Nein, die Killer-Roboter werden Sie nicht abschlachten.

Mit dem allmählichen Aufkommen der künstlichen Intelligenz wird die Debatte rund um die technologischen Entwicklungen verbreitert. Der Einfluss der Technologie auf unsere Gesellschaft und unser Kulturverständnis wird stärker. In diesen Diskussionen, so beobachte ich immer wieder, schwingen viele falsche Erwartungen mit. Allen voran: Dass es einen Kampf Technologie gegen Menschheit geben wird. Das halte ich für fundamental falsch.

Intuitiv aber unlogisch

Dieser Gedanke, dass sich ein Kampf der Technologie gegen die Menschheit entwickeln wird, ist erstmal intuitiv richtig. Wir alle wurden jahrelang damit sozialisiert. Dies auf zwei Arten:

Zum einen gibt es unzählige Bücher und Filme, welche genau dieses Szenario beschreiben. Wenn Sie nicht älter als 45 sind, haben sie diesen Gedanken sozusagen mit der Muttermilch mitbekommen. Wir sahen dasselbe Szenario z. Bsp. in «Matrix», in «I, Robot» (nebenbei, ursprünglich 1950 von Isaac Asimovs), in der Terminator Reihe oder in Sci-Fi-Werken wie «I have no mouth, and I must scream». Wenn ich eine Liste machen müsste, sie wäre locker so lange wie der gesamte Artikel.

Zum anderen haben wir aber die Auswirkungen der Technologie auf unser aller Leben die letzten 100 Jahre sehr stark wahrgenommen. Sie hat unser Zusammenleben verändert. Sie hat unsere Vorstellung davon, wie wir miteinander kommunizieren, arbeiten, ja selbst lieben, laufend herausgefordert und wir mussten und müssen daher laufend neue Antworten auf die Frage finden, wie wir damit umgehen. Während diese Technologien enorme Vorteile für uns Menschen bringen, nehmen wir sie durch diese permanenten Anpassungsprozesse doch auch als Störfaktoren wahr.

Logisch ist das alles nicht.

Was sich intuitiv richtig anfühlt ist, wenn wir unsere gesellschaftliche Brille ablegen, nicht wirklich logisch. Denn die Entwicklung die wir sehen, ist eine andere: Seit es Technologie gibt, nutzen wir sie um uns selber zu verbessern. Das ist ein Prozess, der schon Jahrhunderte andauert.

Wenn Sie so wollen ist selbst banales Werkzeug nichts anderes als eine technologische Verbesserung unserer selbst. Denken Sie an Ritterrüstungen. Hätte man damals mit der relativ neu erlangten Fertigkeit Eisen so filigran zu schmieden nicht geschicktere und bessere Möglichkeiten gehabt, als den verletzlichen Menschen schützen zu wollen? Ich denke schon.

Aber, und ich glaube darum geht es dem Menschen in erster Linie, man nutzte den offensichtlichsten Weg und verbesserte den Menschen selber. Auch die Anwendung des Smartphones ist so eine Verbesserung. Es ist sozusagen die heutige «Standard-Augmentation» für Wissen und Kommunikation. Ein Grossteil der Menschen ist mit ihrem Smartphone schon fast symbiotisch verbunden. Ob man das jetzt so wahrnimmt oder nicht ist irrelevant. Wir sind schon ganz lange ein Mensch-Maschine-Komplex.

Physikalische Verschmelzung von Mensch und Technologie

Ich denke die Entwicklung die wir sehen werden, sind eben nicht Technologien welche sich verselbständigen, sondern Menschen welche durch Technologie und gegenseitige direkte Vernetzung heute noch unvorstellbare Fähigkeiten erlangen. Einen kleinen und zugegebenermaßen banalen Vorgeschmack darauf sehen wir zum Beispiel bei sogenannten Exoskeletten , welche es ermöglichen, besondere Körperkräfte freizusetzen um z. Bsp. Lager- und Montagearbeiten effizienter und schonender vorzunehmen. All diese Technologie ist noch ganz am Anfang. Es gibt aber einen intuitiven Pfad für deren Adaption.

Prothesen ebnen den Weg

Paradoxerweise ebnet dieser Entwicklung – also der physikalischen Verbindung von Technologie mit dem menschlichen Körper – ausgerechnet ein heute als menschlich geltender Zug den Weg: Wir kümmern uns um Erkrankte, Behinderte und Verunfallte. Genau diese Haltung ermöglicht erst, dass wir unsere körperliche Integrität zugunsten uns fremder Technologie in Frage stellen. Bei Leuten mit wie auch immer entstandenen Behinderungen ist die Hemmschwelle tief, man tut alles um seine eigene Situation zu verbessern.

Die Technologie zum künstlichen Ersatz von Gliedmassen z. Bsp., steckt noch in den Kinderschuhen und ist extrem teuer. Sie ist aber viel weiter, als das öffentlich wahrgenommen wird. Sobald wir in unserem Bekanntenkreis Leute haben werden, welche mit künstlichen Gliedmassen nach Unfällen oder Krankheit wieder voll einsatzfähig sind, werden wir dies als etwas Natürliches annehmen. So wie z. Bsp. ein Herzschrittmacher heute.

Ist dies erst einmal geschehen, ist der Weg zu nicht medizinischen bedingten, künstlichen und stark verbesserten technologischen, nicht biologischen Veränderungen am menschlichen Körper nicht mehr weit.

Eine ganz ähnliche Entwicklung haben wir in den letzten Jahren auch mit den Operationen gesehen. Anfangs ein Akt der Gotteslästerung, später abenteuerliche Gratwanderung, heute in weiten Bereichen ein Standardprozedere welches völlig ungefährlich ist. Und die nicht medizinisch bedingten Operationen der kosmetischen Chirurgie sind heute akzeptiert und werden als valable Option wahrgenommen.

Nun rechtfertigen die Vorteile eines kosmetischen Eingriffs die Kosten und den Aufwand für die grosse Mehrheit der Menschen nicht. Stellen Sie sich aber vor, dass die Vorteile des Eingriffs nicht eine gerade Nase, sondern z. Bsp. ein 5x besseres Gedächtnis wäre. Die Mehrheit der Menschen würde solche Veränderungen über kurz und lange vornehmen. Und sobald die Generationenwechsel einsetzen werden diesbezüglich Standards gesetzt – das heisst es geht nicht mehr darum ob man solche Verbesserungen machen lässt sondern darum, dass man sie nicht hat.

„Superhumans“

Diese direkte Adaption von Technologie zur Stärkung unserer selbst, schafft, je nach technologischem Fortschritt, über kurz oder lang was man im Futuristenslang «Superhumans» nennt. Menschen welche durch technologische «Augmentation» Fähigkeiten erlangen, welche jene der (unveränderten) Mitmenschen fundamental überlegen sind. Ich denke davon geht für uns als Menschheit die grösste Gefahr aus. Es ist zugleich eben auch eine grosse Chance. Das ist, nebenbei, ein fast schon bewährtes Muster des Menschen.

Technology vs. Humanity

Einer der grössten Verfechter des «Technology vs Humanity»-Gedankens ist Gerd Leonhard. Er hat ein Buch mit gleichnamigem Titel geschrieben und tourt durch die Welt und hält Vorträge zu dem Thema. Sein Hauptpunkt ist, stark reduziert, dass mit dem Erreichen der «technologischen Singularität» ein Tipping Point erreicht wird, bei dem die Technologie die Menschheit und Menschlichkeit verdrängen wird. Ich tue ihm mit dieser Simplifizierung unrecht – natürlich behandelt er verschiedene Aspekte davon – am Ende geht es aber um die Frage, ob uns Technologie verdrängen wird. Und, so die Botschaft des Autors, dass wir zusehen müssen, wie wir unsere Stellung als Menschen auf verschiedenen Ebenen verteidigen können.

Ich kann die Lektüre des Buches empfehlen, auch wenn ich es stark repetitiv fand und mir der unterschwelliger „Apokalypsen-Pathos“ fehl am Platz erschien. Das Buch ist aber wertvoll, da es viele Impulse gibt und sich indirekt die Frage nach der Definition des Menschen aufdrängt. Welches sind die Kernwerte– und Eigenschaften welche den Menschen ausmachen?

Eine rein biologische menschliche Zukunft ist ein Auslaufmodell

Was vielen Menschen nicht bewusst ist; die Definition was den Menschen ausmacht ist permanent im Fluss. Wenn wir uns dem Themenkreis «Technologie vs Humanity» nähern, stützen wir «Humanity» immer auf unsere Momentaufnahme ab. Das macht den einen Teil der Diskussion nicht belastbar. Und über die Art und die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung haben wir – und das sage ich nach Jahren der Arbeit zu dem Thema – im Detail so oder so keine Ahnung. Es ist zu komplex um es greifen zu können im Moment.

Viel spannender scheint mir die eher philosophische Diskussion darüber, was denn Menschheit ausmacht wenn wir uns erst von der rein biologisch assoziierten Definition lösen. Ich bin überzeugt, dass wir uns früher oder später so stark mit nicht biologischer Technologie mischen – und das meine ich körperlich – dass der biologische Teil irrelevant wird.

Was bleibt, wenn wir all die Dinge weglassen, welche wir heute aus biologischen Zwängen tun?

Der Drang zur Exploration

Ich denke, wenn es etwas gibt, das uns als Gattung definiert, dann ist es ein unbändiger Drang zur Exploration. Wir können nicht anders, als uns ständig neue Möglichkeiten erarbeiten und diese Möglichkeiten – bar jeder Logik und Vernunft – auszuprobieren. Wir ordnen diesem Drang notfalls alles unter.

All die großartigen Dinge welche wir auf diesem Planeten geschaffen haben entspringen diesem Drang zur Exploration. Alle schrecklichen Dinge auch.

Ich denke aus diesem Drang zur Exploration entsteht auch der Wille zur Selbstverbesserung. Und diesen Weg werden wir mit der Technologie weitergehen. Im Guten wie im Schlechten.

„Humanity 2017“ wird verschwinden – und das ist gut so

Die Frage lautet also nicht ob «Humanity» gegen Technologie die Oberhand behalten wird. Technologie wird Mittel zum Zweck bleiben «Humanity» weiter zu entwickeln. Dass wir auf diesem Weg Menschlichkeit laufend wieder anders definieren werden ist im Sinne der unseren Sache.

Unsere Vorstellung von der Menschheit wird in 100 Jahren wieder eine komplett andere sein. Das war sie aber auch vor 100 Jahre schon. Denn wir nehmen uns zwar als getriebene der Entwicklungen wahr, realisieren aber gar nicht, dass in Tat und Wahrheit wir die Treiber der Entwicklungen sind. Und das ist in der ganzen Diskussion der schwierigste Punkt.

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2 Kommentare zu Nein, die Killer-Roboter werden Sie nicht abschlachten.
  1. Christian Bram Antworten

    Für mich klingt das sehr nach Opium für’s Volk. Die Menschheit hat wahrlich unzählige Errungenschaften hervorgebracht, von denen eine Vielzahl äußerst positive Auswirkungen auf unser Dasein bewirkt haben. Die Geschichte hat aber auch gezeigt, dass die Menschen immer versucht hat mit technologischer Überlegenheit Macht auf andere auszuüben. Über kurz oder lang haben ethische Bedenken eines Teils der Bevölkerung nicht verhindert, dass man auch versucht hat Technologien für den eigenen Machthunger einzusetzen und damit viel Leid auf diesen Globus gebracht hat.
    Deshalb halte ich Ihre „Schwarz-Weiß Malerei“ für falsch. Besser fände ich eine Auseinandersetzung mit den Chancen UND den Risiken. Nur so kann den Menschen in allen Belangen bewußt gemacht werden, worauf sie sich einlassen und ermöglichen so das frühzeitige Erkennen von egoistischem Technologiemißbrauch.

  2. Daniela A. Caviglia Antworten

    Danke für diesen wiederum sehr guten Text. Habe ihn gleich in meinem Netzwerk geteilt!

    Schönes WE :-)

    Grüsse aus dem Schwarzbubenland
    Daniela A. Caviglia

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