Warum Journalismus irrelevanter wird und warum das ok ist!

Eigentlich wollte ich diesen Artikel nicht schreiben: Die letzten Wochen habe ich mich damit rumgetan und bin zum Schluss gekommen, über die Medien, und im Speziellen über Zeitungen wird schon genug geschrieben. Doch ein paar Dinge haben mich dann doch dazu motiviert.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Ein solches Ding war dieses Radiointerview von verschiedenen Vertretern von Medienhäusern in der Schweiz in welchem die Bedeutung der Medien (hoch) und der Einfluss von wirtschaftlichen Interessen der Stakeholder hinter den Medienhäusern (sehr tief) diskutiert wurde. Von Meinungs- und Debattenführerschaft wurde da gesprochen, von Einfluss auf die Gesellschaft. Die Teilnehmer ließen keinen Zweifel daran, dass die Medien superwichtig für sämtliche Bereiche eines Landes wären. Ich konnte nur erstaunt und ungläubig das Radio lauter machen. Sprechen diese Leute vom selben Journalismus den tagtäglich erleben?

Die Großen Debatten bleiben aus

Denn gerade die großen, durch Journalisten initiierten Debatten bleiben zunehmend aus. Boulevard und sachliche Berichterstattung vermischen sich und die Meinungsführung wird vermehrt, wenn überhaupt noch vorhanden, durch allgemeine politische Stoßrichtungen der Verlagshäuser vorgegeben. Der Journalismus bewegt sich grad im Galopp davon weg, an gesellschaftlichen Debatten beteiligt zu sein.

Gutes Beispiel für das Verhältnis von Technologie, Gesellschaft und Business

Die Veränderungen im Nutzerverhalten scheinen an manchen Zeitungshäusern geradezu komplett vorbeigegangen zu sein. Denn die Veränderungen welche durch die neue Technologie Einzug gehalten hat, generiert schöne Rückkoppelungseffekte auf die Medienlandschaft.

Zu allererst muss man mal festhalten, dass Zeitungen noch nie von Journalismus gelebt haben. Die Leser waren noch nie bereit den «wirklichen» Preis für journalistische Arbeit zu bezahlen, denn die Abonnemente waren immer schon der kleinere Teil der Einkünfte. Der größte Teil des Umsatzes wurde mit Werbung und Anzeigen generiert.  Genau diese Anzeigen fielen dann auch als erstes weg als das Internet sich durchsetzte; heute wird nun noch ein verschwindend kleiner Teil an Stellenanzeigen geschaltet.

Dasselbe gilt für die Werbung; sie bröckelt seit langem weg und noch immer repräsentieren die Spendings in Werbung die Mediennutzung nicht. Aber wir kommen näher, Jahr für Jahr. Und entsprechend schlechter wird die Situation für die Medienhäuser.

Messbarkeit

Die Messbarkeit von Werbe-Maßnahmen ist in den letzten Jahren zum zentralen Punkt geworden. Während man die Offline-Werbung praktisch nicht messen kann (ich sehe von meinem geistigen Auge ein paar Medienleute ihren Kopf in die Hände werfen – aber ja so ist es nun mal, wenn man die die Anforderungen an Messbarkeit als klar bewiesener Zustand definiert und nicht als Stichprobe einer Umfrage) hat sich das Marketing im Online-Bereich geradezu über Messbarkeit und Analyse definiert. Und da ist manch ein Marketingleiter immer skeptischer wenn es darum geht Budget in Maßnahmen zu leiten welche eben nicht so gut messbar sind. Dieser Effekt wird das Werbegeschäft der Zeitungen weiter eindämmen.

Messbarkeit als Währung

In den Online-Angeboten der Zeitungen wurde aber Messbarkeit schon fast zur Währung. Da die Werbeangebote nach Klicks verkauft werden und diese Traffic benötigen hat sich der Journalismus darauf eingeschworen diese Klicks auch zu generieren.

Mehr Klamauk!!!?!!

In der Folge hat eben dieser Wandel zu mehr Oberflächlichkeit begonnen. Anstatt in die inhaltliche Tiefe zu gehen, werden mehr «Klamauk-Stories» produziert, weil diese schlicht zu mehr Klicks und Traffic führen. Und es wird viel auf möglichst ziehende Titel investiert. Denn reißerische oder provokative Titel bedeuten Klicks. Und so tragen bisweilen eigentlich auch recht gute Artikel völlig verblödete Titel.

Brüste, Baby!

Es interessiert eben irgendwie auch den ausgefuchstesten Akademiker, dass Angelina Jolie die Brüste hat amputieren lassen. Die meisten würden es nicht zugeben, aber ein kleiner Klick um im Artikel den Lead-In zu lesen geht wohl bei den meisten. Sieht ja keiner.

Falsche Anreize führen zur falschen Auslese

Der entsprechend konditionierte und im Kleinen unter Erfolgsdruck geratene Journalist, definiert so schleichend um, was für ihn journalistischen Erfolg ist. Waren es früher eben diese großen Debatten und Inhalte sind es heute Klicks und Traffic. Dass sich die Leser dabei vielfach mit dem eigentlichen Inhalt (über den Anriss hinaus) überhaupt nicht mehr auseinandersetzen, entgeht dabei ganz vielen. Oder es ist ihnen egal.

Der klassische Journalismus wird weniger wichtig

Und so wird dieser klassische Journalismus weniger wichtig. Wichtig im Sinne für die gesellschaftlichen Debatten und den Austausch. Das ist kein Wertezerfall, sondern das ist eine ganz logische Folge der geschilderten Veränderungen.

Paywall

Genau auf diesem eher seichten Inhalt jetzt auch noch das Businessmodell der Zukunft («bezahlter Qualitätsjournalismus») aufzubauen, kann nur im Desaster enden. Das heißt für mich nicht, dass Paywalls, sprich ein unmittelbares Entgelt für Inhalt, überhaupt keine Zukunft haben.

Ich denke gerade im Bereich der Wochenpublikationen, wo eben eine gewisse Entschleunigung vorherrscht, haben diese Modelle durchaus Zukunft. Aber dass man ausschließlich davon leben könnte? Ich glaube nicht daran.

Painwall

Ganz oft werden Paywalls total schlecht umgesetzt. Ein besonders krasses Beispiel aus jüngster Vergangenheit ist das des Schweizer Lokalblattes „Basler Zeitung“:

Lieblos und ohne sich Gedanken zu machen wurde einfach eine Anmeldeseite vor gewisse Artikel geschaltet (von denen die Redakteure wahrscheinlich denken, sie wären besonders interessant). Das ganze „Gebastel“ wird auch in der Mobil-App angezogen und ist aber natürlich nicht mobiltauglich.

Das Resultat ist, dass die App de Fakto unbrauchbar geworden ist. Schlimmer noch; viele Leute aus meinem Umfeld haben gar nicht realisiert, dass es nun darum geht ein Digitales Abo zu lösen, sondern halten das schlicht für einen Bug. Und haben die App entnervt gelöscht.

Das Stadtgespräch verlagert sich

Während früher die Medien das Stadtgespräch, also die aktuellen gesellschaftlichen Debatten, prägten und dominierten, sozusagen als Leuchttürme der Meinungsmache dienten, verlagern sich viele dieser Debatten zu Facebook. Ich habe in den letzten Wochen öfter Diskussionen rund um die Wahlen in der Schweiz auf Facebook verfolgt. Und ja, natürlich gab es viel primitives und lächerliches.

Aber machen Sie sich nichts vor; auch an den Stammtischen vor 25 Jahren ging es nicht gehaltvoller zu. Sieht man davon aber mal ab und filtert das ein bisschen raus, gibt es mehr Leute denn je, die sich an Diskussionen beteiligen und Standpunkte darlegen. Das kann man nur gut finden, wenn man an Demokratie glaubt.

«Empowerment of the individual»

Unsere Zeit delegiert langsam aber stetig Informationen an das Individuum. Das sehen wir z. Bsp. im Bereich der Produktinformationen. Es ist heute eher so, dass der Konsument die Anbieter übervorteilt. Dieses «Empowerment of the individual» macht vor den Medien nicht halt. Und es ist erst möglich, seit es die Digitalen Technologien jedem kleinen Bürger die Möglichkeit gibt, seine Sicht der Dinge einem grösseren Publikum darzulegen. Z. Bsp. mit einem Kommentar auf der Bild-Seite oder mit einem eigenen Blog. Um mal die Spannbreite zu benennen.

Das ist ganz grundsätzlich eine gute Entwicklung. Denn je mehr Meinungsmache und -führerschaft auf mehrere Schultern verteilt wird, desto besser. So wird automatisch das Missbrauchs- und Konspirationsrisiko vermindert. Sie glauben ja gar nicht, wie traditionelle Medienhäuser im Kleinen wie teilweise auch im Großen von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst werden.

So gesehen freue ich mich auf eine noch heterogenere «Medienlandschaft». Eine in der viele Individuen ihre persönliche Meinung kundtun und Gedanken entwickeln. Daraus entsteht eine breitere, diversifiziertere und unabhängigere Diskussion. Genau auf diesem Weg sind wir schon länger.

Traditionelle Medienhäuser werden nicht obsolet, aber…

Die traditionellen Medienhäuser werden so nicht einfach obsolet, aber sie sollten sich auf den Dialog mit Bloggern und Thought Leadern einlassen, denn diese brauchen die Medien nicht zwingend um sich Gehör zu verschaffen. Dass dies auch für ganz simpel gestrickte Arbeiter im Rebberg des Herrn funktioniert, ja dafür ist dieser Blog hier das Beste Beispiel.

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2 Kommentare zu Warum Journalismus irrelevanter wird und warum das ok ist!
  1. Christian Antworten

    Ich denke eine sinnvolle neue Rolle für Journalismus (die aber bisher in der Form noch nicht umgesetzt wurde) ist die hauptsächlich online stattfindende Debatte aufzubereiten und Standpunkte zusammenzufassen damit man sich selbst einen Überblick verschaffen kann ohne selbst jede Debatte lesen zu müssen (was zeitlich nicht machbar ist). Ich denke wenn das schnell, gut und objektiv gemacht wird ist das auch als kostenpflichtiger Service interessant.

  2. pekue Antworten

    Ich kann Dir als Konvertit (ehem. Vertriebs- und Marketingleiter eines Zeitschriftenverlags, heute seit fast 20 Jahren Online-Schaffender) in allen Punkten nur zustimmen.
    Vor allem in dem, das Zeitungen noch nie von Journalismus gelebt haben. Und in der Feststellung, dass all die Versuche, Messbarkeit von Printwerbung her- und darzustellen, nie mehr waren als die Vorspiegelung falscher Tatsachen, die nur dadurch richtig wird, dass man sie konstant und über Jahrzehnte falsch macht. Vergleichbarkeit erreicht man ja so auch.

    Ich erinnere mich noch heute mit Grauen an eines meiner ersten Gespräche mit einem führenden Urgestein der deutschen Zeitungslandschaft über das kommende Internet, das in dem Satz gipfelte „Ja wie? Und dann können die sich ihre Zeitung selbst ausdrucken?“ (Ich verzichte an der Stelle absichtlich darauf, den rheinischen Tonfall dieser Einlassung wiedergeben zu wollen – es ist ja auch so grotesk genug.)

    Nach dieser, seiner, Erkenntnis folgten lediglich noch ein paar höfliche Floskeln, dann war der Termin beendet. Das war 1996.

    Ich erinnere mich mit Grauen, weil für mich bei einem Groß der deutschsprachigen Zeitungslandschaft auch heute noch kaum eine eigene, nach vorn gerichtete Strategie erkennbar ist, wie man sich anders positioniert als „anti“. Statt dessen soll das jetzt Blendle richten. Richtig. Ein Startup aus Holland.

    Herzlichen Glückwunsch.

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