Unsere Faulheit ist der No.1 Treiber des technologischen Fortschritts

Ganz egal welches Menschenbild Ihre Denke prägt, Sie werden mit mir einig sein, dass es die Menschen gerne immer so einfach und gut wie möglich haben. Sei das im Großen wie im Kleinen. Wir begeben uns nicht so wahnsinnig gerne aus unserer Komfortzone. Alles was uns hilft, Verbesserungen unserer Situation zu erreichen, schauen wir uns grundsätzlich mal an. Wenn wir diese Verbesserungen erreichen, ohne aus unserer Komfortzone ausbrechen zu müssen, hat man den Menschen in der Regel schon fast für etwas gewonnen.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Kollektive Komfortzone

Sie werden mir entgegnen, nein, das sehe ich ganz anders, weil es Menschen gibt, welche ganz anders drauf sind. Es gerne anstrengend haben. Und ja, da haben Sie wohl recht. Diese Menschen gibt es. Das kommt daher, dass es keinen Konsens über eine bewusst abgesteckte kollektive Komfortzone gibt. Jeder Mensch hat unterschiedliche Präferenzen. Darum gibt es immer Ausnahmen. Und Menschen, welche Dinge gerne anders hätten. Aber wir haben auch Bereiche, wo wir fast 100% Übereinstimmung haben. Einfachstes Beispiel: Starker körperlicher Schmerz liegt für fast alle Menschen außerhalb der persönlichen Komfortzone.

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Intelligente Dinge

In meinem Artikel „Das Internet wird verschwinden! Kommen Sie darüber hinweg.“ habe ich erläutert, dass wir über die Zeit viele Dinge des täglichen Lebens mit Rechenleistung und Datenbasis ausstatten werden. Und dass diese Dinge dann allmählich unsere Erwartungshaltung antizipieren und entsprechend vorwegnehmen. Und dass diese so geschaffene „Intelligenz“ so langsam aber sicher aus unserer Wahrnehmung verschwindet. Und dass diese Dinge in gewisser Weise verfügbares Allgemeingut werden.

Die Kommentare auf diesen Artikel lesen sich durchwegs spannend. Auffallend fand ich folgende Dinge:

Sinn ergeben

„Der Mensch hat gelernt, sinnvolles zu tun. Er hat es bisher aber nicht gelernt, unsinniges zu lassen. Davon abgesehen steht die Frage, ob die Ressourcen dafür vorhanden sind und wir die auch dafür verwenden wollen.“      

Jörg Ribbecke, auf LinkedIn

Dem stimme ich aus meiner persönlicher Sicht zu. Ich finde auch ganz vieles unsinnig, gerade auch was an neuen „Innovationen“ erschaffen wird.

„Es gibt wohl so etwas wie ein kollektives Bewusstsein über was für uns Sinn ergibt oder nicht. Dem sind wir als Individuum ausgeliefert, obwohl wir ein Teil davon sind.“

Versuche ich aber meinen Horizont weiter zu fassen und gehe in der Geschichte ein wenig zurück, so finde ich nicht mehr so viele Dinge, die keinen Sinn ergeben. Es ist eher so, dass neue Innovationen und Technologien auch einem Darwinismus unterliegen. Jene Produkte und Services, die für den Menschen Sinn ergeben, setzen sich durch, die anderen nicht.

Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Innovationen auch für jeden einzelnen Sinn ergeben müssen.

Unterschätzte Technologie – wieder einmal

Andere Kommentare sprechen die Zuverlässigkeit und das Funktionieren von solchen intelligenten Dingen an. Ich kann der Argumentation zwar wohl folgen, aber ich teile sie überhaupt nicht. Denn es gibt jetzt ja bereits viel Technologie, auf die wir uns 100% abstützen und die auch praktisch 100% verfügbar ist.

Zum Beispiel die Wasserversorgung, auch einfach eine technologische Errungenschaft, ist heute in der westlichen Welt derart unbewusst verfügbar, dass wir sie nur noch wahrnehmen, wenn sie einmal nicht funktioniert. Was in der Schweiz Gefühlte einmal in 40 Jahren der Fall ist. Wo das Wasser genau herkommt? Wie es verwaltet wird? Wie Prozesse dahinterstecken? Ich habe keine Ahnung. Vor allem darum, weil es für mein Leben komplett unerheblich ist.

Diese Beispiele sind zahlreich und es steht außer Frage, dass neue Technologien über die Zeit auch eine entsprechende Entwicklung erfahren, um diesen Status zu erreichen. Nur können wir uns das im Moment noch nicht so richtig vorstellen. Genau so wie sich der Knappe im Mittelalter auch nicht vorstellen konnte, dass eines Tages Wasser einfach überall und jederzeit verfügbar ist.

Die unsichtbare Hand – in Tat und Wahrheit unsere Faulheit?

Volkswirte geraten bei dieser Aussage wohl in leichte Schnappatmung. Wird noch ein paar Mal vorkommen in den nächsten Jahren der Perpetual Disruption… Aber der Reihe nach:

Wenn der Mensch so wenig wie möglich aus seiner Komfortzone bewegt werden will, kann das als eine Art Faulheit bezeichnet werden. Nicht die Art Faulheit, die im Verruf ist, die einfach überhaupt nichts bewegen will. Aber wir sind wahre Meister darin, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel zu erreichen. Wir sind auf der einen Seite in diesem Sinne faul. Auf der anderen Seite sind wir auch unersättlich und gewisser Weise kompromisslos, wenn es darum geht, es noch einfacher zu haben. Anders lassen sich vorgeschälte Eier im Supermarkt nicht erklären. (Wertediskussion folgt später im Artikel. Alles gut ;-))

Nochmals, das muss nicht auf jedes einzelne Individuum zutreffen, aber ich denke, es trifft auf uns als Lebewesensgattung in der Gesamtheit zu. So gesehen, ist das der Treiber Nummer 1 unser aller Bestrebungen. Und was für uns in der Gesamtheit im Endeffekt sinnvoll ist, entscheiden wir nach einem simplen Try-and-Error Verfahren. Die Ebenen dieser Evaluation sind a) die Wirtschaft, für die Ressourcenallokation zur Lösung eines Problems, b) die Politik, für die Findung von gesellschaftlichen Konsensen, und c) die Religion/Philosophie, zum Austarieren der ethischen Radikalisierung von neuen Ideen und Innovationen.

Und die unsichtbare Hand als selbstregulierendes Element für eine effiziente Allokation der Ressourcen, naja, sitzt am Arm der Faulheit. Ich denke, wir müssen uns von diesen isolierten Konzepten, die einfach zu kurz greifen, lösen und ja, ich habe Wirtschaft studiert.

Werte und Gesetze sind Aggregatszustände des Entwicklungsprozesses

Ich denke, wir sind daher relativ einflusslos auf die langfristige technologische Entwicklung. Wir nehmen früher oder später alles an, was uns hilft, das Leben einfacher, besser und angenehmer zu gestalten. Die Veränderungen sind bisweilen radikal und für Individuen mental nicht bewältig bar.

Das ist der Moment, in dem wir Sätze wie „Ich möchte so nicht leben“ hören. Ich finde solche Aussagen sehr legitim und nehme das in gewissen Bereichen natürlich auch für mich selber heraus. Aber die Umstände und die Bedingungen ändern sich. Und jeden Tag werden neuen Menschen geboren, welche erst auf dem starten, was heute ist – materiell wie immateriell.

Werte und Gesetze sind dabei erstmal nur eine Art Übergangsregulator. Sie verändern sich laufend stark und werden das auch weiterhin tun. Und das ist auch gut so, weil wir sonst eben diese langfristigen Veränderungen zum Besseren nicht umsetzen könnten.

„Das „Bessere“ von heute ist das „Gute“ von morgen“

Wenn Sie das nicht glauben, müssen gar nicht weit zurückgehen, um Ihre Einstellung zu challengen. Verbringen Sie einen Nachmittag in einem Staatsarchiv (schweiz. Archiv des Bundeslandes) und lesen Sie sich durch alte (150+ Jahre) Gerichtsentscheide. Diese Rechtsprechung ist meist in keinem Punkt vereinbar mit unseren heutigen Wert-Vorstellungen.

Der Druck entscheidet

Aber auch im persönlichen Bereich werden Sie, auch innerhalb eines Lebens, gewaltige Umsprünge machen, wenn Sie dazu gezwungen werden. Es muss nur der Druck genug hoch sein. Mein oft verwendetes Lieblingsbeispiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind komplett gegen Gentechnik. Sie lehnen alles dazu ab, definieren es als eine Art Kernwert nichts gentechnisch Verändertes in Ihr Leben zu lassen.

Und nun wird Ihr Kind lebensbedrohlich krank und die einzige Methode zur Heilung würde auf Gentechnik basieren. Sie können Gentechnik durch irgendwas ersetzen, was sie schlecht finden. Jetzt… Wie würden Sie entscheiden? Was würden Sie jetzt tun?

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Ein Kommentar zu Unsere Faulheit ist der No.1 Treiber des technologischen Fortschritts
  1. Ivana Antworten

    Lieber Alain,

    danke für einen weiteren spannenden Artikel. Ich war bereits bei der Überschrift absolut deiner Meinung! Nicht, weil ich zu den faulsten Menschen gehöre, die ich kenne, sondern weil ich selbst laufend nach Technologien suche, um meine Arbeit (die ich sehr liebe) effizienter zu gestalten.

    Ich finde in diesem Bereich besonders die Wertediskussion und unsere (fehlenden?) Bewertungskompetenzen sehr spannend. Du hast es mit der „Selbstverständlichkeit“ mancher Technologien schon angesprochen. Ich empfinde diese Abhängigkeit ohne ein technologisches Grundverständnis als sehr gefährlich, weil Unwissenheit eine Vorstufe der Instrumentalisierung und Manipulation darstellt (darstellen kann).

    Nun stellt sich aber für mich die Frage, ob wir dieses Wissen und Verständnis überhaupt aufbringen wollen oder ob wir auch dafür „zu faul“ sind. ;)

    Liebe Grüße aus Wien
    Ivana

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