Und sie digitalisiert sich doch, die Digitalbranche.

Mein Artikel mit dem Titel „Disruption in jedem Bereich: Wenn Entwickler überflüssig werden“ in der T3N hat zahlreiche Kommentare und ausgelöst. Und noch nie habe ich so viele direkte Reaktionen per E-Mail auf einen Artikel erhalten. Ganz offensichtlich fühlten sich viele Leute angesprochen und ganz offensichtlich ist das Thema ein rotes Tuch. Die Reaktionen sind mir aber nicht fremd, im Gegenteil, ich halte sie für exemplarisch in Wandlungsprozessen.

(Lesedauer: 6 Minuten)

Reflektion

Ein guter Kollege meinte letzte Woche zu mir der Artikel sei zu „sloppy“ geschrieben und diese Art von unterschwelliger Aggressivität hätte mitunter für die vielen recht negativen Kommentare gesorgt. Das kann gut sein. Auf der anderen Seite schreibe ich immer so, z. Bsp. in einem Artikel der ausgesprochen Pro Developer ist. (Ich bin generell sehr Pro Developer!) Die etwas überspitzte Headline hatte natürlich auch ihren Effekt. So weit so gut.

Ich denke es geht um etwas Anderes. Es geht um geistige Besitzstandwahrung, denn der Artikel sagt im Grunde nichts Anderes als; „Achtung Freunde, unsere Branche steht über kurz oder lang genau denselben Herausforderungen gegenüber wie alle anderen auch“. Ich behaupte Leute in der Digitalbranche wissen viel besser als der Durchschnitt was das heißt.

Sie wissen um „Software is eating the world“, denn wir sind Teil dieser Bewegung. Marc Andreesen erwähnt den technischen Fortschritt folgendermaßen:

Six decades into the computer revolution, four decades since the invention of the microprocessor, and two decades into the rise of the modern Internet, all of the technology required to transform industries through software finally works and can be widely delivered at global scale.

Ich kenne nur wenige Personen in unserer Branche, die nicht überzeugt sind, dass der technologische Fortschritt in Zukunft beschleunigt voranschreiten wird. Die Frage ist also wo stehen wir in 20 Jahren. Welche Möglichkeiten haben wir dann.

Eine spannende Infografik über die Entwicklung der Rechenleistung von 1956 bis 2015 hat Experts Exchange zusammengestellt.

Technology Compared

Wenn also die Entwicklung der Rechengeschwindigkeit in den letzten 6 Jahrzehnten um eine Billion vervielfacht hat, wo werden wir damit in 20 Jahren stehen? Richtig, wir werden über digitale Möglichkeiten verfügen, welche unser jetziges Vorstellungsvermögen übersteigen. Wir werden also die Tools haben, um komplett neue Wege zu gehen. Auch in der Softwareentwicklung.

Paradigmen-Wechsel

Disruption von Branchen beinhalten immer einen Paradigmen-Wechsel. Das heisst, die Player, welche die Branchen umbrechen gehen eben nicht dieselben Wege wie die bestehende Branche. Sondern sie nutzen die neuen technologischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten auf eine neue Art und Weise. Das einzige was sie mit der «alten» Branche gemein haben, ist das Kundenproblem das sie lösen.

Nehmen wir z. Bsp. Airbnb das als Disruptor der Hotellerie Branche gilt. Ist das eine Hotelkette? Hat Airbnb die Hotellerie digitalisiert? Nein, natürlich nicht.

Airbnb hat mit Hilfe von neuer Technologie das Kundenproblem günstige Übernachtung weltweit gelöst. Ich erwähne Airbnb hier, weil es schlicht viele Leute wirklich auch kennen.

Bestehende Denke digitalisieren?

Diese fundamentalen Prozesse verstehen die wenigsten Entscheidungsträger mit denen ich täglich zu tun habe. Sie alle sind gedanklich fest in Ihrem Geschäft verankert.

André in seinem Kommentar zum Artikel:

„Stellt sich also die Frage warum noch z.B. keine IBM mit einer Lösung gekommen ist, warum es keine Codegeneratoren gibt. „

Es ist genau dieser Unfähigkeit zum Paradigmen-Wechsel geschuldet, dass das Thema noch nicht angegangen wurde. Große bewährte Konzerne sind praktisch nie in der Lage echte Paradigmenwechsel zu vollziehen. Zum einen weil es an der mentalen Fähigkeit zum Paradigmenwechsel fehlt (bitte nicht mit Intelligenz verwechseln), zum anderen weil Investitionen in solche Paradigmenwechsel sich in einem Konstrukt wie einer börsennotierten Firma schlicht und einfach nicht rechtfertigen lassen.

Das heißt aber nicht, dass sie nicht gerechtfertigt sind. Gehen wir in der Geschichte zurück, sehen wir dasselbe Muster: Einzelne Unternehmer und Unternehmer wagen sich mit einem Paradigmawechsel in den Markt und werden dafür belohnt in dem sie wirtschaftlich in die Lage gebracht werden, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen. Dieses Geld wird reinvestiert, Nachahmer und Nischenanbieter kommen auf und eine Branche entsteht.

Und ja, das gilt auch für die Software-Branche

Zu denken, dass diese Mechanismen vor der Software-Branche halt machen ist naiv. Im Moment sind einfach die Kosten um die Komplexität zu lösen noch zu hoch. Die folgende simplifizierte Grafik zeigt die Abhängigkeiten:

cost _ investments_cut

Die stark verbesserte Technologie senkt indirekt den Preis um die Komplexität einer Aufgabe zu lösen. Dadurch wird das Risiko, mit einer Investition in ein «Disruptives Venture» keinen Erfolg zu haben, kleiner. Ergo wird es mehr Investitionen geben und früher oder später wird sich eine solche Investition auszahlen, weil das Venture die grundlegende Problemstellung lösen konnte.

Umgemünzt auf die Software-Branche heißt das Problem, das es zu lösen gibt nicht Automatisierung der Softwareentwicklung und schon gar nicht Ablösung oder Ersatz von Developern.

Das Problem, das es zu lösen gilt heißt; stark verbesserte, schneller verfügbare, stärker auf die Bedürfnisse des Kunden angepasste Software zum einem Bruchteil der heutigen Kosten den Kunden zur Verfügung zu stellen. Um das zu erreichen ist, prozessual gesehen, alles erlaubt.

Aus diesem Grund zielt auch die Argumentation die heutige Softwareherstellung sei zu komplex strukturiert um digitalisiert werden zu können ins leere obwohl sie in sich meiner Meinung nach sogar stimmt. Nur ist es halt eben sehr unwahrscheinlich, dass wir Software in 30 Jahren noch auf dieselbe Art und Weise und mit demselben Prozess herstellen wie heute. Und bitte ja, jegliche Art von Software.

Reaktionen auf Wandel

Wie bereits erwähnt, halte ich die Reaktionen auf meinen gedanklich in Aussicht gestellten Wandel für natürlich, wenn nicht geradezu exemplarisch. Ich begegne genau diesen Mustern immer wieder in Firmen welche sich mit der Digitalen Transformation auseinandersetzen. Ich kategorisiere sie folgendermaßen (nicht abschließend):

Inkompetenz-Unterstellung

Ich beobachte oft, dass Mitarbeiter, welche Bisheriges und Altbewährtes in Frage stellen, und/oder sehr unkonventionelle Wege vorschlagen, schnell als inkompetent oder unerfahren abstempeln. Gerade in größeren Gruppen ist dies sehr effektiv, dass es doch einigen Mut braucht, sich damit zu exponieren, dass es neben der Best Practice noch andere gute Wege gibt um ein Problem zu lösen.

Auf die „Realität“ Bezug nehmen

Diese Art von Reaktionen nehmen Bezug auf die aktuelle Realität in einer Branche oder einer Unternehmung. Es fallen dann Sätze wie; „die Idee ist an sich nicht schlecht, in der Praxis sieht dies aber ganz anders aus“. Fragt man nach, erhält man die Beschreibung des IST-Zustandes. Nur logisch, dass die neuen Ideen da nicht reinpassen.

Gesellschaftliches Argument

Auch oft höre ich, das werden die Mitarbeiter, das wird die Gesellschaft nicht mitmachen. Ich halte das für komplett falsch. Die Gesellschaft ist Treiberin und Getriebene des technologischen Fortschritts und der damit einhergehenden Paradigma Wechseln. Bei den Mitarbeitern in den Unternehmungen sind sie meist Leidtragende. Das finde ich nicht schön aber es ist gewissermaßen historisches Konzept des Fortschrittes. Die Entwicklung der letzten 300 Jahre hat aber gezeigt, dass die Opfer immer kleiner werden. Ganz einfach darum, weil es der Menschheit durch den technologischen Fortschritt immer besser geht.

Versteckte Zustimmung

Ich habe konkret 7 Mails von Leuten erhalten welche entweder bereits solche Lösungen erarbeitet haben oder aber daran sind. Und die mir gedankt oder mich ermutigt haben an dem Thema dran zu bleiben. Das erlebe ich in der Beratungsarbeit mit Unternehmen auch oft. Nach besonders hitzigen Workshops, wo ich vieles in Frage stelle, ist es an der Tagesordnung, dass mich Mitarbeiter anrufen oder mailen und Danke sagen, dass es nun einer mal ausspricht und es jemand angeht.

Lediglich die Abstraktionsebene wird geändert

Christopher widerspricht mir im bislang letzten Kommentar zwar, ich empfinde es aber nicht per se als Widerspruch :-) – viel eher denke ich, er trifft den Punkt ziemlich genau. Um die Softwareherstellung und Weiterentwicklung effektiver zu machen muss die Abstraktionsebene geändert werden. Und ich pflichte ihm auch bei, dass es wohl noch länger Menschen benötigt, die in dem Prozess die Qualitäten des „Entwicklers“ mitbringen.

Aber, dass es sich lediglich um die Benennung der Rollen handelt sehe ich anders. Ich denke eher es geht um die Definition der Rollen innerhalb einer Branche. Und um die Anzahl der Menschen die eine Rolle ausfüllen. Genau das definiert doch die Architektur und Ausgestaltung einer Branche.

Und es sind letztendlich genau diese Strukturen die von der Disruption kalt erwischt werden. Noch haben wir es in der Hand, solche Strukturwandel ganz früh anzugehen. Aber die Uhr tickt. Das Feld wird für Investoren von Tag zu Tag interessanter.

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2 Kommentare zu Und sie digitalisiert sich doch, die Digitalbranche.
  1. Angelika Beckmann Antworten

    Seit Beginn der Industrialisierung wiederholt sich die Geschichte: Ständig wiederkehrende Aufgaben werden Maschinen übertragen, und es ist dem menschlichen Erfindergeist zu verdanken, dass Maschinen solche Aufgaben zuverlässiger und besser erledigen.

    Wenn ich an Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ denke: Ist es erfüllend, jeden Tag das Gleiche zu tun? Ob es der Mechaniker am Fließband, die Scannerin an der Supermarktkasse oder der Programmierer ist: Alle tun immer wieder das Gleiche. Und ja: Auch Programmierer!

    Im Lauf der Zeit und mit zunehmender technischer Entwicklung sind manche Berufe entfallen; Hufschmiede gibt’s heute nur noch wenige, umso mehr Reifenhändler. Glücklich ist der Hufschmied, dem es gelungen ist, auf Reifenhändler umzusatteln.

    Warum sollte es in der IT anders sein? Einziger Zweck der Computerisierung ist doch, Aufgaben von Maschinen erledigen zu lassen, die sie schneller und besser können.
    Manchmal sind die Rechner dem Menschen sogar überlegen. Z. B. wären die Herren Mandelbrot und Julia vermutlich begeistert gewesen, wenn sie hätten sehen können, welch faszinierende Bilder aus ihren Formeln entstehen. Kein Mensch hat Lebenszeit genug, diese Ergebnisse zu berechnen und so präzise darzustellen wie Computer: Die können das mittlerweile in Sekunden.

    All ihr IT-ler, die ihr um euer Brot fürchtet: Könnt ihr mir plausibel machen, warum ihr immer wieder Funktionen neu codiert, die schon tausendfach vorher be- und geschrieben waren, vielleicht sogar von euch selbst?

    Ihr wollt Entwickler sein? Dann seid es: Habt Ideen, lasst euch Neues einfallen, seid kreativ! Das kann euch kein Computer abnehmen. Er kann aber – und er wird, wenn ihr es wollt – viel Umsetzung eurer Ideen automatisch erledigen.

  2. Stefan Antworten

    Danke für diesen Beitrag! Macht absolut sinn. Was ist deine Empfehlung an Entwickler, in welche Richtung sie sich entwickeln sollen? Was machen Entwickler wenn sie langsam aber sicher automatisiert werden? Oder wird das bedingungslose Grundeinkommen sowieso in den nächsten 20 Jahren kommen?

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