Warum Unternehmen Verluststeuern bezahlen sollten.

In meinem Artikel «Bedingungslose Revolution, Digitales Grundeinkommen» habe ich kurz eine Sache angeschnitten auf die ich immer wieder angesprochen werde. Und zahlreiche Diskussionen auslöste: Das Ersetzen von Gewinnsteuern durch Verluststeuern bei Unternehmen. Ein Gedankenexperiment.

(Lesedauer: 3 Minuten)

Aus einer anderen Zeit

Das Konzept der Gewinnsteuern ist alt. Und auf den ersten Blick völlig einleuchtend: Unternehmen welche viel Gewinn machen, können und sollen viel Steuern bezahlen.

Das schafft entsprechende Anreize; zum einen möchte ich als Unternehmen möglichst wenig Gewinn machen, da ich unmittelbar für die Steuern keinen Wert erhalte (sic!). Zum anderen versuche ich, meine Steuern so gut wie es geht legal ist, zu minimieren.

Gesellschaftliches Interesse

Von gesellschaftlichem Interesse wären jedoch Unternehmen welche viel Gewinn machen. Denn Unternehmen, welche viel Gewinn erwirtschaften,

  1. bilden entweder Reserven,
  2. investieren diese Gewinne (und/oder Reserven) in neue Initiativen und Produkte
  3. oder zahlen diese Gewinne den Investoren aus.

Alle drei Möglichkeiten sind für die Gesellschaft förderlich; Reserven führen dazu, dass das Unternehmen in schwierigen Zeiten Verluste besser abfedern kann. Neue Initiative und Produkte fördern die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und Gewinne welche an Investoren gehen, fördern das Vertrauen ins Unternehmen. Zudem wird durch die Investoren Kapital wieder anderen Unternehmen zur Verfügung gestellt.

Fail slow

Das heutige Steuersystem fördert so unbewusst das langsame Scheitern von Unternehmen. Das hat gravierende Nachteile für die Gesellschaft: Mitarbeiter werden über längere Zeit ohne wirtschaftliche Grundlage beschäftigt und dann, wenn das Unternehmen bankrott geht, auf einen Schlag entlassen. Durch die Verluste werden weitere Schulden angehäuft, welche dann Zulieferer, der Staat und Darlehensgeber zu bezahlen haben. Meist können z. Bsp. Zulieferer diese Ausfälle nur schwer kompensieren, was zu weiteren Bankrotten führt.

Anstatt Unternehmen die in Schieflage geraten, alle Anreize zu geben, möglichst schnell wieder in die Gewinnzone zu kommen, macht das Steuersystem das Gegenteil: Es begünstigt gewissermassen die Unternehmen die Verluste machen.

Verursacherprinzip

Es gilt in vielen gesellschaftlichen Fragen das Verursacherprinzip. Im Verhältnis des Staates mit der Wirtschaftssubjekten scheint das aber genau anders herum zu sein. Den Schaden den die Wirtschaft „anrichtet“, bezahlt der Staat und damit die Steuerzahler. Schon klar, dass es am Schluss ein Null-Summen-Spiel ist.

Unternehmen benötigen Geld um weiter zu kommen

Firmen können dann nachhaltig neue Jobs schaffen, wenn sie beginnen, neue Technologie zu neuen Produkten und Services zu formen. Dieser Prozess sollte bei bestehenden Unternehmen selber finanziert werden können. Das geht nun mal nur, wenn vorher Gewinne erwirtschaftet wurden. Wir sollten darum ein vitales Interesse daran haben, dass Unternehmen massive Gewinne einfahren.

Mit bestehenden Produkten und Dienstleistungen entstehen keine neuen Jobs. Im Gegenteil, Bestehendes wird optimiert und rationalisiert. Nur neue Technologie und Methodologie schafft mittelfristig wirklich Jobs.

Wir müssten die Unternehmen aber auch dazu bringen, überhaupt unternehmerisch tätig zu bleiben. Also sich nicht nur zu Tode zu optimieren, sondern eben Geld in die Entwicklung von neuen Produkten & Dienstleistungen zu investieren. Risiko zu nehmen.

Verluststeuern

Wir sollten daher Unternehmen nicht nur auf Verluste Steuern bezahlen lassen, sondern auch Anreize für das Erwirtschaften von Gewinn schaffen. Unter dem Motto, je mehr Gewinn desto mehr Benefits.

Das geht uns gedanklich erstmal gehörig gegen den Strich und der kurzfristig denkende Finanzer wird sich fragen, wie denn die Steuerausfälle kompensiert werden sollen. Die Antwort ist simpel: Gar nicht.

Bonus – Malus

Eine Idee welche wir in Gesprächen lose entwickelt haben, ist eine Art Bonus / Malus System. Gewisse Indikatoren werden mit einem Steuermalus belegt, andere mit einem Bonus. Man definiert zum Beispiel je 30 Bonus und Malus Faktoren, welche echtes unternehmerisches Handeln krass begünstigen. Natürlich ist das auch nicht unproblematisch. Der Mensch ist ja bekanntlich ziemlich gut solche Regelungen «by the book» zu erfüllen. Aber das ist im heutigen Steuersystem auch nicht anders.

Langfristige Wirkung

Langfristig werden stabile Unternehmen dazu führen, dass viel weniger Kosten für den Staat anfallen. Viel wichtiger ist aber, dass in der Gesamtbetrachtung (am Ende bezahlt immer alles der Steuerzahler) weniger Kosten anfallen. Das ist der wirkliche Vorteil.

Fail fast

Denn mit der Besteuerung von Verlusten verschärfen wir die natürliche Auslese. Unternehmen die nicht gut laufen, verschwinden schneller. Das ist viel effizienter als wenn Unternehmen künstlich am Leben gehalten werden und dann mit Ach und Krach verschwinden.

Reformbedarf

Das Prinzip der Gewinnbesteuerung in der Neuzeit ist über 200 Jahre alt (Adam Smith, 1776, Grundsatz der Gleichmässigkeit der Besteuerung). Vor 200 Jahren gab es fast nichts was uns heute lieb ist, ausser Wasser, Sonnenlicht und Luft.

Ich denke wir sollten als Gesellschaft im politischen Prozess beginnen, uns an neue Konzepte zu wagen. Der Reformbedarf ist gewaltig, nicht nur im Bereich der Staatsfinanzierung. Indem wir an den alten Konzepten festhalten und diese nur unzulänglich weiterentwickeln, tun wir dasselbe wie Unternehmen welche Verlust anhäufen. Wir machen so lange bis es nicht mehr anders geht.

Das muss aber nicht sein. Heute haben wir bereits das Wissen und die politische Handlungs- und Diskursfähigkeit um frühzeitig verschiedene Konzepte zu entwickeln und zu bewerten. Wir müssen es nur noch tun.

 

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4 Kommentare zu Warum Unternehmen Verluststeuern bezahlen sollten.
  1. C. Meyer Antworten

    Gedankenmodell ?
    Abschaffung sämtlicher Steuern und Ersatz durch ausnahmslose (!) Mehrwertsteuer ergänzt durch eine Versteuerung von Schulden (Fremdkapital) und Vermögen. Investitionen könnten zum Bsp. 3-5 Jahre einen Steueraufschub erhalten…

  2. Olivier Dobberkau Antworten

    Ich bin mal gespannt welche Ideen beim Finanzamt entstehen, wenn die Bigdata und Machine Learning auf Steuernerklärungen anwenden.

  3. Kacper Antworten

    Interessantes Gedankenexperiment.
    Ein Einwurf: Was ist mit Neugründungen? Die meisten Existenzgründer machen (im Schnitt) die ersten 3 Jahre Verluste. Schafft man so nicht einen Anreiz, nicht zu gründen?

    • Manu Antworten

      Witzig, ich wollte GENAU das Fragen, habe mental gedacht „Interessantes Gedankenexperimemt, aber was ist mit neugegründeten Unternehmen, gibt es hier eine Ausnahmeregelung, oder soll einfach nur die natürliche Auslese verschärft werden?“

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