Ich weiß Sie hassen diesen Jungen! Über das Unterschätzen von Digitalen Projekten.

In den letzten 15 Jahren bin ich ihm regelmäßig „begegnet“. Dem Jungen, der die eCommerce-Lösung oder das CMS-Portal in der Hälfte, ach was schreibe ich, in einem Viertel der Zeit einer Agentur machen kann. Meist ist er Patenjunge oder Sohn eines guten Kollegen eines relevanten Entscheidungsträgers. Und wir Dienstleister müssen uns dann Sprüche anhören wie; „das kann doch nicht so schwierig sein“ oder eben „mein Patenjunge macht das an seinem freien Nachmittag“.

(Lesedauer: 4 Minuten)

Kein Plan von Nix oder bewusste Verunsicherung?

Ich habe mich genug oft in solchen Situationen geärgert aber ich tue es nicht mehr. Vielmehr verstehe ich sie als Signal zum sofortigen Rückzug aus den Verhandlungen mit dem Kunden.

Weil der Kunde zeigt mit solchen Aussagen, dass er entweder von der Materie nichts versteht oder er bewusst versucht uns als Dienstleister zu verunsichern. Während vor 10 Jahren ersteres noch selbstverständlich und hinnehmbar war, sind diese Zeiten heute vorbei.

In einer Wirtschaft in der man unmöglich an Digitalem vorbei kommt, gehört es zum rudimentären Grundwissen von Entscheidungsträgern zu verstehen wie qualitativ guter Code zu Stande kommt.

Zweites, also das Verunsichern des Dienstleisters, war schon immer daneben, aber in den Anfängen der Industrie, als viele von uns noch jeden Kunden von der Wichtigkeit des Internets überzeugen mussten und es halt schon mal wirtschaftliche Durststrecken geben konnte, schluckte man diese Kröte. Heute hat das niemand mehr nötig.

Warum werden Internet-Projekte immer wieder unterschätzt?

Ich denke die wenigsten Entscheidungsträger wollen uns Dienstleister bewusst verunsichern oder hintertreiben. Vielmehr stelle ich immer wieder fest, dass viele kleine Geschichten dazu beitragen, dass diese Leute tatsächlich denken es wäre sehr einfach. Geschichten wie jene des Studenten der eine App entwickelte die innert 2 Wochen 500‘000 Downloads hatte oder Geschichten von Corporate Website Relaunches innert 3 Wochen.

Dass es sich dabei bei dieser Corporation um einen Kleinbetrieb mit 20 Leuten handelt und eben nicht um ein Unternehmen mit 2‘000 Mitarbeitern und einem Kader von fast 200 Mitarbeitern, geht in der Euphorie unter.

Klassiker 1: Reduktion aufs Visuelle

Das geschah früher ganz oft. Der Ansprechpartner beim Kunden verstand nicht warum Änderung xy 10 Tage Aufwand braucht da „das Feld ja nur nach unten verschoben und die Reihenfolge geändert werden muss“. Dass dabei aber eben ein Großteil des Moduls umgeschrieben wird, drang auch beim x-ten Erklärungsversuch nicht gänzlich durch.

Klassiker 2: „So wie bei Google“

Auch immer wieder toll fand und finde ich Diskussionen um die Suche. Jetzt ist es ja nicht so, dass ich auf dem Gebiet der Suche zurückgeblieben wäre. Wir haben ziemlich viel mit komplexen und Hoch performanten Suchfunktionalitäten zu tun. Aber es kann einem auch noch in 2015 passieren, dass der Kunde in der Requirements-Definition einfach mal „so wie bei Google“ angibt.
Teilweise, und das sind dann die ganz abwegigen, findet sich auch „mindestens so wie bei Google“. Und ja, auch in großen Beratergestützen RFPs kann man das lesen.

Diese Kunden-Hoax abzufrühstücken ist jedoch recht einfach: Ich rechne jeweils genüsslich vor wie viele Leute bei Google an der Suche arbeiten und setze das in eine lose Relation zum Projektbudget – im Stil von, „wenn wir die Suche so umsetzen sollen benötigen wir 480M mal das Budget das Sie uns angeben, die eigentliche eCommerce Plattform nicht inklusive“.
Meist sorgt das für Lacher und man kann dann ernsthaft über sinnvolle Funktionalität der Suche diskutieren.

Ein Phänomen in patriarchalisch geführten Kleinbetrieben? Mitnichten!

Als ich am Anfang meiner Karriere in der Internetindustrie mit vorwiegend kleineren Kunden zu tun hatte, bildete ich mir ein, dass dies ein Phänomen von patriarchalisch geführten Kleinbetrieben sei. Über die Jahre habe ich gelernt, dass dem nicht so ist.

Gerade auch sehr seniorige Entscheider unterschätzen Digitale Projekte regelmäßig. Das widerspiegelt sich dann auch in Budgetvorgaben. Es ist bei Retailern an der Tagesordnung, dass neue Offline-Filialen 3+ M kosten dürfen, eine eCommerce Plattform aber kaum ein Budget von 500k Euro bekommt.

Das ist nicht böse Absicht, sondern schlicht Unkenntnis. Große komplexe Projekte kosten Geld. Je grösser und komplexer dabei der Kunde selbst, desto teurer wird es. In der Regel eben nicht in Zuschlagsprozenten, sondern in Multiplikationsfaktoren. Weil neben dem eigentlichen Coden und funktionellem Design noch viele andere Dinge hinzukommen.

Dinge wie Loadtests, externe Security und Code-Reviews, hunderte Audits, Kommunikation, interne Zwänge, viele Stakeholder etc. Die meisten Entscheider vergessen das, weil sie es meist nicht kennen. Erfahrung ist also, wie so oft, key.

Auch in der Branche selbst herrscht keine Einigkeit

Auch in der Branche selbst gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen über was teuer und preiswert sei. Als Namics vor zwei Jahren den Zuschlag für ein CMS Projekt beim Schweizerischen Staat über 13 M CHF erhalten hatte, gingen die Wogen hoch. Ich erinnere mich an zahllose Gespräche mit vorwiegend kleineren Agenturvertretern die diese Summe schlicht abartig fanden.

Überzogene Anforderungen an Lösung und Dienstleister

Viele konnten sich nicht vorstellen, dass man so viel Geld für ein Webprojekt ausgeben kann. Und die wenigsten fanden, man sollte es. Ich fand grundsätzlich beides eigentlich in Ordnung. Denn wenn man sich die Ausschreibung ansieht, merkt man, dass man als Anbieter derart viele kostspielige Anforderungen zu erfüllen hat, dass man halt am Schluss eben in diesen Projektbudgets landet. Die eigentliche Kritik gilt dem Schweizerischen Staat der, auch aus meiner Sicht, einen völlig überzogenen Anforderungsrahmen definierte. Aber das ist nicht die Schuld des Dienstleisters.

Wenn Sie ihn mal im RL antreffen diesen Jungen…

Ja dann, meine lieben Agenturfreunde, hauen Sie ihm doch eine runter :-) Das sage selbst ich als überzeugter Pazifist und Gewaltverächter. Denn man scheint ihn schlicht nicht zum Schweigen zu bringen.

Oder viel, viel besser, zwingen Sie ihn dazu das Versprochene umzusetzen. An einem schulfreien Nachmittag.

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4 Kommentare zu Ich weiß Sie hassen diesen Jungen! Über das Unterschätzen von Digitalen Projekten.
  1. Wilfried Zimmermann Antworten

    Gute Zusammenfassung. Trifft den Nagel auf den Kopf!
    Zur Zeit habe ich das Glück einen Kunden zu bertreuen, der genug über das Erstellen von guten Webseiten weiß um die Arbeit der Entwickler und Programmierer schätzen zu können. Glück, da es eine Ausnahme ist.
    Ich denke, dass Teile der Bevölkerung in Deutschland mit dem schnell fortschreitenden digitalen Wandel überfordert und verunsichert. sind
    Dazu ein Statement von Kanzlerin Merkel bei der Cebit:
    Es gehe um „Millionen von Menschen, die zum Teil noch nicht wissen, was sie erwartet“, sagte Merkel. Sie in das neue Zeitalter der Digitalisierung mitzunehmen werde die Politik nicht allein schaffen, sagte sie an die Adresse der Industrie gerichtet. (Quelle: n-tv)

    Firmenvorstände und Aufsichtsräte haben letztlich Angst vor Veränderungen, vor den neuen Wegen die eine Digitalisierung erfordert.
    Wir leben in einer Zeit des technologischen Wandels, der die Vernetzung mit vielen anderen Fachgebieten erfordert, eine horizontale Vernetzung, aber es bestehen vielerorts veraltete Managementstrukturen die diesem Wandel nicht gerecht werden, ihn behindern. Das veraltete hierarchische Management funktioniert nicht für die horizontalen Vernetzung. Ein anderes Hindernis: Spezialistentum und Fachbereiche, die dazu tendieren, miteinander zu konkurieren und den horizontalen Informationsfluss behindern.

    Christoph Keese bringt es in seinem Buch ‚Silicon Germany‘ auf den Punkt:
    Spezialisierung: Wir denken in Fachgebieten und meiden Risiken.
    Industrie kann ohne Spezialwissen nicht funktionieren. Je tiefer das Wissen, desto erfolgreicher die Produkte. Für die Digitalisierung jedoch ist Spezialistentum eine Gefahr, weil es isoliert. Horizontale Netzwerke können so nicht entstehen.“

    »Jeder hält die Grenzen des eigenen Gesichtsfeldes für die Grenzen der Welt«
    Arthur Schopenhauer, Philosoph

  2. Patrick Antworten

    Schön geschrieben, wenn auch mit der gewissen Portion Überheblichkeit, wie man sie von IT-Leuten oft hört, wenn der dumme User mal wieder nicht drauskommt. ;)
    Fakt ist, dass da draussen in der Wirtschaft noch hauptsächlich digitale Dinosaurier am Ruder sind. Richtig bedenklich finde ich diese Manko an rudimentären Grundwissens bei den ach so hochgelobten ‚Digital Natives‘ (natürlich nicht bei allen) – aber da fehlt es teilweise schlicht an Erfahrung und Horizont.
    IT ist und bleibt eine Spezial-Wissenschaft, welche nur durch Aus- und Weiterbildung gemastert werden kann und das wird sich – wenn überhaupt – erst in einer Generation ändern (oder sogar zwei, drei?)

    • Alain Veuve Antworten

      Vielen Dank für den Kommentar!

      Die Überheblichkeit sollte nicht sein und ist von mir überhaupt nicht beabsichtigt. Da scheint wohl bei uns unbewusst die Frustration durch, die wir in den letzten 15 Jahren erleben mussten: Immer wieder erzählten uns hochdekorierte, seniorige Führungskräfte wie irrelevant doch das Digitale für ihr Geschäft sei. Ich kenne diese Überheblichkeit, aber, und gerade auch in der IT, ist sie der schleichende Anfang vom Ende.

      Zu den Digital Natives, gerade in Führungspostitionen, bin ich ganz bei Ihnen. Empfehle gerne folgenden Artikel dazu: http://www.alainveuve.ch/vergessen-sie-die-digital-natives-setzen-sie-auf-erfahrung/

  3. Peer Schmid Antworten

    Sehr schöne Zusammenfassung und Sicht auf einen Markt, der bei vielen Kunden noch auf dem Niveau der 2000er Jahre und den „Neuen Medien“ stehen geblieben ist, für viele Dienstleister aber seit bis zu zwei Jahrzehnten gelebte Praxis ist – mit dem dementsprechenden Delta an Erfahrung.
    Besonders die Uneinigkeit der Agenturen ist glaube ich ein ernsthaftes Thema. Geht der Kunde los und stellt fest, dass Typo3 und Magento (oder jedes hippe Produkt, dass es in die Wahrnehmung schafft) wohl ganz ok sind, da ja enorm verbreitet, liegt es nahe, einfach nach dem günstigsten Partner für die Umsetzung zu suchen. Geht bei C-Teilen ja auch, warum also nicht bei Software? Ich glaube, da haben viele Agenturen (in unterschiedlicher Größe und Arbeitsqualität) kräftig am Ast gesägt, auf dem sie selbst sitzen. Zu Lasten des gesamten Marktes.
    Spannend finde ich die Erwartungshaltung an den Kunden, zu wissen, wie guter Code entsteht. Wissen das alle Agenturen? Als eher technischer Dienstleister frage ich mich häufiger, was da eigentlich so los ist, in den Agenturen: Agile Methoden? Eher nicht. Automatisches Testen? Continuous Integration? DevOps? Hm, ist gerade aus.
    Klar, es gibt auch da die rühmlichen Ausnahmen, die all die Themen verstanden haben und bespielen können. Aber der Löwenanteil? Sorry, aber da haben viele noch einen harten Weg vor sich.
    Das nimmt aber die, die wir schon weiter sind, nicht aus der Pflicht, auch den Kunden noch eine Menge Wissen zu vermitteln. So lange Entscheider noch glauben, komplexe IT-Projekte für Peanuts zu bekommen, haben wir als Profis unsere Leistung nicht klar genug präsentiert…

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