Wann ist die Zeit richtig, ein Start-Up zu gründen?

Seit ich vermehrt in der Start-Up Szene visibel bin, bekomme ich recht oft die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt um eine Firma zu gründen. Die Erwartungshaltung ist jeweils, dass ich wohl eine Altersangabe mache so im Stil; mit 24,5 Jahren. Doch so simpel ist es nicht.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Start-Up ist nicht gleich Start-Up

Ich glaube man muss verschiedene Typen von Start-Ups unterscheiden, da diese verschiedene Anforderungen an Gründer stellen. Eine kleine, nicht abschließende Aufstellung:

Selbständig machen

Vielfach bezeichnen sich Berufsleute die auf eigene Rechnung arbeiten als Start-Up. Das ist per Definition natürlich nicht falsch, ich zähle das aber nicht zu den typischen Start-Up-Unterfangen. Sondern, es ist ein Arbeiten auf eigene Rechnung: In dem Bereich in dem man gut ist, bietet man seine Dienstleistungen seinem Netzwerk an.

Das klappt in der Regel ziemlich gut. Voraussetzung dafür ist, dass man Erfahrung und Expertise hat und ein Netzwerk, welches diese auch als solche wahrnimmt. Wenn man das mit 19 schon hat, dann ist 19 das richtige Alter. Die meisten Menschen aber, kommen erst im Alter von rund 35 Jahren in den Bereich wo sie entsprechend wahrgenommen werden.

Ein bereits existierendes Geschäftsmodell kopieren

Die zweite Kategorie Start-Ups sind neue Firmen welche bestehenden Geschäftsmodelle kopieren. Das ist nicht schlechtes. Klassische Unternehmen wie zum Beispiel eine Bäckerei, ein Beratungsunternehmen, eine Elektroinstallationsfirma oder eine konventionelle Buchhaltungssoftware etc. gehören dazu. Aber auch die ganze Armada von eCommerce Initiativen etc. gehört dazu.

In der Regel ist das Risiko überschaubar, obwohl erhebliche Investitionen für den Start des neuen Geschäftes notwendig sind. Ist der Markt duch-analysiert und die eigenen Leistungen klar definiert und positioniert – findet sich eine sogenannte Nische – dann ist in der Regel davon auszugehen, dass das Geschäft innert 1-3 Jahren zum Break-Even gebracht werden kann. Fachkompetenz und Professionalität der Gründer vorausgesetzt.

Diese Fachkompetenz eignet man sich am Besten in einem kleineren Unternehmen an, in welchem man „End to End“ die ganze Wertschöpfungskette im Blick hat. Ich denke am besten ist daher das gründen einer solchen Firma im Alter zwischen 20 und 30.

Neues Geschäftsmodell

Wenn Sie ein komplett neues Geschäftsmodell und/oder eine neue Technologie im Markt etablieren wollen, gibt es eine simple Antwort auf die Frage wann der richtige Zeitpunkt ist: Es ist schlicht nie der richtige Zeitpunkt.

Denn das Aufbauen eines komplett neuen Modells geht eigentlich permanent schief. Nicht als großes Ganzes, sondern im Kleinen. Es gehen laufend viele kleine Dinge schief, die man wieder auf Kurs bringen muss. Meine Erfahrung ist, dass nur ganz wenige Leute mit diesen täglichen kleinen Niederlagen gut umgehen können und es schaffen, daraus etwas zu machen, das langfristig tatsächlich funktioniert. Als ich mit Accounto angefangen habe, hat mir auf der Suche nach Funding ein Manager eines amerikanischen VCs gesagt er „gratuliere mir zu der wahnsinnigen Vision und Ambition und all dem Schmerz“. Er meinte das positiv, wohlgemerkt.

Das mit der Vision und Ambition habe ich verstanden, das mit dem Schmerz damals nicht. Heute, 18 Monate später, weiß ich genau was er meinte. Denn große Ambitionen kommen, wenn man versucht sie in die Wirklichkeit zu bringen, immer mit Schmerz für Gründer und Treiber. Es gibt einfach viel zu viel Detail-Drama um das einfach so wegzustecken. Die Dinge gehen einem nahe. Verlassen einen 24h nicht, egal was man tut. Ich glaube es ist ähnlich wie eine schwere Erkrankung durch zu stehen. Je grösser, ambitionierter und für Normalsterbliche unrealistischer die Ziele sind, desto mehr Schmerz ist da. Man muss daher davon besessen sein, die Vision in die Realität um zu setzen.

Das tönt jetzt erstmal super negativ. Ist es aber nicht. Ich habe schon viele ambitionierte Ansagen gemacht und Ziele gesetzt. Die allermeisten davon haben ich oder vielmehr meine Teams erreicht. Teilweise zu einem hohen Preis. Aber es gibt nicht viel befriedigenderes, als genau solche Ziele, gegen alle Unkenrufe, zu erreichen.

Alte oder junge Gründer

Oft wird kolportiert, dass ältere Gründer im Vorteil seien. Ich glaube, das ist irreführend und kommt stark auf die individuelle Situation an.

Ich hatte ein oder mehrere Start-Ups, als ich noch zu Hause bei den Eltern wohnte, als ich alleinstehend war und als Vater von 3 Kindern. Heute denke ich, alle Phasen und Konstellationen haben Vor- und Nachteile.

Während in jungen Jahren mehr Kraft und jugendlicher Leichtsinn vorhanden ist, bringen ältere Gründer mehr Erfahrung, Abgeklärtheit und vor allem ein größeres Beziehungsnetz mit. Meist aber, stehen sie im Leben an einem ganz anderen Punkt – der viele Verpflichtungen mit sich bringt. Insbesondere eine Familie ist ja bereits ein Start-Up für sich. Und jeder, der alles easy findet, hatte noch nie wirklich Probleme in der Familie (wie z. Bsp. ein ernsthaft krankes Kind) und im Start-Up gleichzeitig. Diese Multi-Fronten-Kriege – übrigens eine ganz perfide Spezialität auch des Paralell-Unternehmertums – die man dann zu führen hat, gehen direkt auf die Gesundheit. Und die ist mit 40 oder 50 beileibe nicht mehr so robust wie mit 20. Egal wie jung Sie sich fühlen.

Ok, den objektiven perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Und nun?

Während ich also nicht glaube, dass es den objektiven, perfekten Zeitpunkt gibt, denke ich, dass es so etwas wie den subjektiv richtigen Zeitpunkt gibt. Nämlich dann, wenn Sie wissen, dass sie das jetzt tun müssen. Auch wenn Intuition kein Ersatz für Analyse und Wissen ist, ist sie meiner Meinung nach doch der am Ende des Entscheidungsprozesses ausschlaggebende Punkt: Sie werden einfach eines Tages aufstehen und wissen, dass es für Sie Zeit ist Ihr Start-Up zu verwirklichen. Und es tun.

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Ein Kommentar zu Wann ist die Zeit richtig, ein Start-Up zu gründen?
  1. Peter Antworten

    Ich kenne diesen „Schmerz“ und erlebe ihn tagtäglich 24/7 Tage. Es gibt auf dem Weg zum Erfolg viele kleine positive Feedbacks von den Stakeholders. Die sind unheimlich motivierend und regen an mehr zu geben als viele andere.

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