, Danke. Beim lesen ging mir auch durch den Kopf, welche Dinge beharrlich bleiben. Auch hier gibt es immer wieder Überraschungen und Bereiche, die erstaunlich stabil sind.

  3. Reto Antworten

    Ich stelle mir vor, die Muskatnüsse für Europa kommen in Hamburg auf einem Containerschiff an. Der Kran lädt den 40-Fuss-Container aus Grenada ab. Er ist bis oben gefüllt mit Muskatnuss. Ein Hafenarbeiter lädt den Inhalt für die weitere Verteilung um. Er braucht dafür zwei Stunden. Er grinst als er daran denkt, dass er vermutlich Europas Jahresbedarf an Muskatnuss verteilt… .

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