Internet-Agenturen, bitte mehr Initiative in der Digitalen Transformation!

Vor ein paar Tagen habe ich das unten abgebildete Plakat gesehen. Reflexartig habe ich es mit eher zynischem Kommentar vertwittert. Zu oft erlebe ich die klassischen Unternehmensberatungen als Mühlen, die enorm langsam mahlen. Den Kunden im Müßiggang bestärken. Transformational Doing? Wie paradox damit zu werben, wenn man doch eben fast ausschließlich theoretisch und hypothetisch arbeitet. Und das Projektschiff dann verlässt, wenn man sich zwischen 1 und 0 entscheiden muss. Entscheiden, coden, entwickeln.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Spontan will man ihnen zurufen, geht zu SAP und lernt wie man dieses Airport-Werbungs-Ding richtig macht (The Best-Run Businesses Run SAP).

 

Eventuell mehr als ein bedeutungsloser Slogan

Später kommen mir Zweifel. Eventuell meinen die das wirklich so. Ist nicht tatsächlich eine Bewegung der größeren Unternehmensberatungen in Richtung Umsetzung im Gange. Und ich prüfe gedanklich Erlebnisse und Marktgeschehen der letzten Monate, nur um Gewissheit zu erlangen. Ja, dem ist so. Ein Beispiele gefällig?

KPMG Crimsonwing

Im Februar dieses Jahres kauft KMPG den Digitaldienstleister Crimsonwing, der mit Magento und anderen populären Systemen wie MS Dynamics im Enterprise–Bereich durchaus eine Rolle spielt. Die Synergien liegen auf der Hand. Während KPMG die Kundenbeziehung bereits inne hat, ist es meist ein Einfaches, die Umsetzung an die gruppeneigene Tochter zu vermitteln. Und auch durchaus legitim. So schreibt denn KPMG in der Pressemitteilung zur Akquisition:

„The acquisition is consistent with KPMG’s strategy of building an advisory practice which combines business expertise with the underlying technology capabilities required to implement business solutions.“

Aus Gesprächen mit Vertretern von anderen, mittelgroßen Unternehmensberatungen weiß ich, dass das durchaus ein intern vieldiskutiertes Thema ist: Wie kann man in der ganzen digitalen Wertschöpfungskette einen größeren Anteil abgreifen? Da in die Umsetzung zu gehen, ist nicht nur nahe liegend, sondern auch in der Sache richtig.

Agile Methoden erschweren das klassische Consulting-Geschäft

Befeuert wird diese Absicht zusätzlich durch den vermehrten Einsatz von agilen Projektmethoden. Kunden wollen, getrieben durch den Druck der Märkte, schneller in die Umsetzung kommen. Das geht ganz oft zu Lasten von umfangreichen Konzept- und Beratungsphasen, da ein Großteil dieser Detailkonzeption sprintbezogen und situativ erarbeitet wird. Und meist dann halt eben mit dem technischen Dienstleister anstatt mit der Unternehmensberatung. Ich erlebe das fast bei allen unseren Projekten. Ums pure Umsetzen geht es schon ganz lange nicht mehr. Eben auch in wirklich großen Projekten.

Das schmerzt die Unternehmensberatungen natürlich, denn genau diese Lösungsspezifikation war/ist ja traditionell ein gutes Geschäft. Und für solche Projekte konnte/kann man schon mal eher „günstiges, junges Gemüse, das direkt von der Uni kommt“ (Berater-Sprech für Mitarbeiter, welche als Studienabgänger erste Erfahrungen in der Privatwirtschaft sammeln), über längere Zeit durchverrechnen.

Wer im Glashaus sitzt…

Als ich letzten Samstag anlässlich des TYPO3 Camps in München eine Keynote zum Thema „Digitale Transformation: Was geht uns das an?“ halten durfte, habe ich exakt diesen Umstand thematisiert. Und dem Publikum als eine der Kernbotschaften mitgegeben, dass wir (also die Agenturen) uns doch bitte die Butter nicht vom Brot nehmen lassen sollen. Sprich: Unsere Kompetenzen in der Umsetzung nicht leichtfertig an Unternehmensberatungen abgeben sollten.

Nach dem Talk wurde ich dann von einem Zuhörer angesprochen, der meinte, dass wir Internetdienstleister dasselbe ja vor ein paar Jahren auch mit dem Beratungsgeschäft der Werbeagenturen gemacht hätten, was natürlich stimmt. Derart auf dem kalten Fuß erwischt, konnte ich nur noch mit der wenig objektiven Antwort parieren, dass ich ja als Agenturvertreter voreingenommen parteiisch sei und das gut fand/fände. Ouch.

It’s a jungle out there!

Nun, es ist ein Markt. Und es ist innerhalb der gesetzlichen und moralischen Leitplanken alles erlaubt. Daher finde ich die Bestrebungen der großen Unternehmensberatungen erstmal legitim. Ich erwarte allerdings, dass ein solcher Weg eher steinig ist. Zu schlecht ist das Standing der Unternehmensberatungen abseits vom Strategic Consulting bei vielen im mittleren Management.

Chancen für Agenturen

Was bleibt, sind für die Agenturen grundsätzlich zwei Chancen. Zum einen der Verkauf der Mehrheit einer Internetagentur an eine Unternehmensberatung zu einem guten Preis. Damit muss man natürlich seine unternehmerischen Hausaufgaben gemacht haben. Oder aber der verstärkte Angriff auf den Beratungsteil des Projektgeschäfts. Die Chancen sind gut, sich da gerade beim Mittelstand ein Stück vom Kuchen abschneiden zu können.

Darum muss man sich dann jedoch nicht gleich „Full-Service-Agentur“ nennen. Die meisten Kunden haben btw mittlerweile erkannt, dass man mit <200 Mitarbeitern gar kein Full-Service machen kann. Nein, es reicht völlig mit agilen Methoden und technischer Kompetenz einfach möglichst früh erste Resultate zu liefern. Denn das ist, was die meisten Kunden wollen.

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