Warum ich bis auf Weiteres nicht mehr an Konferenzen gehe!

Seit längerem beobachte ich eine zunehmend ablehnende Haltung vieler Leute gegenüber Digital-Konferenzen. Viele Leute halten diese für langweilig, von den immer gleichen Phrasendreschern bespielt – und gehen trotzdem immer wieder hin. Weil man da Leute treffen kann die man sonst nur von Twitter & LinkedIn kennt. Alternativen zur konventionellen Konferenz gibt es jedoch viele. Und ich habe das Gefühl sie sind im Kommen.

(Lesedauer 5 Minuten)

Weniger dafür mehr

Vor ein paar Monaten habe ich mich entschlossen, nur noch an Veranstaltungen zu gehen, bei welchen ich als Referent gebucht bin*. Warum es zu diesem Entschluss kam, ist ganz einfach; der Zeitaufwand für die meisten Konferenzen schien mir in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen.

Zu oft endete ich an solchen Konferenztagen im Publikum am Notebook meine Arbeit machend, weil die Talks nicht genug Neues und/oder Interessantes brachten. Das hat, ganz ohne überheblich sein zu wollen, wohl auch ein wenig damit zu tun, dass ich mich mit allen Themen rund um Technologie, Gesellschaft und Business weit mehr auseinandersetze als der durchschnittliche Konferenz-Besucher. Aber trotzdem.

Qualität der Talks

Ganz allgemein finde ich, ist die Qualität der Talks erschreckend tief. Wenn CEOs von traditionellen Unternehmen plötzlich – mit tollen Visuals untermalt – erzählen, was sie im Silicon Valley alles gelernt haben und dass ihr Unternehmen nun das Amazon, Uber oder AirBNB der Branche wird, dann kann ich höchstens noch milde lächeln. Um die peinliche Berührung zu überdecken.

Es sind dieselben Leute, welche vor ein paar Jahren noch lautstark von sich gaben, die Digitalisierung werde sie nicht so wirklich betreffen und man werde auf die «eigenen Stärken vertrauen».  Das bedeutete und hieß damals so wenig wie heute die Silicon Valley Sprüche was bedeuten. Das ist Noise. Wo Signal sein sollte.

Kein Rückgang bei Konferenzen

Paradox mag erscheinen, dass zum einen immer mehr langjährige Konferenzgänger der ganzen Sache ein wenig überdrüssig werden, auf der anderen Seite aber immer mehr Digital-Konferenzen mit immer mehr Besuchern stattfinden. Auf den zweiten Blick aber ist das völlig logisch: Das Digitale drängt in immer mehr Branchen vor und betrifft so immer mehr Leute, die solche Veranstaltungen früher als branchenfremd wahrgenommen hätten.

Neue Formate

Was sich unterdessen herausbildete, sind neue Veranstaltungstypen. Ein Trend den ich beobachte und den ich auch unterstütze sind sogenannte «Boutique-Veranstaltungen». Veranstaltungen die klein sind und bei denen man sich auch außerhalb bereits bestehender Bekanntschaften näherkommt.

Einen solchen Event haben ein paar Kollegen mit mir im Februar durchgeführt. Ich habe hier darüber geschrieben. Ich denke, dass solche Events in Zukunft mehr Gewicht erhalten. Sie werden natürlich grosse traditionelle Konferenzen nicht ersetzen, können aber starke und wichtige «Inseln» zum Austausch von Erfahrungen werden.

Barcamps

Ich habe in den letzten Jahren doch recht viel Barcamp Erfahrung sammeln können und ich halte es für ein großartiges Event-Format. Ich weiß, dass es vor allem im Developer Umfeld sehr gut funktioniert – aber offensichtlich nicht nur.

So durfte ich im März an der FH St.Gallen die Keynote auf einem Barcamp halten, welches das Thema ERP behandelte. Speziell an dieser Veranstaltung war, dass die Teilnehmer keinerlei Barcamp Erfahrung hatten und in ihrer Art gemischt waren. Also sowohl Anbieter, Produktverwender wie auch Berater. Ich war nie wirklich skeptisch, dass das Barcamp mit diesem Publikum funktionieren würde, allerdings erwartete ich schon, dass es wohl doch grössere Anlaufschwierigkeiten geben würde.

Das war jedoch überhaupt nicht der Fall. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Und es dauerte nicht lange bis die Session-Slots geplant waren. Das Eis musste nicht gebrochen werden.

Wie sollten Konferenzen in Zukunft sein?

Ich denke in Zukunft sollten Tech- und Digitalkonferenzen in erstere Linie mehr Frauen als Speaker haben. Da sind die Veranstalter gefragt.

In zweiter Linie sollten Talks vermehrt nicht aus dem Sponsorenumfeld ausgewählt werden. Es ist heute Gang und Gäbe, dass Sponsorenvertreter Speaker-Slots erhalten. Vielleicht nicht offiziell, aber inoffiziell.

In dritter Linie darf bei der Speaker-Auswahl die jeweilige Position des Speakers innerhalb seiner Firma nicht mehr so eine wichtige Rolle spielen. Der Erkenntnisgewinn des Talks sollte sozusagen über dem Promi-Faktor stehen. Das ist leider oft nicht geben.

Erkenntnisgewinn & Austausch

Generell würde ich mir wünschen, dass der echte Erkenntnisgewinn und der Austausch vermehrt im Zentrum von Konferenzen steht. Im Moment ist mir immer einen Schuss zu viel Inspiration- und Motivationskult dabei. Das ist an sich gut und recht. Nur davon hat man in der Regel konkret wenig.

Denn am nächsten Tag im Büro, ist man wieder in seiner kleinen Welt mit den Herausforderungen und Problemen welche sich so gar nicht mit dem Scheinwerferlicht und er großen Bühne vom Vortag vergleichen lassen. Und man ist sich nicht bewusst, dass auch die Speaker irgendwo zuhause in Ihrem Büro eine Liste an kleinlichen Problemen hat. Das demotiviert längerfristig mehr als es bringt.

Fehler-Kultur

Was uns allen daher viel mehr helfen würde, so behaupte ich, wären Talks über Fehler die gemacht und korrigiert wurden. Es gehört einiges dazu, hin zu stehen und zu erzählen was man eben nicht auf die Reihe gekriegt hat, wie man das Problem „engineert“ hat und schlussendlich eine Lösung gefunden.

Denn ein Talk über einen solchen Case vermittelt eventuell konkrete Lösungsansätze, sicher aber eine gewisse Methodik und, viel wichtiger, eine Zuversicht, dass auch krasse Probleme und Herausforderungen eben gelöst werden können.

Wir sind hier in Europa nicht gerade gut darin mit Fehlern und Misserfolg umzugehen. Wenn wir in Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen wir zu den guten Tugenden welche wir hier haben lernen anders mit Fehlern umzugehen. Über sie zu sprechen. Sie zum Thema zu machen. Nicht nur an einer dedizierten Fuck-Up Night.

Sondern im Courant Normale. Und da bieten all die Konferenzen eine gute Möglichkeit.

 

  • (* mit Ausnahme von 2, 3 Start-Up Konferenzen)

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4 Kommentare zu Warum ich bis auf Weiteres nicht mehr an Konferenzen gehe!
  1. Reto Kessler Antworten

    Geht mir genau so. Schön und wichtig ist, in einen Dialog zu kommen bzw. im Dialog zu bleiben. Vielleicht sind Speaker gar nicht immer das richtige „Mittel“. Das Wort „Konferenz“kommt von zusammenkommen. Und da kann sehr viel mehr passieren als eine Rede von einem an viele. Ich träume immer von Zusammenkünften wo nicht nur geredet wird sondern wo neue Initiativen entstehen…

  2. Daniela A. Caviglia Antworten

    Danke für diese Ausführungen! Lärm statt Signale; das empfinde ich auch so. Ich referiere auch lieber an interaktiven Veranstaltungen, bei denen ich Teilnehmende statt Zuhörenden habe. Und ich mag sowohl als Zuhörerin als auch als Referentin echte, alltägliche Fälle und Beispiele statt der heute gehypten „Über Nacht alle Falten weggezaubert“- oder „In drei Tagen zum Millionär“-Anleitungen.

    Manchmal habe ich jedoch das Gefühl, dass ich genau deshalb von der Fachwelt nicht ganz ernst genommen werde. Hmm… Weshalb ich wohl diesen Eindruck erhalte? ;-)

    PS: Den Text über Joghurt und künstliche Intelligenz fand ich übrigens auch super :-) Danke!

  3. Marcus Riesterer Antworten

    Das trifft den Nagel auf den Kopf und ich kann die Entscheidung sehr gut nachvollziehen.

  4. Suvrajit Antworten

    „Wir sind hier in Europa nicht gerade gut darin mit Fehlern und Misserfolg umzugehen.“

    Ich befürchte es wird nicht besser. Denn diese Fehlerkultur entsteht nicht flächendeckend und dort wo die entsteht, ist nicht wo sie am meisten benötigt wird.

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