Heute gibt es hier nix zu sehen.

Heute, meine Damen und Herren, gibt es hier nix zu sehen. Gehen Sie weiter, klicken Sie weg. Sie müssen nicht alles mitbekommen. Die Reissäcke können und werden auch ohne Sie umfallen. Ein Plädoyer für mehr flachgehaltene Bälle.

(Lesedauer: 5 unwiederbringliche Minuten Ihrer Lebenszeit, ist es das wirklich wert?)

Konnten Sie es lassen weiter zu lesen? Anscheinend nicht, ist schon ok. Wir alle fallen solchen Mechanismen, die nur Aufmerksamkeit generieren wollen, zum Opfer. Ich wie Sie. Vielleicht wollten Sie gerade eigentlich etwas anderes tun, z. Bsp. Ihrer Frau schreiben ob Sie noch Brot mit nach Hause bringen sollen oder einen Kollegen anrufen. Und zack, jemand wie ich postet diesen Unsinn von Artikel und schon lesen Sie hier. Mir geht das relativ oft so.

„Next level excitement“

Dass wir leicht Feuer fangen und uns tendenziell leicht ablenken lassen ist natürlich. Es ist Grundvoraussetzung für das Wesen des Menschen. Ohne diesen Trieb wären wir wahrscheinlich nicht so weit gekommen. Man stelle sich vor, der Homo Erectus hätte damals vor rund 1 Mio Jahren als der Blitz ins dürre Unterholz schlug und Feuer entstand, einfach weggeschaut und gesagt: „Ja, och es brennt, was geht mich das an.“

Heute, so kommt es mir manchmal vor, führt sich die breite Masse so auf, als würden permanent Dinge von der Tragweite der Entdeckung des Feuers geschehen. Man muss sich nur z. Bsp. im Zug ein wenig umhören. Der Hang zur „Übererregung“ ist omnipräsent. „OMG!! Mein Lover will mit mir heute ins Kino Netflix and Chill.“ Die banalsten Dinge werden emotional zum „Lebensevent“ hochstilisiert. Ja klar, natürlich überzeichne ich das jetzt ein wenig.

So wie es einmal cool war, übertrieben cool zu sein, ist es das heute, wenn man wegen jeder Kleinigkeit abgeht wie eine Rakete.

Und das betrifft nicht etwa nur die jüngeren Leute, nein auch gestandene Leute aus dem Business erzählen mir mit einer unglaublichen Begeisterung von all den un-glaub-lichen Dingen die sie an den Start bringen. Manchmal mit soviel Begeisterung, dass ich ihnen diese gar nicht abnehme.

Im Guten wie im Schlechten.

Wer jetzt glaubt, dass das nur im Guten oder nur im Schlechten passiert, irrt. Wenn ich sehe, wie manche Leute wegen negativen Kleinigkeiten oder allgemeinen unvermeidbaren Dingen, die einfach zum Leben gehören, aus der Rolle fallen, frage ich mich ernsthaft, was diese tun, wenn die wirklichen Schicksalsschläge – die sich ja in jedem Leben unweigerlich breitmachen – auf sie eindreschen. Oder wenn die im Lotto gewinnen. So viele Ausrufezeichen hat es gar nicht im iPhone!!!!!

Perspektive wahren

Vielleicht ist das nur meine subjektive Wahrnehmung, doch ich glaube wir sind ziemlich schlecht darin geworden, die Perspektive zu wahren. Dinge in einen größeren Kontext zu setzen und mit kühlem Kopf einzuordnen. Wahrscheinlich kommt das auf der negativen Seite daher, weil die wenigsten hier Krieg erlebt hat. Zum guten Glück natürlich, aber es sorgt dafür, dass ganz viele Menschen gar nicht wissen wie schlecht alles sein kann. Vielleicht ist drum „Klein-Kevins“ Sonnenbrand zum Beispiel, meist ein Drama epischen Ausmaßes.

Auf der anderen Seite, auf der positiven, neigen wir dazu, Mittelmaß durch diese Überzeichnung als Großartiges zu verklären. Vielen Leuten fehlt schlicht die „handwerkliche“ Kapazität, außerordentliche Qualität einschätzen zu können. Das ist z. Bsp. der Grund, warum sich billige Plastik-Sonnenbrillen mit angeklebten, bekannten Modelabels mit mehr als 3000 % Gewinnmarge verkaufen lassen.

Schlecht daran ist, dass unsere Ambitionen durch diese Überzeichnung indirekt geschmälert werden. Wenn am Abschlussrennen der Skischule im Winter jedes Kind eine Medaille bekommt, weil ja „jeder ein Gewinner“ ist, ja was ist dann der 1. Platz, das „der Gewinner sein“ wert? Nicht so viel, dass ich im nächsten Jahr unbedingt viel dazu lernen will um zu gewinnen.

Besonders spannend wird dieser Aspekt auch in einer Zukunft, in der wir viel mehr Technologie haben werden, die heute noch nicht so richtig vorstellbares bewerkstelligt.

Wenn wir uns auf diesem tiefen „Durchdringungshorizont“ bewegen, werden wir beginnen diese Technologie als Magie wahrzunehmen.

Das Wunderding und so. Eine potentiell perfide Entwicklung, weil sie uns von der Technologie wegbringt. Was wir in Zukunft aber brauchen, sind Leute welche die Technologie in den Grundzügen verstehen und erklären können – in der Breite. Sobald wir nicht mehr verstehen, was die Dinge um uns mit uns tun, bekämpfen wir sie. Das ist in Zukunft potentiell gefährlich. Denn anders als der Photoapparat der vom Djungel-Volk zerstört wird, werden unsere Maschinen der Zukunft schon zurückschlagen können.

Abgeklärt nicht abgestumpft

Ich denke wir tun gut daran, uns ein wenig zurück zu nehmen – im Kleinen wie im Großen. Nicht bei jedem bösartigen Klatsch gleich den Empörten zu mimen, nicht bei Basics schon von großartigem zu sprechen. Wir sollten den Ball flach halten. Nicht still, sondern flach.

Wir sollten nicht Abgeklärtheit mit Abstumpfung verwechseln. Gerade und im Speziellen was humanitäres betrifft. Anstatt nur zu Beklagen und zu verurteilen, sind konkrete Lösungen gefragt. Die beginnen für einen persönlich meist in einem Umkreis von wenigen Metern. Das ist was jeder tun kann. Auch neben dem Triangel von Job, Familie und Konsum.

Und, wir dürfen, sollen, ja müssen uns ab Kleinem freuen. Aber bitte ohne, dass wir uns zu Clowns machen. Gerne mal still, ohne zu reden, ohne einzuschätzen und/oder zu kategorisieren. Aber was erzähl ich. Es gibt ja eigentlich heute nix zu sehen hier.

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