Vom Ende der Nationen.

Ich sei naiv. Ein „gutmenschiger“ Tagträumer. Ein Verharmloser. Auf meine etwas zu schnelle und direkte Antwort nach einem Referat auf die Frage wie ich denn den neuen rechten Populismus werten würde, habe ich einiges abgekriegt. Gefühlt bekam ich mehr Mails und Nachrichten im Nachhinein, als Leute an jenem Abend im Saal waren.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Ein letztes Aufbäumen

Meine Antwort auf die gestellte Frage war, dass ich der Meinung bin, dass diese populistischen, gesellschaftlichen Entwicklungen in Wirklichkeit der Anfang vom Ende der Nationen seien.

Dass die Menschen langsam realisieren würden, dass die soziale Infrastruktur je länger je mehr nicht mehr in geografisch abgesteckten Räumen stattfindet. Und dass dieser Verlust an Strukturen an denen man sich orientieren kann, dazu führt, stärker nach diesen Strukturen zu rufen.

Nationalstaat – Es ist vorbei

Ich glaube, dass wir über kurz oder lang eine einzige oder zumindest wenige Gemeinschaften auf diesem Planeten bilden werden. Und dass diese nicht an geografische Territorien gebunden sind.

Das hört sich erstmal total komisch an. Wie soll das gehen? Eine Welt ohne Grenzen – ist für die meisten Menschen komplett unvorstellbar. Wir sind alle dermaßen mit dem Konzept der „Heimatscholle“ aufgewachsen, dass wir es uns nicht vorstellen können, ohne diese zu leben.

Sehen wir uns an warum es den Nationalstaat gibt, hatte er früher seine ganz logische Begründung: In dem eine Gruppe Menschen ein Stück Land besetzten und es als ihr Land deklarierten, konnten sie von dessen Ressourcen profitieren.

In einer unterentwickelten Volkswirtschaft – und alle Länder wurden in unterentwickelten Volkswirtschaften geformt – ist der primäre Sektor der dominierende Bereich. Es ergab damals sehr viel  Sinn, ein Territorium abzustecken, es zu organisieren, es zu verteidigen. Und es war auch mehr als logisch, dass innerhalb dieses abgegrenzten Territoriums eine eigene Kultur, ein eigenes soziologisches Klima entstand.

In hoch entwickelten Volkswirtschaften hingegen, verliert der Primäre Sektor stark an Bedeutung. Und mit ihm das besetzte Territorium. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir in den letzten Jahren ein immer stärker werdende Irrelevanz von Grenzen, Politik und Ländern erleben.

Gleichzeitig legt der Tertiäre Sektor, also der Dienstleistungs- und damit Wissenssektor, stark zu. Und Wissen sprich Daten, sind nun mal nur sehr begrenzt territorial greifbar. Im Gegenteil, Wissen verbreitet sich in gewisser Weise selbständig und unbegrenzt.

Daten sind das neue Öl Getreide

Wenn Wissen, also eine der „Hauptquellen“ ist, aus der wir unsere Wertschöpfung generieren, folgen wir dem Wissen auch gesellschaftlich. Und wenn es keinen ökonomischen Zwang gibt, dieses Wissen innerhalb eines Territorium zu schützen, geben wir auch ebendieses Territorium auf. Nicht bewusst, wohlgemerkt, sondern schleichend.

Und diese Grenzen und die ganzen administrativen Restriktionen, die mit ihnen einhergehen, sind zunehmend einfach nur extrem mühsam. Was man früher als Schutz wahrgenommen hat, ist immer mehr einfach nur noch Ballast. Für die Wirtschaft, für die Gesetzgebung und vor allem für die einfachen Bürger. Wir möchten gerne grenzenlose Möglichkeiten – im sprichwörtlichen Sinne.

Das Internet hat in dieser Entwicklung einen stark beschleunigenden Effekt, denn es erweitert unseren sozialen Aktionsradius enorm. Und auch der macht an der Nationalgrenze nicht halt.

Fusionen

Die logische Reaktion auf diese unterliegenden Treiber und Entwicklungen ist denn auch, dass erstmal immer mehr Länder zusammenwachsen. Das ist nichts neues – im Gegenteil. Die meisten Länder sind selbst wiederum durch den Zusammenschluss verschiedener kleiner Länder entstanden. Dieser Trend, so erwarte ich das, wird weitergehen. Wir sehen es z. Bsp. In der EU sehr schön wie über Jahre immer näher zusammen gerückt wird. Lassen Sie sich dabei vom politischen Betriebsunfall „Brexit“ nicht ablenken. Die „vereinigten Staaten von Europa“ sind näher als je.

Wer baut die gesellschaftliche Infrastruktur des 22 Jahrhunderts

Wenn wir über diese Themen sprechen, dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, dass das „Konzept Nationalstaat“ in unserer Lebenszeit ersetzt wird. Ich glaube diese Veränderungen benötigen viel Zeit. Wir werden uns wohl über Generationen daran gewöhnen, dass die Definition über eine Nationalität immer weniger wichtig wird. Vergleichen wir die Einstellung der Leute von heute zu der vor, sagen wir 100 Jahren, können wir bereits beobachten, dass den heutigen jungen Menschen die Nationalität weniger eine Rolle spielt.

Mit der zunehmenden Mobilität wird dieser Effekt nur grösser. Auch die Politikverdrossenheit werte ich als entsprechendes Zeichen. Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass sich die Leute nicht mehr um Gemeinschaften kümmern würden. Vielmehr ist es so, dass viele national orientierte Politik im heutigen Kontext  leicht entrückt wirkt. Die Umstellung des Politikbetriebs auf eine de fakto Berufspolitik hat diesen Effekt verstärkt.

Organisation der Zukunft

Die Frage bleibt, was tritt an die Stelle von Nationen? Offensichtlich werden in Zukunft „Virtuelle Territorien“ abgesteckt. Nur wer sagt, wo diese verlaufen? Wie werden diese kontrolliert? Werden diese überhaupt kontrolliert? Wer definiert diese?

Aus heutiger Sicht ist es offensichtlich, dass sich zukünftige Organisationen wieder um die Kontrolle der Ressourcen herum bilden. Wenn Wissen und Know-How, das auf Daten basiert, eine der wichtigsten Ressourcen werden, ist es gut vorstellbar, dass die Internet-Infrastruktur dabei zum neuen „Territorium“ wird.

Wenn wir sämtliche Komponenten die wir als Gemeinschaft benötigen – also Gesetze / Regeln des Zusammenlebens, die Werteverwaltung und Wertetausch und die Generierung von Wertschöpfung ins Internet verlegen – und es sieht gerade mehr denn je danach aus, dann ist das Internet jenes „Territorium“ dass ich als zukünftiger „Staat“ kontrollieren muss.

The Sky is the limit

Wenn Sie jetzt Internet hören, denken Sie wohl an Transatlantikleitungen und Kabelmodems. Das Internet von morgen wird aber im Himmel stattfinden. Verschiedene Organisationen sind dabei ein globales Internet aufzubauen, allen voran SpaceX, Facebook und Google. Sie entfliehen damit der territorialen Bindung. Ob sie damit auch zu Organisationen werden, welche längerfristig staatliche Funktionen übernehmen, ist damit nicht automatisch gegeben. Aber es ist eben auch nicht ausgeschlossen.

„Was ist Deine Nationalität? Ich bin Googler.“

Interessant ist, sich vorzustellen, dass es dadurch mehrere gleichzeitige (geografische) Layer solcher „Staaten“ geben könnte. Dass die Staatszugehörigkeit dann eben nicht mehr an einen geografischen Ort gebunden ist. Ich denke das entspricht einer globalisierten Welt der Zukunft viel eher als das Modell das wir heute haben.

Millionen kleiner Gemeinschaften – und individuelle Staatszugehörigkeit

Und kleine lokale Gemeinschaften können dadurch trotzdem weiter existieren und die lokalen Ressourcen auch lokal verwaltet werden. Das hat Vorteile. Wenn wir uns die heutigen großen Staaten ansehen, dann müssen wir erkennen, dass es mit zunehmender Größe immer schwieriger wird, effizient und sinnhaft im Sinne ihrer Bürger zu agieren. Kleinere Staaten funktionieren oft viel besser – ganz einfach weil die Verwaltung der kleinen Staaten weniger kompliziert ist.

Wenn der Zugang zu Grundressourcen des „Real-Life“ zunehmend gegeben ist, und das ist was wir global sehen, auch wenn es immer noch viele Menschen gibt, die hungern und in prekären Verhältnissen leben – dann können diese lokal auch sehr einfach verwaltet werden.

Glaskugel

Man gerät leicht ins Fantasieren und Spekulieren. Es ist nicht so richtig erkennbar, in welche Richtung wir uns im Detail entwickeln werden. Aber eines ist absehbar; der territorial definierte Nationalstaat wird über kurz oder lang nicht die dominierende Organisationsform der menschlichen Weltordnung sein. Er kann es nicht. Und das was wir heute sehen, so meine Schlussfolgerung, sind erste Zeichen eines Umbruchs den die Welt komplett verändern wird.

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