Wie Besitz das Eigentum schleichend ersetzt.

Das Konzept des Eigentums ist sozusagen einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaftsordnung. Das geht so weit, dass selbst kleine Kinder etwas als Eigentum deklarieren wollen – und sich mit den Geschwistern herrlich darüber streiten können. In der westlichen Welt nimmt jedoch die Bedeutung des Eigentums mehr und mehr ab. Eine gesellschaftliche Entwicklung die von Technologie befeuert wird.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Enge Verknüpfung von Besitz und Eigentum

Noch vor 60 Jahren war Besitz und Eigentum sehr eng miteinander verknüpft. Wer etwas besaß, gerade auch hochpreisige Güter, hatte auch das Eigentum an der Sache. Und er hatte in der Regel eine Leistung erbracht. Er hatte nämlich darauf gespart. Sich also so lange finanziell diszipliniert verhalten, bis genug Zeit verstrichen war, genug Geld übrig war, damit er sich einen Gegenstand kaufen konnte.

Damit einhergehend avancierten Gegenstände zu Statussymbolen. Sie zeigten, dass man sich etwas leisten konnte. Die Finanzierung dahinter war ein langwieriger Kraftakt – immer vorausgesetzt man hatte nicht geerbt oder ist sonst wie mühelos zu Geld gekommen.

Das ist der Grund warum einem heute ältere Leute z. Bsp. zu einem neuen Auto gratulieren.

Entkoppelung von Besitz und Eigentum

In den letzten Jahren aber sahen wir zunehmend eine Entkoppelung von Besitz und Eigentum. Und während früher ein einzelner Konsument nur einen relativ beschränkten «Besitzradius» – also die Anzahl verschiedene Möglichkeiten Gegenstände zu besitzen – hatte, sind die Möglichkeiten heute beachtlich.

Hat man ein durchschnittliches Einkommen und eine gute Kreditwürdigkeit, kann man heute fast alles Erdenkliche in Besitz bringen wenn man sich geschickt verhält. Natürlich nicht die Yacht oder die 18 Zimmer Villa. Aber auf jeden Fall verschiedene Dinge gleichzeitig für die bei sequentiellem Sparen eine Lebensspanne nicht ausreichend wäre.

Dieser Trend hat im Geschäftsbereich angefangen. Anstatt für die Nutzungsdauer z. Bsp. einer Maschine das über die Nutzungsdauer hinausgehende Kapital auch zu binden, hat man mittels Leasing nur noch für die entsprechende Nutzung und das zur Verfügung stellen des Kapitals bezahlt. Damit wurden «Investitionen» klar kalkulierbar, denn die Leasinggeber resp. ihre Partner garantierten einen fixen Restwert (oder zumindest ein Preisband).

Später wurde das Konzept von den Banken und den Versicherungen dankend aufgenommen und sozusagen flux in den Privatsektor transponiert. Die Kreditindustrie wie wir sie heute kennen, entstand. Plötzlich konnten auch Privatleute die Nutzung, die finanzierungstechnisch bislang nachschüssig erfolgte, sozusagen vorschüssig beziehen. Zudem hatten und haben sie kein Eigentumsrisiko, sondern bezahlen nur für eine bestimmte Dauer.

Faktoren die diesen Trend begünstigen

Und es spricht viel dafür, dass dieser Trend weitergeht. Ich will ein zwei Punkte herauspicken:

Geld im Überfluss

Als Folge der finanziellen Eskapaden der Finanzwirtschaft wurde die Geldmenge stark erhöht. Das Resultat ist, dass Geld im Überfluss verfügbar ist. Es ist mittlerweile eine Art Nachfragemarkt für Geld entstanden. Der Preis für Geld fiel in den Keller und ist seit rund einem Jahr bei de Fakto 0. Immer wieder werde ich von Leuten darauf angesprochen, ob wir wieder in ein Zinsniveau von 3-8% kommen werden und ich entgegne jeweils, dass das nicht möglich ist. Ich glaube es ist selbst dann nicht möglich, wenn die Zentralbanken ohne Rücksicht auf die Wirtschaft die Zinsen erhöhen würden. Die Anlagemöglichkeiten sind schlicht nicht mehr vorhanden. Und die globalisierte Wirtschaft gewöhnte sich schnell an tiefe Kapitalkosten. Das halte ich für (ohne einschneidenden Systembruch, bei dem alle massiv verlieren) irreversibel.

Was passieren müsste ist wie erwähnt ein Systembruch; ein destruktiver Krieg, ein Schuldenschnitt, ein Guthabenschnitt, ein Systemwechsel. Dass das umfassend passiert, erachte ich als nicht sehr wahrscheinlich. Gerade die EU-Krise rund um Griechenland hat ja gezeigt wie schnell Wirtschaft und Politik bereit ist, Spielregeln und Grundsätze über Bord zu werfen um den „Modus Operandi“ beizubehalten.

Sharing Economy

Wir sind heute mehr denn je bereit, Dinge zu teilen. Denken Sie nur an all die Leute welche Ihre eigenen Wohnungen und Häuser mittels Airbnb mit anderen Leuten teilen. Ich bin überzeugt, dass das so vor 20 Jahren noch nicht möglich wäre. Mir kommt es bisweilen so vor, als wären weite Teile der westlichen Welt zunehmend bereit, Dinge die in Ihrem Eigentum sind mit anderen zu Teilen wenn sie dadurch mehr Besitz von anderen Dingen einnehmen können. Genau das ist denn ja auch der Reiz des Besitzes; er kann temporär sein. Die heutigen Modelle und das heutige materielle Denken gehen genau in diese Richtung: Wir nutzen etwas für eine bestimmte Zeit und wissen meist schon von Anfang an wie diese Periode bemessen ist.

Für unsere Großeltern ein unmöglicher Gedanke. Zwar wurde auch damals schon viel ver- und gemietet, es hatte aber immer den Nimbus des Minderwertigen. Nur Leute welche sich teure Kleider nicht leisten konnten, mieteten sich diese zu speziellen Anlässen.

Heute aber ist es völlig normal z. Bsp. ein Haus zu kaufen und schon recht genau im Blick zu haben wann man wieder ausziehen will. Wir denken zunehmend in Lebensabschnitten. Eigentum behindert die Übergänge von einem Abschnitt in den nächsten. Es schränkt in einer Welt, die zunehmend auf Individualismus und Agilität bedacht ist, erheblich ein.

Die Politik begünstigt noch immer Eigentum

Die Politik begünstigt noch immer das Eigentum. In der Schweiz passiert das zum Beispiel dadurch, dass Schuldzinsen für Hypotheken steuerlich abgezogen werden können. Zudem können Hypothekarschulden mit dem Vermögen verrechnet werden was zu tieferen Vermögenssteuern führt. Zwar kennt die Schweiz auch das Instrument des Eigenmietwerts, der Aufrechnung eines hypothetischen Mietzinses zum Einkommen, was natürlich die Steuern erhöht. Das ist gut gemeint.

Unter dem Strich jedoch profitieren Hauseigentümer immer massiv vom billigen Geld. Denn auch wenn sie Steueranteile bezahlen, haben sie den Rest der Kosten nicht. Und es führt zur absurden Situation, dass eine Familie welche nicht über die Finanzierungsmöglichkeiten für ein Eigenheim verfügt, in der Regel 2 bis 3 mal so hohe Wohnkosten zu gewärtigen hat, als eine Familie die im Eigenheim wohnt. Fair wäre wohl genau das Gegenteil: Leute mit hohen Einkommen bezahlen mehr als solche mit tiefen.

Zugleich, und da schimmert der ganze Wahnsinn unseres Systems durch, werden die Mieter benötigt. Denn die Anlagefonds sehen im Immobilienmakrt mittelfristig die einzige sichere, nicht spekulative Möglichkeit um Rendite für die Rentensysteme zu erwirtschaften. Banal gesagt, zahlt Otto-Normalbürger also die Rente seiner Eltern mit den im Vergleich hohen Wohnungskosten. In der Hoffnung und naiven Annahme das auch er einmal eine Rente bekäme.

Was hat Technologie damit zu tun?

Digitale Technologie befeuert diese Abwertung des Eigentums in dem sie die perfekte und effiziente Allokation der Ressourcen erst möglich machte. Ich weiß schon, dass das banal ist. Aber so ist es nun mal.

Airbnb könnte man auch über Zeitungen vollständig analog machen. Es ist bislang nicht passiert, weil wie erwähnt das gesellschaftliche Bewusstsein fürs Teilen noch nicht da war. Viel wichtiger aber: Die Transaktionskosten auf allen Seiten – beim Organisator, beim Nachfrager und beim Anbieter – wären in einem analogen Modell schlicht zu groß.

Die Technologie dahinter senkt die Transaktionskosten und ermöglicht es damit diese neuen Konzepte effizient zu betreiben. Sie legen den Teppich für Paradigmenwechsel. Das ist ein bewährtes sich wiederholendes Muster und werden wir wohl in vielen anderen Bereichen auch sehen. Besonders spannend finde ich diese Entwicklung im Finanzbereich. Auch ein Bereich in dem die Transaktionskosten ganz massiv gesenkt werden können.

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2 Kommentare zu Wie Besitz das Eigentum schleichend ersetzt.
  1. […] bin ich auf einen Artikel von Alain Veuve gestoßen, der sich mit Besitz und Eigentum befasst: Wie ... heinertenz.de/besitz-und-eigentum
  2. Thomas Fleck Antworten

    Eigentum ist ein wichtiges Freiheitsrecht. Wir sollten es nicht unbedacht aufgeben.

    Geldmenge und Geldwert sind sehr volatil. Wer würde am meisten von einer Inflation / einem Crash profitieren?

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