Kein Stein bleibt auf dem anderen in der Mobilität.

Im November 2018 durfte ich auf dem „ioki Mobility Network Symposium“ in Berlin ein Referat zur Digitalisierung in der Mobilität halten. Ein großartiger Event der viele verschiedene Stakeholder der Mobilitätsbranche zusammen und in Diskussion brachte. Als einer der wenigen Branchenfremden, durfte ich meine Außensicht als Mensch der Digitalisierung aufzeigen. Im Nachgang dazu ein paar Gedanken zur Mobilität von morgen.

(Lesedauer 5 Minuten)

Ich denke in der Diskussion um die Mobilität von morgen ist es wichtig ein paar Grundsätze zu behandeln.

Mobilität ist nicht zu verhindern

Oft hört man von Leuten aus der Mobilitätsbranche, dass die Konsumenten im Verhalten beeinflusst werden sollen. Mehr Leute sollen auf den ÖPNV, weniger Leute sollen fliegen oder Auto fahren. Die Leute sollen weniger reisen. Ich glaube, dass ist ein unmöglicher Ansatz, denn der Mensch ist nun mal Entdecker. Er ist grundsätzlich mobil und das aus einem inneren Bedürfnis. Dagegen anzukämpfen ist so aussichtlos wie falsch.

Der Mensch ist in erster Linie „Explorer“. In zweiter Linie ist er faul.

Ich bin der Meinung, dass Veränderungen im Mobilitätsverhalten nur durch im Verhältnis bessere Angebote erreicht werden können. Das kann erreicht werden in dem man ein Angebot verbessert oder das andere verschlechtert. Für künstliche Verschlechterungen jedoch, hat der Konsument in der Regel kein Verständnis.

Wie der Effekt spielt sieht man z. Bsp. sehr schön an Leuten, welche ein halbes Leben mit dem Auto in die Stadt zur Arbeit pendelten und dann über Zeit vom vermehrten Stau und den Verzögerungen so belastet sind, dass der ÖPNV für sie mittlerweile die bessere Option ist. Ich glaube der Mensch tut immer das, was für ihn am einfachsten ist. Will man gesellschaftliches Verhalten verändern, tut man gut daran da anzusetzen.

Mobilität ist von unschätzbarem gesellschaftlichem Wert

Wir sollten die Mobilität aber auch grundsätzlich nicht verhindern, weil Mobilität immer auch Perspektivenwechsel und das Kennenlernen neuer Gegebenheiten bedeutet. Das schafft Differenzierung und Perspektive und diese ist, gerade für unsere verwöhnten westlichen Gesellschaften, von unschätzbarem Wert. Wollen wir unsere Welt verstehen und verstanden werden, muss man in sie hinausgehen.

Mobilität ist nie umweltfreundlich

Gerade in Deutschland und der Schweiz ist man gut darin, die Probleme „ganzheitlich“ lösen zu wollen. Das ist, mit Verlaub, ziemlicher Unsinn. Wir kommen von diesem lauten, rußigen, ineffizienten Mobilitätssystem und wollen nun eine perfekte, völlig nachhaltige und umfassende Lösung. Ein nicht unerheblicher Teil der Leute ist sogar der Meinung, dass man lieber beim Status-Quo verbleiben sollte als „nur“ inkrementelle Verbesserungen vorzunehmen. Dieser Effekt ist z. Bsp. in der Diskussion um den Wechsel zum elektrischen Antrieb besonders gut zu beobachten.

Dabei ist Mobilität nie umweltfreundlich, sie ist nur mehr oder weniger umweltschädlich. Immer wenn Moleküle durch die Gegend transportiert werden ist das grundsätzlich unvorteilhaft für das bestehende Ökosystem. Wir sollten nicht so tun als könnte man das ändern – sondern stattdessen, die inkrementellen Verbesserungen an „allen Ecken und Enden“ verwirklichen.

Alles ist eine „Wende“ heute – die Mobilitätswende hat keine hohe Wahrscheinlichkeit

In der Mobilitätsdebatte wird immer mal wieder von der Mobilitätswende gesprochen. Als ich mich vor dem Vortrag unter die Leute mischte und noch etwas trank, hörte ich am Nebentisch den Satz „alles muss heute ja eine „Wende“ sein.

Und nicht wenige stellen sich die Veränderung in eine neue Form von Mobilität als eine Art abrupte, gesteuerte, kontrollierte gemeinschaftliche Aktion dar. Ich glaube der Gedanke ist nicht völlig falsch, denn der Bereich ist doch stark reguliert und man könnte meinen, dass man diese nur politisch zu beeinflussen brauche, um Veränderungen zu bewirken. Das ist sicher auch möglich, nur keinesfalls in einem Masse, das dann eine Verkehrswende zulässt. Zu stark fragmentiert ist die ganze Mobilität, zu viele Interessen sind dabei am Tisch vertreten.

Autonomes Fahren als Basis für eine Mobilitätsrevolution

Ich glaube viel wahrscheinlicher ist eine wahre Mobilitätsrevolution, die dadurch getrieben wird, dass wir autonome Fahrzeuge haben werden. Mobilitätsexperten machen in meinen Augen oft den Fehler, dass sie das autonome Fahren sozusagen „als entfernte potentielle Entwicklung“ vernachlässigen.

Dabei unterliegen wir auch in Bezug auf dieses Thema der klassischen, intuitiven Fehleinschätzung: Wir überschätzen die kurzfristigen Möglichkeiten des autonomen Fahrens während wir die langfristigen Möglichkeiten völlig unterschätzen.

Man hört oft, dass autonomes Fahren noch sehr lange brauche bis es alltagstauglich sei. Von 15 bis 30 Jahren ist da jeweils die Rede. Und aus diesem Grund sei es wohl im Moment noch nicht so relevant sich dazu Gedanken zu machen. Das ist insofern eine erstaunliche Aussage, als das Projekte in der Mobilität auch immer sehr lange Laufzeiten haben. Allein die Planung des BER hat vor Baubeginn rund 15 Jahre gedauert. Die Erstellung des Gotthard-Basistunnel hat von der Sondierung bis zur Fertigstellung 23 Jahre gedauert.

15 bis 30 Jahre sind also in der Verkehrswelt eine vergleichsweise überschaubare Zeit. Selbst wenn es so kommen sollte, ist die Veränderung für Verhältnisse in der Mobilitätswelt vergleichsweise bald da. Ich denke jedoch, es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die ersten Anbieter autonome Fahrzeuge in zivilisierten Gebieten bereits in 5-7 Jahren verfügbar haben werden.

Erdrutsch

Die Chancen, dass das autonome Fahrzeug einen regelrechten Erdrutsch in der Mobilität auslösen wird sind enorm hoch. Warum das so ist, ist ganz simpel: Man kann damit enorme Kosten einsparen. Dies hauptsächlich aus zwei Gründen.

Wegfall des Bedienpersonals

Autonome Fahrzeuge benötigen fundamental weniger Leute, um im Betrieb gehalten werden zu können. Einer der größten Kostenblöcke im Verkehr fällt schlicht und einfach weg.

Höhere Umlage von Investitionskosten auf die Mobilitätsleistung

Autonome Fahrzeuge können zudem quasi permanent auf Achse gehalten werden, was dazu führt, dass die Investitionskosten auf mehr Kilometer umgelegt werden können. Damit wird der einzelne Kilometer erheblich günstiger.

Enormes Kosteneinsparungspotential ist der Treiber schlechthin, um neue Innovationen schnell in einer Branche lancieren zu können. Beschleunigend wirkt zudem der Umstand, dass autonome Fahrzeuge auch digital aufgebaute Fahrzeuge sein werden. Das bedeutet, dass damit auch ganz neuartige, für den Kunden viel bequemere Angebote möglich sind. Das ist ein explosiver Mix.

Betroffen von den neuen Möglichkeiten sind alle in der Verkehrsbranche

Im Gespräch mit Personen aus der Mobilitätsbranche spüre ich oft, dass man ob der Frage, dass autonomes Fahren den ÖPNV beeinflussen wird, zögerlich ist. Dabei wird gerade für den ÖPNV das autonome Fahrzeug von entscheidender Wichtigkeit sein, da es ermöglicht, von starren Fahrplänen zu einem rollierend geplanten Fahrtensystem zu wechseln. Stellen Sie sich vor, alle Fahrzeuge wären kleine Personenbusse welche grundsätzlich an jedem Punkt in einer Stadt Haltstelle haben, je nach Aufkommen der Nachfrage. Fahrten werden kombiniert – nicht nur Personenfahrten, sondern z. Bsp. auch Auslieferungen von kleinteiligen Warensendungen.

Und vielleicht denken Sie jetzt: „Naja, bis sowas dann mal kommt dauert es ewig und es ist schwierig.“ Ich glaube jedoch, dass sich diese Konzepte wie ein Lauffeuer ausbreiten werden. Zum einen gibt es genug Player, die nur darauf warten. Wie z. Bsp. Uber, das im Grunde genommen eine einzige riesige Wette auf das autonome Fahrzeug ist.

Sobald ein solches Angebot gelaunched ist, ist es so viel besser als was wir heute haben, dass die Leute sich darauf regelrecht stürzen werden.

Mobility as a Service

Die Diskussion um «Mobility as a Service» geht denn meiner Meinung nach auch in die richtige Richtung. Die Gretchenfrage ist dabei, ob es einem Anbieter gelingt, sich als Plattform für verkehrsträgerübergreifende Mobilität zu etablieren. Die Chancen stehen aus jetziger Sicht vor allem für die grossen Tech-Konzerne nicht schlecht. Google kann schon relativ viel diesbezüglich. Gut vorstellbar ist auch, dass Amazon sozusagen von der anderen Seite, der Warenlogistik, das Feld aufräumt. Uber habe ich bereits erwähnt.

In der Hauptsache wird es erstmal darum gehen, einen Standard zu etablieren um Mobilitätsleistungen aus möglichst vielen verschiedenen Systemen (nicht nur technisch gemeint) miteinander zu kombinieren. In der Mobilitätsszene spricht man in Anlehnung an den Mobilfunk von «Mobilitätsroaming». Wer den Standard setzt, so die Überlegung, dominiert den Markt. Das kann so sein, muss es meiner Meinung nach aber nicht zwingend.

Vielleicht noch nicht so offensichtlich ist dass auch andere Player, allen voran Tesla, eine grosse Rolle spielen können.  Gehen die Pläne von Elon Musk und seinen Leuten einigermassen auf, werden sie in 10 Jahren im Besitz oder direkten Zugriff von Technologie zum autonomen Fahren, einer grossen Flotte an autonomen Fahrzeugen (Tesla), einer eigenen Energieproduktion und Speicherung (Tesla), einem eigenen, weltumspannenden satellitenbasierten Daten-Netzwerks (SpaceX), eigener Technologie und Kapazität zum kostengünstigen Bau von Tunnelinfrastruktur (Boring Company) und entsprechender neuer Technologie für Hochgeschwindigkeitstransporte (Hyperloop) sein. Selbst wenn nicht alle Pläne Wirklichkeit werden oder zu spät kommender; es ist ein beeindruckender Mix an Komponenten, welche die Zukunft der Mobilität stark beeinflussen können.

Grundsätzlich denke ich aber, das Feld ist offen. Die Karten werden, wie man das in anderen Branchen auch schön beobachten konnte, so langsam neu gemischt.

Belohnt werden meiner Meinung nach jene, welche versuchen, radikal innovativ zu sein und den Mut (Mut im unternehmerischen Kontext dürfen sie gerne als «risikobehaftete Investitionen» lesen) aufbringen diese Innovationen in fundamental bessere Produkte zu giessen.

Ich denke das Spiel um die Zukunft der Mobilität – es beginnt erst gerade.

 

Artikel auf Social Media teilen:

3 Kommentare zu Kein Stein bleibt auf dem anderen in der Mobilität.
  1. Bernhard Fehr Antworten

    Frage an Herrn Veuve: Wie sehen Sie aus Ihrer Perspektive die Rolle der heutigen (europäischen) OEM in diesem Spiel um bzw. Wette auf die Zukunft der Mobilität?

  2. Mario Rossetti Antworten

    ,,In Zukunft wird man das Fahrzeug wechseln ohne auszusteigen“

    Das nennt man dann ,,Mobility on demand – onboard“.
    Das wäre die wahre ,, Mobility as a Service“

    https://www.auto-motor-und-sport.de/news/audi-mit-suv-cabrio-patent-zu-faltdach-aufgetaucht/

    LG
    Mario

  3. Mario Rossetti Antworten

    ,,In Zukunft wird man das Fahrzeug wechseln ohne auszusteigen“

    Das nennt man dann ,,Mobility on demand – onboard“.
    Das wäre die wahre Mobility as Service

    https://www.auto-motor-und-sport.de/news/audi-mit-suv-cabrio-patent-zu-faltdach-aufgetaucht/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Bitte mache folgende Angaben: Dein Name, Deine E-Mail Adresse und Dein Kommentar.