Wer möchte schon Version 1.0 bleiben? Ein Playdoyer für den mentalen Aufbruch.

Die meisten Menschen entwickeln in Ihrer Jugend ein Wahrnehmungsmodell Ihrer Umwelt, welches ihr Selbstbild bestimmt. Und bleiben dann ewig lange dabei. Ein Playdoyer für mehr persönliche, geistige Mobilität und aktiven Selbstwandel.

(Lesedauer: 4 Minuten)

„Bitte bleib so wie Du bist“

Sie kennen das sicher; jemand gratuliert Ihnen zum Geburtstag und wünscht sich (und Ihnen), dass „Du so bleibst wie Du bist“. Wir überhören das als Floskel, als Kompliment.

Sehen wir uns das aber genauer an, wird klar, dass das eine an sich ungeheuerliche Forderung ist. Man soll sich nicht mehr weiterentwickeln. An Ort stehen bleiben. Das kann man, objektiv, betrachtet, höchstens im Bezug auf das aufs physische reduzierte gut finden.

Die Menschen meinen das zum Glück nicht all zu ernst. Was sie vielmehr sagen wollen ist, dass Ihnen die aktuelle Beziehung zu Ihnen gefällt. Und dass dieser Augenblick schön ist.

Immer wenn ich den Satz höre denke ich, dass ich wohl alles erdenkliche tun werde, aber so bleiben wie ich aktuell gerade bin – ja das wird nicht geschehen. Ganz bewusst nicht.

Eine Jugendsünde

Angefangen hat bei mir das sich bewusst verändern wollen mit einer dummen Jugendsünde. Ich hatte mit einer Substanz experimentiert, die meine Psyche für zwei Tage in Ihre Einzelteile zerlegte. Darauf folgten zwei Wochen in einem unbewussten aber funktionierenden Zustand, in welchem ich möglichst gut versuchte, nun ja, zu funktionieren. Ich war jedoch nicht in der Lage, selbst einen banalen, stringenten Gedanken zu fassen.

Ich war nicht etwa sediert oder ähnliches – vielmehr verteilte sich mein Selbstbewusstsein auf verschiedene Ebenen, welche sich alle gegenseitig bewerteten und wechselnd einordneten. Das führte bei mir zu einer noch nie da gewesenen Unsicherheit. Und ich lernte in der Zeit, dass es die Wirklichkeit, wie wir sie als Konvention annehmen, nicht gibt. Denn, wir sind immer das Produkt unserer eigenen persönlichen Wahrnehmung. Und die Wahrnehmung ist komplett relativ. Alles; was Sie sehen, was Sie hören, was Sie fühlen sowieso.

Weitere zwei Wochen später kehrte eine Art Selbstreflexion zurück, mit der ich mir als erstes attestierte, dass ich wohl ernsthaft krank war. Da ich den Gang zum Arzt damals mit höllischen Konsequenzen verband, musste ich einen Weg finden, selbst aus dieser Situation zu kommen.

Daher begann ich, meine wirren Denkmuster einzuordnen, Gefühle mit Situationen zu verbinden, mir vorzustellen wie ich gerne denken würde, wie ich geistig sein wollte. Nach Monaten innerlicher Anstrengung ging es tatsächlich Tag für Tag aufwärts. Mein Gefühl für mich selbst kehrte zurück. Und es war wieder möglich unbewusst zu denken, zu funktionieren und zu agieren. Damit kam auch eine ganz neue Selbstsicherheit auf. Und Freude am Leben.

Mental Models

Durch das Erlebnis mental gestärkt und sozusagen neu definiert, erahnte ich, dass ich denselben Prozess auch in gesundem Zustand auf Ereignisse und Herausforderungen anwenden könnte. Wenn auch – zum Glück – weniger gefährlich und intensiv.

Und ich begann darüber zu lesen und merkte, dass ich damit überhaupt nicht alleine war. Allgemein unter dem Begriff „Mental Models“ gehandelt, wenden viele Menschen diese Methodik ganz bewusst an, um Probleme und Herausforderungen zu meistern. Und um sich zu verändern und weiter zu kommen.

„The image of the world around us, which we carry in our head, is just a model. Nobody in his head imagines all the world, government or country. He has only selected concepts, and relationships between them, and uses those to represent the real system.“

Jay Wright Forrester

In Bezug auf das Business gibt es eine ganze Reihe von formulierten Mental Models. Im Grunde geht es immer darum, eine festgefahrene Wahrnehmung einer Herausforderung neu zu bewerten und diese Wahrnehmung leicht zu verschieben, so dass man neue Lösungswege erarbeiten kann.

Man formt sich so langsam aber sicher eine alternative Wirklichkeit (schreckliches Wort in der heutigen Zeit ich weiß, aber ich finde keinen besseren Begriff), welche einen die Dinge klarer sehen lässt. Im Umgang mit der Umwelt ist es aber ratsam, die allgemeine Wirklichkeit erstmal weiter gelten zu lassen – sonst gilt man schnell als verrückt. Zumindest solange, bis man für die eigene Wirklichkeit gute – objektive – Beweise vorlegen kann. Geschieht dies, wird man schnell als genial angesehen, was natürlich kompletter Unsinn ist.

Mental Models im privaten Bereich

Ich glaube jeder Mensch funktioniert bewusst oder unbewusst mit diesen Mental Models. Spannend ist, diese aktiv auf eine persönliche Weiterentwicklung anzuwenden – sie als Handlungsparadigma für sich selber heraus zu geben. Es gibt ziemlich banale Mental Models, z. Bsp. dass Sie sich vor Entscheidungen in die Lage ihres Selbst in 20 Jahren versetzen und überlegen wie sie aus dieser Warte die anstehende Entscheidung bewerten würden.

Nicht mehr der, der ich einmal war

Dieses sich selbst weiterentwickeln wollen hielt bei mir an. Eine grundlegende Erkenntnis daraus ist, dass ich, die richtigen Mental Models gefunden, schlicht einfach alles lernen kann. Dabei bin ich nicht irgendwie super-intelligent. Im Gegenteil. Vielmehr suche ich so lange nach einer bewussten Denk- und Bewusstseinsveränderung in dem entsprechenden Bereich, bis ich die Dinge schnell verstehe. Das hat mir, der es in der Schule immer ziemlich schwer hatte, eine ganz neue Welt eröffnet. Und mir z. Bsp. ermöglicht parallel Firmen und Familie aufzubauen und Betriebswirtschafts- und Masterstudium parallel zu machen.

Dabei wurde ich ein komplett anderer Mensch als z. Bsp. vor 5 Jahren. Natürlich gibt es noch immer persönliche Vorlieben und Tendenzen, und ich habe noch immer ein Herz, das denselben Menschen gehört. Aber mein Denken ist komplett anders. Bewusst.

Tag eins!

Denn ich mag die Veränderung, das Weitergehen, das Betreten von gedanklichem Neuland. Ich mag wie sich die Dinge verändern – auch wenn es teilweise echt mühsam ist. Ich mag dieses Abwerfen von altem Ballast. Und ich mag den ersten Tag. Der Tag an dem der Horizont grenzenlos scheint.

Mit dem Bestreben sich mental permanent weiter zu entwickeln, so glaube ich, schafft man sich im Kleinen immer wieder diesen Tag eins. Man schafft sich einen neuen Horizont.

Und dieser Horizont lässt einen die Herausforderungen anders angehen, besser. Versuchen Sie daher nicht primär Ihre Probleme und Herausforderungen zu lösen. Sondern versuchen Sie zuerst Ihre Denke in einen Zustand zu bringen, welcher bezogen auf das Problem den Tag eins schafft. Es geht darum, das richtige mentale Tool für die Aufgabe zu haben. Sie versuchen ja auch nicht, eine Schraube mit einem Hammer ins Holz zu drehen.

Move

Darum: Verändern Sie sich, haben Sie Mut. Verlieren Sie sich nicht. Experimentieren Sie nicht mit Substanzen, lassen Sie die Finger davon – ob legal oder illegal. Sie sind Zeitverschwendung. Machen Sie sich auf und gehen Sie die Dinge anders an – erbauen Sie sich die Welt von morgen in Ihrem Kopf – sie kommt schneller in die Realität als Sie denken. Sprechen Sie mit „Nicht-Ihresgleichen“. Bleiben Sie aktiv. Resignieren Sie nicht. Gehen Sie weiter. Nehmen Sie ihre Liebsten mit, indem Sie permanent mit Ihnen sprechen. Bleiben Sie aktiv. Lassen Sie die Dinge nicht gut sein. Machen Sie sie besser. Bleiben Sie nicht Version 1.0.

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Ein Kommentar zu Wer möchte schon Version 1.0 bleiben? Ein Playdoyer für den mentalen Aufbruch.
  1. Adam Antworten

    Das theoretische Gedankengebäude (um nicht Modell zu sagen ;-) ist einleuchtend und auch gut beforscht. Viele kennen in ihrem persönlichen Umfeld Menschen, deren beeindruckende Veränderung (auch) auf einen Wandel in der Denk- und Wahrnehmungsweise zurückgeführt werden kann. Das zitierte „banale Mantal Model“ (das Selbst in 20 Jahren) ist sicher etwas, was hier und da angewendet werden kann (wenn man denn im „Eifer des Gefechts“ daran denkt). Doch eine Frage bleibt (für mich): wie kann ich mich nun *systematisch* auf die Suche nach einem neuen Mental Model in einer konkreten Situation machen? Und: Setzt dieses Vorhaben nicht schon ein Stück weit die Kenntnis der Materie voraus, die man ja erst für sich erschließen möchte?! Wie erkenne ich denn sonst, welches neue Modell für mich mit Blick auf diese konkrete Materie tragfähig ist? Schrittweise Annäherung… Versuch und Irrtum…? Alain Veuve, wären Sie bereit ein konkretes Beispiel vor dem Hintergrund dieser Gedanken zu teilen?

    Herzlichst,
    Adam

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