Strategische Beratung ist, wenn es weh tut.

Unternehmensberatung ist mehr und mehr zur Digitalberatung mutiert. Ist ja auch logisch: Die Digitalisierung ist DAS Thema in der Unternehmensstrategie und -entwicklung. Durch diese Veränderung tritt ein Effekt stärker hervor als bis jetzt: Ich nenne es die „Show-Beratung“.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Strategische Beratung

Heute ist alles wunderbar strategisch geworden. Gerade in der Beratung. Nicht unwesentlich durch die höheren Honorarsätze getrieben, höre ich so oft „Ja weißt Du, ich mache nur noch Strategie“. Konkrete Umsetzungs-Beratung ist schon fast in Verruf gekommen. Dabei ist sie das, was Unternehmen meist viel mehr bringt.

Denn ich beobachte oft, dass Unternehmer und Leute aus dem Senior Management meist die richtigen strategischen Schritte im Auge haben. Sie wissen erstaunliche oft eigentlich ziemlich genau was zu tun wäre. Vielleicht haben sie den Digital-Slang nicht so drauf, ok.

Was vielmehr fehlt ist, der direkte Bezug zur Umsetzung. Wie genau gehe ich das nun an. Was sind die ersten Schritte. Was ist die richtige Reihenfolge der Maßnahmen. Welche Investitionen sind sinnvoll welche nicht. Da beginnt das Feld für Berater heikel zu werden – denn am Ende entscheiden die konkreten Resultate über Erfolg und Misserfolg.

Eine Strategie, welche noch nicht umgesetzt ist, ist sozusagen immer potentiell erfolgreich und gescheitert gleichzeitig. Sie ist so eine Art „Schrödingers Katze“ der Unternehmensberatung.

Dieser schwebende, bipolare Moment in der Entwicklung einer neuen Unternehmensausrichtung ist der perfekte Moment für Unternehmensberater das Mandat abzuschließen. Alles was nachher kommt erhöht systematisch das Geschäftsrisiko.

Ratlos nach Strategieprozess

Es vergehen keine zwei Wochen, in denen ich nicht von irgendjemandem aus einer großen Unternehmung um Rat gefragt werde, wie man denn nun mit der durch [hier beliebige bekannte größere Beratungsagentur einfügen] erarbeiteten Strategie konkret ins „Doing“ komme.

Die Strategiepapiere die ich da jeweils zu lesen bekomme, sind meist derart aufwändig und kompliziert, dass ich sie für wahre Bremsklötze halte. Und gespickt mit Digital-Bullshit-Bingo der besten Sorte. Ich weiß nicht wie oft ich lesen musste, dass Firma XY das [hier irgendeinen bekannten digitalen Super-Disruptor einfügen] der [hier irgendeine komplett verstaubte Branche] werden will. Ich kann es nimmer hören.

Im Kern sind die Empfehlungen und daraus resultierenden Strategien meist derart angepasst und bieder, dass sie sich lesen wie die perfekte Anleitung zum schleichenden Selbstmord.

Manchmal tut es weh

Sie werden schon erahnt haben, dass der Titel dieses Artikels überspitzt und die geschilderten Umstände vielleicht ein wenig polemisiert sind. Natürlich gibt es auch Unternehmensberatungen welche auch anders arbeiten.

Ich denke aber in der Tat, dass ehrliche, seriöse strategische Beratung in der Tat ein wenig weh tut. Denn Führungsleute gehen meist mit Erwartungen über die eigene (Unternehmens-)Zukunft in solche Prozesse. Und oft muss man Ihnen zuerst die Illusionen nehmen. Klar mitteilen, dass das Unternehmen aus Außensicht überhaupt nicht gut aufgestellt ist für die Digitalen Herausforderungen. Dass zuerst Rückschritte und Aufräumarbeiten notwendig sind. Dass die Leichen im Keller entsorgt oder kostspielig reanimiert werden müssen. Der unpopuläre Kram.

Das ist für die Berater heikel. Ich habe schon recht oft erlebt, dass man nach solch klaren Worten und Analysen das Mandat los war. Das kann man sich als kleine Beratungsagentur in der Regel gut leisten. Wenn ich aber in einer großen Unternehmensberatung angestellt bin und Budgets erfüllen muss, überlege ich mir das zweimal.

Meine Erfahrung ist, dass man sich in solchen Beratungsunternehmen diese Überlegung nicht mal zweimal macht. Und einfach mit einer angepassten wohlgefälligen Strategie- und Massnahmenempfehlung durchoperiert. Damit sind erstmal alle glücklich: Der Kunde, der sich bestätigt sieht, die Vorgesetzten in der Unternehmensberatung die den Umsatz machen konnten und die Berater selber, welche eine weitere Sprosse in der extrem langen Karriereleiter gemeistert haben.

Moment der Wahrheit

Ich habe als Kind nicht so viel ferngesehen aber eine Sendung, die ich immer kucken durfte, hieß „1, 2 oder 3. Da gibt es diesen Ausspruch im Ratequizz:

„Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr wenn das Licht angeht.“

Das ist mir geblieben. Es geht immer irgendwann ein Licht an.

Und so ist es mit strategischen Entscheidungen auch. Man kann noch so viel Research betreiben um Entscheidungen besser fällen zu können. Man geht intuitiv davon aus, dass mehr Research auch mehr Sicherheit bedeutet. Dem ist aber nicht so: Die Menge an zusätzlicher Research verhält sich in der Regel im Verhältnis zur Sicherheit dieser Entscheidung degressiv.

Das hat mit der Natur von strategischen Entscheidungen zu tun: Je angepasster diese werden, desto weniger erfolgsversprechend werden sie in der Regel. Brillante Strategien haben immer mit Risiko nehmen zu tun. Gerade im Digitalen Bereich.

Und ob eine Strategie wirklich erfolgreich ist, sieht man wenn das Licht des Marktes angeht. Dann liegen die Karten auf dem Tisch.

Pferd und Wagen

Strategie und Umsetzung gehören zusammen wie Pferd und Wagen. Viele Unternehmer und Manager haben entweder auf der einen oder anderen Seite ihre Stärke. Das beides zusammenfällt und eine Person in beiden Bereichen sehr stark ist, ist außerordentlich selten.

Ich denke ich selber bin z. Bsp. im analytischen, strategischen Teil überdurchschnittlich stark. Ich brauchte mehrere Jahre um einzusehen, dass ich in der Umsetzung eher unterer Durchschnitt bin (werden meine Investoren sicher lieben diese Aussage…). Aber durch das Erkennen (und Eingestehen) dieses Umstandes konnte ich mich anders ausrichten. Viel mehr Zeit in die Umsetzung investieren, Defizite aufarbeiten und mich anders verhalten. Z. Bsp. Leute einstellen, welche eben in der Umsetzung sehr gut sind und von ihnen zu lernen.

Meine Erfahrung ist, dass Unternehmer im obersten Management, wie bereits erwähnt, in der Strategie meist stärker sind als in der Umsetzung. Und sie eigentlich zum einen eine ehrliche Einschätzung ihrer strategischen Pläne und zum anderen vor allem Hilfe bei der konkreten Umsetzung benötigten.

Riesige Marktchance für Unternehmensberatungen

Die traditionellen Unternehmensberatungen müssen sie sich daher bewegen. In meinem Artikel über die „neuen Macher in der Beratung“ habe ich bereits ausgeführt, dass ich denke, dass Beratungsunternehmen mehr ins „Doing“ kommen sollten.

Und es gibt ja auch verschiedene mittelgroße Beratungsunternehmen, welche die Zeichen der Zeit erkannt haben und eben über den ganzen Prozess mit dem Kunden sind.

Eine weitere Entwicklung ist diejenige, dass große Unternehmensberatungen sich im Digitalbereich mehr in die Umsetzung wagen. So haben verschiedene Player Digitalagenturen zusammengekauft um von den meist volumenstarken Umsetzungsprojekten profitieren zu können.

Risiko rausnehmen

Ich denke der Wunsch aller Beteiligten das Risiko zu senken, ist legitim. Der meiner Meinung nach beste Weg dazu ist, neue Strategien mittels „Design Thinking“, wenn auch nur partiell, zu „challengen“. Das ist, so finde zumindest ich, auch die spannendere Beratungsarbeit.

Für die Unternehmensberatungen bleibt der Nachteil, dass „Design Thinking“ – basierten Projekte schnell abgebrochen werden können. Z. Bsp. dann, wenn ein erstes MVP erfolglos ist. Genau das ist ja aber im Sinne der Sache. Um diesen Effekt abzufedern wäre es auch nur fair, dass leicht höhere Honorarsätze an die Kunden verrechnet werden.

Kulturwandel in der Beratung – aber auch beim Kunden

Damit wir Strategie und Umsetzung näher zusammen bekommen, ist meiner Meinung noch relativ viel Umdenken notwendig. Dieses Umdenken wird auf lange Frist mehrheitlich durch wirtschaftlichen Druck erzwungen. Denn man muss sich als Unternehmen den 7-stelligen Strategieprozess mit rein konzeptionellem Ergebnis erstmal leisten können. Aus kommerzieller Sicht – aber immer mehr auch aus zeitlicher Sicht. Denn Geschwindigkeit wird wichtiger – auch resp. vorallem auch in der Beratung.

Marktumbruch

Ich glaube daher, dass wir in der Beratungsbranche in den nächsten 8 bis 15 Jahren erhebliche Umbrüche sehen werden. So recht offensichtlich ist das noch nicht. Gerade auch wenn man sich die Umsätze der Beratereien ansieht – der Laden brummt.

Man sollte sich aber davon nicht täuschen lassen. Die unterliegenden Treiber schneller Wandel, mehr Geschwindigkeit, zu steigernde Kosteneffizienz und Agilität als Antwort darauf erfordern neue Strategien. Es bleibt zu hoffen, dass die großen Unternehmensberatungen bald beginnen, erste „Beratungs-MVPs“ zu launchen. Sonst haben neue, technologisch getriebene Player leichtes Spiel.

Sie sitzen in den Startlöchern. Im Moment verhindern die guten persönlichen Beziehungen von Kunden und Beratern und das bestehende Vertrauen einen leichten Markteintritt. Über kurz oder lang entscheidet jedoch „bang for the buck“. Und so viel „bang“ ist selbst im 400 seitigen Strategiepapier nicht.

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Ein Kommentar zu Strategische Beratung ist, wenn es weh tut.
  1. Rino Antworten

    Interessanter Beitrag. Gerade im Management redet man gerne von Veränderung, aber die soll bitte nur für die anderen gelten. Und wenn man die Umsetzung komplett ausblendet oder Jemand anderem überlässt, kann man auf der „strategischen“ Ebene herrlich fantasieren und sich Luftschlösser bauen.

    Meiner Meinung nach ist ein „Berater“ sein Geld nicht Wert, der nur die grobe Richtung, aber keine konkreten Handlungsschritte vorgeben kann.

    Diese Dinge sind nur ein paar meiner Probleme mit grossen Hierarchien und der „alten Welt“ (im Geschäftskontext). Treu dem Peter-Prinzip verstecken sich viel zu viele inkompetente Personen hinter irgendwelchen Posten, Titeln und Krawatten. Als Berater müsste man solchen Leuten ehrlicherweise manchmal auch ans Herz legen, die eigene Stelle abzuschaffen oder zumindest neu zu besetzen. Aber natürlich ist das kommerziell für den Berater auch nicht immer sinnvoll

    Spannend wäre hier die Aufgabe, die richtigen Anreize für die Berater zu finden, damit diese sich eben auch nicht nur den eigenen Job möglichst einfach machen. Sondern im Sinne der Zielsetzung des Kunden handeln, auch wenn das dem zum Teil weh tut.

    Vielleicht müsste man wie ein „Business-Fitnesstrainer“ auftreten. Der empfiehlt dem Kunden ja auch nicht Nutella und Sofasitzen, damit er sich wohlfühlt, sondern eher anstrengende Übungen, die ihn weiterbringen.

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