Industrielle Revolution 4.0 – So ein (gefährlicher) Quatsch!

Das World-Economic-Forum 2016 hat, gerade auch medial, vor allem den Begriff „4. Industrielle Revolution“ geprägt. Viele anerkannte oder selbsternannte Experten haben diese Terminologie ohne weitere Evaluation übernommen. Dabei könnte er verquerter nicht sein. Hier ist warum.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Revolutionen haben mit Wahrnehmung zu tun

Der Begriff der Wirtschaftsrevolutionen ist in unser Hirn eingebrannt. Man lernt in der Schule, dass da diese unerwarteten Wellen über die Gesellschaft und die Wirtschaft niedergingen. Im Grunde sind diese Revolutionen sprunghafte Effizienzgewinne, die es ermöglichen ein Problem einfacher, besser und günstiger zu lösen. Sie können es auch Disruption von bestehenden Strukturen (bitte wirtschaftliche wie auch gesellschaftliche) nennen. In meinem Artikel „Wie Branchen in den Strudel der Disruption geraten“ habe ich zu der eigenen Mechanik von Branchenumbrüchen einige Beispiele angeführt.

Ist eine Technologie derart effizient im Umbrechen von bestehenden Strukturen, kann sie also nicht nur eine Branche in kurzer Zeit nachhaltig verändern, sondern verschiedene gleichzeitig, sprechen wir landläufig von einer wirtschaftlichen Revolution. So haben sich die Begriffe 1. / 2. / 3. Industrielle Revolution gebildet.

Industrielle Revolution

Wie wir ein Ereignis wahrnehmen und einstufen, hat in hohem Masse mit seiner Eintretenswiederholung zu tun. Das ist ein ganz simpler psychologischer Effekt; je öfter wir etwas erleben, desto weniger wird es als außergewöhnlich wahrgenommen. Wir gewöhnen uns an Außergewöhnliches relativ schnell – das ist so negativ wie positiv.

Die Gesellschaft und damit auch die Wirtschaft muss sich in immer kürzeren Abständen anpassen und umstellen. Geschuldet ist dies dem progressiven (oder wenn sie so wollen dem exponentiellen) Wachstum des technologischen Fortschritts.

Befeuert wird dieser Effekt durch die stark verlängerte Lebensdauer des Menschen (lese auch „Wahrnehmungsspanne“). Dazu habe ich eine simple Grafik aus dem „Konzept der Perpetual Disruption“ ein wenig erweitert:

 

Perpetual Disruption Explanation Lifespan

Die blaue Kurve stellt den technologischen Fortschritt dar, die grünen Geraden die Trägheit der Gesellschaft bei der Adaption dieses Fortschritts und die rote Geraden zeigen den Adaptionsaufwand den die Gesellschaft treiben muss.

In Gelb dargestellt sind nun die Lebensspannen die sich auf der Zeitachse immer vergrößern. Wir leben immer länger, also nehmen wir immer mehr von den Veränderungen wahr. So hat zum Beispiel ein Mensch der sein Leben in der Spanne „a oder b“ verbrachte, keinerlei Umbrüche erlebt. In der Lebensspanne „c“ hingegen hat er einen Umbruch erlebt und wird dem wohl Revolution sagen (z. Bsp. Agrarrevolution oder 1. Industrielle Revolution).

Der Zeitgenosse der in der Lebensspanne „d“ lebte hat vielleicht die 2. Industrielle Revolution und die 3. Revolution erlebt. Danach wird es schon schwierig: Menschen in den Lebensspannen „d“, „e“ oder „f“ erleben mehrere Industrielle Revolutionen. Die vierte? Und fünfte? Industrielle Revolution Nr. 7-10 in gesamthaft 10 bis 20 Jahren? Das ganze Konzept der Revolutionen wird so ad absurdum geführt.

Industrielle Revolutionen ergeben vom Konzept her nur dann Sinn, wenn entweder der technologische Fortschritt linear erfolgte oder aber die Lebensspanne abnimmt. Beides ist erwiesenermaßen nicht der Fall.

Ich bin daher der Meinung das Konzept der «Industriellen Revolutionen» hat seinen Dienst getan. Und wir müssen weitergehen.

Wie reagieren wir auf einen Strom von wiederkehrenden Umbrüchen

Klaus Schwab führt in seinem Leitartikel «The Fourth Industrial Revolution: what it means, how to respond” viele verschiedene Punkte auf. Über die Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft wird da geschrieben und wenn ich auch sehr dankbar dafür bin, dass das Thema Transformation durch Technologie nun endlich in Davos angekommen ist, so enttäuscht bin ich von der inhaltlich eher dünnen Substanz. Das will bitte nicht heißen, dass ich den Artikel grundsätzlich schlecht finde aber ich halte diese Aussagen für auf perfide Art und Weise gefährlich. Warum?

Das Denken aus einer vergangenen Zeit

Anstatt ins simple Horn der industriellen Revolutionen zu blasen, hätte Schwab auch die Dinge beim Namen nennen können.

Dass wir die Veränderungen dann mit möglichst wenigen sozialen Kosten (lese menschliches Leid) erreichen können;

  1. wenn wir unser Wirtschaftssystem grundsätzlich in Richtung Adaptionsfähigkeit umbauen
  2. wenn wir Arbeit neu definieren
  3. wenn wir Entlohnung neu definieren
  4. wenn wir Generationenverträge (sprich Rentensysteme) reformieren
  5. wenn Unternehmen agile Organisationen werden
  6. wenn alle Akteure transparent und gemeinschaftlich agieren

Das ist nicht so einfach wie einfach die 4. Industrielle Revolution auszurufen. Löblich finde ich, dass Schwab im Artikel dazu aufruft gemeinschaftlich an den Herausforderungen zu arbeiten.

Traditionelles, lineares Denken

Schwab schreibt über die Wirtschaftslenker:

„Today’s decision-makers, however, are too often trapped in traditional, linear thinking, or too absorbed by the multiple crises demanding their attention, to think strategically about the forces of disruption and innovation shaping our future.”

Und macht mit seiner Degradierung der Herausforderungen zu einer weiteren «Industriellen Revolution» denselben Fehler: Er verharrt in traditionellem, linearen Denken.

Die falschen Signale

Man könnte nun argumentieren, dass sei ja nur eine Floskel und nicht weiter relevant. Ich glaube wer so denkt irrt sich. Denn Schwab hat es geschafft die Senior-Executive-Community einzunehmen und macht mit seiner Organisation viel Gutes und Richtungsweisendes. Auf Schwab wird gehört.

Durch die Propagierung der 4. Industriellen Revolution sendet er ein Signal an die Führungskräfte: «(we’ve) been there, done that». Und vermittelt damit ein Mindestmaß an gedanklicher Sicherheit wo keine ist und keine sein sollte.

In der Tat sind jedoch die aktuellen Veränderungen und Herausforderungen mit den als Revolutionen wahrgenommenen Vorkommnissen nicht wirklich vergleichbar. Außer wir definieren die 4. Industrielle Revolution als eine ohne Enddatum. Nur dann ist es in unserer Wahrnehmung auch keine Revolution mehr.

t3n - digital pioneers
Dieser Artikel erschien ursprünglich im Februar 16 im Rahmen meiner „Transformiert!“ Kolumne auf t3n.

 

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Ein Kommentar zu Industrielle Revolution 4.0 – So ein (gefährlicher) Quatsch!
  1. Oliver Marquardt Antworten

    So hab ich das auch noch nicht gesehen. Stimmt schon. Eigentlich ist es eine Beschleunigung der dritten Revolution. Und wenn wir von der vierten sprechen, dann muss man immer dazu sagen, dass sie kein Trend, sondern ein fortwährender Prozess ist. Was dann eigentlich keine Revolution mehr darstellt, da die nach unserer Wahrnehmung endlich und relativ überschaubar ist. Beides trifft hier nicht zu. Es ist eher die nächste Brennstufe der industriellen Entwicklung, bei der keiner genau sagen kann, wie lange sie brennt und schiebt.

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