Solidaritätsprinzip vs. Verursacherprinzip – wie Big Data das Versicherungsgeschäft ad absurdum führen wird.

Zugegeben, der Titel ist ein wenig gar spitz formuliert. In der letzten Zeit wurde ich von Vertretern der Versicherungsbranche oft gefragt, welche Auswirkungen denn die Digitalisierung auf sie haben werde. Zum einen ist da das Pflichtprogramm an Online-Tools und Kommunikationswege welche digitalisiert werden sollten, auf der anderen Seite, so glaube ich, wird die zunehmende Datenmenge über die Versicherten mittelfristig enorme Geschäftsmöglichkeiten schaffen – langfristig aber das Kern-Businessmodell von Versicherungen in Frage stellen.

(Lesedauer 5 Minuten)

Solidaritätsprinzip

Wirtschaftlich gesehen funktionieren Versicherungen nach dem Solidaritätsprinzip. Eine Gruppe von Kostenverursachern wird gebündelt und anstatt einzelne Ihre Schäden alleine tragen müssen – und dies unter Umständen gar nicht stemmen könnten – bezahlen sämtliche Teilnehmer einen kleinen Anteil an den Schäden und kann sich damit in Sicherheit wiegen.

So bezahlen die gesunden den schwer kranken die Behandlungskosten und die unfallfreien Autofahrer den fehlbaren Autofahrern das kaputte Blech. Oder schlimmeres.

Die Versicherung, als Emittenten dieser Policen, kalkuliert aus Erfahrungsdaten und zukünftigen, erwarteten Trends entsprechende Eintretenswahrscheinlichkeiten, schlägt eine Marge darauf und definiert so den Preis den ein jeder zu bezahlen hat.

Ist sie dabei zu vorsichtig oder aber interpretiert die Daten konservativ, resultiert daraus ein höherer Preis. Geht sie mehr Risiko ein, kann sie ihren Versicherten bessere Konditionen anbieten.

Dass Versicherungen im Grundsatz so funktionieren ist nicht etwa einer sozialen Tugend geschuldet. Nein, es war ganz einfach nicht anders möglich, eine feinere Segmentierung und damit eine feinere Bepreisung der Risiken vorzunehmen.

Mehr Daten bedeutet eine bessere Entscheidungsgrundlage

Was sich nun langsam aber sicher ändert, ist, dass wir mehr Daten über die Versicherungsnehmer resp. über das Risiko zur Verfügung haben. Sie werden mehr und mehr beiläufig und mehr oder minder freiwillig gesammelt.

So muss zum Beispiel heute in der Schweiz einen Krankheitsfragebogen ausfüllen wer in eine Kranken-Taggeld-Versicherung aufgenommen werden will. Die Versicherungsbranche hat sich dabei z. Bsp. scheinbar darauf eingeschworen, dass man ungünstige Risiken wie z. Bsp. ehemalige Burn-Out Patienten ausschließt. Über gesellschaftlichen Sinn oder Unsinn mögen andere entscheiden. Fakt ist, Versicherungen beginnen damit, personenbezogene Daten in ihre Risikobewertungen mit einzubinden.

Nun ist das nicht neu. Es zeigt nur, dass es stattfindet. Was wird also passieren, wenn wir viel mehr personalisierte Daten zur Verfügung haben? Man wird Verursacher identifizieren und sie entsprechend clustern und damit schlussendlich ihre Risiken anders bepreisen.

Verursacherprinzip

Interessanterweise bewegen wir uns damit in Richtung Verursacherprinzip und die Versicherungswirtschaft wird damit eine Art Paradigmenwechsel vollbringen. Natürlich macht es keinen Sinn komplett auf ein Verursacherprinzip umzustellen – weil theoretisch dann ein jeder wieder sämtliche Kosten für sich bezahlen und das volle Risiko tragen würde. Damit wäre das bisherige Geschäftsmodell sprichwörtlich ad absurdum geführt.

Unglaubliche Möglichkeiten im Versicherungsmarkt

In diesem Advent des Zeitalters der persönlichen Daten entstehen für innovative Versicherer ganz neue Geschäftschancen. Anstatt wie heute in der Krankenversicherung nur drei oder vier relevante Datenstränge mit zu berücksichtigen, könnten in Zukunft hunderte von Parametern für das Clustering von Risiken verwendet werden.

Für die Krankenversicherung z. Bsp. wäre bereits heute eine Sequenzierung der persönlichen DNA mit einzubeziehen. Zum einen können dadurch Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten verlässlicher bestimmt werden, zum anderen können damit z. Bsp. auch Antibiotika-Resistenzen abgestimmt werden. Beides hat einen enormen Impact auf die Risiken und Kosten welche ein Patient verursachen könnte.

Im Moment tönt das alles ziemlich verrückt und asozial. Ich glaube aber, dass es das nicht per se ist. Zum einen gibt es mit den stets fallenden Kosten für die DNA-Sequenzierung (im Moment bei rund US$ 1’000) einen guten wirtschaftlichen Pfad zu solch „liquiden Policen“ zum anderen genießt das Verursacherprinzip gesellschaftlich eine sehr hohe Akzeptanz.

Personal Data Shepherd

Was fehlt, oder ich habe das bislang nicht mitbekommen, ist ein Personal Data Shepherd. Eine Firma welche persönliche Daten verlässlich und neutral aggregiert und für die Kunden speichert und bereitstellt. (Hint: Free Business Idea)

Daten sammeln tun wir nämlich schon reichlich, nur können wir damit noch nicht sonderlich viel anfangen, da sie nicht vernünftig in Kontext zu einander gebracht werden können.

Sie werden jetzt sagen, persönliche Daten wollen die Menschen nicht freigeben. Und ja, das mag heute durchaus so sein. Sobald sich das aber auf die Geldbörse niederschlägt sieht die Sache wieder anders aus. Wenn Sie erstmal verstanden haben, dass Sie dann durch das Freigeben Ihrer „Withings“ Waage Gewichtsdaten eine tiefere Versicherungsprämie oder einen tieferen Beförderungstarif haben können, werden Sie sich das zweimal überlegen.

Neue Business-Modelle für Versicherer

Was bei Versicherungen also gefragt ist, sind Leute welche mit Big Data und BI umgehen können. Ich denke, dass Big Data und BI zukünftig die bei weitem wichtigsten Kompetenzen eines Versicherers sein müssen. So werden sie gegenüber Ihren Konkurrenten ganz neue Produkt-Modelle und schlussendlich auch Geschäftsmodelle entwickeln können.

Zwar wird das gesamtheitlich eine Verschiebung vom sozialeren Solidaritätsprinzip zum asozialeren Verursacherprinzip produzieren, es ist aber absehbar, dass damit den meisten Versicherten ein Produkt angeboten werden kann, welches für fast alle unter dem Strich mehr Wert bringt. Und sei dies auch nur erstmal auf der psychologischen Ebene.

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Ein Kommentar zu Solidaritätsprinzip vs. Verursacherprinzip – wie Big Data das Versicherungsgeschäft ad absurdum führen wird.
  1. Christian Stahel Antworten

    Hallo Alain

    Ich bin nur teilweise mit Deinen Gedanken einverstanden.

    Das die Leute nicht bereit sind, Ihre Daten für eine tiefere Prämie bereitzustellen, zeigt der Crash Recorder. Oder kennst du in Deinem Umfeld jemanden, der einen installiert hat? Ich nicht.

    Das Spiel kennt doch jeder.
    Will ich eine Zusatzversicherung abschliessen, muss ich meine Vorgeschichte angeben.
    Hatte ich Probleme mit dem Rücken, werden Leistungen für den Rücken ausgeschlossen.

    Angenommen eine Frau macht die von Dir angesprochene DNA-Sequenzierung.
    Nun stellt sich heraus, dass Sie die selbe Gen-Mutation wie Angelina Jolie hat, wodurch das Brust- und Eierstock-Krebsrisiko beträchtlich steigt.

    Was passiert nun?
    Vermutlich werden die Leistungen dann ebenfalls eingeschränkt. Die Versicherung schlussendlich nur Geld sparen. Und das heisst bei Versicherungen: entweder Gesunde Kunden oder nicht Zahlen.

    Ich glaube nicht, dass ich dieses Risiko eingehen würde.

    Gruss
    Christian

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