Nein, die Digitalisierung ist nicht die grösste Umwälzung aller Zeiten. Sie ist erst der Anfang!

Zu meinem letzten Artikel wurden auf t3n interessante Kommentare gepostet. Unter anderem ging es auch darum welchen Stellenwert die Digitale Transformation im geschichtlichen Kontext hat. Hier also nun ein Versuch, die Größenordnungen und Zeitabstände zu visualisieren um aufzuzeigen wie exzeptionell die Zeit ist in der wir leben.

(Lesedauer: 4 Minuten)

„… sich auf die immer größere Digitalisierung unserer Welt einzustellen (was sicherlich einer der größten Umwälzungen aller Zeiten ist)“

JR Brodersen

Bei der „grössten Umwälzung aller Zeiten“ stockte ich gedanklich und schrieb mehr instinktiv als überlegt in meinem Antwortkommentar:

„Genau da denke ich irren viele; die Digitalisierung ist nicht die grösste Umwälzung ALLER Zeiten, sondern nur die grösste bisher.“

Stimmt das wirklich? Es lohnt sich, die von uns getriebenen, digitalen Veränderungen mal im historischen Kontext zu betrachten. Darum hier eine kleine, nicht wissenschaftliche Aufstellung um die Größenordnungen zu veranschaulichen:

Digitale Transformation

Zeithorizont

Auf der X-Achse haben wir den Zeitraum von rund 11’000 Jahren. In dieser Zeitspanne hat sich das wirtschaftliche Leben des Menschen bis jetzt abgespielt.

Technologische Entwicklung

Die technologische Entwicklung (hier rot eingezeichnet). Hier in jährlichen, weltweiten Patentanmeldungen (ab 1875).

Die Weltbevölkerung

In der grünen Kurve sehen wir die Weltbevölkerung. Die Weltbevölkerung wächst, wie auch die technologische Entwicklung, grundsätzlich exponentiell. Eine tolle Erklärung des exponentiellen Wachstums findet sich hier.

Exponentieller technologischer Fortschritt

Wir müssen erkennen: Die Digitalisierung nimmt in der längerfristigen Betrachtung keinen großen Stellenwert ein. Betrachten wir die Zahlen und die Visualisierung derer, stellen wir einfach fest, dass wir, in Bezug auf die technologische Entwicklung und die Entwicklung der Menschheit, in einer außergewöhnlichen Zeit leben. Außergewöhnlicher, als zum Beispiel das Leben in der Bronzezeit.

Ist also die Digitalisierung die grösste Umwälzung aller Zeiten? Nein, dafür haben wir erst viel zu wenig davon gesehen. Aber auch im historischen Kontext ist die Aussage rein formell nicht korrekt. Ich weiss, das ist so akademisch, dass es nicht mehr relevant ist.

Relevant ist jedoch, dass die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts so schnell geworden ist, dass wir sie innerhalb eines Lebens bewusst wahrnehmen. Meine Großmutter ist in einem noch nicht elektrifizierten Haushalt aufgewachsen und ist gestorben, als meine damalige Firma bereits einen Online-Shop hatte. Natürlich, meine erste Firma hatte früh einen Online-Shop und meine Großmutter ist spät gestorben. Nichtsdestotrotz; sie hat in einem einzigen Menschenleben so viele technische Neuerungen erlebt, dass sich ihr ganzes Leben (im Vergleich zu ihrer Kindheit) komplett veränderte. Noch immer jedoch, war diese Entwicklung über Jahrzehnte verteilt und nur in der Rückblende offensichtlich und erstaunlich. Im täglichen Leben fühlte sich der Wandel natürlich an.

Was wir heute mit der Digitalen Transformation erleben, ist schon bedeutend schneller. Schon mein eigener Alltag gestaltet sich heute dermaßen anders als in meiner Kindheit (in Bezug auf technologische Möglichkeiten; ansonsten natürlich auch). Ich muss aber gar nicht soweit zurückgehen; allein vor zwanzig Jahren wäre der heutige Lebensstil nicht denkbar.

Eine permanente Disruption für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft

Es gibt keine Anzeichen, dass sich dieses Wachstum des technologischen Fortschritts wieder verlangsamen sollte. Im Gegenteil: Es deutet alles darauf hin, dass es in Zukunft bedeutend schneller gehen wird. Die Digitale Revolution ist dabei nur der Anfang. Der Anfang einer umfassenden Umwälzung die so schnell kommt, wie wir es noch nie gesehen haben. Dies heißt für die Gesellschaft, dass sie sich in immer kürzeren Zyklen wieder auf fundamentale Änderungen einstellen muss. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, es gibt in absehbarer Zeit eine Medikation gegen Krebs die 90% der Patienten dauerhaft heilt.

Was zum einen eine Wohltat wäre, ist auch eine gesellschaftliche Herausforderung, denn was tun wir mit einer Gesellschaft die sehr rasch noch schneller altert? Wie reagiert die Wirtschaft darauf wenn innert kurzer Zeit ein viel grösseres, breites Angebot für ältere Menschen vorhanden sein muss. Wahrscheinlich erst mal gar nicht.

Darum „Disruption“!

Je länger ich den Begriff „Perpetual Disruption“ verwende, desto besser gefällt er mir. Und auf die Gefahr hin, stur zu wirken, doch noch mal ein Plädoyer dafür: Ich behaupte die technologischen Fortschritte werden so kurz aufeinander folgen, dass die Wirtschaftsteilnehmer in den heutigen Strukturen und mit dem heutigen kulturellen Background gar nicht mitkommen werden.

Wer sich nicht rechtzeitig als agiles Unternehmen aufgestellt hat, permanent Forschung & Entwicklung und die Gesellschaft im Auge behält, wird sich immer wieder mit einer Disruption konfrontiert sehen. Darum gilt es nicht die Digitale Transformation zu meistern, sondern langfristig eine Kultur zu etablieren welche Wandel annimmt und damit umgehen kann. Das heutige Digitale ist dabei der profane Pflichtteil von dem man als Unternehmer startet. Oder besser gesagt; sollte der Pflichtteil sein. Noch sind wir leider nicht so weit.

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4 Kommentare zu Nein, die Digitalisierung ist nicht die grösste Umwälzung aller Zeiten. Sie ist erst der Anfang!
  1. Christoph Schmitt Antworten

    was bildet denn die y-Achse ab? Was bedeutet 1.4M?

  2. Hertig Antworten

    Die geschwindigkeit der digitalen revolution hängt v.a, davon ab, wie schnell sich das individuelle und soziale bewusstsein darauf einstellen. Ungleichheit, machtstrukturen, hunger, ökologischer raubbau und kriege sind leider noch sehr „analog“…

  3. Arek Antworten

    Was für ein toller Artikel! Ich denke ebenfalls, dass die die technologischen Entwicklungen in den nächsten 10-15 Jahren so gravierend sein werden, dass wir uns noch gar nicht vorstellen können wie wir dort leben werden. Besonders interessant finde ich, welche Rolle Software bei diesem Thema spielen wird. Wie wird sich der Umgang mit Software für die Gesellschaft verändern?
    Beste Grüße
    Arek

  4. Weihler Antworten

    Ihnen ist sicherlich auch bekannt, dass die Erde etwas älter als ihre Zeitachse ist, und sich mittlerweise auch diverse soziale Ökosysteme herausgebildet haben, die sich nicht so freundlich gesinnt sind. Eine grosse Herausforderung für die Digitalisierung. https://de.wikipedia.org/wiki/Massenaussterben

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