Software-Development im Umbruch: The next big thing!

Vor 3 Jahren sass ich eines Abends in einem Kundenevent am Zürcher Paradeplatz. Ein Kollege, der neu bei der Firma Appway angefangen hatte, lud gemeinsam mit der Geschäftsleitung zum Einstand. Das Publikum bestand aus Entscheidungsträgern und -beeinflussern aus der Finanzindustrie. Vorgestellt wurde Appway als Client-Onboarding-Lösung für Finanzhäuser und Versicherungen. Ein sympathischer Anlass, aber weiter nichts besonderes.

(Lesedauer: 4 Minuten – English version here)

Software-Entwicklung ist, mit Verlaub, ein ausgesprochen ineffizienter Prozess. Die Fragmentierung der Skills auf verschiedene Leute im Projekt erfordert unglaubliche Mengen an Abstimmung und Koordination. Missverständnisse sind vorprogrammiert (im wahrsten Sinne des Wortes), die Übersetzung der Anforderungen aus dem Business in verwertbare Anforderungen laufen in Schlaufen, was jeweils nur inkrementelle Annäherungen an das gewünschte Softwareprodukt erlaubt. Vor 15 Jahren war die Welt diesbezüglich einfacher. Schlechte Software wurde einfach akzeptiert. Es war ganz normal, dass Produkt X oder Produkt Y dies und jenes nicht konnte oder sich halt einfach eigensinnig verhielt. Diese Akzeptanz ist zurecht verschwunden. Damit sind die allgemeinen Anforderungen aber auch stark gewachsen. Diesem Druck versucht man im Development mit verschiedenen Instrumenten Herr zu werden: Agile Methoden um den Prozess zu verschlanken und die Transparenz für den Product Owner zu erhöhen, der exzessive Einsatz von automatisiertem Testing und der Einsatz von Basisframeworks wie Symfony und andere um auf standardisierte Funktionen zuzugreifen, nur um ein paar zu nennen.

Transition von Code-Entwicklung zu Konfigurations-Entwicklung

Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass immer mehr von dem, was früher entwickelt wurde, auf die konfigurative Ebene wandert. Diese Entwicklung hat ganz langsam begonnen, beschleunigt sich aktuell gerade und ich denke, wir werden in den nächsten 5 bis 10 Jahren eine wahre Revolution im Development-Markt für Business-Applikationen sehen. Was die Kunden benötigen, sind kostengünstigere und flexiblere Anwendungen, um die stetig steigenden Anforderungen der Endkunden befriedigen zu können. Wir würden heute viel mehr Innovation und Digitalisierung im Business sehen, wenn diese schneller, einfacher und kostengünstiger zu haben wären.

Die Antwort: „Business App Builder Platform“

Eine solche „Business App Builder Platform“, die von Consultants ohne Development-Skills bedient werden kann, schafft enorme Vorteile. Mit ihr kann der Business Architect direkt mit dem Product Owner eine Lösung bauen. Die Rolle des User Experience Designers wird noch wichtiger. Der ganze Prozess wird viel leaner und kostengünstiger und man ist damit mit Lösungen schneller am Markt. Soweit die Vision.

Die Revolution der Software-Industrie

Die Auswirkungen auf die Software-Industrie sind gewaltig. Es ist offensichtlich, dass viele der Softwarefirmen, welche heute einfache Nischenprodukte bauen, unterhalten und verlizenzieren so keine Daseinsberechtigung haben. Developer wird es weiterhin brauchen. Ich denke aber, dass die Tätigkeit weiter in Richtung Konfiguration/Parametrisierung gehen wird.

App-Was?

Zurück zu Appway: Appway ist eigentlich genau so eine „Business App Builder Platform“, da die Gründer sich jedoch dem hehren Credo der Selbstfinanzierung verschrieben haben, musste im Laufe der Firmengeschichte eine lukrative Nische gefunden werden. Diese war und ist für Appway das Client Onboarding. Seitdem wird Appway als Softwarehersteller für Client Onboarding Solutions wahrgenommen.

Die verschiedenen Laudatio der eingangs erwähnten Veranstaltung waren dann allesamt auch interessant, der wirkliche Höhepunkt war jedoch die Präsentation von Oliver Brupbacher, der nur mit Flipchart und Edding (wer zeichnen kann ist im Vorteil!) die grundlegende Idee und Funktionsweise der Appway Plattform aufgezeigte.

Ich hatte das Gefühl, dass der Vortrag für den Grossteil der Zuhörer eher verwirrend war. Zu fest waren sie auf das Thema Client Onboarding und Finanzapplikationen eingeschworen. Was aber später in der Demo gezeigt wurde, kam dem wie ich mir eine richtige „Business App Builder Platform“ vorstellte schon ziemlich nahe. Ich verliess die Veranstaltung fasziniert und mit dem Gefühl, dass weder Appway noch die Teilnehmer so wirklich verstanden haben, was sie da eigentlich haben.

Kein einzigartiges Konzept – aber eine einzigartige Chance

Sie sind denn auch bei weitem nicht die einzigen, die an solchen Konzepten arbeiten. Verschiedene kleinere Anbieter sind auf diesen Zug aufgesprungen. So bietet z. Bsp. Intrexx seit Jahren ähnliche Funktionalität und ich mag mich noch gut an ein Gespräch mit einem CIO eines mittelständischen Chemiebetriebs im Jahr 2002 erinnern, der mir zeige, wie er mittels Intrexx prozessorientierte Applikationen für jene Mitarbeiter baute, die mit dem ERP nicht zurecht kamen. Auch ein paar meiner ehemaligen Arbeitskollegen verfolgen mit Ihrem Projekt Evola einen ähnlichen Ansatz. Es gibt noch ein paar mehr.

Allen Playern gemein ist, dass sie es bisher nicht geschaffen haben, diesen Paradigmenwechsel zu bewerkstelligen. Keiner hat sich als Standard durchgesetzt. Sowohl Intrexx wie auch Appway hätten dazu gute Chancen, aber sie erliegen im Moment ihren eigenen Tugenden.

Trade-Off zwischen Produkt- und Projektcompany

Appway hatte sich, weil sie selbstfinanziert bleiben wollten, dazu entschieden in eine Nische einzuspringen. Hanspeter Wolfs, Gründer und CEO von Appway, Mantra lautet denn auch „Rather be a big fish in a small pond than a small fish in a big pond“. Und er und sein Team haben es geschafft, die Firma aus eigener Kraft zu respektabler Grösse zu bringen. Das im Bootstrapping zu bewerkstelligen, war eben nur möglich, indem man sich auf eine Nische konzentriert.

Was daher bis jetzt ein Vorteil war, wird zum Nachteil, weil sie als Anbieter von Software für die Finanzindustrie und für den Versicherungsbereich wahrgenommen werden.

Bestrebungen in Richtung „Plattform“ indes sind mittlerweile da. So wird auf der Website die Plattform thematisch die Platform ins Zentrum gerückt. Der Zufall wollte es, dass ich mich gestern mit einem Mitarbeiter von Appway zum Lunch getroffen habe. Er hat mir mit einer Leidenschaft, die nur aufstrebende Unternehmen erzeugen können, über das Business berichtet. Und von den Bestrebungen Appway als Platformanbieter stärker zu positionieren. Gut so.

Ich denke, Appway, und damit meine ich das Produkt und die Firma, hat wirklich das Potential an vorderster Front dieser Technologierevolution zu stehen. Noch steht das Zeitfenster offen.

OpenSource als Schlüssel zur raschen Marktdurchdringung

Sie können das aber nur tun, wenn sie in kurzer Zeit möglichst viele Produktverwender für sich gewinnen können. Tut man dies mit konventionellen und lizenzbasierten Strategien, kostet das eine Unmenge Geld. Geld, das ein selbstfinanziertes Unternehmen nicht wird aufbringen können.

Als jemand, der nun schon 10 Jahre im Open Source Umfeld Business macht, sehe ich natürlich nur einen Weg. Möglichst schnell das Produkt soweit ready zu machen, dass es als Open Source veröffentlicht werden kann. Begleitet mit gutem Open Source-Marketing, wird es rasch Verbreitung, Nutzer und schliesslich eine grosse Anhängerschaft finden. In der ganzen Konstellation geht es darum, Revenuestreams zu finden und ein Ecosystem zu kreieren, das alle zu Gewinnern macht. Wie man das macht, haben verschiedene Firmen vorgemacht. So z. Bsp. MuleSoft oder Magento nur um zwei zu nennen, die mittlerweile Marktführer wurden.

Nun ist ein solcher Radikalumbau immer ein unternehmerisches Dilemma, gerade wenn man eine Firma gebootstrapped hat. Da ist soviel Energie reingeflossen und jetzt wo das Business floriert, soll man wieder alles auf eine Karte setzen? Im Grunde genommen ist es das leider.

Alle Firmen, die in kurzer Zeit stark gewachsen sind und Märkte neu definierten, haben an einem oder mehreren Punkten ihrer Geschichte die Firma auf eine neue Zukunft verwettet.

Das ist wie nochmals neu beginnen. Einfach mit dem Unterschied, dass man nun viel mehr zu verlieren hat.

Das Gute ist jedoch, dass es auch Mittelwege gibt. „Sowohl als auch“ – Modelle: Sowohl bestehendes Business und Kunden behalten und trotzdem den Markt revolutionieren. Ein Wagnis bleibt es allemal.

Die Alternative zu diesem Wagnis ist, dass sich das Zeitfenster schliesst. Ich bin überzeugt, wir sehen in den nächsten 2 Jahren einen Anbieter, der eine „Business App Builder Platform“ auf den (Flächen-)Markt bringt, welche von durchschnittlich begabten Business-Consultants bedient werden kann. Diese Platform wird unsere Beziehung zu Software grundlegend neu definieren. Und ich bin auch überzeugt, dass diese Software grundsätzlich Open Source sein wird. Und zu gerne hätte ich Appway würde dahinter stehen.

 

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Ein Kommentar zu Software-Development im Umbruch: The next big thing!
  1. Gregor Wörle Antworten

    Sehr interessanter Artikel, vielen Dank dafür!
    Ich denke, das die Idee einer „Business App Builder Platform“ aus vielerlei Gründen auf der Hand liegt: schneller Anwendungen erstellen, günstiger Anwendungen zu produzieren, vielfältiger in der Qualifikation der Ersteller.

    Bin nur mal gespannt, wer die große Plattform bauen wird? AWS scheint mir hier ein interessanter Kandidat zu sein neben Open Source.

    Viele Grüße
    Gregor Wörle

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