Jobvernichtung: Das Geschäft mit der Panikmache

Es gilt unter Experten eigentlich als unbestritten: Der technologische Fortschritt schafft unter dem Strich mehr Arbeitsplätze als er vernichtet. Und trotzdem findet man in allen etablierten Medien Artikel-Überschriften die suggerieren, dass Millionen Jobs wegfallen werden. Dies obwohl Experten meist im selben Artikel konträre Aussagen machen. Anscheinend verkauft sich Panik besser als Aufbruchsstimmung. Doch genau davon benötigen wir dringend in der Diskussion um die Arbeit von morgen.

(Lesedauer: 5 Minuten)

Beispiele

Die Beispiele für solche Panikmache sind zahlreich. Ich picke 3 raus.

Interview mit Erik Brynjolfsson in der NZZ vom 09.01.2016. Titel: „Millionen Arbeitsplätze verschwinden“. Aussage im Gespräch von Brynjolfsson: „Aber man muss auch genauso stark betonen, dass wir wohl auch Dutzende Millionen neue Jobs schaffen werden. Das ist ein historisches Muster.“

Artikel über Klaus Schwab, Direktor des WEF, im Blick (die Schweizerische Bild) vom 18.01.2016 „Vierte industrielle Revolution kostet fünf Millionen Jobs“ Im Artikel heißt es jedoch, dass auch 2 Mio neue Jobs geschaffen würden. Zudem, die „erwähnte“ Studie des WEF entpuppt sich als relative simple Umfrage, bei der die Teilnehmer angeben, dass eine Kompensation stattfinden wird.

Interview mit Thimotheus Höttges in der Zeit vom 30.12.2015. Der erste Satz im (unglaublich unglücklichen) Anriss lautet: „Der Telekom-Chef erwartet durch die Digitalisierung weniger Arbeitsplätze.“ Im Interview sind die Antworten aber ganz anders: „Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichtsbücher: Die Strumpfstrickmaschine wurde im 16. Jahrhundert von der englischen Königin bekämpft, weil man Angst vor Massenarbeitslosigkeit hatte. Von den Webstühlen bis zur Dampfmaschine, bei allem hieß es, das sei Teufelszeug. Es hat jedoch bei industriellen Quantensprüngen immer auch einen positiven Beschäftigungseffekt gegeben.“

Mehr Arbeitsplätze – warum?

Man braucht kein Experte zu sein um zu erkennen, dass der technologische Fortschritt mittelfristig mehr Arbeit schafft. Das ist, wie Brynjolfsson sagt, ein historisches Muster. Warum das so ist, ist recht simpel: Neue Technologie schafft neue Möglichkeiten. Neue Möglichkeiten schaffen neue Bedürfnisse und Probleme. Und neue Bedürfnisse und Probleme schaffen neue Arbeit. Spielen Sie es durch, Sie werden immer wieder darauf kommen. Solange wir uns duch Technologie mehr neue Möglichkeiten schaffen als wir bestehende Probleme lösen, wird es mehr Arbeit geben.

Jobs

Dass die Arbeit dabei nicht die gleiche bleibt ist selbstredend. Unsere Gesellschaft hat damit ein Problem, weil sie bisher nicht in der Lage war, eine wirklich generationenübergreifende Wahrnehmung zu entwickeln (Das allgemein längere Leben und die beschleunigte technologische Entwicklung wird das künftigen Generationen übrigens ganz erheblich erleichtern). Es gibt zwar ein Wissen um Veränderungen in der Vergangenheit – das tägliche Bewusstsein fehlt aber. Und logischerweise gibt es daher dadurch keine Antizipation auf die Zukunft.

Weil wir eben nur theoretisch wissen (aus Geschichtsbüchern), dass ein erheblicher Teil der Jobs in den letzten 100 Jahren weggefallen ist, fällt es uns schwer vorzustellen, dass der Großteil der heutigen Berufe in 100 Jahre auch weg sein wird. Oder wir nehmen es zumindest als enorme Bedrohung war. Dass es den Kutscher oder den Hufschmid nicht mehr gibt, ist uns indes ziemlich egal.

Und kommen Sie mir bitte jetzt nicht damit, dass ja eventuell unter dem Strich Arbeitsplätze weggefallen sind in den letzten 500 Jahren. Eine Kopfrechnung der allereinfachsten Art mit den Variablen Bevölkerungszahlen, Jahresarbeitszeit und Einkommen zeigt, dass enorm viele Jobs (mit dramatisch verbesserten Arbeitsbedingungen) entstanden sind.

Das falsche Signal

Wenn ich etwas verkaufen will, ist Angst das effektivste Mittel. Wahrscheinlich ist es dieser simplen Wahrheit geschuldet, dass die Medien ihre Artikel zum Digitalen Wandel vermehrt mit diesen Schreckensmeldungen überschreiben. Es gibt einen Click-Krieg da draußen.

Wenn man aber bedenkt, dass diese ersten Eindrücke den meisten Menschen bleiben, richtet das meiner Meinung nach gerade gewaltigen Schaden an. Denn es heizt die gesellschaftliche Abwehrhaltung gegenüber dem Wandel an. Eines Wandels, Nota bene, der vom Menschen nicht aufgehalten werden kann, weil er nichts Anderes als menschlich ist.

Gesellschaftlicher Umbruch

Noch nie in der Geschichte der westlichen Welt (denn um die geht es), war eine bevorstehende fundamentale Veränderung so absehbar. Wir haben die erstmalige Chance diese Veränderungen in der Gesellschaft aktiv zu gestalten.

Das geht jedoch nur, wenn sich Politik, Unternehmer und Bürger bewegen. Aufeinander zu.

„Alle, Politik, Unternehmer und Arbeitnehmer, müssen kurzfristig Abstriche machen um mittelfristig Zugewinne erreichen zu können.“

Das mag hart sein, weil es für jeden Einzelnen eventuell bedeutet liebgewonnenes zu verlieren. Zu Gunsten etwas neuem, bislang Unbekanntem. Dass sich das jedoch lohnt, zeigt sich auch wieder im Blick zurück: Wer möchte noch in einer Welt wie der vor 50 Jahren leben. Niemand.

Wir müssen uns keine Sorgen sondern an die Arbeit machen!

Ich bin nicht besonders optimistisch, dass wir diese Chance der aktiven Gestaltung der Veränderung auch wahrnehmen. Zu verhärtet scheinen mir die Fronten. Unternehmer und Arbeitnehmer wollen die Politik in die Pflicht nehmen (die doch bitte mit Subvention und Regulation möglichst lange den Status Quo erhalten soll), die Politik sieht die Unternehmer in der Pflicht. Man kann nur hoffen, dass sich die Akteure nach einer Phase des „Stormings“ dann auch zusammenraufen und möglichst gesamtheitliche Konzepte für den Wandel entwickeln.

Denn nichts ist schlimmer als einen Status Quo über lange Zeit künstlich zu erhalten nur um dann an einen Punkt zu gelangen in dem die Restrukturierungen unausweichlich sind. Und dann, weil angestaut, auch wirklich dramatisch große Veränderungen in kurzer Zeit passieren. Einen langsamen, geordneten Niedergang von „veralteten“ Berufen und Branchen verkraften wir relativ gut. Abrupte krasse Veränderungen führen auf jeder Ebene zu größtmöglichen Problemen.

Darum würde es uns allen gut anstehen, differenziert über die Veränderungen und Herausforderungen zu diskutieren und eben auch zu berichten. Das hemmt die Frontenbildung und minimiert damit auf längere Frist den Aufwand der Wandel von uns Menschen abverlangt. Die Medien tun uns mit den reißerischen Artikeln gerade keinen Dienst.

t3n - digital pioneers
Dieser Artikel erschien ursprünglich im Januar 16 im Rahmen meiner „Transformiert!“ Kolumne auf t3n.

 

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2 Kommentare zu Jobvernichtung: Das Geschäft mit der Panikmache
  1. Wilfried Schock Antworten

    Das haben wir immer schon so gemacht. Mit dem Spruch qualifiziert man sich nicht wirklich für eine aktive Zukunftsgestaltung. Es ist immer schon gut gegangen hat für mich einen leichten Touch in diese Richtung, wenn man diese Einschätzung für den konkreten Fall nicht wirklich begründet. Zu wünschen – das es gut geht – ist es allemal. Die Erfahrung sagt allerdings, das es in der Wirtschaftsgeschichte bei technologischen Sprüngen und ähnlichen Entwicklungen große gesellschaftliche Verwerfungen gab. Beispiel Manchester-Kapitalisumus und seine sozialen Begleitumstände.

  2. Jean Antworten

    Neue Jobs mit Sicherheit. Doch selbst, wenn für jeden überflüssig gewordenen Blaumann bei Opel und BMW ein neuer „digitaler“ Arbeitsplatz entsteht, ist fragwürdig, ob dieser in Deutschland / von Deutschen besetzt wird. Es wird uns wohl weniger an offenen Stellen mangeln als an qualifiziertem Personal :/

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